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Dallas Buyers Club

Herstellungsland:USA (2013)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama
Alternativtitel:Dallas Buyers Club, The
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,64 (14 Stimmen) Details
inhalt:
Dallas, 1985: Der Cowboy Ron Woodroof (Matthew McConaughey) führt ein exzessives Leben auf der Überholspur. Rodeos, Alkohol, Koks und Frauen bestimmen seinen Alltag. Als Woodroof wegen einer Schlägerei im Krankenhaus landet, eröffnet ihm der Arzt, dass er HIV-positiv ist und nur noch 30 Tage zu leben hat. Die Welt des homophoben Texaners bricht zusammen - für ihn ist es unfassbar, dass er sich mit dieser „Schwulenkrankheit“ infiziert haben soll. Nachdem ihm das einzige legale Medikament AZT mehr schadet als nutzt, sucht er nach Alternativen. Ron wird in Mexiko fündig und beginnt, die in den USA illegalen Medikamente im grossen Stil ins Land zu schmuggeln. Um sein Geschäft noch lukrativer zu machen, lässt er sich auf einen Deal mit dem homosexuellen Rayon (Jared Leto) ein: Gemeinsam gründen sie den „Dallas Buyers Club“, durch dessen kostenpflichtige Mitgliedschaft man unbegrenzten Zugang zu den Präparaten bekommt. Mit dem Erfolg gerät die Organisation allerdings schnell ins Visier der FDA (Food and Drug Administration). Denn die Gesundheitsbehörden sind, ganz im Sinne der Pharmaindustrie, nicht gewillt, das rentable Geschäft mit den Kranken aus den Händen zu geben. Ron beschliesst, sich gegen das System zu stellen und nicht nur für das Recht der Kranken, sondern für das Leben zu kämpfen.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von velvetk:

Ron Woodroof ist ein rauchender, saufender, promiskuitiver und harte Drogen konsumierender Lebemann. Ein oftmals rohes, direktes und unzugängliches Arschloch, das sich für niemanden, unter keinen Umständen, wirklich biegen würde. Eine harte Schale ohne den Anflug eines weichen Kerns. Wetten und Stoff, Rodeo, Muschis und Zocken. Woodroof ist ein unsympathischer, immer vulgär konternder und wenig bemitleidenswerter Kerl. Als er Mitte der Achtziger die Diagnose HIV - bzw. Aids - erhält, bricht sein ganzes Leben mit einem Schlag einen Abhang hinunter. Noch etwa 30 Tage restliche Lebenszeit räumt ihm ein ortsansässiger Arzt ein, doch Woodroof gibt nicht auf. Erlaubte und hinter der Hand verschaffte Medikamente helfen nicht und das was über zig Umwege und grenzüberschreitende Hürden Hoffnungen glättet, ist in den USA nicht zugelassen. Lautstark, ungehobelt, hassenswert und zutiefst verabscheuungswürdig, bahnt sich der verzweifelte Mann einen zunächst steinigen Weg, um am Leben zu bleiben. Experimentelle Medikamente aus Mexiko, Japan und aller Welt helfen und Ron macht sich auf. Nach und nach spinnt er sich ein profitables Netz zusammen und gründet - eher widerwillig und zunächst zynisch - mit der transsexuellen Rayon einen exklusiven Club, der sich über Woodroof lindernde Mittel verschafft und Mitgliedschaften anbietet, was allerorts zu Spannungen, Legalitätsfragen und der eigentlichen Bestandsaufnahme des Wertes eines einzigen Lebens führt. Ein leichtes Flattern im Licht.

