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Salomé

Herstellungsland:Großbritannien (1973)
Genre:Horror, Kurzfilm
Alternativtitel:Clive Barker's Salomé
Salome
Clive Barker's Origins: Salome
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,00 (3 Stimmen) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von cabal666:

„Salomé“ ist der erste von zwei Kurzfilmen, die der junge Clive Barker in den 70er Jahren lange vor seinem eigentlichen Debüt „Hellraiser“ inszenierte. Wie bei dem zweiten Werk, „The Forbidden“, handelt es sich dabei um einen Schwarzweißfilm ohne Dialoge oder eine logisch nachvollziehbar erzählte Handlung, der vor allem durch seine Bildsprache besticht. Beide Filme fanden zu ihrer Zeit kein Publikum und blieben bis Ende der 90er Jahre unveröffentlicht, als Barker sie fertig schnitt und auf Video und später DVD als Bonus zu verschiedenen „Hellraiser“-Editionen auf den Markt brachte.

Beeinflusst wurde Barker bei diesen Frühwerken laut einem einleitenden Interview, das sich ebenfalls auf sämtlichen Veröffentlichungen der Kurzfilme befindet, vom Undergroundkino und dabei vor allem von den Experimentalfilmen Andy Warhols, Paul Morrisseys und Kenneth Angers. Wie auch von Geschichten aus der Bibel, die ihm auch bei vielen seiner anderen Werke als Inspirationsquelle diente. „Salomé“ behandelt dabei direkt einen biblischen Stoff: die Episode um die Tochter des Königs Herodes, die den von ihm eingekerkerten Prediger Johannes den Täufer begehrt und aufgrund ihrer zügellosen Leidenschaft sowohl seinen als auch ihren Tod herbeiführt. Barker bezieht sich in seinem Kurzfilm auch auf das gleichnamige Drama von Oscar Wilde, das er zuvor mit seiner Theatergruppe The Dog Company auf die Bühne gebracht hatte und hier filmisch umzusetzen versuchte.

Man muss gleich vorausschicken: kennt man den Stoff nicht, ist es sehr schwer, der Handlung zu folgen. Da sich keinerlei Gespräche auf der Tonspur befinden und „Salomé“ somit gewissermaßen ein Stummfilm ist, erschließt sich einem die Geschichte nur durch die Mimik und Gestik der Schauspieler. In einer Montage zu Beginn werden einem sämtliche Handlungsträger vorgestellt, dann sieht man, wie sich die Titelfigur in das Verlies - des hier sehr androgynen - Johannes des Täufers schleicht und diesen zu verführen versucht. Er scheint sich darauf anfangs auch einzulassen, versucht dann jedoch, sie zu erwürgen, worauf sie ihm das Gesicht zerkratzt und die Flucht ergreift. Sie tritt vor ihren Vater Herodes und vollführt einen sehr sexuell aufgeladenen Tanz, damit er ihren Willen erfüllt. Der nackte Henker tritt die Leiter zum Verlies hinunter und holt mit seinem Säbel aus. In ihrer Vorstellung hat Salomé wilden Sex mit Johannes. Dann bringt ihr ein Diener seinen abgeschlagenen Kopf, den sie leidenschaftlich küsst. Der entsetzte Herodes wird rasend und befiehlt seinen Wachen, sie zu töten. Diese erschlagen die verzweifelte junge Frau mit ihren Schilden, was hier durch einen Bildrahmen dargestellt wird, der auf sie drauf gedrückt wird. Mit einer Ansicht des vorwurfsvoll in die Kamera starrenden Johannes endet der Film.

Wie schon erwähnt, nahm sich Clive Barker bei seiner ersten Regiearbeit das Undergroundkino zum Vorbild, daher kann man „Salomé“ definitiv als das bezeichnen, was man einen Amateurfilm nennt. Hier waren junge, wilde, enthusiastische Menschen am Werk, die zwar kein Geld und noch keine Ahnung von den einfachsten Regeln des Filmemachens hatten, dies aber durch eine künstlerische Vision und viel Motivation ausglichen. Als „richtiger“ Spielfilm ist „Salomé“ indiskutabel, hat aber trotz aller technischer und handwerklicher Unzulänglichkeiten einen gewissen Reiz. Gefilmt wurde er auf grobkörnigem 8mm-Film, mit nur einer Lampe und nur wenig Requisiten. Man drehte im Keller eines Liverpooler Blumenladens, abends und an den Wochenenden, und als Kulissen dienten bemalte Pappwände. Wenn der abgeschlagene Kopf des Täufers präsentiert wird, bleibt die Kamera natürlich sehr nah an diesem, um zu verdecken, dass er eigentlich noch auf den Schultern seines Darstellers sitzt. Denn Spezialeffekte konnte man sich eben nicht leisten.

