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Suicide Circle

(Originaltitel: Jisatsu sâkuru)
Herstellungsland:Japan (2002)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Horror, Drama, Thriller
Alternativtitel:Suicide Club
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,49 (22 Stimmen) Details
inhalt:
Eine unheimliche Serie von Selbstmorden schockiert Japan. Ganze Gruppen von Jugendlichen stürzen sich voller Begeisterung in den Freitod. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Handelt es sich bei diesem Phänomen um einen unbekannten Kult oder gar um perfide ausgeführte Morde? Der Hinweis auf eine geheimnisvolle Website bringt die Beamten langsam auf die richtige Spur. Während immer mehr Schüler den Freitod wählen, lüftet sich ein grauenhaftes Geheimnis ...
eine kritik von the machinist:

Suicide Circle

Selbstmord ist ihr Hobby

 

Nachdem sich japanische Horrorschocker Anfang des neuen Jahrtausends als echte Exportschlager erwiesen, und auch umstrittene Genre-Vertreter wie Kinji Fukasakus bahnbrechende Romanverfilmung Battle Royale eine blutige Schneise nach Übersee geschlagen hatten, stand 2001 Vielfilmer Sion Sono mit seinem Suicide Circle in den Startlöchern. Auch hier sollte es wenig subtil zugehen.     

Tokio, 27. Mai: Ein herannahender Zug hat mit insgesamt 54 Schulmädchen buchstäblich die Gleise gestrichen und offenbar deutet nichts auf Fremdeinwirkung hin. Bevor die Polizei es schafft die von den Medien als Massen-Suizid hochgespielte Tragödie als ''Unfall'' abzutun, tauchen am Ort des Geschehens Indizien auf, welche die These der Beamten untergraben. Der Ermittler Kuroda (Ryo Ishibashi) glaubt an einen Selbstmord-Kult, eine schreckliche Vermutung die er nach Entdeckung einer mysteriösen Webseite bestätigt sieht. Schenkt man der Glauben, dann droht Japan in den folgenden Tagen eine ganze Freitod-Epidemie...  

Anders als im zumeist verlangsamten Geisterhorror der vergangenen Dekade hat Suicide Circle nichts mit übernatürlichen Phänomenen zu tun, zugleich sind diverse Einflüsse aus Hideo Nakatas Ring-Zyklus und Konsorten schwer zu übersehen, gerade wenn es darum geht den Schrecken im Kopf des Zuschauers entstehen zu lassen. Dies gelingt nahezu spielerisch, auch in Betrachtung der originellen Filmidee, deren Grauen von selbstzerstörerischer Natur der menschlichen Psyche ist und in ihrer suizidalen Handlung von einer Gesellschaft herangezüchtet wurde. 

Auf der anderen Seite missbraucht Sono die verstörende Prämisse als gelegentlichen Katalysator um im absoluten Exzess zu schwelgen, was ob der Tatsache, dass Gore-Maestro Yoshihiro Nishimura hier eine ganze Palette an qualitätvollen Gewalteffekten vom Zaun brechen durfte, vor allem Fans närrischer Kunstblutorgien freuen wird. Ohne dabei jedoch zum Splatterfest zu mutieren, floriert Suicide Circle als zumindest für mich kontextbezoges Pendant zu David Finchers Hardcore-Thriller Sieben, versteht es also vortrefflich, perfides Polizei-Verwirrspiel mit prägnanten Einzelszenen makabren Ekels kulminieren zu lassen. Unter anderem müssen Leichenteile von einem Fensterbrett gekratzt werden und am Ort des Geschehens findet sich stets eine Sporttasche mit wenig charmantem Inhalt (Junji Ito lässt grüßen). Das erinnert in seiner Inszenierung dann schon an den ein oder anderen Hisayasu Sato-Foltermarathon, ist ähnlich nihilistisch und bisweilen sogar ziemlich abstrus und bekam in Deutschland zurecht den roten FSK-Flatschen.        

Die hingegen teils erschreckend authentische Darstellung von leicht beeinflussbarem Mitläufertum und jugendlichem Leichtsinn weicht gelegentlich unangenehmer Situationskomik - wo sich dann etwa ein alleiniger Selbstmörder von einem Haus stürzt, versehentlich eine Passantin trifft und diese daraufhin, sterbend am Boden liegend, um Verzeihung bittet -, die den Film letztendlich als garstige Groteske brandmarken. Noch dazu ist das Werk weitestgehend frei von Jump Scares und die Laufzeit von 99 Minuten lässt kaum nennenswerte Längen zu.

