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Oh Boy

Herstellungsland:Deutschland (2012)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Komödie
Alternativtitel:Oh Boy!
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,67 (6 Stimmen) Details
inhalt:
„Kennst du das Gefühl, dass dir die Leute um dich herum merkwürdig erscheinen? Und je länger du darüber nachdenkst, desto klarer wird dir, dass nicht die Leute, sondern du selbst das Problem bist?“
Niko ist Ende zwanzig und hat vor einiger Zeit seinem Studium ade gesagt. Seitdem lebt er in den Tag hinein, driftet schlaflos durch die Straßen seiner Stadt und wundert sich über die Menschen seiner Umgebung. Niko ist ein Flaneur und Zuhörer, dem die Menschen ihre Geschichten erzählen. Mit stiller Neugier beobachtet er sie bei der Bewältigung des täglichen Lebens. Bis zu diesem turbulenten Tag: Seine Freundin zieht einen Schlussstrich, sein Vater dreht ihm den Geldhahn zu und ein Psychologe attestiert ihm "emotionale Unausgeglichenheit". Eine sonderbare Schönheit namens Julika konfrontiert ihn mit den Wunden der gemeinsamen Vergangenheit, sein neuer Nachbar schüttet ihm bei Schnaps und Buletten sein Herz aus und in der ganzen Stadt scheint es keinen "normalen" Kaffee mehr zu geben.
Sollte Niko nach diesem Tag wirklich seine "Komfortzone" verlassen und sein Leben ändern? Kriegt er am Ende vielleicht Julika? Und sogar die heißersehnte Tasse Kaffee?
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von mcguinness:

" Jetzt pass mal auf, als deine Mutter dich rausgedrückt hat, da war ich 24, verstehst du, da hatte ich keine Zeit zum Nachdenken, da musste ich Geld verdienen, da hab ich tagsüber Klausuren geschrieben und nachts hab ich Geld verdient, weil Niko Trompetenunterricht wollte und nach einem Jahr abgebrochen hat, weil Niko Capoeiraunterricht wollte und nach einem Jahr abgebrochen hat, weil Niko Fecht -, Gitarren -, Klavierunterricht wollte und alles, aber auch alles abgebrochen hat. Warum überrascht es mich überhaupt, dass du dein Studium abgebrochen hast ?! "

 

 

Es ist schon einige Jahre her, als ich spät abends im Bett lag und nicht so recht einschlafen konnte, woraufhin ich eher gelangweilt durch die Fernsehlandschaft zappte und eigentlich schon den Finger auf der Off - Taste der Bedienung hatte, als mir ein Film präsentiert wurde, der soeben erst begonnen hatte. Nun war mir allerdings im Vorfeld nicht bewußt gewesen, dass dieser komplett in schwarz - weiß gedreht worden ist, woraufhin ich ersteinmal die Anschlüsse an meinem Fernseher überprüfte, um eine eventuelle Störung auszuschließen. Da hier jedoch alles in Ordnung zu sein schien und mir ein kurzes Umschalten auf ein anderes Programm bestätigte, dass die Farbgebung meines Fernsehers noch voll funktionsfähig war, lehnte ich mich wieder zurück und war gewillt dem Film mit dem Titel - Seufzer " Oh Boy " eine Chance zu geben, zumal mir die übrigen Programme sowieso keine annehmbaren Alternativen boten und darüber hinaus die Nacht noch jung zu sein schien. Was mich dann allerdings in den nächsten 90 Minuten erwarten sollte, darauf war ich nicht mal im entferntesten vorbereitet, denn soviel Gefühl, Charme, Witz und Ernsthaftigkeit hatte ich bis dato noch nicht in einem deutschen Film gesehen, welcher mich dermaßen beeindruckt hat, dass ich nach dem Abspann noch lange wach gewesen bin, über den Film und auch über mich selbst nachdachte und mir diesen zum nächstmöglichen Zeitpunkt unbedingt kaufen und meiner Sammlung zuführen wollte.

Mit seinem Regiedebüt " Oh Boy " von 2012 hat Jan - Ole Gerster meines Erachtens nach direkt ins Schwarze getroffen und uns einen Film präsentiert, in dessen episodenhafter Erzählweise rund um einen ca. 24 jährigen jungen Mann namens Niko Fischer, sich bestimmt der ein oder andere Zuschauer wiederfindet, sich vielleicht sogar selbst in der Person des Niko Fischer sieht und in seinen jungen Jahren ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hat, weshalb dieses Werk zumindest mich von Anfang an in seinen Bann gezogen hat und ich mitunter das Gefühl hatte, als würde ich mir selbst zuschauen.

