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Hannibal Rising - Wie alles begann

Originaltitel: Hannibal Rising

Herstellungsland:USA, Großbritannien, Frankreich (2007)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Horror, Drama, Thriller
Alternativtitel:Hannibal 4
The Lecter Variation: The Story of Young Hannibal Lecter
Young Hannibal
Young Hannibal: Behind the Mask
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,82 (74 Stimmen) Details
inhalt:
Inhalt
Litauen, Winter 1944: Der zehnjährige Hannibal Lecter (Aaron Thomas) wird Zeuge, wie seine Eltern bei einem deutschen Bombenagriff ums Leben kommen. Hannibal entkommt mit seiner kleinen Schwester Mischa dem Flammenmeer. Doch wenig später werden die Kinder in ihrem Versteck von einer Gruppe litauischer Marodeure entdeckt, die von dem grausamen Grutas (Rhys Ifans) angeführt werden. Der Hunger und die Entbehrungen des langen Kriegswinters haben aus den Männern Bestien gemacht. Als ihre letzten Vorräte aufgebraucht sind, beschließen sie das Undenkbare: Sie töten Mischa und verspeisen ihre Leiche. Hannibal kommt mit dem Leben davon, aber das miterlebte Grauen lässt ihn nicht mehr los. Jahre später flieht er nach Frankreich, wo er Aufnahme bei seiner Tante Lady Murasaki (Gong Li) findet, einer hochgebildeten Japanerin, die ihm die Leidenschaft für die schönen Künste und gutes Essen vermittelt - und ihn in die Geheimnisse der asiatischen Kampfkünste einweiht. Doch so kultiviert sich Hannibal nach außen auch gibt, er hat nur ein einziges Ziel: Die Männer aufzuspüren, die seine Schwester auf dem Gewissen haben, und sich grausam an ihnen zu rächen. Eine Jagd ohne Gnade beginnt...
eine kritik von velvetk:

Hannibal Rising ist kein wirklich schlechter Film, lässt man seine Augen einmal grob darüber wandern. So viel ist gewiss. Peter Webbers Regie und die Produktion ist, dank des üppigen Budgets, ordentlich bis gut, die europäischen Kulissen hochwertig und die detaillierten Kostüme machen was her. Das mal kalte, mal wärmende Zeitgefühl längst vergangener Tage passt von Filmanfang bis Ende und die Musik ist, bis auf ein paar kitschige Passagen mit Frauengesang im idyllischen Walde, wenigstens einprägsam. Ich habe das gut gemeinte Buch seinerzeit gerne gelesen und mich durchaus auf den Film gefreut, auch wenn mir schon vorher klar war, dass man hiermit nicht im Ansatz an die überragende Klasse der teils meisterhaften Vorgängerfilme anknüpfen würde. Blutmond, von 1986. Das Schweigen der Lämmer, der Anfang der Neunziger entstand. Der kontroverse Hannibal, der Ende am Ende des letzten Jahrtausends in künstlerischer Hinsicht nur zum Teil triumphieren konnte, und natürlich das kantenfreie Blaupausen-Blutmond-Remake Roter Drache, in dem man Anthony Hopkins arg verspätet die bemühte Gelegenheit gab, die Urreihe komplett interpretiert zu haben - alles ganz unterschiedlich geartete Werke, unter denen sich Rising immerhin genauso neu aufstellt. Für Hannibal Rising, welcher die Kindheit und Jugend des wohl berühmtesten Bösewichts der Filmgeschichte beleuchtet, war Hopkins klar zu alt geworden. Doch das war und ist ebenfalls nicht der Grund, weshalb der Film letztlich eher wehtut, als begeistert. Gaspard Ulliel macht seine Sache, wie alle Akteure in Hannibal Rising, gut und gibt hier einen gerechten Lecter, der in seiner Jugend noch zwischen barschen Emotionen und radikaler Mordlust, schnalzendem Augenzwinkern und einem beispiellosen Genie festhing - viele Sequenzen, in denen der Dialog im Vordergrund steht, sind richtig gut geworden.