All diese Low- bzw. No-Budget-Bedingungen kompensierte man aber mit viel visuellem Einfallsreichtum. Die Bilder sind von einem extremen Hell-Dunkel-Kontrast geprägt, wobei sich die Kamera häufig in extremen Nahaufnahmen auf die Gesichter der Akteure und deren ausdrucksstarkes Mienenspiel fokussiert. Der unheilvoll wabernde – vermutlich erst später hinzugefügte Keyboard-Soundtrack – sorgt von Beginn an für eine bedrohliche Atmosphäre. Ansonsten sind auch gelegentlich Schreie sowie Stöhn- und Atemgeräusche auf der Tonspur zu hören und unterstützen damit die Wirkung der Szenen. Der halluzinierte Sex von Salomé und Johannes wird beispielsweise ausschließlich von letzteren untermalt.

Durch effektive Lichtsetzung und die fließenden, geradezu schwerelos wirkenden Bewegungen der Hauptdarstellerin Anne Taylor ist der berühmte Tanz Salomés besonders eindrucksvoll geraten und definitiv die gelungenste Szene des Films. Clive Barker zeigt hier definitiv, dass er schon sehr früh ein Auge für gute Bilder hatte. Bereits hier tauchen auch Themen auf, denen er sich in seinem späteren Werk wiederholt widmen sollte, denn im Kern dreht sich die Geschichte um Begierde, Lust und zerstörerische Abhängigkeiten.

Und für „Hellraiser“-Fans ist „Salomé“ vor allem hinsichtlich seiner Besetzung interessant. Denn als König Herodes ist hier kein Geringerer als der spätere „Pinhead“ Doug Bradley zu sehen, der übrigens zuvor in der Bühnenversion des Stoffes einen blinden Johannes den Täufer verkörperte. In „Salomé“ erkennt man ihn wegen seines dichten Bartes und aufgrund der Tatsache, dass er zumeist im Halbdunkel gezeigt oder von einer Rauchwolke verdeckt wird, allerdings nur schwer. Jedoch zeigt er schon hier eine einnehmende Präsenz. Clive Barker selbst hat übrigens, wie in „The Forbidden“ auch, zu Beginn einen Kurzfauftritt. Vom restlichen Cast hörte man danach kaum noch etwas. Anne Taylor trat zumindest in einer Episode von Rod Serlings „Night Gallery“ auf und eine weitere Darstellerin, Julia Blake, ist seit 1973 mehr oder weniger regelmäßig in Nebenrollen in TV-Serien und Filmen anzutreffen, beispielsweise in „X-Men Origins: Wolverine“.

„Salomé“ bietet insgesamt zwar nicht so verstörende und mysteriöse Bilder wie sein Nachfolger „The Forbidden“ und ist mit seiner wirklich sehr kurzen Laufzeit von nur 16 Minuten auch nicht lang genug, um eine wirklich spannende Handlung zu erzählen. Aber durch die düstere Atmosphäre, das expressive Schauspiel und die symbolisch aufgeladenen Bilder hat er immer noch nicht wenige Qualitäten aufzuweisen. Freunde von Experimentalfilmen wie Luis Buñuels „Ein andalusischer Hund“ oder David Lynchs „Eraserhead“ dürften hieran ihre Freude haben. Der geneigte Fan härterer Musik dürfte sich außerdem an die Ästhetik von Black-Metal-Musikvideos erinnert fühlen. Und für Filmstudenten oder motivierte Amateure, die ihren ersten eigenen Film auf die Beine stellen wollen, ist „Salomé“ auf jeden Fall als Anregung zu empfehlen.

6/10
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