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Climax

Herstellungsland:Frankreich (2018)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Drama, Mystery, Musikfilm
Alternativtitel:Psyché
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,16 (24 Stimmen) Details
inhalt:
Eine Tanzgruppe quartiert sich für Proben in einem abgelegenen Übungszentrum ein. Bei der Abschlussparty mischt ein Unbekannter Drogen in die Sangría und verursacht damit einen kollektiven Höllentrip. Aus Angst wird Paranoia, aus unterschwelliger Aggression offene Gewalt, aus Zuneigung unkontrollierte Begierde. Die energetische Choreographie löst sich in Chaos auf, die Tänzer taumeln, stolpern und tanzen weiter in höchster Ekstase bis zum Morgengrauen als die Polizei eintrifft und das ganze Ausmaß entdeckt.
eine kritik von inglouriousfilmgeeks:
Berufsprovokateur Gaspar Noé bringt mit "Climax" nun seine Eskalationsvariante an den Start und vermag es wieder einmal zu schocken. Hier allerdings am meisten mit der Tatsache, dass der inzwischen 56-Jährige es wohl in Betracht zieht, zahm zu werden. Eine fast spielerische Natur scheint sich in seinem neusten Werk durchs Zelluloid zu brennen. Und in Teilen tut diese Frischzellenkur verdammt gut. Vielleicht sollte er sie bei Gelegenheit auch mal seinem Kollegen Terrence Malick verordnen.
Von der ersten Sekunde an wird klar, hier läuft was anders. Und anders kann Spaß machen. Es wird sich nicht neu erfunden, aber neu arrangiert. Ähnlich wie Nolans "Dunkirk" bekommen wir quasi ein Greatest Hits Album aller bisherigen Stil- und Inszenierungsmittel aus der kompletten Laufbahn des Regisseurs geboten. Das letzte Mal, dass ich soviel Freude am Aufbrechen des Mediums Film, in all seinen etablierten Versatzstücken hatte, war wahrscheinlich Patrick Siegfried Zimmers "Anhedonia", der ähnlich schräg und unkonvetionell daherkommt. Wir beginnen mit dem Abspann, wie bei "Irreversible", die Opening Credits, im Look von "Enter the Void", kommen irgendwann in der Mitte des Films, der Prolog findet auf einem abgefilmten Monitor statt, der von Film- und Buchtipps gerahmt wird, die eindeutig Einfluss auf "Climax" hatten. Mal fühlt sich die Kamera auf einem perfekt ausbalancierten Kran am wohlsten, mal bleibt sie für gut eine halbe Stunde frontal gerichtet auf dem Stativ und mal scheint sie (oder zumindest der Kameramann) selbst einen Schluck der gepanschten Sangría genommen zu haben, wenn minutenlang quasi nur noch über den blutroten Fußboden gewackelt wird. Wie gesagt, das ist alles schonmal dagewesen und für Noé eigentlich Standardprogramm, aber es kommt genau dann, wenn es die größtmögliche Wirkung entfalten kann und das ist wesentlich anspornender als ein kohärenter Aufbau aus einem Guss.
Vielmehr imitiert es dadurch die Form eines bösen Drogentrips mit all den Ups und Downs, die eben dazugehören. Für einen Moment scheint die Zeit im Raum stillzustehen, im nächsten versinkt das Chaos wie im Zeitraffer. Die Party könnte schon Wochen so gehen. Ja wirklich das Einzige, was tatsächlich konsequent von vorne bis hinten, bis zur höchsten Eskalationsstufe, durchexerziert wird, ist der Tanz. Gleich zu Beginn sehen wir die komplette Choreografie des Ensembles in einer bahnbrechenden Plansequenz, die beim Filmfestivalpublikum tatsächlich für Szenenapplaus gesorgt hat. Man fühlt sich geradezu ermutigt die "Step Up"-Reihe noch einmal am Stück durchzubingen, so unfassbar ist man gefesselt von den Entfesselungen der grandiosen Laiendarsteller, die alle professionelle Tänzer sind. Diese Fähigkeit ermöglicht eine ganz einzigartige Form des Ausdrucks für die, langsam aber sicher in Wahnsinn zerfallenden, Figuren.
Es wird sich im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib getanzt, denn mit der Stimmung des Films kippt dann auch die Wirkung der hypnotischen Körperkontorsion und formt sich zu einem grotesken, höllenartigen Maskenball, der die inneren Dämonen im Tanz zum Vorschein bringt. Expressionistisch, verstörend und nicht verzeihend. Unterfüttert werden die eindrucksvollen Bilder durch ein Sound Design, das direkt in die Magengrube schlägt, so, wie man es von Noé gewohnt ist. Die grauenvollen Panikschreie der Ekstase, der Verwirrung, Verzweiflung und der Todesangst werden zu einer beinahe unerträglichen Symphonie menschlichen Leidens verwoben. Nicht zuletzt durch den vielleicht effektivsten Einsatz einer Kinderfigur überhaupt.
Wenn das hässlichste Tier auf diesem Planeten seine fiese Fratze zeigt, dann hat "Climax" eine gewisse Härte parat, daran besteht kein Zweifel. Erträglich wird er nur durch das Grinsen unter Noés langsam ergrauenden Schnurrbart, welches der Zuschauer hinter der Dimension der Kamera erfühlen kann. Es steckt in der Manipulation, im Spiel mit dem Opfer, das nun im Kinosaal Geisel genommen wird. Die Geiselnehmerforderungen werden in lakonischen Titelkarten adressiert. Teilweise kommt das allerdings auch sehr platt und plakativ daher. Generell bleibt der Film im Endeffekt mehr Schein als Sein oder entpuppt sich zumindest als gezielter Angriff auf jegliche antrainierte Erwartungshaltung des geneigten Filmgängers. Dramatische Charakterbögen werden errichtet, aber niemals beendet, teilweise verschwinden ganze Figuren unerklärt aus dem Film und deren Schicksal bleibt uns vorenthalten. Protagonisten ergeben sich für eine kurzen Zeitraum und entziehen sich dann doch wieder vollständig. Zumindest wird die Dynamik in der Tanzgruppe sehr schön ausgearbeitet und für den begrenzten Raum, der zur Verfügung steht, maximal ausgenutzt.
Das ist das Kernstück des Films, eine Gesellschaft außer Kontrolle, die sich selbst zerfleischt, während man sich voyeuristisch daran ergötzt. Nur ergibt das eben ein merkwürdiges Zwitterwesen, ein Werk, das zum einen ungenießbar wird, zum anderen aber nur als Widerlichkeit genossen werden kann. Dabei ist es auffällig, wie gerade der titelgebende Klimax, den enttäuschendsten Teil bildet und im Epilog dann doch bloß auf ein sehr plumpes Whodunit zurückgerudert wird. Es ist sicherlich nicht der große philosophische oder emotionale Wurf, den man sich von einem weiseren Noé vielleicht erhoffen mag und auch wahrlich nicht sein bester, aber ich würde doch schon von einer Return to Form sprechen. Kein Original, aber doch ein verdammt guter Remix.
8/10
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Kommentare

