SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Dying Light 2 [uncut] · Stay Human · ab 54,99 € bei gameware Dying Light 2 [uncut] · Stay Human · ab 64,99 € bei gameware

Lux Æterna

Herstellungsland:Frankreich (2019)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Thriller
Alternativtitel:Lux Aeterna
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,50 (6 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Die exzentrische Schauspielerin Béatrice (Béatrice Dalle) möchte in ihrem ersten Spielfilm eine der größten Verfehlungen der Menschheitsgeschichte aufarbeiten: die grauenvollen Hexenverbrennungen des Mittelalters. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Schauspiel-Kollegin Charlotte (Charlotte Gainsbourg), mit der sie anfangs noch ausgelassen Anekdoten vergangener Dreharbeiten austauscht. Doch als am Set immer mehr Dinge schieflaufen und die gesamte Produktion im Chaos zu versinken droht, ist schnell eine Schuldige gefunden: Béatrice! Bald findet die Hexenjagd nicht mehr bloß vor der Kamera statt und die Stimmung am Set spitzt sich zu – bis zur totalen Eskalation. (Alamode Filmverleih)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von the machinist:

Lux Aeterna

Die heilige Messe des Gaspar Noe

 

Selten fiel es mir so schwer über einen Film zu schreiben. Hätte ich mir aber auch denken können, schließlich handelt es sich bei dem um das neueste Projekt des französischen Enfant terrible Gaspar Noe, der nicht gerade für seichte Unterhaltung bekannt ist. Da ich selbst großer Wertschätzer der New French Extreme - die vom Regisseur mit Irreversible praktisch ins Leben gerufen wurde - bin und die ätherische Drogenrausch-Megalomanie Enter The Void für einen der bislang größten Experimentalfilme des 21. Jahrhunderts halte, kann man sich in etwa vorstellen wie heiß ich auf Lux Aeterna gewesen sein muss. Und der ist, nun ja, um es kurz zu halten, eine ziemliche Enttäuschung... aber trotzdem geil! 

Im Mittelpunkt des Films stehen die französische Schauspielerin Beatrice Dalle, die einen Film über Hexenverbrennungen im Mittelalter inszenieren möchte, sowie Charlotte Gainsbourg, die für die Hauptrolle in eben diesem vorgesehen ist - beide Frauen spielen also sich selbst und heißen im Film schlicht Beatrice und Charlotte. Dazu kommen Intrigen am Set und viel Gezeter und nein, sehr viel mehr lässt sich über die ''Handlung'' in Lux Aeterna kaum sagen.

Beginnend mit alten Stummfilm-Aufnahmen aus den Klassikern Häxan - Witchcraft Through The Ages und Dreyers Tag der Rache, wirft man dazu noch Zitate Jean Luc Godards und Rainer Werner Fassbinders mit in den Raum, bis letztendlich Beatrice und Charlotte in einer zweigeteilten Bildmontage zu sehen sind. Diese palavern über Sabba, die Hexe von 1988, Ejakulat, darüber wie geil es ist auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden und das Ende von Lars von Triers Weltuntergangsfantasie Melancholia. Dies gleicht einer religiösen Beichte, die (improvisierten?) Dialoge gefallen durch unterschwelligen Wortwitz und daneben ist speziell dieser Moment ein Essay über das Filmemachen an sich.

Anders als Noes Vorgängerfilm Climax, der auf den ersten Blick wenig, dann aber doch sehr viel erzählt, hat sich die Idee von Lux Aeterna damit auch schon ausmanövriert. Er ist eben nicht sonderlich viel mehr als sein Konzept, geht mit nur 50 Minuten gerade einmal so lang um vielleicht noch Religion als Mumpitz ankreiden zu wollen (?). ''Gott sei Dank, ich bin Atheist.'' sagt Noe dann im Abspann. Mag ja sein, aber du bist eben auch Filmregisseur. Und einen Film bewerte ich oft auch an der Botschaft, welche er mir mitzugeben vermag. Was und ob hier überhaupt etwas vermittelt werden sollte, ist daher nicht ganz klar und die Antwort darauf mag wohl nur in den hintersten Gedankengängen des Filmschaffenden interpretierbar sein. Wie es vielschichtiger geht, hatte Olivier Assayas 1996 mit seinem ganz ähnlich funktionierenden Film-im-Film-Projekt Irma Vep bewiesen. 

Mit drastischen Gewaltmomenten, für die sein Regisseur ja teils berühmt berüchtigt ist hat der Film folglich so überhaupt nichts zu tun. Die verstörendste Szene in Lux Aeterna ist wahrscheinlich die, in der Charlotte bei Drehbeginn einen Anruf von ihrer Tochter bekommt, woraus man sicherlich einen ganz eigenen Film machen könnte.

