SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Cyberpunk 2077 · Dein wahres Ich ist nicht genug. · ab 50,99 € bei gameware Yakuza 7: Like a Dragon · Its time to be a Hero · ab 58,99 € bei gameware

Night Stalker: Auf der Jagd nach einem Serienmörder

Originaltitel: Night Stalker: The Hunt for a Serial Killer

Herstellungsland:USA (2021)
Genre:Dokumentation, Krimi
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (3 Stimmen) Details
inhalt:
Die auf wahren Begebenheiten beruhende Doku-Miniserie Night Stalker: Auf der Jagd nach einem Serienmörder von Netflix erzählt die faszinierende Geschichte, wie einer der berüchtigtsten Serienmörder Amerikas zur Strecke gebracht und seiner gerechten Strafe zugeführt wurde. Im drückenden Sommer des Jahres 1985 wurde Los Angeles nicht nur von einer Hitzewelle heimgesucht, sondern auch von einer Reihe scheinbar unzusammenhängender Morde und sexueller Übergriffe. Unter den Opfern waren Männer, Frauen und Kinder im Alter von 6 bis 82 Jahren. Es gab keinerlei Zusammenhänge in Bezug auf Wohnort, ethnische Herkunft oder sozioökonomischen Status. Nie zuvor in der Kriminalgeschichte war ein einziger Mörder für ein solch grausiges Aufgebot an Verbrechen verantwortlich. In einem Wettlauf gegen die Zeit versuchten der junge Kriminalbeamte Gil Carrillo vom Los Angeles County Sheriff’s Department und der legendäre Mordkommissar Frank Salerno, dem Monster der Nacht das Handwerk zu legen. Während sie unermüdlich an der Aufklärung des Falles arbeiteten, waren ihnen die Medien stets auf den Fersen, und in ganz Kalifornien machte sich Panik breit.
eine kritik von velvetk:

"Warum tut ein Mensch, was er tut..."
"Wir haben keine Ahnung."

Gibt man im Netz den Namen Richard Ramirez ein, dauert es nicht lange, bis man eine Ausgabe der eher typischen Serienmörder-Dokus findet. Amerikas größte Albträume und so weiter, nicht ganz eine Stunde lang und ein halbwegs geleichmäßig verteilter Blick über den Täter, die Opfer und die Ermittler - wie man es halt schon oft genug über andere Serientäter gesehen hat. Nach der hervorragenden, tief gehenden und hochinteressanten Netflix-Doku über Ted Bundy, die mir im Double mit dem Spielfilm Extremely Wicked, Shockingly Evil and Vile bis heute die Gänsehaut wandern lässt, bleibt nichts weiter als pure Bewunderung auf deren neustes Doku-Highlight über den Serienmörder Richard Ramirez übrig. Doch bevor ich mir diese vierteilige Serie über die dringliche Jagd auf einen bestialischen Mann ansah, von dem ich bisher nicht bewusst gehört hatte, gab ich mir die unter anderer Fahne entstandene Kurzfassung aus dem Jahre 2008 auf Youtube, die einen zumindest ausreichenden Überblick über den Mörder gibt, der als Night Stalker in dem Los Angeles der Achtziger für Angst und Aufruhr wie kaum einer zuvor sorgte. Es waren die unkalkulierbare Vorgehensweise und die rücksichtslose Drastik, die einer ganzen Stadt den Atem für eine lange Zeit raubte. 

