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Green Book - Eine besondere Freundschaft...

Originaltitel: Green Book

Herstellungsland:USA (2018)
Standard-Freigabe:FSK 6
Genre:Biographie, Drama, Komödie
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,73 (11 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Der begnadete Pianist Dr. Don Shirley (Mahershala Ali) geht 1962 auf eine Konzert-Tournee von New York bis in die Südstaaten. Sein Fahrer ist der Italo-Amerikaner Tony Lip (Viggo Mortensen), ein einfacher Mann aus der Arbeiterklasse, der seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsjobs und als Türsteher verdient. Der Gegensatz zwischen den beiden könnte nicht größer sein. Dennoch entwickelt sich eine enge Freundschaft. Gemeinsam durchschreiten sie eine Zeit, die von Gewalt und Rassentrennung, aber gleichzeitig viel Humor und wahrer Menschlichkeit geprägt ist. So müssen sie ihre Reise nach dem Negro Motorist Green Book planen, einem Reiseführer für afroamerikanische Autofahrer, der die wenigen Unterkünfte und Restaurants auflistet, die auch schwarze Gäste bedienen. (20th Century Fox Deutschland)

eine kritik von cecil b:

Vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis hinein in die Sechziger gab es in der USA, vor allem in den Südstaaten, Rassengesetze, die vorgaben, dass schwarze Bürger getrennt von weißen Bürgern beispielsweise öffentliche Einrichtungen besuchen sollten oder mussten, auch andere "Rassen" wurden gelenkt, die Ghettoisierung wurde professionalisiert.

                                                                     ZWEI WELTEN PRALLEN AUFEINANDER

Der gesprächige Italoamerikaner Tony „Lip“ Vallelonga macht sich um die Rassengesetze keine Gedanken. Lip kommt gut damit klar, dass er fast nur von seinesgleichen umgeben ist, identifiziert sich mit der lebhaften Lebensweise und weiß sich schlagkräftig an der Tür und nach den Regeln der Mafia durchzusetzen. Seine Berufskleidung, ein rotes Sakko, sieht an ihm wie ein Fremdkörper aus, während einer Veranstaltung poliert er im Gewimmel einem unliebsamen Gast die Fresse, an anderer Stelle posaunt Lip Witze auf dem Niveau "Pittsburgh" -"Titsburgh" oder stopft Unmengen fettiges Essen in sich hinein. Der ungehobelte, rassistische und ordinäre Berufsschläger weiß nichts von einem Green Book. Noch nicht. 

Tony hat Geldsorgen, und er will alles dafür tun, dass seine Ehefrau und seine Kinder gut über die Runden kommen. Weshalb der Italoamerikaner ungeahnt von dem hochbegabten "Neger" eingestellt wird. Das kann ja heiter werden. Dieser Pianist namens Dr. Don Shirley, der sich selbst auch als Neger bezeichnet, ist ein gepflegter Mann, dem Tony was den Intellekt, die Bildung, Manieren und Ausdrucksweise angeht weit unterlegen ist.

Die humorvolle Kontrastierung dieses Gespanns und der Aufruf für ein gegenseitiges Verständnis und mehr Toleranz, das ist so standardisiert, der Oscar für den besten Film, einer für den schwarzen Nebendarsteller, und das Drehbuch, schien nach Black Lives Matter vorprogrammiert. Schematisch werden Wünsche und Hoffnungen der breiten Masse erfüllt, die Traumfabrik läuft gut, und ist dabei einfach zu funktionstüchtig, als dass man den leicht erreichbaren Sympathie-Faktor übel nehmen müsste, von diesem Film, der sogar in Schulen aufgeführt wird, und für so ziemlich jeden eine wichtige Botschaft inszeniert. Zudem ist es auch mutig, und gar nicht so gewöhnlich, mal einen schönen Film mit dem Thema Rassismus zu drehen, der zum Lachen und Schmunzeln anregt, ohne die angemessene Ernsthaftigkeit der Materie zu verdünnen. 