Die permanent durcheinander quatschenden Charaktere, die sich gelegentlich auch in parallel zueinander ablaufenden Szenen-Arrangements bis an den Nervenzusammenbruch spielen, stressen ähnlich wie Adam Sandlers dauerbrabbelnder Juweliers-Fatzke in Uncut Gems - Der schwarze Diamant, ansonsten hat Lux Aeterna visuell kaum Gemeinsamkeiten mit herkömmlichen Spielfilmen. Überwiegend gedreht in 35mm und versehen mit ordentlich Filmkorn versucht der nämlich genauso auszusehen wie das prä-digitale Kino, welchem er so unentwegt huldigt. Hier ist Noe wieder voll in seinem Element. Seine schlichten Bilder sind urgewaltig, aber doch von unzweifelhafter Perfektion.

Das Werk hat in diesem Sinne nichts mit dem modernen Kino in Bezug auf dessen Funktion als Unterhaltungsmedium zu tun, sondern wütet so ununterbrochen vehement gegen jede Art von Massengeschmack, bis sich der Film irgendwann sogar in sich selbst verliert um in einem Inferno aus hysterischem Dalle-Geschrei und Retina-zerschießendem Stroboskop-Geflimmer unterzugehen, in dem die Darsteller schlussendlich zu fiktiven Charakteren werden. Derartiges ist wohl als Versinnbildlichung zeremonieller Totenmessen des christlichen Gottesdienstes und der Bitte nach ewigem Licht (Lux Aeterna) deutbar, mitsamt Charlotte Gainsbourg, die Noe, gefesselt an einen Holzpfahl, zu seiner ganz eigenen cineastischen Märtyrerin erhebt. Vor allem aber irritiert das gewaltig, gefällt im Nachhinein ob der heftigen Ehrlichkeit des Geschehens aber irgendwo schon wieder, auch wenn es zumindest bei mir bei dieser einmaligen Sichtung bleiben wird.

''Weißt du was ich am liebsten mag? Wenn du dir keine Fragen mehr stellst und es etwas komplett Unwahrscheinliches gibt, das man nicht erklären kann. Und du versuchst es dir nicht zu erklären. Weißt du, du suchst nicht die Lösung, weil das viel stärker ist. Der Typ nimmt dich mit auf seinen Trip, in seinen Geist, in sein Gehirn.''

 

Fazit

Gaspar Noe arrangiert eine 50-minütige Tour de Force der Gemüter am Set eines Films über Hexenverbrennung. Das ist genauso eigensinnig wie es klingt und insgesamt gibt es in Lux AEterna zwar viel zu sehen und zu hören aber relativ wenig zu finden. Gleichzeitig gerät der Konzeptfilm in seiner haltlosen Geschwätzigkeit mitunter so dermaßen überreizt, dass selbst beinharte Verehrer des französischen Hardcore-Regisseurs nur bedingt auf ihre Kosten kommen, ist andererseits in Anbetracht der konsequenten Trotzigkeit und dem völligen Fehlen eines inhaltlichen Schwerpunktes schon wieder verdammt faszinierend.

6/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Thelma
The Machinist
9/10
Exte:
The Machinist
8/10
die neuesten reviews
Mein
Ghostfacelooker
Vanilla
Kassiopeia
6/10
Lady
EvilCat
9/10
Nightmare
dicker Hund
6/10
Mad
TheMovieStar
6/10
From
TheMovieStar
9/10
Lizenz
Phyliinx
7/10

Kommentare

23.05.2021 21:39 Uhr - dicker Hund
1x
User-Level von dicker Hund 17
Erfahrungspunkte von dicker Hund 5.260
Spannender Kontrast zu Ashy-Slashys höherer Meinung, der interessant zu lesen ist, ohne die Neugier zu bremsen.

Tante Edith fiel es viel leichter, den zweiten Satz zu lesen, als den ersten.

24.05.2021 00:19 Uhr - The Machinist
1x
User-Level von The Machinist 8
Erfahrungspunkte von The Machinist 864
@dicker Hund: Danke dir.
Was ist denn mit dem ersten Satz?

24.05.2021 02:15 Uhr - TheRealAsh
2x
User-Level von TheRealAsh 10
Erfahrungspunkte von TheRealAsh 1.399
Fiel Spaß, viel mir da ein;-)

Tolles Review, Machinist, und schön gleich deine geschätzte Lesart hierzu zu rezipieren. Mit Unterhaltungsmedium hat das nichts zu tun, ganz klar, und fiel ja letztlich doch recht positiv bei dir aus. Ich denke, wenn man sich auf unserer Mitte trifft, könnte man glücklich werden :-)

24.05.2021 11:58 Uhr - The Machinist
2x
User-Level von The Machinist 8
Erfahrungspunkte von The Machinist 864
@Ash: Ach ja, soeben fiel es mir auf.
Ich wusste erst garnicht was ich davon halten sollte, ist insgesamt aber ein Film den ich schon wertschätze. So wirklich überhaupt nichts war sowieso nur ''Love'' von ihm, fand ich. ''Menschendfeind'', ''Irreversible'', ''Enter the Void'', ''Climax'' - die sind bei mir ja alle mit 8, oder sogar 9 in der Skala.
Hoffentlich kommt bald der Nächste.


kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)