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American History X

Herstellungsland:USA (1998)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,08 (118 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Nach der Ermordung seines Vaters sucht Derek Vergeltung, er beteiligt sich an rassistischen Anschlägen. Eines Tages enden diese mit einem brutalen Mord. Derek kommt für drei Jahre ins Gefängnis, als er entlassen wird schämt er sich für seine Vergangenheit. Zu seinem Entsetzen muss Derek feststellen, dass sein kleiner Bruder inzwischen auch Anhänger einer rechtsradikalen Gruppe ist. Wird er seinen Bruder davon abbringen den gleichen Fehler zu begehen? (Warner Bros.)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von rullep:

 

AMBIVALENTE GESCHICHTE X

 

Derek Vinyard ist ein Kämpfer. Er will auf Missstände aufmerksam machen. Missstände, welche im eigenen Viertel stattfinden. Er findet Gehör und auch seine Freunde möchten endlich etwas unternehmen...

 

DER FILM:

Diese, zugegebenermaßen recht freie Zusammenfassung um den von Edward Norton gespielten Protagonisten habe ich nicht ohne Grund gewählt. Was Regisseur Tony Kaye im Jahr 1998 auf die Leinwand brachte, gehört in seiner schockierenden Art und Weise zu den meiner Meinung nach besten Filmen aller Zeiten. Das jener Regisseur seinen Namen am Ende nicht in den Credits sehen wollte, lag der allgemeinen Legende nach an Hauptdarsteller Norton. Dieser mischte sich wohl etwas zu sehr in die Regie ein und sorgte letztlich auch dafür, das er wesentlich mehr Screentime bekam als vorgesehen. Nun gut, was auch immer zu allerlei Streit am Set und der Verstimmheit Kayes führte: Fest steht, das "American History X" ein Sinnbild für kontroverses Kino ist, das einen von der ersten bis zur letzten Minute gefangen nimmt.

Trotz meiner Begeisterung für dieses Werk sehe ich es durchaus zwiespältig. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Zum einen ist der Film mitunter recht frei interpretierbar. Soll heißen: Die Glatzenfraktion liebt Vinyard wahrscheinlich für all seine Hingabe (Bordsteinszene) und schaut sich wohl auch nur seine White-Power-Phase an, während die Läuterung den "reizvollen" Ansatz zunichte macht. Auf der anderen Seite mag es mit Sicherheit auch viele Menschen geben, die Vinyard jene Läuterung nicht abkaufen - vor allem im Bezug auf das Finale.

 

AUSLÖSER:

Kontrovers ist "AHX" aber nicht nur aufgrund seiner Gewaltdarstellung sondern gerade wegen des Drehbuchs. Hier wird schonungslos aufgezeigt, wie scheinbar harmloses zündeln  zu folgenschweren Explosionen führt. Da wäre z.B. Dannys Rauchattacke gegen den schwarzen Mitschüler, sein "provozierendes" Erscheinen am Basketballplatz oder Vater Dennis, als dieser seinem Sohn Derek mit auf den Weg gibt, auf gewisse Dinge "aufzupassen". Stück für Stück wird man Zeuge einer Tragödie. Die ehemals glückliche Familie aus der Mittelschicht L.A.s wird nach dem gewaltsamen Tod des Vaters immer weiter nach unten gezogen. Dabei gelingt es mit Hilfe von nicht chronologischer Rückblenden, den Zuschauer am Leben der Vinyards teilhaben zu lassen. Eine der intensivsten Szenen ist das Streitgespräch am Esstisch: Hier wird der Fall Rodney Kings "ausdiskutiert" und mündet in aufgeheizter Stimmung, die wohl am nachhaltigsten für die Sogwirkung des Films steht. Man hört Dereks Argumente und die Entschlossenheit mit welcher er diese vertritt. Von der White-Power-Freundin Stacey unterstützt genießt er seine Rede und verliert mehr und mehr die Fassung, spätestens als sich Schwester Davina angewidert zurückziehen will...