22.10.2020 17:37 Uhr - Man Behind The Sun
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Erfahrungspunkte von Man Behind The Sun 333
Climax ist ein Film, der erst einmal "sacken" muss, wie man so schön sagt; zumindest war es bei mir der Fall.

Mittlerweile bin ich der Auffassung, dass Climax einer von Noés besten und vor allem zugänglichsten Werken ist.

Danke für die schöne Review dieser kleinen Perle.

22.10.2020 23:48 Uhr - Cabal666
User-Level von Cabal666 8
Erfahrungspunkte von Cabal666 806
Großartiger Kommentar, InglouriousFilmgeeks! Mit extrem vielen einfallsreichen Formulierungen und Umschreibungen! Sehr fantasievoll! Wird diesem beeindruckenden Film mehr als gerecht! Ich wünschte, ich könnte so schreiben!
Zum Film selbst: ich hab ihn damals im Rahmen eines Regensburger Filmfestivals im Kino gesehen. Auf den von dir erwähnten Teil, wo der Kameramann " selbst einen Schluck der gepanschten Sangria genommen zu haben" scheint, wie du es so schön ausgedrückt hast, habe ich zwar allergisch reagiert. Denn bei so extrem entfesselter Kamera wird mir leider übel, besonders wenn ich es auf einer großen Leinwand sehe. Aber ansonsten hat mir "Climax" sehr gefallen. Für mich war es mein erster Noé. Will mir seine restlichen Werke schon lange zulegen. "Irreversibel" erscheint demnächst ja bald auf Blu-Ray. Werde ich mir auf jeden Fall besorgen, auch wenn ich Angst vor dem Film habe. Noé macht ja Filme, für die man vorher in der richtigen Stimmung sein muss und die man sich definitiv nicht so bald ein zweites Mal anschaut; nach allem, was ich über ihn gehört habe.

23.10.2020 00:00 Uhr - kokoloko
1x
User-Level von kokoloko 10
Erfahrungspunkte von kokoloko 1.486
Meisterwerk, das mindestens einen Punkt mehr sowie weitere wortgewandt-verführende Reviews braucht, damit jeder Tanzfilm- und Kunstfilm-Muffel hier mal den Partyschreck seines Lebens kriegt. Daumen hoch!

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