                                                                              Kontroverse Hintergründe 

GREEN BOOK fußt auf der realen Biographie von Tony „Lip“ Vallelonga, der den erfolgreichen Pianisten Don Shirley chauffierte. Dieser Musiker hat im Alter von drei Jahren die Kirchenorgel gespielt, mit 10 trat er als Konzertpianist auf, mit 18 interpretierte Shirley bereits anspruchsvolle klassische Musik, dann studierte er Musik. Als Schwarzer konnte er sich nicht im Bereich der klassischen Musik etablieren, daher spielte er in Nachtclubs, kombinierte Jazz und Klassik mit Erfolg, und bekam dann Verträge bei Labeln, auf denen er Platten veröffentlichte. Lip entwickelte sich auch weiter, er wurde zum Schauspieler, und spielte beispielsweise in Mafia-Filmen wie GOODFELLAS und DONNIE BRASCO oder der Serie DIE SOPRANOS mit! Beide starben im Jahre 2013. Der Sohn von Lip, Nick Vallelonga, beteiligte sich an GREEN BOOK, und versicherte, dass er mit Shirley besprochen habe, was im Film wie gezeigt werden solle, Familienangehörige dieses Künstlers sagten aber, dass das nicht der Wahrheit entspreche, und der Pianist das Drehbuch niemals abgesegnet hätte. Wir werden wohl nie erfahren, wie das jetzt wirklich gewesen ist, mit den Beiden, die in GREEN BOOK als Figuren überzeugen, und sollten uns wohl einfach auf den Film von Peter Farrelly konzentrieren. Regisseur (Stiletto), Schauspieler (The Many Saints of Newark) und Drehbuchautor (Choker) Nick Vallelonga spielt einen Bekannten des Protagonisten. 

Farrelly war bisher nur aufgrund anspruchsloser Komödien (Dumm und Dümmer, Verrückt nach Mary) bekannt, die er vereint mit seinem Bruder gedreht hat, es gelang ihm nun gut, zusammen mit Nick Vallelonga und Brian Hayes Currie (Armageddon, Con Air) ein Drehbuch zu schreiben, das alle Figuren und die unerlässliche Entwicklung so gut zusammenbringt, dass dafür ein Oscar überreicht wurde.

                                                                           "WAS BIN ICH EIGENTLICH?"

Zeitzeugen werden die amerikanischen Sechziger im Film bestimmt wiedererkennen können, aber Mortensen erkennt man eher aufgrund seiner Fertigkeit, für seine Rolle hat er ein paar Kilos zugelegt. Seine Gesten, und die verschiedenen Seiten des Protagonisten, die in den Augen abzulesen sind, stehen GREEN BOOK so gut wie Mahershala Ali, der nach seinem Oscar für MOONLIGHT seinen zweiten dafür erhielt, wie er Don Shirley so würdevoll und fragil gleichzeitig darstellt. Die Besetzung ist gut ausgewählt, kein Schauspieler muss sich für eine Flaute verantworten. Und Linda Cardellini, die Lips Frau Dolores spielt, ist fast so wichtig wie der Pianist und sein Chauffer. Weil die schöne Dolores der Anker für Lips herzliche Seite ist, die er wohl nie vergessen wollen würde, seine Liebe. Und weil Cardellini (Lloronas Fluch, Brokeback Mountain) mimisch atemberaubend Dolores Persönlichkeit, und einen Teil von Lips Wesenszüge, und ganz gewiss auch ohne Worte die Beziehung dieser Figuren darstellt, die Zwischentöne genau trifft. Es braucht nicht einmal bewegende Momente, um dieses Ehepaar nahezubringen: "Ich brauche kein Bügeleisen." "Wie willst du denn dann deine Hosen bügeln?" Der Nu­an­cen­reich­tum ist eine der großen Stärken des Films. 

                                    "VIRTUOSE? Das ist Italienisch und heißt so viel wie: Der ist richtig gut!" 

                                                         "IHR BLICK AUF MICH IST ZIEMLICH LIMITIERT"

Als "Der König aller Dschungel-Bimbos" den Italoamerikaner kennenlernt, sitzt er mit stolz erhobenen Hauptes auf eine Art Thron, ist gekleidet wie ein Edelmann, und Lip steht etwas unbeholfen vor, sogar etwas unter ihm.