Richard Ramirez zählte zweifelsohne zu den brutalsten, in seinem Vorgehen beweglichsten und widerlichsten Subjekten, die man für derlei Berichte und den damit untrennbaren Mythen und Tatsachen aufarbeiten kann. Schon die gängigen Artikel, Bilder und Aufzeichnungen über Ramirez prägen einen perfiden und faulenden, erschreckenden und abgründigen Eindruck, welcher nicht kalt lässt. Die vierteilige Mini-Serie geht einen leicht anders gewichteten Weg als zum Beispiel die nicht unähnlich aufgefächerte Serie über Ted Bundy, denn bis man den Night Stalker im Zentrum des Geschehens hat, vergeht ein sehr großer Teil der Spieldauer - erst die letzte Folge lässt dahin gehend den Vorhang des zu recht dämonisierten Schreckens fallen. Im Vordergrund stehen die hauptverantwortlichen Ermittler Gil Carillo und Frank Salerno, einige Überlebende und Hinterbliebene und weitere Zeitzeugen, die hier ein Puzzleteil nach dem anderen in den Fokus rücken, und somit die Taten, bis hin zur Verhaftung und Verurteilung, eindrücklich nachskizzieren. Diese beiden legendären Detectives, die man auch in der etwas älteren Doku zu Gesicht bekommt, gehen ziemlich ins Detail und bauen den komplizierten und lang anhaltenden Fall Stück für Stück, Indiz für Indiz und Beweis auf Beweis nach - es konnte jeden treffen. Das Ungetüm Richard Ramirez in seiner ganzen Gestalt bleibt also sehr lange, genau genommen bis zum Finale, als äußerst effektive Silhouette im Hintergrund - die filmisch angelehnte Dramaturgie und der morbid aufschlussreiche Inhalt sind in Night Stalker mit großer Spannung und intensiven Erkenntnissen zu einem hässlichen Bildnis zusammengeführt. Ein sicherlich aufregender Kniff, den die langsam schnürende Regie über die gesamten vier Folgen aufrecht halten kann und bis ans Ende fesselt und gleichermaßen anwidert. Die hochwertige und sehr umfangreich recherchierte Produktion geht dabei so weit wie nötig in Richtung Spielfilm und taucht die mitunter grauenvoll arrangierte Szenerie in düstere Bild- und unheilvolle Klangcollagen, stilisiert die abscheulichen Morde im Off und scheut nicht vor lauten Klangeffekten, wobei die zahlreichen Interviews niemals durch diese wenig dezenten und nicht unbedingt eleganten Mittel erdrückt oder überlagert werden. Die artifizielle Inszenierung ist an der Naht des Vertretbaren reißerisch, aber zum Thema passend mit blitzenden Spitzen versehen, die diese Morde, Vergewaltigungen und Verstümmelungen fast fühlbar machen - nüchterner, wie beispielsweise in Henry von John McNaughton, wäre es aber vermutlich noch krasser und immersiver geworden. Der Schauplatz Los Angeles - ein weiterer wichtiger Pfeiler der vier Folgen - ist darüber hinaus authentisch eingefangen worden (Erinnerungen an die zweite Season True Detective standen hier überdeutlich Pate) und die zumeist nächtlich nachgestellten Szenen sind in Tat und Enthüllung - im Mix mit echten Tatort-Fotos und den ehrfürchtig geschilderten Eindrücken - extrem bedrückend ausgefallen. Ein später Ortswechsel nach San Francisco, wo Ramirez ebenfalls sein erschreckendes Unwesen trieb, zeichnet ebenfalls ein gutes Zeitgefühl nach.

Night Stalker ist vor allem für jene Zuseher eine vereinnahmende Erfahrung, die möglichst das große Ganze aus der Sicht der aufrechten Vernunft sehen wollen, ohne dass das rastlos bösartige Monster Ramirez in Gänze ausgeblendet, aufgeschlüsselt oder gar verstanden werden kann - was im Widerspruch schwer genug wiegt. Wer bereit ist, darauf zu verzichten, wird mit einem zunächst aussichtslos heftigen Blickwinkel auf die boshaften Verbrechen konfrontiert, der als einzige lohnenswert ist - nämlich auf die Personen, die ihn ermittelt, festgenommen und in die Todeszelle gebracht haben, wo er letztlich an einem natürlichen Tod verstarb. An diesem Punkt wird die Doku, die auf einmal Post-Rock-Sphären anklingen lässt, zwar pathetisch, weil es das Volk war, normale Leute auf der Straße, die in einem Mob für die Festnahme von Ramirez sorgten, doch hier hat es im Zusammenspiel aus einer wichtigen Portion Glück, intensiven Ermittlungen und öffentlich gemachten Hinweisen, unscheinbaren Kleinigkeiten und einer großen Geste am Wendepunkt etwas Gutes, das hoffnungsvoll mitschwingt.

