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The Fear of 13

Herstellungsland:Großbritannien (2015)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Dokumentation, Krimi, Mystery
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (1 Stimme) Details

Inhaltsangabe:

Nach 23 Jahren im Todestrakt ruft ein verurteilter Mörder das Gericht an und bittet darum, exekutiert zu werden. Doch als er seine Geschichte erzählt, wird nach und nach klar, dass nichts ist, wie es scheint … (Universum Film GmbH)

eine kritik von tp_industries:

Kann ein anderhalbstündiger Dokumentarfilm überzeugen, in dem über weite Strecken nur ein Mann zu sehen ist, welcher seine Geschichte erzählt?

Eine recht polemische Frage, das gebe ich zu. Natürlich hängt es davon ab was diese Person zu erzählen hat. Und wenn man sich die obenstehende Inhaltsangabe durchliest, ist das in der Theorie auf jeden Fall gegeben. Ob es auch in der Praxis funktioniert, will ich hiermit versuchen zu erläutern.

Nick Yarris sitzt über zwei Jahrzehnte in der Todeszelle, bis er beschließt, sich bei dem zuständigen Richter zu melden und um die zeitige Durchführung seiner Todesstrafe zu bitten. So viel zur Grundsituation. Die Doku zeigt nun wie es dazu kam und was daraus wurde. Nick Yarris selbst stimmte einem Interview zu seiner Entscheidung zu. Journalist und Regisseur Dave Sington filmte dies und gab somit Herrn Yarris eine Plattform um seine unglaubliche Geschichte zu erzählen. Und so sehen und hören wir im Grunde auch ausschließlich Nick als Sprecher. Es gibt keine anderen Leute die ihre Eindrücke schildern. Keine Richter, Gutachter, Wärter oder Andere. So kann man natürlich zu der Auffassung kommen, dass die Geschichte recht einseitig erzählt wird. Mit der Hinweiseinblendung "Der Wahrheitsgehalt seiner Geschichte wurde unabhängig überprüft" wird dieser Gedanke aber direkt wieder relativiert. Der Sinn der Doku war nämlich von vornherein, ausschließlich Nick seine Geschichte erzählen zu lassen. Eventuelle Zweifel hat man eben unabhängig auf Richtigkeit prüfen lassen.

Und mit dieser Hinweiseinblendung aus dem letzten Absatz, wird man auch in den Film geführt. Es folgen noch ein paar andere, die die Grundsituation für den Zuschauer deutlich machen. Danach sehen wir, von melancholischer Musik untermalt, ein Kind ausgelassen in einem herbstlichen Wald spielen, sowie einen leeren Stuhl welcher in einem Duschraum steht, als auch eine Person welche sich duscht. Das alles steht erstmal in keinem Zusammenhang, doch genau diese Bilder werden noch des öfteren im Film vorkommen. Nach dieser Einleitung sehen wir dann auch erstmals Herrn Yarris wie er in einem spärlich beleuchteten Raum sitzt und seine Geschichte erzählt. Er selbst ist hingegen super ausgeleuchtet. Auch ein Zeichen dafür, dass es in diesem Film nur um ihn und seine Geschichte geht.

Warum er überhaupt verurteilt wurde spielt dabei aber erstmal keine Rolle. Seine Geschichte beginnt damit, dass er bereits in Pennsylvania im Todestrakt sitzt. Über das "Warum?" wird am Anfang kein Wort verloren. Was aber gleich auffällt ist, dass Nick ein äußerst wortgewandter und emotionaler Erzähler ist. Er arbeitet viel mit seiner Stimme, sowie mit Mimik und Gestik. Wenn er sich an gewisse Sachen erinnert um sie zu erzählen, hat man immer den Eindruck er wäre wieder in dieser Situation. Dies gibt er alles sehr bildlich wieder. Als wäre man selbst dabei. Um das alles visuell noch etwas auszuschmücken, werden auch immer wieder, zu der Erzählungen passenden, kleinere Filmschnipsel gezeigt. Zum Teil sind es einfach Aufnahmen von Gefängniszellen oder einer Tankstelle. Manchmal aber auch mit Schauspielern nachgedrehte Szenen. Diese sind allerdings sehr kurz und die Schauspieler sind meistens auch nur schemenhaft dargestellt. Das hätte es aber meiner Meinung nach nicht gebraucht, da die Erzählweise von Yarris eigentlich schon bildlich genug ist.