Shirley weiß, wie man sich zu benehmen hat, wenn man mit der gehobenen Gesellschaft verkehrt, Lip weiß etwas darüber, wie man sich durchbeißen kann, wenn es hart auf hart kommt. Die Männer können voneinander lernen, oder sich ergänzen. Farelly versteht es, aussagekräftige Running Gags dafür zu gebrauchen, um etwas Vertrautes mit einzubringen, das die Identifikation zu einem gewissen Anteil ermöglicht. Irgendwann spricht man dann vielleicht mit, wenn der Musiker schon wieder den quasselnden Fahrer daran erinnert, dass er beim Fahren nach vorne schauen sollte. Shirley klärt Lip darüber auf, wie man Ruhe bewahren kann, sowie was Moral und Anstand sind, und erfährt davon selbst kaum etwas, weil er schwarz ist. Das Es­ta­b­lish­ment engagiert ihn, aber er muss seine Notdurft in einem separaten Klo-Häuschen aus Holz im freien verrichten, und darf nicht im selben Raum etwas essen, wo sein Publikum Gerichte serviert bekommt. Lip profitiert nicht einzig und allein aus finanziellen Gründen von der Bekanntschaft, später Freundschaft. Und umgekehrt kann er etwas zurückgeben, indem er seinem Arbeitgeber, der keine Freunde hat, für sein Publikum nur ein Musiker ist, und sich auch nicht mit den schwarzen Gemeinschaften identifizieren kann, "Was bin ich?", aus der Patsche helfen kann, sich für die Unterschiede zwischen den beiden begeistert, und auf der Straße gelernt hat, dass man gut daran tut, Andersartigkeit zu respektieren. Der Protagonist legt glaubwürdig in Handumdrehen den gewohnten Rassismus ab, weil der nicht viel mit ihm zu tun hat. Seinem Arbeitgeber wird der Aufenthalt an manchen Orten verboten, Tony „Lip“ Vallelonga hat manchmal keine Ahnung davon, wie man sich angemessen gibt, was auch zur Ausgrenzung führen kann. "Ich warte lieber draußen." "Ein weiser Kompromiss." Aber zugeknöpft zu sein macht selten Spaß, und Lockerheit kann klug sein, weil Lachen ist gesund. Der Intellektuelle muss kichern, wenn ihm der Prolet frittiertes Hühnchen in die Hände drückt, er mit den Fingern isst, nicht stocksteif ist, und die abgenagten Knochen auf der Straße landen. Und sein Fahrer staunt, wenn ihm Shirley Worte in den Mund legt, von denen er zumindest weiß, dass sie ästhetisch sind. Zu einem anderen Zeitpunkt wird zur Sprache gebracht, dass der bedeutende schwarze Jazzpianist und Sänger Nat King Cole von der Bühne geschleift und halbtot geschlagen wurde, weil er ein "weißes Lied" gesungen hat. Die Ungewissheit und die Angst begleiten die Tour. Die Gefahr lauert überall. 

Möglichst naturgetreue Farben und Lichter perfektionieren das Zeitbild fast. Es ist vorstellbar, mit einem Haufen "Spaghetti-Fressern" an einem Tisch zu sitzen, oder sich in der Carnegie Hall durch die Totale winzig klein vorzukommen. Die Szenen verlaufen gut geschnitten schrittweise erlebbar. Klar, dass die Brooklyn-Bridge aus der Sicht einer Taube (oder so) gezeigt wird, und die Kameraführung alle Bewegungen und Perspektiven gekonnt umsetzen kann, Kameramann Sean Porter (Green Room, Kumiko, The Treasure Hunter) ist variabel. Kris Bowers (Respect, Bridgerton) komponierte die Lieder, die die schwarze Nebenfigur spielt, nur ein paar davon sind Interpretationen von Shirley, aber Jazz und Klassik vereinen sich immer eindrucksvoll und einzigartig. Bowers doubelte Ali am Flügel, von diesem Musiker werden wir noch hören. Wer den Bachelor- und Masterabschluss in Jazz hat, sowie für den ersten und einzigen schwarzen amerikanischen Präsidenten Barack Obama zu dessen Amtszeit spielte, der hat etwas auf dem Kasten. Die Kraft der Musik ist auch eine gruppenübergreifende Kommunikation, das muss der Film zeigen, und das macht GREEN BOOK auf eine erbauliche Darstellungsweise. 