Richard Ramirez, dessen schwierige Jugend und persönliche Entwicklung sicher nicht beneidenswert waren, beschwor im Zuge des Prozesses gegen ihn, ähnlich wie Bundy oder Manson, einen gesplittet bizarren, kultisch vergötterten Hype herauf, der nach wie vor bis ins Mark schaudert. Doch Frank Salerno macht an einem Punkt seiner Schilderung entschlossen, wahrhaftig und ohne Umschweife deutlich, wer Ramirez wirklich war: ein feiger und tumber, doch extrem gefährlicher Mörder. Einer, der seine Opfer des Nachts aufsuchte, sie im Schlaf um ihre Würde und ihr Lebensgut brachte und planlos davon lief, wenn ein erster Schuss nicht die gedachte Wirkung erzielte. Wie es in Ramirez wirklich ausgesehen haben mag, ist kaum zu deuten.

So gesehen vermittelt dieser Film ein etwas anderes Bild, als ältere Auseinandersetzungen mit Ramirez und seinen Jägern. Die letzte Episode, in dem Richard Ramirez einem von ihm selbst provozierten Theater gleich der Prozess gemacht worden ist, zeigt eines: es blättert und verblasst nichts. Dieser Mensch, dieses ekelerregende Scheusal unter wenigen - er war nicht der erste und wird auch nicht der letzte seiner Art sein. Doch so lange es Menschen wie Frank Salerno und Gil Carillo gibt und die Methoden dieser Polizeiarbeit immer mehr an Raffinesse gewinnen, wird es abstoßenden Trugbildern wie Richard Ramirez, Ted Bundy und anderen verachtenswerten Individuen nicht mehr gelingen, neben ihren zahlreichen und bedauernswerten Opfern, noch zu Ruhm, Verehrung und Glanz zu gelangen. Irgendwo zwischen den Tatsachen und den Mythen, zwischen Gespinsten und der herben Realität - am Ende trifft diese Dokureihe alle richtigen Schalter, geilt sich nicht an Ramirez auf (in dem leider auch manches ausgeschwiegen wird) und rückt vor allem die Menschen und Angehörigen ins Bild, die es verdient haben, damit man ihnen bei der Überwindung der Akte Ramirez einmal ganze Aufmerksamkeit schenkt.

Am Ende der letzten Folge lassen die Macher die Finger ganz von den Schaltern, es spielt keine Musik mehr und Night Stalker endet mit einem stumm belassenen Schwarzbild und mit einem als starke Metapher verkleideten Abendgebet, welches nichts anderes als das Gute im Menschen symbolisiert, das über das Böse zu triumphieren versucht. Erschütternd, aber auch kraftvoll und beeindruckend.

8/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Little
VelvetK
8/10
Bloodline
VelvetK
5/10
die neuesten reviews
Durchgeknallt
Kaiser Soze
8/10
Bright
Cabal666
4/10
perfekte
TheMovieStar
7/10
Ape,
Ghostfacelooker
teuflische
Chímaira
7/10

Kommentare

17.01.2021 10:03 Uhr - McGuinness
User-Level von McGuinness 6
Erfahrungspunkte von McGuinness 558
Habe mir erst gestern die komplette Doku angesehen und fand es eigentlich recht spannend, diesen Fall hauptsächlich aus der Perspektive der damaligen Ermittler zu sehen, welche umso authentischer wirkten, indem man Fotos von ihnen vor gut 35 Jahren und im direkten Vergleich zu heute, gegenüberstellte.
Das Leid der Angehörigen auf Seite der Opfer, lässt sich auch heute wohl kaum ermessen, doch ist deren Schmerz immer noch sichtbar und geradezu fühlbar, ohne dabei jemals voyeuristisch zu wirken.

Ich persönlich hätte mir im letzten Teil zwar noch wesentlich mehr Einblicke in die Kindheit, Jugend und die Entwicklung von Ramirez gewünscht, gerne auch unterlegt mit Aussagen von Verwandten oder Bekannten, sowie etwas mehr Bildmaterial vom eigentlichen Prozeß und vorgenommener Interviews, doch alles in allem eine recht aufschlussreiche Doku, sowie toll verfasste Review von dir 😉

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)