Wir sehen einen jungen Mann, der nicht so recht zu wissen scheint, was er mit seinem Leben einmal anfangen möchte. Ein Mann, dem scheinbar alles durch die Finger zu gleiten scheint, wie etwa seine Freundin, die sich von ihm trennt, sein aufgrund von Alkohol eingezogener Führerschein, das gespaltene Verhältnis zu seinem Vater und der Suche nach sich selbst und seinem Platz in der Gesellschaft. Dabei ist Niko alles andere als dumm, eher orientierungslos und motivationslos, was durch sein vor Jahren abgebrochenes Studium und dem Hineinleben in den Alltag unterstrichen wird.

Dabei gibt der Film einen Einblick in Nikos Leben, welcher sich an nur einem einzigen Tag ereignet, nämlich früh morgens beginnt und am nächsten Morgen endet. Niko ist mehr ein stiller Beobachter und ein guter Zuhörer, welcher sich über die Menschen um ihn herum wundert und diese nicht so recht einzuordnen weiß, was vermutlich aber auch daran liegen könnte, dass er einfach zu sehr seinen eigenen Träumereien hinterherhängt, welche durch die bewußt gewählte schwarz - weiß Gebung des Films umso intensiver und authentischer wirken und wodurch das Gefühl des verlorenseins und des inneren Konflikts, unterlegt von ruhigen, melancholisch anmutenden Jazz - Klängen, noch mehr an Bedeutung gewinnt.

Auf seinem Streifzug durch Berlin und auf der Suche nach einer ganz normalen Tasse Kaffee, lernt Niko dabei die unterschiedlichsten Persönlichkeiten kennen, welche entweder Freunde oder auch ehemalige Bekannte von ihm sind, als auch wildfremde Personen, welche ihm ihr Leid klagen und in ihm einen guten Zuhörer gefunden haben. Das faszinierende dabei ist, dass man gar nicht das Gefühl hat hier Schauspielern bei der Arbeit zuzusehen, denn sämtliche Konversationen wirken völlig frei und ungezwungen, dafür aber umso realistischer und wir fühlen uns als Zuschauer so, als ob wir quasi unsichtbar neben den verschiedenen Personen mit im Raum stehen und dadurch selbst zu einer Art stiller Beobachter werden, sowie ebenhalt auch Niko. Die Episoden, die wir also mitdurchstreifen, stimmen uns manchmal froh, oft nachdenklich, aber auch recht traurig oder gar wütend und ich bin immer noch verblüfft, wie offen und ehrlich es Regisseur Jan - Ole Gerster gelingt, diese verschiedenen Gefühlsebenen in uns anzusprechen.

So lernen wir beispielsweise ein Mädchen namens Julika kennen, welches früher einmal mit Niko in dieselbe Klasse ging und unsterblich verliebt in diesen gewesen ist, aufgrund ihres damaligen korpulenten äußeren jedoch von ihm und anderen Jungs gehänselt und gedemütigt wurde. Nach Jahren treffen sich die beiden zufällig wieder und obwohl Julika nun schlank und attraktiv ist und Niko gegenüber alles andere als feindselig erscheint, scheinen die Wunden der Vergangenheit immer noch nicht verheilt zu sein.

Das Verhältnis zu seinem Vater scheint ebenfalls kein leichtes zu sein und wir erfahren, dass Niko diesem schon seit zwei Jahren vorgegaukelt hat, immer noch zu studieren und dementsprechend auch finanziell unterstützt worden ist. Der Vater ist ein stets erfolgsorientierter Typ und macht nur allzu deutlich, was er von dem Lotterleben seines Sohnes hält und aus dieser Unterhaltung stammt auch das anfänglich von mir gewählte Zitat.

Den mitunter beeindruckendsten Auftritt liefert jedoch der erst im September letzten Jahres verstorbene Michael Gwisdek, welcher uns hier als alter Mann namens Friedrich vorgestellt wird und wenn dieser eine Anekdote aus der Zeit des Nationalsozialismus erzählt, speziell aus der Reichspogromnacht, in welcher er damals als kleiner Junge anwesend war, dann läuft es einem eiskalt den Rücken runter und die Schilderungen des alten Mannes werden geradezu fühlbar.