Ein weißer Pri­mi­tiv­ling und Banause mit Herz wird von seiner lieben Ehefrau weitestgehend an der Leine gehalten, ein schwarzer In­tel­lek­tu­el­ler ist für ihn richtungsweisend, und das während der Zeit der Rassentrennung. Zu schön, um wahr zu sein? Es ist ja etwas Wahres dran. Kein Film ist dazu verpflichtet, Themen wie Rassismus nach Di­rek­ti­ve darzustellen, und GREEN BOOK ist lustig, traurig, spannend und aufklärend, so einfach dieser Film auch ist. Die erschreckende Lage der Afroamerikaner ist ein Dreh - und Angelpunkt, durch den verschiedene Klassen der Gesellschaft, Polizisten, Italoamerikaner, Politiker, Rassisten und lernfähige Amerikaner zu Wort kommen. Ein kleiner Querschnitt der Gesellschaft, gar nicht dumm. Das Ende ist überzuckert und etwas kitschig, aber nicht unbedingt unrealistisch. Und es macht den Rest des Films nicht madig. 

 
 
9/10
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Kommentare

29.07.2021 20:44 Uhr - TheRealAsh
1x
User-Level von TheRealAsh 10
Erfahrungspunkte von TheRealAsh 1.380
Absolute Zustimmung, das ist ein sehr schöner Film, habe ich mal auf Netflix gestreamt, müsste ich mir aber eigentlich mal zulegen. Vor allem die Geschichte ist hier einfach gut erzählt, wie du schreibst: einfach und doch komplex :-)

29.07.2021 23:24 Uhr - Lukas
1x
Gelungene Kritik zu einem wirklich schönen Film, auch wenn "The Favourite" den Oscar mehr verdient hätte.

30.07.2021 12:23 Uhr - cecil b
2x
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Danke, ihr Beiden. :)


TheRealAsh: Einfach und komplex: Yeap. :)

Lukas: Ich denke auch wirklich, dass die politische Aussage in dieser Zeit den Oscar angeschubst haben kann. Nach meinem Geschmack bin ich bei 8 Punkten, da gibt es doch einige Klischees, wobei die bestimmt nicht unrealistisch sind, weil die verschiedene Kulturen und Sichtweise mit typischen Verhaltensweisen für das Zusammengehörigkeitsgefühl gut sind.

9 habe ich gegeben, weil ich es auch für gut halte, gerade die breite Masse mit der Thematik des Rassismus zu konfrontieren. Wenn man unterhaltsam mehr Leute erreicht, kann das in so einem Fall auch gut sein.

30.07.2021 14:16 Uhr - Thrax
1x
Hervorragende Besprechung zu einer der für mich größten Filmüberraschungen im Jahre 2018!

Vor allem es zu schaffen aus so einem sensiblen Thema trotz allem ein Feel-Good-Movie zu machen ohne die Ernsthaftigkeit des Themas aber aus den Augen zu verlieren oder gar zu verharmlosen oder gar ins lächerliche zu ziehen, sagte mir sehr zu.

30.07.2021 14:16 Uhr - Thrax
1x
Hervorragende Besprechung zu einer der für mich größten Filmüberraschungen im Jahre 2018!

Vor allem es zu schaffen aus so einem sensiblen Thema trotz allem ein Feel-Good-Movie zu machen ohne die Ernsthaftigkeit des Themas aber aus den Augen zu verlieren oder gar zu verharmlosen oder gar ins lächerliche zu ziehen, sagte mir sehr zu.

30.07.2021 20:27 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
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Danke, danke, Thrax! :)

Freut mich, dass dir die Review gefällt.

Ja, ich sehe das auch so. Es ist tatsächlich nicht üblich, ein so erdrückendes Thema so leichtfüßig anzugehen, ohne dabei auszurutschen.

02.08.2021 18:20 Uhr - Calahan
1x
User-Level von Calahan 2
Erfahrungspunkte von Calahan 60
Schöner Film, der mich stark an *Ziemlich beste Freunde* erinnert.
Kann man beide öfter sehen.

02.08.2021 20:21 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
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Haben Ähnlichkeiten, sehe ich auch so. Aber GREEN BOOK gefällt mir besser.

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