Die Figur Vinyards sehe ich stellvertretend für den Wutbürger, der wohl in vielen von uns schlummert. Anders jedoch als Michael Douglas´Rolle in "Falling Down", die man bei manchen Gelegenheiten wohl selbst gerne mal rauslassen würde, ist Vinyard ein Neonazi. Er ist ebenso infiziert von den Tipps des ermordeten Vaters als auch angestachelt von Glatzenboss Alexander und dessen Propaganda. Letztlich ist diese Geschichte nicht Neu: Es geht vor allem um Gruppendynamik und das Gefühl vom Dazugehören. In der Gruppe ist man wer, alleine ist man nichts. Wer nicht für uns ist, der kann nur gegen uns sein. Bekannt geworden ist auch das Kinoplakat des Films. Dort heißt es: "Er ist sein Bruder, und sein Opfer". Dieses Zitat bezieht sich natürlich auf Danny, den eigentlichen Hauptdarsteller. Er trägt und erzählt die Geschichte rund um den großen Bruder Derek. Schade das Edward Furlong außerhalb der Kameras sein Leben mit diversen Pülverchen verplempert. Ich hätte ihn auch gerne in anderen guten Rollen gesehen, doch leider fallen mir aus seinem Schaffen immer nur "T2" und "AHX" ein. Wenn seine Rolle auch mehr der eines Beobachters gleicht, so sehen wir durch seine Augen den Untergang des Bruders, ebenso wie dessen abfärben auf ihn selbst. Diverse Szenen stehen stellvertretend für das bereits erwähnte Wir-Gefühl. Sein stolzes Geprahle über den Schulaufsatz "Mein Kampf", die brave Ja-Sagerei wenn Kamerad Seth durchs Wohnzimmer rollt und nicht zuletzt die Wut über Dereks "Verrat" im Kreise der "Familie". 

 

AUSSAGE:

Gerügt wird und wurde der Film vor allem wegen seiner Zweideutigkeit. Er kann missverstanden werden und vor allem der Epilog wirkt im Kontext zum bitteren Finale auf dem Schulklo wie ein Schlag in die Magengrube. Seien wir doch mal ehrlich: Wäre Dannys Schulrivale beim Anblick jener Zeilen vor Rührung auf die Knie gefallen? Hätte Derek im Knast jemals Freundschaft mit einem schwarzen Mithäftling geschlossen, wenn er zuvor nicht recht unsanft beim Duschen überrascht worden wäre? Mit all diesen Wirrungen spielt der Film seine Karten gekonnt aus und bleibt am Ende dennoch ambivalent. Der Satz: "Wir sind Freunde, keine Feinde" wirkt schon fast zynisch, wenn man an Dannys Schicksal denkt und doch gelingt es Kaye mit seinem Film die Ursachen für Hass und Unzufriedenheit in Form von Rassismus offenzulegen. Ich denke, er könnte genauso gut in einem anderen Millieu spielen, denn Rassismus ist überall zu Hause.

Edward Norton hätte für diese Rolle den Oscar verdient gehabt. Seine körperlichen Strapazen in allen Ehren (15 kg Muskelmasse), doch mit seinen "leidenschaftlich" vorgetragenen Reden als Neonazi Derek holt er alles aus sich raus. Bei der Gelegenheit auch ein großes Lob an Synchronsprecher Dietmar Wunder (u.a. Daniel Craig). Die Läuterung vom fanatisch, charismatischen "Führer" hin zum eher leisen und friedfertigen Derek ist für manche wohl ein Problem. Kann das sein, so schnell und so radikal? Nun ja, erwähnenswert bleibt die Knastzeit und da man selbst Augenzeuge der Vorfälle im Gefängnis wird, ist es zumindest für mich nicht soweit hergeholt, das ein ehemals beliebter Schüler mit guten Noten durch den Mord an seinem Vater einerseits zum wütenden Hassprediger wird und nach all den Vorfällen im Gefängnis ein paar Fragezeichen über dem Kopf hat, ehe er schließlich beschämt die Hand über das tätowierte Hakenkreuz auf seiner Brust legt... 

 

GEGENWARTSBEZUG:

Trotz, oder gerade wegen des verstörenden Endes läßt "American History X" auch den Zuschauer mit einem Fragezeichen zurück. Es geht nicht so sehr um die Frage ob Rassismus richtig oder falsch ist sondern um den allgemeinen Umgang unter Menschen. In der heutigen Zeit entwickelt sich die Gesellschaft in meinen Augen mehr und mehr zu jener in "Demolition Man". Womöglich werde ich es noch erleben, das ich einen Credit bekomme, weil ich gegen die verbalen Moralitätstatuten verstoße. Alle reden von Toleranz und Offenheit, doch letztlich erscheint mir all die >politische Korrektheit< ziemlich heuchlerisch. Wenn Pippi Langstrumpfs Vater in den Büchern von Astrid Lindgren nicht mehr länger als Neger- sondern Südseekönig bezeichnet werden darf, sich der Sarotti-Mohr zum (weißen) Sarotti-Zauberer verwandelt und nach dem gewaltsamen Tod George Floyds alle so tun, als wäre Rassismus etwas völlig neues, dann stimmt mich das ziemlich nachdenklich. Umso sympathischer war mir in diesem Zusammenhang ein afrikanischer Einwanderer in der Sendung "Hart aber Fair". Die Sendung befasste sich mit jener >Korrektheit< und all den "moralischen Instanzen" verschlug es die Sprache, als jener aus Afrika stammende Einwanderer offenbarte, das sein Lokal "Zum Mohrenkopf" heiße :-D  Das nur mal so am Rande, den mir persönlich ist es völlig egal ob man mich Bleichgesicht, Kalkleiste, Weißer oder was auch immer nennt...  