Doch was nützt all der Prunk, all das Blut und der Glanz, befindet sich hier der falsche Protagonist im falschen Film. Schon Hannibal (sowohl Buch wie Film) zeigte überdeutlich, welches Problem die Figur Hannibal Lecter mit sich bringt, lässt man diese unkontrolliert und irgendwie ziellos von der Leine. Dieser Charakter ist nur dann ein schneidendes Ass, bleibt er vornehmlich im Hintergrund - siehe Roter Drache und Das Schweigen der Lämmer, in denen der Atem Lecters auch dann spürbar bleibt, ist er gar nicht im Bild. Spielt man diesen messerscharfen Trumpf zu früh und dann auch noch über das gesamte Spiel aus, geht ein großer Teil der Faszination und die Geheimnisse rund um den Doktor verloren. Das hat zur Jahrtausendwende noch gerade so funktioniert, aber eben nicht mehr. Die Ideen, die der Erfinder und Romanautor Thomas Harris schon in Hannibal genügend an- und umriss, finden hier einen letztlich mäßigen Endpunkt im bluttriefenden Beginn. Harris schrieb sein Buch gut genug, um inhaltliche Knicke zu kitten, doch in verknappter Filmform fährt der Stoff ganz schön platt an die Wand. Das eine Problem ist klar: Umso mehr Hannibal im Film zu sehen ist, desto schwächer ist dieser. Das andere und gröbere Unding ist, dass es sich hier um einen eigentlich viel zu simplen Rache-Slasher handelt. Für solch einen Beitrag ist Hannibal Rising klar super! Die Motivation ist eindeutig und reißt mit einem zugedrückten Auge mit. Der Bodycount geht in Ordnung und der Gewaltgehalt ist angemessen, auch wenn die Einstufung ab achtzehn Jahren nicht hätte sein müssen - so heftig ist der Film vergleichsweise nicht.

Hannibal Rising macht als einfach geräucherte Blutwurst fast alles richtig, findet einige eloquente Spitzen und überzeugt on top mit der oben genannten Klasse der einzelnen Zutaten. Doch an die alten und vielschichtigen Thriller, mit ihren gerissenen Spielchen, tiefgründigen Nebenfiguren und starken Täuschungen, kann dieser hilflos wirkende Baukasten nicht anknüpfen. Klar, alles fängt einmal klein und abseits an, doch mit diesem sehr einseitigen und glatten Ergebnis, hätten Harris, Webber und die Produzenten Lecter lieber da gelassen, wo es mit Ridley Scotts Hannibal endete. Hannibal Rising ist ein perfektes Beispiel dafür, wie man eine interessante, mystische und erregende Figur, wie sie Hannibal Lecter zweifelsohne ist, bis auf die blanken Knochen entzaubert. Am Ende bleibt nichts an Magie übrig, so gut Ulliel auch dagegen anzuspielen versucht. Es hat ein paar Jahre - und eine gute TV-Serienadaption - gebraucht, um diesen Mordrausch als das hinzunehmen, was er ist. Harris konnte sich innerhalb der Materie und nach drei ganz großen Romanen nicht weiter steigern und trat noch weiter neben die Spur, als er es bei Hannibal tat. Wie glücklich damit alle waren, lässt sich schlecht beurteilen, doch der finanzielle Verlust an den Kinokassen war sicher herb.

Hannibal Rising macht also grundlegend nicht viel falsch, sieht man den Film als lecker aussehenden Slasher mit etwas fadenscheinigem Anspruch. Doch im überlangen Schatten der Vorgängerfilme taugt dieses Stück des Geldes wegen nicht viel. Zumindest geschadet hat Hannibal Rising den Großtaten der Reihe nicht wirklich und dann und wann reicht's auch mal etwas dünner, weniger delikat und zu durch. Bon appétit!

5/10
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Kommentare

04.01.2021 20:31 Uhr - tp_industries
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Damit spiegelst du exakt meine Meinung wieder! Rising ist wirklich schwer zu bewerten. Wenn man das Buch/den Film als eigenständiges Werk erschaffen hätte, ohne Bezüge zu Hannibal Lecter, würde das Ding besser funktionieren.
Denn wie du schon geschrieben hast, als etwas gehobener Racheslasher funktioniert er erstaunlich gut. Aber im direkten Vergleich geht er gnadenlos unter.
Die 5 Punkte sind deshalb mehr als fair.
Ein super Review, danke dafür! 🙂

04.01.2021 22:16 Uhr - VelvetK
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Erfahrungspunkte von VelvetK 498
Glück im Unglück. Schade eigentlich - ein toller Schlitzer, aber gleichzeitig ein äußerst schlechter Film über Lecter. Damit muss man halt leben.

05.01.2021 07:53 Uhr - McGuinness
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Sehr treffende Kritik, der ich mich vorbehaltlos anschließen möchte.

Nachdem ich die übrigen Filme der Reihe gesehen hatte, wollte ich natürlich umso mehr wissen, wie unser Lieblingskannibale mit Biss denn zu der Ikone wurde, dessen Blick und eiskalter Atem uns heute noch das Fürchten lehrt, doch was soll ich sagen... Ich bin ziemlich enttäuscht worden.
Vom einstigen Zauber und Aura des Undurchsichtigen und Abgründigen ist nicht mehr viel übrig geblieben und die Entmystifizierung schritt mit fortlaufen des Films immer weiter voran.

5 Punkte sind daher meines Erachtens nach so gerade noch vertretbar, mehr aber definitiv nicht !!!
Dein Review hingegen ist mal wieder ein köstlich angerichteter Leckerhappen 😋😉

05.01.2021 19:09 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
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Wieder eine wirklich schöne Review!

Ich vermute, dass ich das auch ähnlich sehe, und habe aber kein Interesse daran, das herauszufinden. ;)

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