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Der Pate

(Originaltitel: The Godfather)
Herstellungsland:USA (1971)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Thriller
Alternativtitel:Mario Puzo's The Godfather
Padrino, Il
Pate - 1. Teil, Der
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (75 Stimmen) Details
inhalt:
Der Pate™ ist die gewaltvolle und abschreckende Schilderung des Kampfs einer sizilianischen Familie, die versucht, im Amerika der Nachkriegszeit voller Korruption, Täuschung und Betrug an der Macht zu bleiben. Coppola beginnt seine legendäre Trilogie und balanciert die Handlung grandios zwischen dem Familienleben der Corleones und den schmutzigen Mafiageschäften, in die sie verwickelt sind.
eine kritik von velvetk:

"Es ist nicht schwer, die großen Gesten zu spielen. Schreien und brüllen, wütend werden und einem dafür eine in die Fresse hauen. Es ist viel schwerer, nichts zu tun. Nur dazusitzen und zu denken ist eine Menge." - Marlon Brando (in der Doku Listen to me Marlon)

Der Pate. Es ist schon sehr schwer, diesen Film, als echter Fan des Mediums Film, nicht zu lieben. In den letzten zwanzig Jahren habe ich die episch tragische Trilogie mehrfach gesehen und leidenschaftlich gesammelt. In meinem Besitz befinden sich die alten DVDs, die neuen in einem Schuber und natürlich die Blu-Ray-Box, ein paar T-Shirts in der Größe L, ein schickes Poster und sogar ein selbst gemaltes schwarzweiß-Bild in A3 - ein Hingucker nach dem anderen sozusagen. Mal genoss ich die Filme im Originalton, mal in der atmosphärischen alten, und auch der überaus gelungenen Neusynchro. Auch die Audiokommentare zu allen drei Filmen gehören klar zu den besten Extras, die auf derlei Scheiben zu finden sind - Francis Ford Coppola ist ein wirklich dramatisch redseliger, in allen Belangen informativer und ehrlich direkter Zeitgenosse, der für seine Werke bis auf's Blut kämpfte. Die im rechten Licht schonungslosen und temporeichen Kommentare, mit all den aufgeschlüsselten Kontroversen, sind unverzichtbar und zu jedem Werk passend. An den anderen Teilen gibt es sicher einige Makel im Detail, doch das Gesamterlebnis dieser drei Filme ist wahrlich beachtlich und man kann sich der Wirkung diesem auf drei Filme aufgeteilten Kunstwerk kaum entziehen.

Ich war aufgrund meiner Wissbegier der Meinung, dass ich alles interessante über diese ikonischen und bereichernden Filme wüsste und doch musste ich dieser Tage ein wenig amüsiert schmunzeln, als ich erstmals las, dass Al Pacino der damaligen Oscar-Verleihung fernblieb, weil er der Auffassung war, dass er, aufgrund seiner zeitlich größeren Leinwandpräsenz gegenüber Marlon Brando, in der falschen Kategorie für einen Darstellerpreis nominiert worden ist. Und natürlich hatte Al Pacino nicht unrecht damit. Sein Part in Der Pate ist klar eine Hauptrolle. Die ebenfalls nominierten Nebendarsteller, James Caan und und Robert Duvall, wurden der diesbezüglichen Nominierung viel eher gerecht, als Al Pacino. Doch anderseits hat Pacino einst vielleicht nicht das große Ganze im Blickfeld gehabt. Vor zwanzig Jahren, als ich noch keinen Film von Marlon Brando gesehen hatte, war ich ebenfalls etwas irritiert. Ein alter, nuschelnder und eigenwillig gestikulierender Greis, der gefühlt keine halbe Stunde zu sehen ist, bekommt für ein drei Stunden langes Epos den Oscar für die beste Hauptrolle? Hä?! Das waren Gedanken, die ich für eine Dauer nicht ablegen konnte. Doch mit der Zeit, nachdem ich beinahe alle Filme, in denen Brando mitgewirkt hatte, gesehen habe, bleibt nichts weiter als pure Bewunderung für diesen überragenden Schauspieler und seine immer wieder leidlich kopierten Methoden der Schauspielkunst. Marlon Brando ist mit Sicherheit - und auch mit großem Abstand -, weit vor anderen markanten Legenden und vielfachen Preisträgern, der beste Schauspieler, dem die Welt je auf der Leinwand folgen durfte.

