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The Sons of Sam: Ein Abstieg in die Dunkelheit

Originaltitel: RH Project

Herstellungsland:USA (2021)
Genre:Dokumentation, Krimi, Historie
Alternativtitel:The Sons of Sam: A Descent Into Darkness
Bewertung unserer Besucher:
Note: 5,67 (3 Stimmen) Details
inhalt:
In den 1970er-Jahren hielt die Suche nach dem „Son of Sam“ die Welt in Atem. Die Geschichte, die hinter einem der berüchtigtsten Serienmörder der Vereinigten Staaten steckt, war schon fast vergessen – bis heute. Für die meisten Einwohner des Bundesstaats New York bedeutete die Verhaftung und die Verurteilung von David Berkowitz das Ende des mörderischen Albtraums, doch für den Journalisten und Autor von „The Ultimate Evil“ Maury Terry war dies nur der Beginn des eigentlichen Rätsels. Er war davon überzeugt, dass David Berkowitz nicht allein gehandelt hat, und verbrachte Jahrzehnte damit, zu beweisen, dass das mörderische Netz viel weiter gespannt war, als jemals vermutet wurde. Sein Versuch, das Rätsel zu lösen, kostete ihn am Ende alles. Filmemacher Joshua Zeman („Cropsey“, „Murder Mountain“) erzählt mithilfe von alten Medienberichten, Gesprächen mit an den Ermittlungen beteiligten Personen und Maury Terrys eigenen Worten und Fallakten die erschreckende Geschichte eines Mannes, der sich in eine Idee verrannte. Aber hat Maury Terry wirklich Phantomen nachgejagt oder treiben die wahren „Sons of Sams“ womöglich doch noch irgendwo ihr Unwesen?
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von velvetk:

Und wieder einmal schlägt Netflix zu, vielleicht besser denn je, wenn es um die hauseigenen Serial-Killer-Dokus geht. Dabei war ich nach Folge Nummer eins doch etwas enttäuscht, denn die Katze war eigentlich aus dem Sack. David Berkowitz, besser bekannt als Son of Sam, war gefasst. Was sollte da noch kommen? Folglich ließ ich die Serie ein paar Tage ruhen und kam gedanklich trotzdem nicht von dem Thema los. Ich gestand mir ein, dass meine Enttäuschung vor allem daher rührte, dass ich schlicht nicht genug über die Thematik wusste. Die gewohnt vierteiligen Dokureihen über Ted Bundy und den Nightstalker hatten mich durchweg fasziniert, bauten mein Wissen um Finessen aus und konnten darüber hinaus mit einem sinistren Spannungsbogen aufwarten - das hatte ich so noch nicht gesehen und die Akribie in diesen Formaten hinterließ bleibende Spuren. Außerdem bemerkte ich erst später, dass die Doku nicht Son, sondern Sons of Sam heißt. Dahinter musste etwas stecken und Folge Nummer zwei lief an.

Wenn man es ganz genau nimmt, ist das weniger eine Aufarbeitung von Berkowitz, sondern vielmehr das Portrait von Maury Terry, dem dieser weitreichende Fall bis zu seinem Tod keine Ruhe mehr ließ. Natürlich wird Berkowitz weitgehend und von allen möglichen Betrachtungswinkeln behandelt, ausgiebig gezeigt und bis zu seinen Wurzeln nachgezeichnet, doch der wahre Mann, um den es hier geht, ist eben der Journalist Maury Terry. Da dieser einige Jahre vor dieser Doku verstarb, lieh Paul Giamatti seinen Worten einen hörbaren Anker. Bildmaterial war aber reichlich vorhanden, sowohl filmische Dokumente als auch reine Fotografien, die oftmals kreativ gerieten. Regisseur Joshua Zeman, der noch ein eher unbeschriebenes Blatt in diesem Fach ist, orientierte sich an den genannten Netflix-Vorgängern, baute das Geschehen also aus allen möglichen Bausteinen nach. Zeitzeugen und die Bevölkerung, vermeintliche Opfer und Tatorte, Ermittler und Weggefährten teilen sich das reichhaltige Wort, während es viel körniges und zeitgenössisches Filmmaterial zu bestaunen gibt. Genaue Retrospektiven und auch sicher nicht unstrittig eingefärbte Kommentare kreuzen das Zeugnis. Es dauert nur wenige Momente und Sprünge, und schon ist man Gefangen, in diesem grauen Zeitkolorit voller Dreck, Unordnung und Verbrechen. Ein Moloch menschlicher Abgründe wird fühlbar wie selten zuvor. Wer danach noch nicht genug von diesen Sphären hat, wird in Filmen wie Ein Mann sieht Rot, Maniac oder Taxi Driver weiteren Nährboden finden. Untiefen und Narben dieser Zeit - das baut sich über vier Folgen kongenial auf und reißt einen in ein steinernes Dickicht mit, welches einen kaum mehr loszulassen vermag. Allein in dieser Hinsicht ist The Sons of Sam die aufgebrachte Zeit wert.

