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Archive

Herstellungsland:Großbritannien, Ungarn, USA (2020)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Science-Fiction
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,25 (4 Stimmen) Details
inhalt:
2049. Auf einer abgelegenen Forschungsbasis entwickelt der junge Cyber-Engineer George Almore (Theo James) unter strengster Geheimhaltung eine neue Form der künstlichen Intelligenz: eine Androidin mit menschlichem Bewusstsein. Sein neuestes Modell J3 (Stacy Martin) steht kurz vor der Vollendung. Doch George gerät zunehmend unter Druck. Seine Vorgesetzten verlieren das Vertrauen in seine Arbeit und fordern Ergebnisse. Sie drohen damit, seine Forschungsmittel zu streichen und die Basis zu schließen. George rennt die Zeit davon – vor allem, da er noch ein weiteres Ziel hat, das um jeden Preis verborgen bleiben muss…
eine kritik von theun4givenii:

"Archive" wurde im Jahr 2018 in Ungarn unter der Regie von Gavin Rothery, der ursprünglich in der Videospiele-Industrie zuhause war, gedreht. Er hat das Drehbuch nach einer Idee verfasst, die er bereits 2011 hatte. Rothery war ein Mitbewohner von Duncan Jones (u.a. "Moon", "Source Code") und hat Jones als Konzeptdesigner unterstützt. Er hat für Jones' ersten Film, "Moon", alle Sets, Fahrzeuge, Kostüme und den Roboterassisenten entworfen und gibt nun mit "Archive" sein Regiedebut, für das er auf seine Erfahrungen bei "Moon" zurückgreifen konnte. Ich bin auf den Film durch ein Review in der Deadline aufmerksam geworden und habe beim Lesen des Inhaltes Parallelen zu "Ex Machina" gesehen. Da lag ich aber ziemlich falsch, denn bis auf die Ausgangslage (Wissenschaftler entwickelt auf einsamer, abgelegener Foschungsstation Roboter) haben die beiden Filme nichts miteinander gemein.

Zur Story würde ich gar nicht viel mehr verraten als in der Inhaltsbeschreibung steht. Ich würde nur anmerken, dass das Storygerüst durch ein wichtiges Element erweitert wird: in der von Rothery beschriebenen Zukunft ist es möglich Menschen nach Ihrem Tod noch ca. drei Jahre weiter am Leben zu halten, was im Film als Archive bezeichnet wird. Es ist den Hinterbliebenen somit möglich mittels eines Telefonaten Kontakt zu den Verstorbenen aufzunehmen (und umgekehrt). Das Ziel von George Almore (Theo James) ist es somit nicht nur einen intelligenten Androiden zu entwickeln, sondern einen passenden Körper für das Bewusstsein seiner Frau Jules (Stacy Martin) zu erschaffen, die bei einem Autounfall (für den George sich die Schuld gibt) ums Leben kam. Die beiden Roboter-Modelle J1 und J2 sind nur Zwischenschritte in dieser Entwicklung. J1 ist auf dem Niveau einer fünf- bis sechsjährigen in der Entwicklung stehen geblieben, J2 auf dem Stand einer 15 bis 16jährigen. Die Archive Company wird bei einem Besuch der Forschungsanlage und einer Inspektion von Jules' Archive darauf aufmerksam, dass die Sicherheitsverplombung entfernt wurde. George kann die beiden unliebsamen Besucher abwimmeln aber die Sache ist nicht ausgestanden und das erwähnte Rennen gegen die Zeit geht los. Die ständigen Stromausfälle und Lücken im Sicherheitsnetz sind der Situation auch nicht gerade zuträglich.

Was als erstes ins Auge sticht ist wie unglaublich gut der Film aussieht. Die Natur um die Forschungsstation wird mit Drohnenaufnahmen eingefangen. Der Großteil wurde in Ungarn gedreht, Rothery und sein Editor haben jedoch auch drei Tage in Norwegen verbracht und dort den wunderschönen Schauplatz, inklusive Wasserfall, für die Forschungsstation gefunden. Die Station ist computergeneriert, alles andere ist echt. Man merkt zu keiner Sekunde, dass der Film unter Independent-Bedingungen in nur 28 Tagen Drehzeit entstanden ist. Die Isolation und Einsamkeit von George wird so sehr gut spürbar. Ein großer Einfluss für Rothery war "The Shining". Die beiden Roboter J1 und J2 wurden durch Kostüme realisiert. Auch hier ist die Illusion perfekt. Das Interieur der Station wirkt ebenfalls sehr stimmig, glaubhaft und detailliert, hier sind die Parallelen zu "Moon" am deutlichsten erkennbar, alles wirkt fast wie auf einem Raumschiff. Ein optisches Highlight ist zudem die Fertigstellung von J3. Hier werden zum Teil Erinnerungen an "Ghost in the Shell" geweckt. Der einzige Ausflug von George in Außenwelt um den Risk-Bewerter Tagg in einem Restaurant zu treffen erinnert an die Cyberpunk-Optik von Blade Runner und auch hier fällt auf wie unfassbar schön der Film aussieht. Positiv sei an dieser Stelle auch der Soundtrack von Steven Price erwähnt, der elektronische Musik mit einem orchestralen, streicherbasierten Score zu verbinden. Das klappt ganz hervorragend.

