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Mord im Orient-Express

Originaltitel: Murder on the Orient Express

Herstellungsland:Großbritannien (1974)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Krimi, Mystery
Alternativtitel:Agatha Christie: Mord im Orient-Express
Agatha Christies Mord im Orient-Express
Agatha Christie's Murder on the Orient Express
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,47 (17 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Der bekannte, belgische Detektiv Hercule Poirot reist mit dem Orientexpress von Istanbul in Richtung Heimat. Der ebenfalls mitreisende und wohlhabende Ratchett, welcher einen Mordversuch auf sich befürchtet, erkennt Poirot und bittet diesen sich der Sache anzunehmen. Poirot ist jedoch nicht interessiert an dem Fall. Am nächsten Morgen wird Ratchett tot in seiner Kabine aufgefunden. Poirot nimmt sich auf Bitte eines Freundes, welcher ihm zu der Zugfahrt verhalf und Besitzer des Orientexpresses ist, dem Fall nun doch an. Nach einer Untersuchung der Kabine des Ermordeten, beginnt Poirot mit der Befragung der Passagiere und Mitarbeiter. Der Fall wird dabei immer rätselhafter. ()

eine kritik von shharry2:

Hercule Poirot, unzweifelhaft die bekannteste literarische Schöpfung der britischen Autorin Agatha Christie, hat nicht nur auf Papier, sondern über viele Jahrzehnte auch im Kino und TV viele scheinbar unlösbare Verbrechen mit Hilfe seiner „kleinen, grauen Zellen“ lösen können. Einer der berühmtesten Fälle ist der „Mord im Orient-Express“, welcher unter Starbesetzung von Regisseur Sidney Lumet („Die zwölf Geschworenen“) im Jahre 1974 zum ersten Male für das große Kino verfilmt wurde, und diesen äußerst gelungenen Versuch werde ich in den folgenden Zeilen besprechen.

Inhalt: Der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot hat gerade einen Fall in Jordanien gelöst, und befindet sich nun an Bord des Orient-Express auf dem Rückweg nach England, zu seinem nächsten Fall. Ganz untypischerweise für die kalte Jahreszeit ist der gesamte Calais-Wagon voll besetzt, darunter mit solch illustren Gestalten wie die alte, russische Adlige Prinzessin Dragomiroff, der britische Oberst Arbuthnot und der undurchsichtige Geschäftsmann Ratchett. Letzterer wird, nachdem er vergeblich Poirot als Leibwächter anheuern wollte, an nächsten Morgen in seiner verschlossenen Schlafwagenkabine ermordet aufgefunden. Da eine Schneewehe den Zug am Weiterfahren hindert, beauftragt einer der Direktoren der Eisenbahn, Monsieur Bianchi, welcher ebenfalls mit dem Orient-Express reist, seinen Freund Hercule mit der Aufklärung des Mordes, was sich als gar nicht so einfach zu bewerkstelligen herausstellen soll. Denn es gibt mehr als nur einen der Passagiere, der sowohl mit dem Mordopfer, als auch dessen nebulöser Vergangenheit in Verbindung steht….

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich sehe „klassische“ Kriminalfälle, in denen ein Detektiv/eine Detektivin mittels Spürsinn und Menschenkenntnis (oder der Psychologie, wie es Poirot treffend beschreibt) besagten Fall lösen, seit meiner Jugend sehr gerne. Egal, ob der amerikanische Columbo, der deutsche Kommissar Keller, oder der hier im Zentrum der Ereignisse stehende Belgier, sie alle stehen für die Art Kriminalist, der eher unaufgeregt, bedacht und durch viele Gespräche mit den Verdächtigen letztlich das Verbrechen aufklären kann. Die Figur des Poirot gefällt mir da besonders, seit ich vor vielen, vielen Jahren zum allerersten Mal einen seiner verfilmten Fälle im TV sah, nämlich „Tod auf dem Nil“, mit Sir Peter Ustinov als Poirot (auch eine fantastische Verfilmung wie ich finde). Danach sah ich dann auch den hier besprochenen „Mord im Orient-Express“, und beide Filme weisen einige Parallelen auf: Eine mehr als nur illustre Schar an damaligen Alt- und Jungstars, inszeniert von einem erfolgreichen Regisseur und in großen Teilen hielt man sich eng an die literarische Vorlage.

Es gibt, wie bei praktisch jeder Romanverfilmung, auch hier einige Abweichungen, die aber fast ausschließlich Details betreffen: Im Roman heißt der Direktor der Eisenbahn Mr. Bouc und ist, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, auch kein Italiener (namems Bianchi). Der Kammerdiener von Ratchett heißt im Roman Masterman und nicht Beddoes und ist auch einige Jahre jünger, so um die 40, während der Darsteller des Beddoes, der großartige John Gielgud, das Alter eines etwa 60jährigen Butlers zur Schau stellt und tatsächlich schon 70 Jahre zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gewesen ist.

