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Midori - Das Kamelienmädchen

(Originaltitel: Chika Gentō Gekiga: Shōjo Tsubaki)
Herstellungsland:Japan (1992)
Genre:Anime, Horror, Drama, Erotik/Sex
Alternativtitel:Midori - La jeune fille aux camélias
Mr. Harashi's Amazing Freak Show
Shōjo Tsubaki
Shôjo tsubaki: Chika gentô gekiga
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,25 (4 Stimmen) Details
inhalt:
Nach dem Tod ihrer Mutter findet die zwölfjährige Waise Midori Unterschlupf in einem Zirkus mit eigener Freakshow, wo sie wie eine Sklavin gehalten wird und sexueller Missbrauch durch die Freaks an der Tagesordnung steht. Doch das Blatt wendet sich zum Guten, als der kleinwüchsige Zauberer Masamitsu der Show beitritt, der dem Zirkus zu finanziellem Erfolg verhilft und in den sich Midori verliebt. Das Glück der beiden hält jedoch nicht lange und entfacht auch bald Neid unter den Freaks.
eine kritik von the machinist:

Midori - Das Kamelienmädchen

Ist das Kunst oder kann das weg?

 

Bei Midori - Das Kamelienmädchen (oder auch Shôjo tsubaki: Chika gentô gekiga) handelt es sich um Hiroshi Haradas Anime-Adaption des gleichnamigen Kult-Mangas aus der Feder von Suehiro Maruo. Zugehörig dem Ero guro-Genre zeichnet sich dessen Werk durch explizite Gewaltdarstellungen und detaillierte pornographische Inhalte aus, unterscheidet sich mit expressionistischer Stilistik und surrealen Bildkompositionen jedoch zugleich vom später daraus resultierenden Hentai (also rein pornographische Manga oder Anime). Schnell hatte der sehr kurze Film (etwa eine Dreiviertelstunde) seinen Ruf als Skandalträger weg und in den Neunzigern entwickelte sich ein verruchter Hype darum. Ich für meinen Teil will mich in den folgenden Zeilen damit befassen, ob dieser denn überhaupt gerechtfertigt war und was es genau mit Midori auf sich hat. Kunst, oder für die Tonne?

Nach dem Tod ihrer Mutter findet die zwölfjährige Waise Midori Unterschlupf in einem Zirkus mit eigener Freakshow, wo sie wie eine Sklavin gehalten wird und sexueller Missbrauch durch die Freaks an der Tagesordnung steht. Doch das Blatt wendet sich zum Guten, als der kleinwüchsige Zauberer Masamitsu der Show beitritt, der dem Zirkus zu finanziellem Erfolg verhilft und in den sich Midori verliebt. Das Glück der beiden hält jedoch nicht lange und entfacht auch bald Neid unter den Freaks...   

Die mitunter eher einer Diashow gleichende Animationsqualität der Bilder mag auf den ersten Blick recht billig wirken, wenn man allerdings bedenkt, dass hinter dem gesamten Film einzig und allein Hiroshi Harada stand, der für die Fertigstellung ganze fünf (!) Jahre benötigte, erscheint dies im Nachhinein dann tatsächlich sehr beeindruckend und zeugt vom schier unglaublichen Durchhaltevermögen des Regissuers, dessen Skript aufgrund der gewagten Thematik von einem Studio nach dem anderen abgelehnt wurde. Ohne Geldgeber im Nacken musste Harada sein Herzensprojekt aus eigener Tasche finanzieren, indes blieb ihm auch sämtliche künstlerische Freiheit überlassen, ganz zum Gram der japanischen Zensoren, die das Werk kurzerhand als verboten deklarierten und dieses sogar zu zerstören versuchten. 

Anders als die Schwarz-Weiß-Ästhetik von Maruos Vorlage taucht Harada seine Bilder in pittoreske Farbenfluten und verleiht ihnen damit eine geradezu märchenhafte Ausdruckskraft. Die driftet auch immer gerne in groteske Albtraum-Gefilde fernab jeder Realität und wenn sich Midori sodann im überlangen Penis eines feuerspeienden Ladyboy verheddert, verwundert das an einem gewissen Punkt überhaupt nicht mehr und steht im bizarren Gleichklang mit der wunderbar trippy Filmmusik. Generell finden sich im Film viele Szenen, die man nicht so schnell wieder vergessen wird, auch wenn man das bei zertrampelten Hundewelpen, die daraufhin ihren Weg in den Kochtopf finden, bestimmt gerne würde.