Grobkörnige Aufnahmen tragen bereits den Hauptteil zur atmosphärisch bedrückenden Großstadt-Tristesse bei, genauso wie die spartanische, aber in den richtigen Momenten aufdrehende Filmmusik von Tomoki Hasegawa, der auch Jahre später noch für Sono tätig sein sollte. Durch all den Wahnsinn spielt sich ein gewohnt nüchterner Ryo Ishibashi, den man zu dem Zeitpunkt insbesondere aus dem Miike-Meisterwerk Audition kannte, und der den Großteil der Laufzeit ähnlich planlos und mit zunehmender Verzweiflung, wie man selbst als Zuschauer, versucht das in seinen besten Momenten hochspannende und indessen selten über's Ziel hinausschießende Story-Wirrwarr zu enträtseln. Was noch viel leichter gesagt ist als getan, denn wo Suicide Circle mit dem Aspekt des medialen Horrors (hier das Internet) in die selbe Kerbe wie der Slowburner Pulse schlägt, entbehrt sich das Finale in vielerlei Hinsicht der aufgebauten Erwartungshaltung.

Diesbezüglich versucht Sono eine ähnliche Subversion zu kreieren, wie sie Kiyoshi Kurosawa 1997 im hervorragenden Cure gelang. Mit einem finalen Twist den in hundert Jahren wahrscheinlich nicht einmal M. Night Shyamalan hätte kommen sehen, wirft Suicide Circle zu guter Letzt sämtliche Logik über Bord, ist damit zwar immer noch ein Heidenspaß für Leute die gerne unkonventionelle Horrorfilme schauen, für solche die ihre Filmhandlung aber schlüssig zu einem Ende gebracht sehen möchten allerdings pures Gift.

Kurz nach Kinostart folgte eine Manga-Adaption des Stoffes, die mit einigen interessanten Abänderungen aufwartet und Sion Sono drehte 2005 das Quasi-Prequel Noriko's Dinner Table. Ohnehin ist er ein Regisseur, der auch später gewaltig von sich hören lassen sollte und in dessen Filmografie ich gedenke weitere Review-Ausflüge zu machen.  

''A suicide cult? Ridiculous.''

 

Fazit: Da er sich nur allzu bereitwillig in bizarre Gewaltorgien stürzt, verpasst Sion Sono es, den in Anflügen schon wirklich genialen Suicide Circle auch mit einem in sich stimmigen Schlussteil zu beenden. Folglich richtet sich das kontroverse Werk eher an Genre-Fans die ihren J-Horror am liebsten mit reichlich Mindfuck und blutigem Gekröse genießen.

7/10
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Kommentare

26.10.2020 06:25 Uhr - dicker Hund
2x
User-Level von dicker Hund 15
Erfahrungspunkte von dicker Hund 3.922
Der könnte mir durchaus gefallen. Die Vorstellung macht mir jedenfalls Lust auf mehr.

26.10.2020 19:14 Uhr - The Machinist
2x
User-Level von The Machinist 7
Erfahrungspunkte von The Machinist 764
@dicker Hund: Super.
Kriegt man auf deutsch noch günstig bei manchen Online-Händlern (gebraucht).

26.10.2020 19:58 Uhr - Cabal666
1x
User-Level von Cabal666 8
Erfahrungspunkte von Cabal666 806
Wie immer sehr ansprechend zusammengefasst, Machinist!
Von Sono hab ich leider noch keinen einzigen Film gesehen, aber schon viel über ihn gelesen. Scheint wirklich einer der eigenwilligsten japanischen Genrefilm-Regisseure zu sein, was in dem Land ja schon was heißen will. Hast mir jetzt ziemliche Lust auf den Film gemacht. Ich besorg mir den sicher noch.

26.10.2020 22:14 Uhr - The Machinist
1x
User-Level von The Machinist 7
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@Cabal: Sehr gut. Der hier ist für den Einstieg glaube ich auch ganz gut geeignet. Neben Miike und Tsukamoto ist Sono einer meiner absoluten Regie-Götter aus dem Land der aufgehenden Sonne. Hatte von ihm zuletzt seinen Netflix-Film ''The Forest of Love'' gesehen, auch ein absolutes Highlight.

Danke für's Lesen und dein Lob.

26.10.2020 23:06 Uhr - onkeldan
2x
Gute Kritik. Sion sono is einer meiner absoluten Favoriten was das asiatische Kino angeht. Und obwohl ich den Film schon mindestens 5 mal gesehen hab, Freu ich mich das ich übermorgen bei mir im Kino einen meiner lieblingsfilme auf der grossen Leinwand sehen kann. Cold fish❤️

27.10.2020 01:10 Uhr - The Machinist
User-Level von The Machinist 7
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@onkeldan: Hey, dich hab ich hier ja noch nie bemerkt. Danke jedenfalls für dein Lob und ist ja echt cool, dass du auch ein Sono-Fan bist.
''Cold Fish'' im Kino? Wo gibt's denn sowas? Dann viel Spaß!
Auch ein klasse Film von ihm, mein persönlicher Favorit wäre ''Love Exposure'' - einer meiner Top10-Filme überhaupt.

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