Der Mädchenname von Gräfin Andrenyi lautet im Roman Goldenberg, im Film Grünwald, und im Roman ist Ratchett – oder Cassetti, wie der Name des Entführers und Mörders der kleinen Daisy Armstrong wirklich lautet – der Kopf und alleinige Urheber des Verbrechens. Im Film hingegen wird noch ein Mittelsmann eingefügt, der kurz vor seiner Hinrichtung preisgibt, zusammen/im Auftrag von Cassetti gehandelt zu haben. Ansonsten hält sich Lumet aber wie gesagt ziemlich eng an den Roman von Agatha Christie, welchen ich, wie alle anderen Fälle von Hercule Poirot, vor einigen Jahren gelesen habe.

Für mich persönlich ist diese Verfilmung die gelungenste des Romans „Mord im Orient-Express“, als auch generell die beste aller Fälle des Belgiers (okay, ich gebe zu, ich habe noch nicht alle Verfilmungen der TV-Serie von und mit David Suchet gesehen, aber primär spreche ich hier der Einfachheit halber mal von Verfilmungen für die große Leinwand. 😉). Das hat mehrere Gründe, da wären z.B. der schon angesprochene Cast. Wir haben hier wirklich ein echtes Who-is-Who der damaligen Schauspielerriege vor uns: Albert Finney (Poirot), Sean Connery (Oberst Arbuthnot), Ingrid Bergman (Greta Ohlsson), Vanessa Redgrave (Mary Debenham), Anthony Perkins (Hector McQueen), Michael York und Jacqueline Bisset (Graf und Gräfin Andrenyi), Martin Balsam (Signore Bianchi) sowie Lauren Bacall (Mrs. Hubbard). In kleinen, aber feinen Nebenrollen kann man noch Colin Blakely (Cyrus Hardman) und Jean-Pierre Cassel (Schaffner Paul Michel) bewundern. Bedingt durch die Romanhandlung nimmt naturgemäß Albert Finney als ermittelnder Detektiv die größte Zeit auf der Leinwand in Anspruch, doch auch die restlichen Darsteller wissen in ihrer Manchmal sehr begrenzten Screentime zu glänzen.

Ganz besonders hervorzuheben ist hier Ingrid Bergman als tief-religiöse und geradezu verhuschte Schwedin Greta Ohlsson, die nicht umsonst für diese Leistung mit dem Oscar ausgezeichnet wurde als auch Lauren Bacall, welche die redselige und leicht enervierende Mrs. Hubbard kongenial verkörpert, wenn auch in ihrem Fall die literarische Vorlage nicht gaaanz so angelegt ist. Aber das tut dem Spaß, den man als Zuschauer bei ihr hat, keinerlei Abbruch. Wenn man ganz kritisch ist kann man evtl. daran herumkritteln, dass die Rollen des Hardman und Foscarelli bis auf jeweils 1 Szene etwas zu kurz kommen. Wie gesagt, kann man, muss man nicht. 😉In einer ebenso kleinen, aber gleichermaßen feinen Rolle kann man noch Richard Widmark als Ratchett bewundern.

Optisch und von den Kostümen her ist hier auch nur allererste Sahne geboten, genau so stelle ich mir einen luxuriösen Zug inklusive Schlafwagenabteil für die Reichen und Berühmten Mitte der 1930er Jahre vor. Die musikalische Untermalung von Richard Rodnex Bennett passt auch sehr gut zur dramatisch-mysteriösen Art des ganzen Falles. Wer übrigens Action erwartet, ist hier definitiv fehl am Platz, dies ist wie weiter oben schon beschrieben gute, alte Detektivarbeit, selbst bei etwas intensiven Verhören durch Poirot verliert keiner der Beteiligten die Beherrschung, oder gar seine schwingende Faust. Das Maximum an Action ist ein leichter Schubbser von Arbuthnot gegen Schaffner Michel, sowie der tote Ratchett mit den blutenden Einstichwunden.

Das tut dem Geschehen keinen Abbruch, ganz im Gegenteil ist es für mich auch nach der x-ten Sichtung eine Freude, dem kleinen Belgier dabei zu zusehen, wie er einen Passagier nach de anderen verhört, ein Puzzlestück dem anderen hinzufügt und Stück für Stück des Rätsels Lösung näherkommt. Die vielen Flashbacks, die unverzichtbar sind, um die Handlung zu verstehen, tuen ihr Übriges dazu. Und ähnlich wie im Peter Ustinov Fall auf dem Nil wird ungefähr die letzte halbe Stunde damit verbracht, dass Hercule Poirot vor versammelter Mannschafft den Fall in all seinen Einzelheiten darlegt und somit aufklärt. Inzwischen bin ich auch der Ansicht, dass Albert Finney rein optisch schon ziemlich gut die Figur des kleinen Belgiers mit seinem berühmten Schnauzbart verkörpert hat. Wobei ich mal gelesen habe, dass Agatha Christie insgesamt zwar zufrieden war mit seiner Darstellung, ihr aber sein Schnauzer etwas zu unspektakulär erschien. Da würde mich mal interessieren, was sie zu dem abstrusen Ding, das Kenneth Branagh in der 2017 Neuverfilmung in seinem Gesicht mit sich herumträgt, gesagt hätte.