In weiteren Rollen finden sich viele bekannte Gesichter des deutschen Fernsehens, wie etwa Justus von Dohnanyi, aus " Das Experiment " (2001), Martin Brambach, gesehen in " Das Leben der Anderen " (2006) oder aber Frederick Lau, bekannt aus " Die Welle " (2008). Die beste und überzeugendste Leistung bietet aber Tom Schilling als Niko Fischer, welcher den verlorenen jungen Mann mit soviel Herzblut und dennoch scheinbarer Leichtigkeit dermaßen intensiv und emotional vereinnahmend verkörpert, dass wir den Blick gar nicht mehr abwenden können und uns bereitwillig auf seiner Suche nach sich selbst, nach Antworten auf das Leben und der Suche nach seiner heißersehnten Tasse Kaffee, mitreißen lassen.

Somit stellt Jan - Ole Gersters Film " Oh Boy " den für mich mitunter beeindruckendsten deutschen Film überhaupt dar, welchen ich bisher zu sehen bekam. Wie kein anderer schafft es Tom Schilling seiner Figur des Niko Fischer die Art an Authentizität einzuhauchen, die ich mir bei solch einer Art von Film schon immer gewünscht habe, nämlich der Suche eines jungen Mannes nach seinem Platz im Leben, dessen Zweifel an sich und seinem Umfeld immer wieder dazu führen, dass Momente des Schweigens, der Stille und des Nachdenkens zum Stillstand in seinem Leben führen und es eigentlich nur eines einfachen Impulses bedarf, um wieder Fahrt in geregelte Bahnen aufzunehmen und somit erhält diese Werk von mir völlig zu Recht und verdientermaßen die Höchstwertung. 

10/10
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Kommentare

22.01.2021 08:42 Uhr - tp_industries
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Oh Boy... das hast du eine wirklich gute und treffende Kritik zu einer deutschen Perle geschrieben!

Und ja, deutsche Perlen gibt es tatsächlich. Abseits vom hochbudgetierten Werken ( Ausnahmen wie "Die Welle" oder das Experiment" nicht mitgezählt ), gibt es im Indie Bereich viele gute deutsche Filme zu bestaunen. Und "Oh Boy" zählt zweifelsfrei dazu.

Auch ich habe mich in Niko wiedererkannt. Auch ich habe lange über den Film nachgedacht. Unterm Strich ein wirklich mutiger Streifen, welches ein Thema behandelt mit dem sich warscheinlich viele mal auseinandersetzen werden oder auseinandergesetzt haben.

Prima Vorstellung mein Guter! 👍🙂

P.S.: Hast du eigentlich auch bis zum Ende gehofft, dass der gute Niko endlich seinen Kaffee bekommt? 😅

22.01.2021 09:23 Uhr - McGuinness
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@tp_industries

Besten Dank auch für dein Lob und es freut mich zu lesen, dass auch du dieses kleine und oftmals recht unbekannte Juwel so sehr zu schätzen weißt 😉

In einigen Situationen sind Niko und ich uns sehr ähnlich gewesen, weshalb der Film mich auch immer noch so enorm beeindruckt und selbst nach mehrmaligen Anschauen wird dieser einfach nicht langweilig, sondern entfesselt fortlaufend seine Suggestivkraft immer mehr, der ich mich einfach nicht mehr entziehen konnte und auch gar nicht wollte.

Natürlich hoffte auch ich, dass Niko am Ende doch noch seinen Kaffee erhält, habe mir auf seiner Odyssee aber immer wieder gesagt : " Niko du Trottel, warum hast du den Kaffee nicht angenommen, welcher dir schon früh morgens angeboten wurde ?! " 🤦🏼‍♂️😅

24.01.2021 10:03 Uhr - Draven273
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Du kennst Filme..... man man man..... der kommt auf meine Watchlist, meine ich ganz ernst, ja wirklich, vielen Dank für diesen Tipp. Der klingt total interessant für mich und der wäre mir bestimmt ohne Deine Review hier, durch die Lappen gegangen. Wenn ich den mal durch habe, schreib ich Dir ne PM. Danke nochmal

24.01.2021 10:25 Uhr - McGuinness
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@Draven273

Willkommen zurück Draven... Schön mal wieder von dir zu hören 😉

Den Film kann ich dir nur allerwärmstens empfehlen und würde mich über ein Feedback dazu wirklich außerordentlich freuen ☺️

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