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The Sadness

Originaltitel: Ku bei

Herstellungsland:Taiwan (2021)
Genre:Horror, Splatter
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (1 Stimme) Details
eine kritik von laughing vampire:

...und wenn man es am allerwenigsten erwartet, erscheint tatsächlich mal wieder einer jener Filme. Jene Filme, die es sich zum Ziel gesetzt haben, so blutig und geschmacklos wie nur irgend möglich zu sein.

„The Sadness“ ist der Debüt-Langfilm des Kanadiers Rob Jabbaz, der in Taiwan lebt und arbeitet. Er erzählt, und was bietet sich derzeit besser an, von einer Pandemie, die zunächst nur im Hintergrund eine Rolle zu spielen scheint: Ein junges Paar aus der Umgebung von Taipei, er derzeit arbeitloser Freelancer, sie Firmenangestellte, wacht eines Morgens auf, um dem gewohnten Alltag nachzugehen. Er liest auf Facebook die aktuellen Posts über eine neuartige Krankheit, die allerdings bislang keine Todesopfer gefordert zu haben scheint. Sie ärgert sich über seine Unzuverlässigkeit, da er den geplanten Pärchenurlaub abgesagt hat. Die Beiden verabschieden sich. Was erwartet uns hier nun? Ein ernsthaftes Katastrophendrama mit einer Pandemie als Kulisse, um eine bewegende und aktuelle Geschichte zu erzählen? Das eher vage gestaltete Poster ließe es erahnen.

Aber Pustekuchen. Denn das sogenannte „Alvin-Virus“ verursacht schlicht und einfach, daß alle Betroffenen zu sadistischen Psychopathen werden, die nur noch von der Lust nach Mord und Sex getrieben sind. In welche Richtung sich der Film entwickelt, wird dem Zuschauer bereits nach fünfzehn Minuten überdeutlich, als eine infizierte Großmutter in einer Kantine einem Kellner heißes Öl ins Gesicht schüttet, um ihm anschließend mit den Zähnen die Backen auszureißen. Beide Protagonisten geraten getrennt voneinander in den Strudel der Ereignisse, und was uns Jabbaz hier auftischt, läßt dem geneigten Zuschauer keine Wünsche offen: Ihm werden vom freundlichen Nachbarn erst einmal zwei Finger mit einer Pflanzenschere abgeschnitten. Sie hat es mit einem lüsternen Perversling zu tun, der nach seiner Infektion nicht mehr von ihr abläßt, während sie versucht, einem Mädchen zu helfen, dem beim vorangegangenen Massaker in der U-Bahn das Auge ausgestochen wurde. Wenn dem fiktiven Präsidenten Taiwans auf einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz vom bereits infizierten Militärchef plötzlich eine Handgranate in den Mund gesteckt wird und der prall gefüllte Gummikopf in Zeitlupe explodiert, fühlt man sich als deutscher Zuschauer gleich in bessere Zeiten zurückversetzt, in denen noch ein regelrechter Wettkampf nach dem Paragraph 131 zu herrschen schien, und „The Sadness“ hätte ihn problemlos eingeheimst. Denn blutige Geschmacklosigkeiten werden hier am Laufband und beinahe ohne Verschnaufpause serviert: Eine Gruppe Jugendlicher bindet etwa Stacheldraht um einen Pflock, um einen bereits halbtot gequälten Schulkameraden mit dessen Schritt voraus dorthin zu katapultieren. Ein Infizierter trennt jemandem das Bein ab und erbricht sich über dem Stumpf. Krankenpfleger feiern eine Orgie im blutüberströmten OP-Saal. Und, und, und. Neben Referenzen auf Werke wie „Srpski Film“ (Augenhöhlen) und „Irréversible“ (Feuerlöscher) gibt es genug äußerst kreative Verstümmelungen zu bewundern, die man auf der Leinwand so noch nicht sehen konnte.

Und das Beste daran? Kaum CGI. Handgemachte Effekte. Absolut gekonnt in Szene gesetzt, wie man es in dem Ausmaß schon lange nicht mehr erleben durfte. Zwar haben Filme wie „Misumisō“ („Liverleaf“) von 2018 bewiesen, daß in Sachen ostasiatischem Splatter noch lange nicht das letzte Wort gesprochen ist, aber selbst dort flüchtete man sich oft in die Computertechnik, wenn die Angelegenheit zu anspruchsvoll erschien. Regisseur Jabbaz scheint davon nichts zu halten. Hier suppt das Kunstblut, hier werden Gummi-Körperteile abgetrennt, während die Kamera stets voll draufhält. Zwar befinden wir uns offensichtlich im Bereich der Splatterkomödie, denn die hier gezeigte Gewalt ist derart exzessiv und übertrieben, daß man fast nur darüber lachen kann. Was mir allerdings besonders gefallen hat, ist, daß die Hauptdarsteller (Regina Lei, Berant Zhu) ihre Rollen (fast) den gesamten Film hindurch bitterernst spielen, während ihre Umwelt nach und nach grotesker wird. Dadurch verliert man als Zuschauer trotzdem nie das Interesse an den Figuren, die ohnehin überschaubar bleiben. Strukturell gibt es hier nichts zu bemängeln. Man merkt zwar im letzten Drittel, der überwiegend in einem Krankenhaus spielt, daß das Budget vor allem in den Mittelteil investiert wurde, aber dann folgen doch noch einige gelungene Überraschungen, wenngleich ab einem Zeitpunkt bereits völlig klar ist, wie die Geschichte enden wird. Das spielt aber keine Rolle.