Dies ist auch einer der wenigen Filme, denn ich mir trotz bereits bekanntem Ausgang schon so oft angesehen habe und es auch immer wieder tun werde, ohne, dass es mir dabei langweilig werden würde, ganz im Gegenteil. Erst gestern, bei meiner jüngsten Sichtung, ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass Pierre Michel, der Schaffner, seine aus verschiedenen Ländern stammende Gäste beim Einstieg in den Zug jeweils in ihrer Landessprache begrüßt. Allerdings dürfte das nur im O-Ton so sein, die deutsche Version habe ich vor so vielen Jahren zum letzten Mal gesehen, dass ich nicht mehr sagen kann, wann genau dies gewesen ist.

Fazit: Man dürfte es anhand meiner mehr als nur positiven Ausführungen bereits erahnt haben: „Mord im Orient-Express“ ist ein durch und durch, und dazu noch über die Maßen gelungener, zeitloser Klassiker. Hier stimmt einfach Alles, und das auch noch ohne überbordende (oder überhaupt) Action, ohne großes Gedöns, ohne hektisches Schnittgewitter, bei dem kein Mensch mehr weiß, was sich eigentlich gerade auf der Leinwand abspielt. Selbst für Kenner des Romans ist der Film jede Minute der Laufzeit wert, für Fans von Hercule Poirot oder solche, die es noch werden wollen allemal. Eine Riege von Schauspielern, die nicht nur klasse, sondern eher schon grandios aufspielen, eine verschachtelte, aber nicht zu komplizierte Kriminalhandlung, sowie viele Details runden das eh schon superbe Gesamtbild stimmungsvoll ab. Es ist mehr als nur bedauerlich, dass die 2017er Verfilmung dagegen in wirklich allen Kategorien unterliegt, teilweise sehr deutlich. Aber das ist eine andere Geschichte, für ein möglicherweise kommendes Review. Ich kann jedem die 1974er Variante von „Mord im Orient-Express“ einfach nur absolut empfehlen, es lohnt sich.

10 von 10 kleinen, grauen Zellen.

10/10
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Kommentare

08.05.2021 22:22 Uhr - Intofilms
2x
Ja, ein ganz wunderbarer Film. Finde ich heute noch schöner und besser als früher. Sehr sympathische Review. Ich stimme mit Vergnügen zu und gebe meinerseits 9 Punkte. ;)

09.05.2021 23:35 Uhr - Kaiser Soze
1x
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Guter Film, nicht ganz perfekt gealtert und der Anfang zieht sich etwas, aber an sich natürlich spitze!
Ich mag Das Böse unter der Sonne am liebsten, noch vor Tod auf dem Nil und diesem Film hier.

Egal, super geschriebenes Review, in dem Du ausführlich und nachvollziehbar aufzeigst, wieso Du den Film (zurecht) magst. Den Vergleich zum Roman hätt ich nicht gebraucht, ist aber natürlich interessant! Gerne noch weitere Reviews^^

10.05.2021 00:09 Uhr - Stoi
Ist schon eine Weile her, dass ich die 1974er Version gesehen habe aber die Neuverfilmung von 2017 hat mich positiv überrascht und im Vergleich finde ich die neue Fassung um einiges besser.

10.05.2021 10:01 Uhr - shharry2
2x
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Vielen Dank für die Kommentare.

@Kaiser Soze
Meine Rangliste ist wie folgt:

1. "Mord im Orient-Express" (1974)
2. "Tod auf dem Nil" (1978)
3. "Das Böse unter der Sonne"

@Stoi
So können die Meinungen auseinandergehen, ich finde die 2017er Verfilmung ziemlich schwach, hat mich regelrecht enttäuscht.

10.05.2021 10:39 Uhr - Kaiser Soze
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@shharry2
Ich gehe nun einfach mal kühn davon aus, dass wir beide alle drei Filme (sehr) gut finden und dann macht das doch nichts. :D

@Stoi
Puh, die 2017er-Verfilmung hat Dir gefallen?! Fand den Poirot nicht gut / überzeugend, Handlung und Co zu langatmig, den Film zu spannungsarm und langgezogen. Aber alles Geschmackssache, jedem das seine^^

10.05.2021 10:57 Uhr - shharry2
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@Kaiser Soze

Ich denke, da hast du vollkommen recht. ;-)
Warum mir "Das Böse unter der Sonne" nicht ganz so gut wie die anderen beiden Filme gefällt leigt denke ich am Setting im beengten Raum (also Zug sowie Nildampfer), was bei meinem in der Rangfolge als drittem stehenden Film nicht ganz so der Fall ist. Ansonsten aber auch ein Top-Film!

Deinen Ausführungen zur 2017er Version stimme ich größtenteils zu, wobei ich von Branagh als Poirot - bis auf einige Szenen - durchaus positiv überrascht gewesen bin.

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