Wirklich gestört hat es am Ende aber auch nicht, da man nicht umhinkommt sich voll und ganz auf Nick zu konzentrieren. Dieser geht im Laufe des Films mehrere emotionale Zustände durch. Über weite Strecken wirkt er innerlich erstaunlich aufgeräumt. Aber auch Wut und Trauer durchfließen ihn. Hin und wieder bricht seine Stimme zusammen und er kämpft mit den Tränen. Und selten überkommt es ihn einfach und die Tränen kullern diesem markanten Gesicht herunter. Dabei wird der Kern der Geschichte, nämlich der Grund seiner Verurteilung sowie der Grund seiner Todesentscheidung, in der ersten Hälfte clever umschifft. Yarris erzählt von dem unmenschlichen, zum Teil sadistischen Knastalltag in der Todeszelle. Aber auch von Wärtern, Anwälten oder Insassen mit denen er gut klar kam. Wenn man ihm so zuhört, fällt es einem schon schwer zu glauben, dass so jemand zum Tode verurteilt wurde, beziehungsweise kann man sich schwer vorstellen, dass dieser Mann ein Tat begannen haben soll, die dieses Urteil rechtfertigt. Auf mich wirkte er von Anfang an wie ein cleverer, charismatischer Mann.

Weiter geht es mit einer Erzählung darüber, dass er nochmal vor einem Richter vorsprechen sollte. Dazu wurde er mit zwei Aufsehern in einem Gefangenentransport gefahren. Durch eine Verkettung wirklich dummer Umstände, sah sich Yarris während dieses Transports zur Flucht gezwungen. Weder hatte er das geplant, noch hatte er je vor zu fliehen. Die Situation zwang ihn aber dazu. Während seiner Flucht, begann er Diebstähle und lies sich mit zwielichtigen Typen ein. Anhand seiner Erzählung erfährt man, dass er bereits im Jugendalter mit Drogen zu tun hatte und mehrere Autodiebstähle begann. Hier merkt man erstmals, dass Yarris doch schon einiges auf dem Kerbholz hat. Eine Verurteilung zum Tode ist dennoch nach wie vor nicht nachvollziehbar. Als Nick dann schließlich von der Justiz gefasst wurde, waren seine Probleme noch größer als vorher. Seine Strafe betrug mittlerweile Todestrafe + 105 Jahre Haft ( die Amerikaner scheinen auf unrealistische Strafen abzufahren ).

Er wurde wieder in das Gefängnis von Pennsylvania gebracht, wo er dann seine Leidenschaft für Bücher entdeckte. Er las Bücher von Rudyard Kipling bis Mark Twain. Nach eigener Aussage hatte er 1000 Bücher in 3 Jahren verschlungen. Später ging er in juristische Bücher über und studierte sogar Serologie. Anhand dieser Aussagen, lässt sich auch seine Wortgewandtheit erklären. Bis zu diesem Zeitpunkt ist etwa die Hälfte der Doku vorbei. Wir lernten einen intelligenten, charismatischen Kerl kennen, der in seiner Jugend durch kleinkriminelle Aktivitäten auffiel, und später durch unfassbar dumme Umstände noch mehr Probleme bekam. Ab der Hälfte wird dann auch endlich der eigentliche Grund für seine Verurteilung offenbart.

Auf diesen möchte ich allerdings aus Spoilergründen nicht eingehen. Nur soviel, schlagartig ändert sich die ganze Geschichte in ein spielfilmtaugliches Kriminaldrama, mit dem einzigen Unterschied, das es eben wirklich passiert ist. Punkt für Punkt wird das ganze Ausmaß dieses Falles offen gelegt. Der besagte Prozess fand Anfang der 80er Jahre statt. In einer Zeit wo es heutige kriminalforensische Mittel noch nicht gab oder in den Kinderschuhen steckten. Durch seine kleinkriminelle Vergangenheit, seine damalige Drogenabhängigkeit und seine jugendliche Naivität fand sich Nick in einer äußerst brisanten Situation wieder. Im Alter von 20 Jahren wurde er dann zum Tode verurteilt. Und nach weiteren 23 Jahren, kommunizierte er dann seinen Todeswunsch, auf den ich auch nicht eingehen werde, da es potenziellen Erstsichtern die Spannung nehmen würde.