In Summe war ich sehr überrascht von "Archive". Das Ende hat mich förmlich umgehauen, was nur noch sehr selten bei mir vorkommt. Mit den angeschnittenen Themen (Vaterschaft, Verlust, Liebe, Austauschbarkeit, Entfremdung) kann denke ich jeder etwas anfangen und ich war wirklich ergriffen von dem was ich gesehen habe. Die Schauspieler sind exzellent, allen voran Theo James und Stacy Martin, von den optischen Vorzügen des Films habe ich ja bereits genug geschwärmt, die Musik passt wie die Faust aufs Auge und die Ideen sind klasse und noch nicht totgeritten. Es ist bemerkenswert, dass Georges "KInder" J1 und J2 mehr Gefühle ausdrücken als der von seinem Plan fixierte George. Ich finde die Überlegung ob man sich selbst archivieren lassen würde extrem spannend. Auch Jules und George diskutieren in einem Flashback darüber. Jules ist gar nicht glücklich damit, dass George sie für das Programm angemeldet hat. So soll gute Science-Fiction sein. Zum Nachdenken anregen. Wie weit würde man gehen um einen verstorbenen Menschen zurückzuholen (Frankenstein)? Heiligt der Zweck die Mittel um das neue Bewusstsein von J3 einfach mit dem der verstorbenen Jules zu überschreiben? Wie fühlen sich J1 und J2 (die als Teenager Gefühle für George hegt) damit, dass Georges Aufmerksamkeit nun komplett auf das neueste Modell gerichtet ist?  Ist es nicht besser Menschen einfach gehen zu lassen und den Blick nach vorne zu richten?

Ich kann den Film uneingeschränkt empfehlen und bin froh, dass ich nach einer langen Durststrecke und vielen Fehlkäufen endlich mal wieder einen Glückgriff gelandet habe. Ein Hinweis: der Film ist vom Tempo her ziemlich gemächlich, was aber meiner Meinung nach einen Großteil der Stimmung ausmacht. Man sollte sich einfach darauf einlassen und "Archive" genießen. Es lohnt sich.

9/10

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Kommentare

19.11.2020 23:13 Uhr - cecil b
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Eine interessante, wohl formulierte Vorstellung! Ungarischen Sci-Fi hat man ja auch nicht alle Tage. Die Story hat was, und was fürs Auge gibt es wohl auch, wenn man dir Glauben schenken soll. ;)


19.11.2020 23:20 Uhr - TheUn4givenII
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Danke dir, Cecil. Beim nächsten Review geht es dann nach Serbien ;-)

19.11.2020 23:29 Uhr - cecil b
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Ich danke auch. Serbien: COOOL! Bin neugierig!

20.11.2020 13:45 Uhr - The Machinist
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Also da werde ich jetzt - speziell aufgrund der von dir genannten Vergleiche - schon etwas feucht. Kluge Science-Fiction-Filme findet man leider nur noch viel zu selten, das Genre ist halt mittlerweile zu sehr auf 08/15-Bombast getrimmt, auch wenn es da natürlich hin und wieder Ausreißer gibt, z.B. ''High-Life'', ''Europa Report'' oder eben besagten ''Moon''.

Hast mir jedenfalls große Lust auf ''Archive'' gemacht, der wandert auf die Liste. An neuen ungarischen Filmen die ich gesehen habe, fallen mir jetzt nur ''Strangled'' und ''Kills on Wheels'' ein - beide empfehlenswert btw.

Also, super Kritik und Danke für den Tipp.

20.11.2020 18:08 Uhr - Lukas
1x
Überragender Film, den ich mit großer Freude auf dem FFF gesehen habe!
Deine Beschreibung / Kritik ist sehr treffend und angenehm zu lesen, auch wenn ich Parallelen zu "Ex Machina" ausgeprägter wahrgenommen habe als du, da es ja in beiden Filmen darum geht, wie man Leben definiert und was eine künstliche Intelligenz im Vergleich zum Menschen wert ist. Wobei Archive im Gegensatz zu Ex Machina weniger dialoglastig ist und mehr auf Emotionen und Bildsprache setzt.
Wertungstechnisch wäre ich auch mit einer (knappen) 9/10 dabei.

21.11.2020 01:05 Uhr - TheUn4givenII
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@The Machinist & Lukas: Danke euch! :-)

21.11.2020 18:15 Uhr - sonyericssohn
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Klingt ja wirklich ned übel. Sehr angenehme Vorstellung samt versteckter Aufforderung den zu sehen. 👍
Merci !

22.11.2020 00:50 Uhr - sareph
1x
Du hast eine schöne Kritik geschrieben,ich kann dir voll und ganz zustimmen.
Das der Film in Ungarn in 28 Tagen gedreht wurde wusste ich nicht,es ist aber echt beeindruckend was die Jungs geleistet haben.
Es ist ein Film zum Nachdenken, schließlich wirft er einige ethische Fragen auf,die die Menschen in Zukunft vielleicht zu beantworten haben.
Es geht dabei nicht nur um den Tod des Menschen,sondern auch darum wie man mit einer KI/AI umgeht.

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