Brando war nämlich überhaupt kein alter Greis, als er von Coppola - unter größten Widrigkeiten der Produzenten und des Studios - verpflichtet werden konnte, sondern ein ansehnlicher, smarter und vitaler Mann Mitte vierzig, der sich aufgrund eigener Initiative, seinem situativ beweglichen Talent und seiner messerscharfen Hingabe in einen alternden, dennoch machtvollen und leise zischelenden Don verwandelte. Keiner wurde seiner Rolle in diesen Filmen gerechter als Marlon Brando, auch wenn alle anderen, die am Paten beteiligt waren, ganz dicht dran waren, an dieser überlebensgroßen Wirkung von Marlon Brando. Die berauschenden Anekdoten und hallenden Mythen über gewisse Make-Up-Tests und Coppolas vehementes Durchsetzungsvermögen gegenüber seinen Arbeitgebern sind nicht nur gespenstisch, höchstwahrscheinlich wahr und ehrfürchtig, sondern auch einmalig in der Filmgeschichte. Brando verleiht diesem Film eine ganz eigene Aura. Selbst wenn er nicht durchgängig zu sehen ist, so ist er immer irgendwie präsent. So etwas gelang bisher nur ganz selten und spricht auch für einen überragenden Spielleiter, der Coppola nicht nur bei diesem Film war. Das realistische Make Up, welches Brando fast schon beängstigend echt altern ließ, überzeugt über alle Maßen. Auch das Mundstück, das seinem Gesicht die Züge einer wachtsamen Bulldogge verlieh, tat sein Übriges und unterstützte seine immense Darbietung - alles andere als ein Oscar für die beste Hauptrolle wäre an dieser Stelle Quatsch gewesen. Diese wohlsam heisere Stimme, jede kleinste und zeitlich temperierte Bewegung und die achtsame Geduld in dieser Rolle - es gibt wohl nur wenige Rollen, die derart genial verkörpert wurden.

In diesen, von Brando scheinbar mühelos bewältigten und nach wie vor beeindruckenden Sphären, die bisher kaum ein anderer Akteur erreicht hat, spielt es keine Rolle, wie viele Minuten mehr oder weniger die Rolle des Don Vito im ersten Paten andauert - Der Pate auf Brando zu reduzieren, ist im Ansatz zwar nicht gerecht, aber er und die allumwehende Sogwirkung, die von seiner Person und auch von der überaus dankbaren Rolle selbst ausgehen, sind unmissverständlich.

Der Pate fährt allerdings auch in allen anderen Belangen auf und es ist - wiederholt und mit Nachdruck - einfach unmöglich, dieses komplexe Monument der Spielfilmkunst, nicht zu lieben. Hier steckt so viel Wille, Energie und Können drin - dieser Film wird auf alle Zeiten unantastbar auf dem Gipfel verweilen. Sei es die unverkennbare und dramatisch schwingende Musik, die außergewöhnliche Kameraarbeit und der famose Schnitt, der zauberhaft, ohne Unterlass, und immer auf Bedacht zwischen Zeit und Szenen hin und her pendelt, das hervorragend adaptierte Buch von Mario Puzo, welches Puzo, mit Hilfe von Coppola, selbst ins Celluloid presste, formte und vollendete. Der Pate, vor allem der erste Film, mag nicht völlig frei von einer romantisierenden Glorifizierung sein, doch die zehrende Abwärtsspirale - welche in Teil II und besonders in Teil III auf Grund schlägt - scheint immerzu, trotz all der abgelebt vorgespielten Klasse, durch. Die Produktion versetzt mich nach wie ins Staunen. Sechs oder sieben Millionen Dollar hat dieser Film gekostet? Ja, diese Summe Geld war damals deutlich mehr wert als in diesen Tagen, doch selbst in damalige Maßstäbe gefasst, ist und bleibt es ein Wunder, wie hier alles ineinandergreift und in Perfektion glüht. Von der Ausstattung bis hin zu den Kulissen, von den zeitgenössischen Kostümen bis hin zum erwähnten Make Up - dieser Film ist unwiederholbar. Dann das Korn, diese von analogem Film ausgehende Magie, die Farben und das Wunder vom Vor- bis zum Abspann, getragen von dem unverkennbaren Musikthema. Der Pate ist formvollendet und konnte in einzelnen Punkten, innerhalb der beiden unverzichtbaren Fortsetzungen, sogar noch inhaltlichen Boden erweitern, auch wenn dort nicht alles passt.

