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Stunde der Angst

Originaltitel: The Wolf Hour

Herstellungsland:USA, Großbritannien (2019)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama, Thriller, Mystery
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (1 Stimme) Details

Inhaltsangabe:

Die New Yorker Schriftstellerin June kämpft seit Jahren mit einer Schreibblockade. Im Sommer 1977 ist es brütend heiß, und ein Serienmörder versetzt die Frauen im "Summer of Sam" in Angst und Schrecken. Von Panik besessen wagt June seit Monaten keinen Schritt vor die Tür ihres kleinen Apartments in der South Bronx. Und während nachts die Sirenen heulen, wird sie immer und immer wieder vom zermürbenden Summton der Sprechanlage aufgeschreckt, an der sich keiner meldet... (Koch Media)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von velvetk:

Season in the Abyss

Immer mal wieder, aber nicht zu häufig, knaupelt man allerorts wegen ein, zwei Punkten zu wenig oder zu viel. Ja, da wird nicht selten bis ins letzte Fussel diskutiert, warum denn Film X oder Y nicht die vollen zehn Punkte von jedem da draußen bekommt, denn sieben oder acht hervorragende Zähler sind da oft beim besten Willen nicht zu rechtfertigen. Schlimmer wird's dann nur, wenn man abseits der Allgemeinheit zu weit ab wertet. Sich dem Konsens nicht immer beugen zu können, lenkt oft mehr vom Medium ab als nötig. Die Diskussionen die darauf oftmals folgen, sind eigentlich kaum auszuhalten und führen meist nirgends hin.

"Die Welt gibt einen nur zurück, was man ihre gegeben hat."

Und nun kommt da Stunde der Angst, im Original The Wolf Hour, von Regisseur und Autor Alistair Banks Griffin. 4,9 imdb-Punkte, keine fünf Zähler, schaut man bei bekannten Portalen vorbei, und ein Metascore von 42 Punkten sind alles andere als Prunk unter den filmischen Edelsteinen. Dabei habe ich tatsächlich noch ein wenig gewartet und dachte vor ein paar Monaten noch, der Film hat noch nicht das ganze Publikum und sämtliche Kritiker erreicht. Tja, und nun schaut's auch nicht viel anders aus, als noch Anfang des Jahres. Woran liegt's also? Diese Frage kann ich nicht beantworten, denn ich fand Stunde der Angst beim ersten Kontakt sehenswert mit Einschlag und Kerben anbei. Dennoch ließ ich etwas Luft walten, denn ziehe ich die gar nicht so abwegigen Klassiker von Roman Polanski heran, nämlich Ekel, Rosemarys Baby und Der Mieter, dann kann Stunde der Angst zumindest im fantastischen Sektor keine tiefen Schnitte schneiden. Stunde der Angst ist erdiger und nüchterner als die genannten Überfilme, bei weitem nicht so gruselig oder gar allegorisch - ganz im Gegenteil bleiben die Gegengewichte in diesem Film immer greifbarer und gleich nachvollziehbarer Natur. June Leigh (Naomi Watts) war einst ziemlich erfolgreich als talentierte Buchautorin. Der einstige Ruhm hält sie noch Jahre nach einem Triumph über Wasser und sie logiert schon einige Zeit in der Wohnung ihrer verstorbenen Großmutter, worüber nicht alle in der Familie glücklich sind oder überhaupt darüber Bescheid wissen.

"Ich geh nicht gern aus der Wohnung."
"Gar nicht? Du meinst du kannst nicht."
"Ich denk mir einfach, wenn ich die Wohnung nicht verlasse, dann kann ich da draußen keinen Schaden mehr anrichten."