 

FAZIT:

Kayes Film regt zum nachdenken an, ist aktueller denn je und bewegt auf intensivste Weise. Er handelt von Gewalt und deren Ursachen. Zu den verstörendsten Szenen gehören für mich: das Gespräch mit Vater Dennis, Dereks Interpretation vom Fall Rodney Kings und die finale Sequenz, welche ihm auf tragische Weise vor Augen führt, das Dannys Tod letztlich durch sein "Vorbild" heraufbeschworen wurde. Die Gewaltspitzen sind ebenfalls nichts für Zartbesaitete, wobei die aufsehenerregende Bordsteinszene (zum Glück) nur angedeutet wird. Leider wurde sie in der Realität einem Jugendlichen zum Verhängnis, dessen gewaltsamer Tod im Jahr 2002 wohl durch diesen Film inspiriert wurde :-(

Man sieht also - AHX ist sehr frei interpretierbar. Dennoch gibt es nur wenige Filme, welche mich so gefangen nehmen konnten wie Dieser. SB.com ist mit 10 zu vergebenden Punkten sehr großzügig in Sachen Bewertung. Selbst viele Lieblingsfilme von mir bekommen meist nur eine 8 oder 9, weil es zum Meisterwerk an Kleinigkeiten scheitert. Kayes Film ist allerdings eine der wenigen Ausnahmen. Happy Ends sind etwas tolles, doch hier bleibt jenes aus und läßt einen verstört zurück. Ankreiden könnte man Kaye vielleicht, das die schwarze Gang in einem stereotypen Bild gezeichnet wird. Die Kiffer, welche mit Knarren und lauter Rapmusik in abgedunkelten Limousinen durch die Straßen fahren... Andererseits relativiert sich dieser Eindruck durch den Blick auf Dereks Szene. Daneben tauchen Figuren wie Lehrer Sweeney und Dereks Mithäftling aus der Wäscherei auf, die jenes stereotype Bild wieder aufheben. Angefangen bei diversen Schauspielern wie Norton, D´Angelo, Keach oder Brooks über die sparsamen Schnitte hin zum berührenden Score oder dem Wechsel aus Farb- (Jetzt) und Schwarzweißszenen (Rückblenden): AMERICAN HISTORY X hat sich trotz seiner Ambivalenz die volle Punktzahl verdient - zumindest für mich ;-)

10/10
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Kommentare

14.03.2021 15:36 Uhr - prince akim
1x
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Sehr gelungene Review, Rullep ! Als ich den Film das erste Mal sah, da war ich, wie du ja auch im letzten Absatz erwähnst, schon ein bißchen verstört. Die gesamte Story nimmt einen doch ganz schön mit. Ein unvergesslicher Film, bei dem ein Happy End überhaupt nicht gepasst hätte !

14.03.2021 19:46 Uhr - ActionJackson77
1x
Rockiges Review zu einem kultigen Film. 10 von 10 und kein Punkt weniger für beides!

15.03.2021 11:02 Uhr - Draven273
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Erfahrungspunkte von Draven273 325
Eine wirklich tolle Review zu einem Klassiker möchte ich ihn schon fast nennen. Was diese Thematik angeht, und dann noch aus Amerika, einer der besten Filme meiner Meinung nach. Da hast Du etwas schönes gezaubert, gut Deine Argumente eingebracht, die nötige Distanz behalten und vor allem eine wirklich passende Meinung zu diesem Film gebildet. Ich habe diesen Film viele Jahre später erst gesehen, ab diesem Zeitpunkt hat er mich aber sofort gepackt. ich kann Dir da in allen Deinen Punkten nur zustimmen. Vielen Dank Rullep

15.03.2021 11:34 Uhr - Rullep
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@prince akim, ActionJackson77, Draven273

Ich danke Euch!

15.03.2021 15:24 Uhr - TheMovieStar
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Sehr lesenwerte und informative Kritik, Rullep zu einem wahrlichen Klassiker. Ich war bei meiner Kritik bei ner 9 kann aber auch deine 10 durchaus nachvollziehen. Saubere Arbeit!

15.03.2021 19:24 Uhr - Rullep
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Danke fürs Lob, Moviestar ;-)

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