Was den Gehalt der Serie anbetrifft, kommt man nach und nach nicht an den durchaus stichhaltigen und weniger zurecht geredeten Verschwörungstheorien vorbei, die von Berkowitz - einmal mehr und dann mal weniger - bestätigt worden sind. Maury Terry vermutet relativ schnell, dass es mehr als ein Täter gewesen sein muss, der diese Taten verübte. Terry findet auch klare Verknüpfungen, unabwendbare Linien und sichtliche Netze, brauchbare Indizien und schimmernde Lichtkegel hinter vorgehaltener Hand, Hinweise auf vermengte Kulte und Gruppen. David Berkowitz hat vermutlich nicht allein gehandelt. Das lässt sich nach diesen vier Stunden kaum wegschweigen. Zumindest ist es nicht unmöglich, dem Schein ein zwei Schichten zu nehmen. Die Recherche ist im Detail hervorragend aufgeschlüsselt und nachvollziehbar aufgezogen. Die Macher vermeiden es - trotz aller wahrhaftigen Absichten -, eindeutig Partei zu ergreifen und wen auch immer zu verurteilen. Umstände und Zugeständnisse. Den etlichen Vermutungen werden genügend Räume gegeben, doch nichts wird direkt festgemacht oder als einzige Wahrheit gefeiert. Den berechtigten Zweifeln zwischen allen Fasern lässt man genug Luft und nur selten war ich nach einer solchen Doku so im Bilde und auch wieder nicht unbedingt. Das ist schon ein erstaunlicher Spagat, den die Vorgänger im Geiste so nicht mit sich trugen, natürlich auch, weil der Tatbestand hier vor einem anderen Hintergrund wucherte. Hinzu kommt, dass die Interviews mit Berkowitz viel mehr Fragen und Unsicherheiten zwischen wichtigen Knoten lassen, als vergleichbare Filme. Über Jahre hinweg strebte Terry ein Interview mit Berkowitz an und erfragte ob seiner Audienz immer wieder ins Leere. Doch als er eines Tages zustimmte, stieg die aufklärerische Ungewissheit. Als der von allen Seiten her dämonisierte Son of Sam von Terry befragt wurde, stürzte ein vorgefeuertes und vor allem vorgefertigtes Bild völlig ein und formte etwas Neues, was bis zum Schluss und darüber hinaus nicht mehr zusammenfällt.

Was hinter allen Unstimmigkeiten und zeitlich kaum möglichen Variablen des Falls nun steckte, warum die Phantombilder oft nicht einmal im Ansatz Ähnlichkeiten zu Berkowitz aufzeigten und weshalb weitere angebliche Drahtzieher mit der Zeit verschwanden, rabiate Unfälle hatten oder sich selbst brutal und schnell vor einer möglichen Aussage richteten, bleibt wohl auf alle Zeiten im Clinch zwischen Terry und den New-Yorker-Behörden, die sich damals für das Verhaften von Berkowitz hochleben ließen, ungreifbar in der Luft hängen. Und wie liebsame oder unliebsame Erinnerungen, strömt diese Luft unaufhaltsam davon und verblasst wie Dinge so verblassen.