Ansonsten sind es auch die denkwürdigen Freaks, die einem Schauer über den Rücken jagen, womit eine potenzielle Brücke zum Horror-Klassiker Freaks von 1932 geschlagen wird. Das sind dort wie hier menschliche Individuen, auch wenn ihr Aussehen von der Norm abweichen mag, ganz zweifellos sind ihre Absichten aber als durchweg böse und pervers ersichtlich. Das Midori selbst mehrmals im Film nackt zu sehen ist und im Detail gezüchtigt und geschändet wird gehört da zum allgemein düsteren Grundton, muss sich aber zugleich den Vorwurf gefallen lassen prätentiös ekelhaft zu sein. Immerhin handelt es sich dabei - obwohl in animierter Form - um stilisierte Kinderpornographie, was in Betrachtung des Kontextes zwar durchaus konsequent erscheinen mag, andererseits weit über die Grenze gesunder Moralvorstellungen hinausgeht und einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlässt, der auch mit größter Bemühung meinerseits nicht gutzureden ist.

Natürlich avancierte Midori genau deswegen zum Phänomen. Es ist dieser Reiz des Verdorbenen, des Abseitigen der uns schon immer fasziniert hat. Genau wie der gehässige, nach Abnormität lechzende Pöbel, den Harada vom Magier Masamitsu selbst in deformierte Freaks verwandeln lässt und Midori am Ende ins sinnlich melancholische Schneegestöber schickt. Dies steht für mich stellvertretend für's japanische Kino, in dem Schrecken und Schönheit bekanntermaßen nah beieinander liegen.

Womit ich zu dem Resümee komme, dass Midori nun eben wirklich als Kunst bezeichnet werden kann und nicht als gewaltpornographischer Müll abgestempelt werden sollte. Und Kunst darf natürlich grausam und abstoßend sein, vermag diesbezüglich auch bewusst Grenzen zu überschreiten, muss aber gleichzeitig auch nicht jedem gefallen. Wiederum ist es genauso reine Geschmacksfrage ob man nun Maruos Manga oder Haradas Anime begünstigt, in beiden Fällen ist das Werk ein stilistischer wie inhaltlicher Grenzgänger, der definitiv seine Daseinsberechtigung hat.     

''Change your shapes! Become deformed!''

 

Fazit: Midori - Das Kamelienmädchen ist ein unbequemes, richtig fieses und sicherlich auch sehr fragwürdiges Underground-Kunstwerk, das sich mit einigen spezialkranken Einzelszenen ins Gedächtnis brennt und das jeder Anime-affine Cineast zumindest einmal gesehen haben sollte.

7/10
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Kommentare

17.10.2020 14:54 Uhr - TheRealAsh
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Mal wieder ein hochinteressantes Review aus der Maschinen-Anime-Schmiede, zwischen Porno und Surrealismus, hört sich wirklich gut an. Wäre hier auch der Manga zu empfehlen? Wobei ich hier glaube keine Freude zu Hause bereiten würde, wenn das zu Porno ist?

Danke jedenfalls wieder für die kompetente und unbekannte Vorstellung!

17.10.2020 16:24 Uhr - The Machinist
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@Ash: Danke zurück.

Zwischen Manga und Anime gibt es kaum Unterschiede, das eine ist halt SW und das andere in Farbe. :)
Den Film gibt es jedenfalls komplett auf YouTube und außerdem 'ne französische DVD. Ist in Japan übrigens nach wie vor verboten.
Das Manga ist als Print-Ausgabe vergriffen, kann man aber auf diversen Online-Plattformen lesen...
Ist als Manga absolut wegweisend für die Ero guro-Kunstbewegung gewesen, neben einigen anderen Werken von Suehiro Maruo (''Ultra-Gash Inferno'', ''Laughing Vampire'', etc.) und nach wie vor eine der besten Anlaufstellen, wenn man sich mit dem Genre auseinandersetzen möchte. An neueren empfehlenswerten Werken gibt es da noch beispielsweise ''Franken Fran'', ''Litchi Hikari Club'' und ''Anamorphosis'' um nur einige wenige zu nennen und das Zeug von Junji Ito geht manchmal auch in die Richtung. Gibt da auch vielen richtig kranken unnötigen Mist, etwa ''Mai-chan's daily life'', der dann z.B. ein reiner Torture-Hentai ist.

Der ''Midori'' ist bestimmt nicht ohne, lässt sich aber keineswegs auf die verstörenden Szenen reduzieren. Kann man vielleicht als sperriges Low-Budget-Pendant zu Eiichi Yamamotos ''Belladonna of Sadness'' sehen, falls dir das ein Begriff ist. Mit der Familie also eher weniger, aber so als abseitiger ''Midnight Movie'' alleine in der Dunkelkammer sicherlich eine gute Wahl. ;-)

17.10.2020 16:36 Uhr - The Machinist
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Man beachte aber auch die andere hier existente Kritik, deren Autor den Film als widerlichen Müll mit einer 1/10 abgestempelt hat. So kann und darf man es nun mal auch sehen.