Auf dem Papier klang Dallas Buyers Club seinerzeit gar nicht mal so gut und als Tüpfelchen gab es die durch und durch untalentierte Jennifer Garner obenauf. Doch das Papier ist nur eine Facette und gehört, hat man wie Ron noch eine klitzekleine Chance auf ein Stückchen Leben, zerknüllt. Matthew McConaughey nahm für die berechtigterweise Oscar-prämierte Rolle des homophoben Rodeo-Reiters Ron Woodroof, der nach einem Arbeitsunfall über seine HIV-Diagnose und Aids-Erkrankung informiert wird, über 20 Kilogramm ab. Die Figur ist im Vergleich zur Realität ungeschönt geschönt oder wahlweise überzeichnet wechselhaft gestaltet worden. Auch andere Linien wurden von den Autoren entweder verändert oder ganz neu hinzugedichtet. Rayon, gespielt vom hierfür ebenfalls mit einem Oscar ausgezeichneten Jared Leto, hat es so wohl nie gegeben. Als ich mir den Trailer vor einigen Jahren ansah, roch das alles zu sehr nach einem kalkulierten Oscar-Schaulauf. Das Interesse an Dallas Buyers Club schwand zuerst dahin, denn in den ersten bewegten Bildern verlor mich der Film von Regisseur Jean-Marc Vallée mit seiner rüden wie ehrlichen Art.

Dass man die wahren Ereignisse auslegbar umformte und der Figur Woodroof ein zuletzt sphärisches Denkmal mit markanten, charakterlichen Kratzern setzte, ist aus dramaturgischer Sicht absolut nachvollziehbar, auch wenn die großartigen ersten beiden Drittel dieses so eleganten Dramas damit etwas konventioneller ausklingen als erwartet. Anfangs wirkt Dallas Buyers Club, mit seinen ins Dunkel getauchten Sexszenen und lebensraubenden Exzessen, wie ein einseitig dämonisierter Zeigefinger und entwickelt erst nach und nach, mit der herausragend gespielten und kurzweilig inszenierten Recherche Woodroofs, ein geradezu nüchternes, wenig märchenhaftes und hochinteressantes Porträt eines dem Tode geweihten Zynikers, der mit seiner grandiosen Geschäftsidee immer mehr ein richtiger Mensch wird, ohne sich in einen Regenbogen zu werfen. Eigennutz und Ablehnung in einer gräulich benebelten Blase. Der gelungene Soundtrack und die zurückgenommene Bildsprache Vallées ziehen einen mitten hinein in die mal dusteren, mal ganz klaren Kanten der Achtziger - sehr stimmig und trotz der schweren Thematik höchst unterhaltsam. Bis auf die wie immer schwierig auftretende Jennifer Garner, erkennt man kaum einen Schauspieler wieder. Egal ob Steve Zahn, Matthew McConaughey oder eben Jared Leto. Leto und McConaughey geben den dramatischen Entwicklungen einen kontrastreichen Kick und die Beiden leben eine sehr eigenwillige Form des Buddy-Films aus, welcher vom Humor her nicht jeden Geschmack treffen dürfte. Dallas Buyers Club lebt, rotzt und keucht seine ambivalente Hauptfigur und demnach sind beinahe sämtlich Ansagen und Äußerungen alles andere als politisch korrekt. Das ist eben auch ein Film über ein Arschloch. Eine außerordentlich wechselhafte Natur, die erst am Ende, als Rayon seinem Ende nah ist, sich einer ersten und zu Tränen rührenden Geste der Freundschaft hingibt. Ich habe selten eine schönere, weil so aufrichtige Umarmung in einem Film gesehen, die eine dermaßen große Kraft ausstrahlt, dass es einen - mit Woodroof - ganz, ganz leicht verzaubert. Leto und McConaughey sind das Herz des Clubs. Die physische Marter beider Akteure ist abschreckend und mahnend, aber kongenial und tiefschürfend umgesetzt. Was mich auf dem Papier erstmal Zweifel ließ, ist in der nach dem Leben sehnenden Bewegung ganz großes Gold, welches zu Recht mit drei Oscars veredelt wurde.

Wenn es einem Menschen schlecht geht und er dem Tod ins Auge blickt, sollte er das bekommen, was ihm hilft. Wer das einmal selbst mitangesehen hat, wird dem unweigerlich zustimmen. Ron Woodroof ist eine sanft glühende Metapher im Angesicht der letzten Möglichkeiten. Das steht sinngemäß am Ende eines ganz großen und überraschend einfühlsamen, aber nie depressiv fauchenden Films, der den streuenden Effekt dieser Krankheit durch ein immer wieder auftauchendes Fiepen in Rons Kopf auf den Zuschauer mit strömender Intensität überträgt. Die Regie von Vallée ist gelungen, zumal dieser filmische Überlänge und kitschiges Schicksalsgedusel weitgehend ausspart. 