Ich war wirklich überrascht von diesem Film, denn gerade Taiwan ist bislang kaum bekannt für Blutiges. „Jue ming pai dui“ („Invitation Only“) von 2009 war ein eher schwacher Versuch, vom Hype um die „Saw“-Filme zu profitieren, ansonsten hat man es sich im Geisterhorror-Genre über die letzten beiden Jahrzehnte sehr bequem gemacht und kaum wirklich Sehenswertes produziert. Und daß nun ausgerechnet ein nicht-einheimischer Regisseur etwas Bewegung hereinbringt und beweist, welche Potentiale bestehen, ist sehr erfreulich. Auch in Taiwan, wo das Leben Stand Januar 2021 weiterhin seinen gewohnten Lauf nimmt und alle Schulen, Geschäfte, Restaurants, Nachtclubs und Kinos geöffnet haben, ist die Pandemie im Alltag allgegenwärtig, weshalb ich mich um so mehr gefreut habe, daß dieser unerträglichen Situation hier mit viel schwarzem Humor begegnet wurde. Das hilft. Ich hoffe wirklich, daß „The Sadness“ in den kommenden Monaten (oder Jahren) internationale Verbreitung erfahren wird, denn der Film ist wie gemacht für einschlägige Festivals. Alle interessierten Leser dieser Kritik sollten aber, bevor es dazu kommt, bereits nach einer hoffentlich kommenden taiwanesischen Bluray Ausschau halten. Es lohnt sich. Sehr.

Trailer hier: https://youtu.be/BHej5S0u-0E

9/10
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Kommentare

22.01.2021 18:03 Uhr - Kaiser Soze
4x
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Nabend und schön mal wieder von Dir im Reviewbereich zu lesen - willkommen zurück!

Review ist sehr gut geschrieben, informativ, gewährt einen rundum gelungenen Einlbick und macht neugierig; wobei das Asiakino und ich einfach keine Freunde sind... naja, mal schauen, vllt gebe ich dem Film irgendwann mal ne Chance, wie und wo auch immer, aber deutscher Ton und ungeschnitten ist bei mir halt ein Muss ;-D

22.01.2021 19:34 Uhr - dicker Hund
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Eine Splatterkomödie, die "The Sadness" heißt und vom lachenden Vampir besprochen wird: Welch feine Ironie! Den Tipp merke ich mir.

"Invitation only" wird übrigens demnächst eine Kritik von mir erhalten.

22.01.2021 21:04 Uhr - Cabal666
3x
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Hochinteressant. Sowohl die Review als auch der Film an sich. Nach dem werde ich definitiv verstärkt Ausschau halten. Liest sich sehr vielversprechend.
Und da du sehr über die Situation dort Bescheid zu wissen scheinst: bist du momentan in Taiwan, Laughing Vampire?

22.01.2021 22:44 Uhr - Intofilms
3x
Reizend! Go Vampire! ;D

23.01.2021 01:17 Uhr - The Machinist
3x
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Ach, ist ja krass. Hatte schon befürchtet du hättest dich zusammen mit der Rakuda Onna nach Fernost abgesetzt.
''The Sadness''? Noch nie gehört, aber dann weiß ich ja was ich mir schleunigst anschauen sollte - sofern ich die Möglichkeit habe. Vortreffliches Review.

23.01.2021 09:13 Uhr - Laughing Vampire
3x
DB-Helfer
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Vielen Dank für die Rückmeldungen!

@Hund: Da bin ich mal gespannt. Den Film fand ich, wie angetönt, ja eher enttäuschend, wenn auch kein komplettes Desaster.
@Cabal: Ja, ich bin derzeit in Taiwan! Habe es vor wenigen Wochen trotz der Situation über dutzende Umwege irgendwie geschafft, da ich bereits lange vor der Pandemie eine Weile hier leben wollte und mich darauf vorbereitet hatte. ;)
@Machinist: Abgesetzt habe ich mich tatsächlich, und wie du weißt verlangt die Rakuda-Onna auch stets nach frischen Säuglingen, aber hin und wieder schaue ich dennoch hier rein. Der Film ist gerade erst gestern in den Kinos angelaufen und hat vermutlich noch keine internationale Publicity erhalten, aber ich bin mir absolut sicher, daß sich das ändern wird, sobald irgendein Verleih darauf aufmerksam wird. "Sadness" ist ja z.B. wie gemacht für die Schnittberichte-Community, die sich immer nach handgemachten Gore-Effekten sehnt. Ich kann mir gut vorstellen, daß es davon in spätestens ein paar Jahren auch ein österreichisches Mediabooks geben wird, damit dann auch der Kaiser Soze eine synchronisierte Fassung genießen kann. :)

23.01.2021 17:45 Uhr - McGuinness
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Wow, was für eine Review... Super vorgestellt 👍🏻 und mein Interesse wurde auf Anhieb geweckt !

Das klingt alles ganz phantastisch, was du hier schreibst und besonders die handgemachten Effekte lassen mich jetzt schon vor Vorfreude jubeln 😚👌🏻
Kann man den Film denn grob gesagt mit " Story of Ricky " vergleichen ?
Ich meine von den sadistischen Quälereien her, sowie den hausgemachten Gore - Einlagen, welche sich aber vermutlich auf deutlich höherem Niveau bewegen ?

Ich bin jedenfalls sehr gespannt, was mich da erwarten wird... Wenn es doch nur nicht mehr so lange dauern würde 😭

23.01.2021 18:27 Uhr - Laughing Vampire
2x
DB-Helfer
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23.01.2021 17:45 Uhr schrieb McGuinness
Kann man den Film denn grob gesagt mit " Story of Ricky " vergleichen ?

Ja. Absolut. ;)

23.01.2021 18:56 Uhr - McGuinness
1x
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@Laughing Vampire

Sehr geil... Wird definitiv gesichtet !!! 😁

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