Am wenigsten ist June selbst ihres Glückes Schmied geblieben, trotz unglaublicher Fähigkeiten zu Papier. Gewollt oder ungewollt. Sie traut sich nicht mehr raus, hat Angst ihre Wohnung zu verlassen. June lässt einkaufen, begibt sich nur mal zögerlich ans Fenster und lässt ihre Müllsäcke per Seil eigens auf den Bürgersteig herab. Die Sonne brennt unbarmherzig, der sengende Sommer drückt und der unsichtbare Son of Sam wildert in den Straßen dieser Zeit. Dieser Film vermittelt eine Hitze, die einen unfassbar mitschwitzen lässt. Junes Kontakte zur Außenwelt knüpft sie nur zaghaft. Da gibt es einen jungen und ungehobelten Mann der sie mit Lebensmitteln beliefert, da gibt es den mürrischen Hausbesitzer der die Miete unter der Tür einheimst und den charmanten Mitternachtscowboy, den June eigentlich, würde sie ihr Leben offen leben, gar nicht nötig hätte. In jedem Kontakt offenbart sich ein seichtes Band an Zuneigung und ein Mindestmaß an Gehör, Aufmerksamkeit und Sinnlichkeit, ein wankendes Maß an Zerbrechlichkeit. Warum June nicht mehr außer Haus geht, wird mit verstreichender Laufzeit mehr als klar und ein Pfund an Rätselhaftigkeit ist der Film nicht unbedingt, doch die ungeschönt ruppige Schweigsamkeit zwischen allen Zeilen haftete mich als Zuschauer an June und trug eigene Spiegelscherben empor. Angst, Angst, Angst. Eines Tages ruft sie die Polizei, weil ständig jemand bei ihr klingelt. Doch ein Beamter taucht erst nach Tagen auf und erweist sich nicht gerade als große Hilfe.

Junes geißelnde Schreibblockade, die Furcht vor der Furcht selbst und dieser bittere Drang sich um jeden Preis vor allem zu verkriechen - Regie und Skript sind zu jeder Zeit eins. Dieser Film schwitzt und keucht, atmet schal und riecht verbraucht wie muffig, zeigt sich stickig und nur so annehmlich wie bitter nötig. Das im Detail vielseitige Interieur, welches von zig Büchern zu gestapelt ist, atmet die späten Siebziger des letzten Jahrhunderts. Der genialen Bildsprache fehlt nur analoges Korn alter Tage, dann wäre es perfekt geraten. New York vom verhangenen Fenster aus gesehen. Alistair Banks Griffin hatte sicher nicht viel Geld zur Verfügung gehabt, doch die gefährlich getünchte Szenerie spricht für sich. Das niedrige Budget sieht man hin und wieder, doch die ungehobelte Stimmungen und die weitblickenden Panoramen über den kleinen Portraits, die nächtlich qualmenden Lines und das lodernde Feuer am Firmament stimmen ungemütlich ein. Highlight ist ein nach und nach klackender Stromausfall in der ganzen Stadt - ein starker Spannungsmoment, der die unsichtbare Bedrohung noch steigert und noch fester an June bindet. Wäre Filmkorn präsent, müsste man ob des Wissens schon schmulen - man fühlt sich in Stunde der Angst zurück in jene Zeit versetzt.

Am Ende fühlt man sich mit June aus dem Verschüttgegangen empor gehoben. In Stunde der Angst stecken Kraft und Wille, ein vorsichtiger Blick um die Ecke nach vorn und ein zart flammendes Feuer der Vernunft. Die Sonnenstrahlen am Ende des Films tun gut, das künstliche Licht im Studio in der letzten Szene wirft dennoch einen Schatten unter June. Kein Pfund an Rätselhaftigkeit, doch was Naomi Watts dem starken Drehbuch an spielerischer Finesse verleiht, ist gar preisverdächtig. Hier gibt's nix zu knaupeln und diskutiert wird hier nur auf höchstem Niveau. Ein großartiges Drama, bei dem es kaum zu glauben ist, dass der bewertete Schnitt bei lästigen Abortfilmen haust.

8/10
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Kommentare

24.05.2021 22:54 Uhr - Kaiser Soze
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Liest sich, wie gewohnt ^^, sehr gut, vielen Dank für die ausführliche Beschreibung!
Als ich den Trailer seinerzeit sah, war ich auch angefixt und hab nen Ticker dazu verfasst. Der Film steht zwar noch auf der Warteliste, aber aufgrund deiner gelungenen Erinnerung nun weiter oben!

25.05.2021 07:40 Uhr - VelvetK
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Stimmt, den Ticker hab ich gelesen. Dann bin ich gespannt, ob man diesem versiert und ruhig erzählten Drama doch etwas mehr entlocken kann, als ungerechte C-Movie-Ratings. Tatsächlich pendelt der Film bei mir zwischen sieben und acht Zählern - im Zweifel für den zu Unrecht gescholtenen Film :-)

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