Wenn McConaughey für kleine und seelisch entblätterte Blitzer in Tränen einbricht oder sich im abendlichen Kerzenschein einer zwischenmenschlichen Begegnung nährt, dann steht die Zeit für viele Momente in diesem Film still. Schaut man sich den echten Woodroof an, ist die erstaunliche Verwandlung neben dem eigentlichen Schauspiel McConaugheys ein Wunder einer fernen, längst nicht vorurteilsfreien und durchaus rückständigen Ära. Der Film läuft unentwegt auf das Ende zu und Ron ist wieder in Mexiko, liest in gedämpfter Atmosphäre in einem Buch, während Rayon in erlösend arrangierten Zwischenschnitten im Sterben liegt, ohne das Ron es mitbekommt. Ron kratzt sich am Kinn und vernimmt ein undefinierbares, surrendes Geräusch und erblickt im Augenwinkel zwei umher fliegende Falter. Die Lichter flackern und der hagere, bedacht aufmerksame Ron läuft vorsichtig und unsicher unter summenden Röhren einen Gang im Unterschlupf seines Arztes ohne Lizenz entlang. Er betritt einen nebensächlich erscheinenden Raum, schaltet das knackende und zart zirpende Licht an und steht inmitten tausender gelblich-bräunlicher Falter, während die vielen Schatten über seinem blumig verzierten Hemd und seiner Seele aufgeregt tanzen. Ron blickt stumm, erhaben und wie in Trance an sich herab, hebt behutsam seine Hände und schließt seine Augen, während all die quicklebendigen Falter um ihn herum dem Lichte verfallen. Für einen wahrhaftig magischen Moment steht die Zeit komplett auf der Stelle. 

"Oft genug habe ich das Gefühl, ich kämpfe für ein Leben, für das ich gar keine Zeit mehr habe."

Ganz nebenbei ist Dallas Buyers Club ein straubiger Film über die Kommunikation zwischen den Menschen, über das Aufeinandtreffen und Miteinanderauskommen. Dabei klang dieser Film auf dem Papier nicht. Zerknüllte Facetten, ein leichtes Flattern im Lichte, eine Ode ans Überleben, koste es was es wolle.

10/10
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Kommentare

16.05.2021 22:41 Uhr - cecil b
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Lyrisch VelvetK. Sehr schön zu lesen, danke dafür. :)

Nur eine weitere Inhaltsangabe hätte es nicht gebraucht. ;) Ist aber egal.


16.05.2021 22:45 Uhr - VelvetK
User-Level von VelvetK 6
Erfahrungspunkte von VelvetK 596
Ich konnte nicht widerstehen. Ohne allesamt sah der Text so nackig aus ;-) Danke dir.

16.05.2021 22:56 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
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Erfahrungspunkte von cecil b 6.447
Kann ich verstehen. Ich habe die letzten Inhaltsangaben von Filmen, die ich besprochen habe, selbst verfasst, und sie oben untergebracht. Aber wie geschrieben, ist nicht tragisch. Der Leser kann entscheiden, ob der deine, oder nur die andere, oder beide liest. ;) Muss nicht zur Gewohnheit aller Reviewer werden, sollte es auch nicht, aber passt jetzt schon.

Ich mag es, dass du auch oft mehr die Metaebene besprichst. Einige Filme verlangen förmlich danach, wie ich finde. :)

Bis denne

19.05.2021 06:04 Uhr - McGuinness
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Klingt inhaltlich nach einem starken Drama, dessen Thematik recht unangenehm ist, dennoch äußerst interessant zu sein scheint.

Toll verfasste Review, durch welche dieser Titel jetzt meine Neugierde geweckt hat 😉

19.05.2021 11:40 Uhr - VelvetK
User-Level von VelvetK 6
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Da solltest du keine Bedenken haben, denn Woodroof begegnet dem Ernst der Lage mit bester Unterhaltung. Dieser Film ist schon mitreißend, ohne allzu schwer zu wiegen. Absolute Empfehlung und überhaupt Pflichtprogramm.

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