17.10.2020 18:05 Uhr - TheRealAsh
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Klar, "Belladonna" kenn ich, dann werde ich mich mal fortbilden im Land der aufgehenden Sonne;-)

17.10.2020 22:44 Uhr - TheRealAsh
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Danke mal wieder für diese tolle Vorstellung, muss ich glatt nochmal schreiben, auf deine Tipps sind echt Verlass. Habe ihn mir jetzt angeschaut und ja, es ist Kunst, es ist wirklich sehr interessant und einzigartig. Vor allem die 5 Jahre Animation, chapeau, da gehört ordentlicher Masochismus dazu. Historisch muss man sich da wohl auch einiges auskennen und wie gesagt, die Bilder sind wirklich im besten Sinne des Wortes phantastisch. Diese kinderpornographische Seite sehe ich auch problematisch, obwohl es hier nicht exploitativ eingesetzt wird - das sehe ich übrigens bei Louis Malle oder Sergio Leone ähnlich problematisch.

Nochmal danke für diese Seherfahrung!

PS: ach so, hast du den Realfilm gesehen, wie ist der umgesetzt, wenn ja?

18.10.2020 00:00 Uhr - The Machinist
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@Ash: Ah, du Krasser! Gleich mal wieder reingezogen.
Ne, freut mich wenn's was für dich war. Die Sexualisierung junger Mädchen existiert in der japanischen Popkultur ja nicht erst seit gestern, das sollte man definitiv abhaben können, bzw. leiden solche Sachen oftmals unter dem Ruf, den falschen Leuten zu gefallen.
Aber hey, selbiges kann man auch heute noch über Kubricks ''Lolita'' behaupten, diesbezüglich ja der Klassiker schlechthin.
Louis Malle: Von ihm ist doch ''Pretty Baby'' oder? An sich auch ein grandioser Film.

Zum Realfilm: Ja, hab ich mir vor garnicht mal allzu langer Zeit angesehen, zumal einige Stimmen im Netz dazu recht positiv klangen. Die ersten 20 Minuten fand ich ganz gut, dann wurde es aber immer peinlicher. Hat was von Mika Ninagawa-Filmen in billig, ist nicht unbedingt glattgebügelt, aber schon deutlich ''salonfähiger'' als das Ausgangsmaterial. Lisa Nakamura, die Midori spielt, ist hingegen echt gut und das Ende geht in eine ganz andere Richtung, was zumindest für Hardcore-Fans dann schon interessant ist. Würde ich jetzt nicht wirklich weiterempfehlen, weder Fans der Materie noch Freunden des japanischen Kinos. Von mir vielleicht 4 Punkte.

Zum Thema Ero-guro gibt's aber ansonsten sehenswerte Spielfilme zuhauf, gerade die alten Sachen von Teruo Ishii (''Inferno of Torture'', ''Orgies of Edo'' & ''Horrors of Malformed Men''). Dann gäb's auch noch ''Rampo Noir'', ''Caterpillar'', ''Strange Circus'', ''Guzoo'', ''Blind Beast vs. Killer Dwarf'', ''Female Yakuza Tale'', ''Blind Woman's Curse'', ''Jigoku'' und Miikes ''Imprint'' fällt wohl auch unter diese Kategorie. Das ist aber wiederum auch nur die Spitze des Eisbergs. ;-)

Will dich jetzt aber auch nicht ewig damit aufhalten, gibt ja bestimt noch genug andere Filme, die du sehen willst, aber bei Interesse einfach mal im Hinterkopf behalten...

Also, man liest sich.

18.10.2020 19:43 Uhr - cecil b
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Ein äußerst vielseitiger Blick auf einen hochinteressanten Film (vermute ich ;) ), mit wirklich interessanten Hintergrundinformationen! Ist ja mal ein hartes Stück Arbeit gewesen, dieser Film!

19.10.2020 00:13 Uhr - The Machinist
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@cecil: Harte Arbeit zahlt sich am Ende bekanntlich immer aus.
Danke dir. Kannst ja einen Blick riskieren wenn dir danach ist, Ash hat es jedenfalls nicht bereut.

19.10.2020 22:42 Uhr - ???
1x
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...HM...jetzt bin ich doch recht neugierig geworden. Welche Möglichkeiten hat man, wenn man den Film sehen möchte?

19.10.2020 23:01 Uhr - The Machinist
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@???: Sehr gut, Neugier zu wecken war mein Ziel.
Auf deine Frage gab's ja schon 'ne Antwort.

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