Maury Terry, der von der Regie trotz seiner Abwesenheit grandios verkörpert und intoniert wird, erlag letztlich seiner rätselhaften Obsession. Noch kurz vor seinem selbsttragischen Ableben ließ es ihm keine Ruhe. Maury vermutete mehr hinter dieser Story, wurde weitgehend fündig und er wird auf lange Sicht wohl Recht behalten, auch wenn die Wahrheit nie vollends definiert werden kann, wenn sich nicht alle Parteien äußern. Die Wahrheit selbst stirbt meist dann, sind alle Beteiligten dahin. So einfach ist das. Maury Terry hat sich zeitlebens nicht nur für den Fall und seine vermuteten Ausläufer, sondern auch gegen die Behörden zu ermitteln versucht - klar, dass sich die nicht in durchaus schlecht gemischte Karten schauen lassen wollten. Verleumdung, verbaler Schmutz und brach liegende Spiegelscherben folgten von allen Seiten und wurden letztlich so laut und schrill, dass man unweigerlich weghören musste. Die Arbeiten an dieser Doku waren sicher schwierig und umfassend, die Recherche weitreichend.

Am Ende sitzt man unsicher da und zuckt nur verhalten mit den Schultern, während die Gedanken zu kentern drohen. Berkowitz, der noch am Leben ist und eigener Aussage halber zu Gott gefunden hat, schweigt sich bis heute in wichtigsten Details mit Ehrfurcht der Streuung wegen aus - der Preis dafür ist nicht unbedingt klare Gerechtigkeit, denn Berkowitz scheint durchaus allein auf weiter Flur zu verweilen. Den Preis für die Wahrheit löst diese hervorragende, spannende und grandios inszenierte Doku nicht vollends ein, doch letztlich ist der entrichtete Wert beachtlich und mitreißend gerundet. Unfassbar, dass das noch niemand hochkarätig verfilmt hat. Terry und auch Berkowitz hätten das durchaus verdient. Der Wissensstand, der bis ins Jahr 2018 seine unheimlichen Ranken schlägt und Wellen gebrochen hat, ist beunruhigend faszinierend. Am Ende sitzt man derweil neben Maury Terrys Ergebnissen und blickt auf Lücken, die man hätte rechtzeitig ausfüllen und damit womöglich Leben hätte retten können. Wie weit ein möglicher Kult um oder über Berkowitz letztlich reichte, ist nun kaum mehr zu ermessen. Ein düsteres Kapitel inmitten dieser Mitmenschen. Ein düsteres und tragendes Kapitel, welches sein Ende noch vor sich herschiebt.

8/10
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Kommentare

19.05.2021 12:29 Uhr - cecil b
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Eine sehr interessante Vorstellung! Die Doku geht ja auch ein interessantes Thema an, und, wie ich nun aufgrund deiner tollen Review weiß, auf eine ansprechende Herangehensweise.

Nur hier komm ich nicht ganz mit: "u d bl ckt a f L ck n" ;)

19.05.2021 15:29 Uhr - VelvetK
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Hab's geändert. Gestern kam mir das noch wie ein Geniestreich vor :-)

20.05.2021 08:54 Uhr - JasonXtreme
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Ich les das die Tage mal ganz, wenn ichs komplet gesehen habe - hab nur mal kurz drübergelesen um mir nix groß zu spoilern :D also ich finde Folge 1 schon ziemlich geil - nicht wegen dem Fall, den kenne ich ziemlich auswendig, aber die alten Aufnahmen aus NY und der Bronx etc. finde ich ziemlich cool. Bin mal gespannt, was da noch so alles aus dem Hut gezaubert wird.

Bislang fand ich die anderen Crime Dokus auch super, nur die über den Yorkshire Ripper hat mich ziemlich enttäuscht

20.05.2021 12:55 Uhr - Lukas
19.05.2021 15:29 Uhr schrieb VelvetK
Hab's geändert. Gestern kam mir das noch wie ein Geniestreich vor :-)

Hättest du aus meiner Sicht nich ändern müssen: Cecil is halt leider beim Test durchgefallen. :-P

20.05.2021 20:32 Uhr - cecil b
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20.05.2021 12:55 Uhr schrieb Lukas
19.05.2021 15:29 Uhr schrieb VelvetK
Hab's geändert. Gestern kam mir das noch wie ein Geniestreich vor :-)

Hättest du aus meiner Sicht nich ändern müssen: Cecil is halt leider beim Test durchgefallen. :-P


Du kannst deine Erkenntnis ja positiv in Erinnerung behalten. :-P :)

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