Jeder Gangster- oder Mafiafilm muss sich an diesem Film messen. Tja, und ab da an lassen sich nur Angebote nachverhandeln, die schwer abzulehnen sind, ohne dass der Gewinn des ersten Pate-Films erreicht wird. Francis Ford Coppola hatte es nicht einfach und es wurden ihm Steine, groß wie Felsen, in den Weg gelegt, diesen Film zu realisieren. Das Ergebnis ist - fast fünfzig Jahre nach Premiere - ein Ereignis. Jede Location - egal ob die Sequenzen in Amerika oder die vor italienischer Kante - ist eine Augenweide, die Metaphern, moralischen Klippen und drastischen Gewissenlosigkeiten beispiellos. Ja, selbst die Szenen (zum Beispiel jene vor der berüchtigten Pferdekopf-Szene), die von der Second Unit gedreht wurden, fallen nicht ab und ordnen sich konsequent ein. Der Pate besticht optisch wie akustisch, die ästhetische Radikalität, die ja heute leider eher gescheut wird, ist ein von Mut garnierter Genuss, und die geschlossene Gesamtwirkung ist jedes Mal wieder ein Fest, welches die beiden ehrgeizigen Fortsetzungen nicht gänzlich erreichten. Der Pate dauert zwar fast drei Stunden an, doch satt wird man hier nicht, nie und nimmer.

Man könnte wirklich ein Loblied auf jeden Beteiligten anstimmen und feiern, der an diesem Film mitgewirkt hat. Der Pate ist ein ungewöhnlicher, außergewöhnlicher und vielschichtiger Film, ein Film zwischen der dekadenten Oberfläche und der verzweigt tiefsitzenden Wurzel des Verbrechens, nie klar verortbar zwischen allen Grauzonen. Das große Ganze, die etlichen Pfade anbei - ich sehe immer wieder, seit nunmehr zwanzig Jahren, neue Facetten, Schatten und Spitzlichter in diesen Filmen durscheinen oder im Dunkel verschwinden. Die ausformulierte Bandbreite ist beachtlich und macht The Godfather zu einer großen Literaturverfilmung. Der Pate ist dann, vor allen in der Form der Trilogie, ein anschaulicher Abstieg in der theatralischen Missgunst westlicher Werte.

Coppola und Puzo gelang hier eine virtuose Buchadaption, welche mit jedem Kontakt die Augen andernorts verweilen lässt. Hin und her, das Ohr in der richtigen Tonlage gesenkt. Ich liebe den zweiten Teil, der sogar noch mutiger ist als sein Vorgänger, aber auch dramaturgische Diskrepanzen der gegenwärtigen Kapitel nicht vollends aufwiegen kann. Ich mag auch den dritten Teil sehr gerne, trotz der eigenartigen Frisur Pacinos, Sofia Coppola und einigen wirklich schlechten Skriptentscheidungen (Tom Hagen und der vermeintliche Neffe). Dennoch ist auch der Abschlussfilm, der ganz auf Al Pacino ausgelegt ist, nicht mehr wegzudenken.

Eine Trilogie für die Ewigkeit, mit einem ersten Film voran, der einfach nichts an sich heranlässt. Und selbst bis in den letzten Winkel scheint die Präsenz von Marlon Brando durch. Al Pacino und sämtliche weitere Darsteller geben was geht - doch Brando scheint am Rande und im Kern, selbst wenn er nicht zu sehen ist. Als die Methode noch mehr war als die rein physische Marter und das zur Schau gestellte Accessoires. Brando und seine schneidende Leiser- Heiserkeit, die Nachlassenschaft großer Macht im Schein. Brando wusste, dass nur dazusitzen und zu denken ist eine Menge ist.

10/10
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Kommentare

28.11.2020 13:40 Uhr - tp_industries
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Junge, Junge.

Wie gestern schon bei moviestars Review zu "The Crow" ist das hier eine sensationelle Verneigung vor dem Paten und Marlon Brando ( ist das eigentlich dasselbe? 🤔).

Einen wahren Lesegenuss hast du hier gezaubert und mit den 10 Punkten gehe ich ohne Zweifel mit! Dankeschön! 🙂

28.11.2020 22:04 Uhr - VelvetK
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Oh ha!, gern geschehen. Der Pate und Brando sind pragmatisch gesehen nicht dasselbe, da ja auch Pacino und DeNiro (in den Rückblenden in Teil 2) intensive Paten abgeben. Brando war eben zur rechten Zeit am rechten Ort und prägte die Rolle außerordentlich - allein wie DeNiro Brando im zweiten Teil im besten Sinne imitiert, spricht nur für Brandos Herangehensweise.

30.11.2020 11:34 Uhr - Lukas
Auch ich kann wieder nur lobende Worte finden. Der Pate ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme und wurde mit der vorliegenden Kritik wunderbar gewürdigt! :)

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