Am Ende ist man dann über den kompletten Umfang im Bilde. Nur eine Sache hat mir die ganze Zeit gefehlt. Und zwar ist das Nick´s Profil. Klar wurde dem Zuschauer mitgeteilt, dass Yarris schon im Jugendalter kriminell war, aber so ein Hintergrund passiert nicht einfach so. Dazu braucht es immer einen Auslöser. Und dieser wird dem Zuschauer in den finalen Minuten präsentiert. Nick erzählt von einer im Grunde harmonischen Kindheitserinnerung, welche dann aber urplötzlich kippt und ein extrem traumatisches Kindheitserlebnis offenlegt. Hier werden dann auch die immer wiederkehrenden Bilder, des im herbstlichen Wald spielenden Jungen zu einem runden Bild zusammengefügt. Das zieht dem Zuschauer dann endgültig denn Teppich unter den Füßen weg und macht das bisher Gesehene umso tragischer.

Aber warum heißt der Film nun The Fear of 13? Triskaidekaphobie ( viel Spaß beim Aussprechen ) ist die abergläubige Angst vor der Zahl 13. Das wird zwar im Film mal kurz erwähnt, steht aber scheinbar in keinem Zusammenhang. Man kann das aber auf diesen Fall spiegeln und interpretieren. Denn die Angst vor der Zahl 13 ist, rational gesehen, im Grunde unbegründet. Die Angststörung selbst, sowie damit einhergehende Panikattacken sind zwar durchaus real und sollten behandelt werden, der Grund dafür, nämlich die Zahl 13 ist aber eben nicht rational. Dies hat aber halt schon weitreichende Konsequenzen mit sich gezogen. So gibt es in etlichen Hochhäusern kein 13. Stockwerk. In vielen Hotels gibt es kein Zimmer 13. In Flugzeugen und Zügen muss man auch häufig auf den Platz 13 verzichten. Das alles wegen einer Zahl und einer unbegründeten, aber real existierenden Angst davor. Und das kann man im Grunde auf den Fall Nick Yarris spiegeln. Durch seine Vergangenheit wurde ihm vor Gericht ein Stempel aufgedrückt. Nach eigener Aussage, haben ihn selbst die Geschworenen, nach einer bestimmten Information nicht mehr in die Augen schauen können. Sein Auftreten und seine Vergangenheit haben bei allen Beteiligten ein bestimmtes Bild eines "bösen" Menschen erzeugt, aber niemand kam auf die Idee mal sein Profil, seine Kindheit zu checken. Dieses Verhalten ist zwar menschlich, legitimiert es in meinen Augen aber nicht. Niemand wird als Straftäter geboren. Wenn wir das Licht der Welt erblicken, dann ist unser Charakter ein weißes Blatt. Erst unsere Erfahrungen und unsere Umwelt formen uns, und machen uns zu dem der wir sind. Immer in schwarz und weiß zu klassifizieren macht vielleicht viele Sachen einfacher, das heißt aber nicht dass es richtig ist. Denn diese Denkweise führt auch zu solch extrem tragischen Geschichten, wie der von Nick Yarris.

 

In diesem Sinne,

                             bleibt filmbegeistert!

8/10
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Kommentare

27.07.2021 11:54 Uhr - sonyericssohn
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Klingt nach starkem Tobak. Auch wenn der Film möglicherweise nicht in mein Beuteschema passt danke ich fürs vorstellen.

27.07.2021 12:37 Uhr - tp_industries
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@sony
Ist es auch. Die Thematik ist natürlich Geschmackssache und nicht einfach zu konsumieren. Und auch wenn es deinerseits nicht zu einer Sichtung kommen sollte, danke ich dir für's Lesen! :)

27.07.2021 18:42 Uhr - McGuinness
1x
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Klingt echt interessant, zumindest dann, wenn man bereit ist sich voll und ganz auf das Dargebotene einzulassen.
Das hier ausschließlich der Verurteilte zu Wort kommt, den du zudem als charismatische Person beschreibst, scheint mir augenscheinlich die Möglichkeit zu geben, mir selbst ein Bild von besagtem Herrn und seiner Tat / Taten zu machen, evtl. sogar so etwas wie Sympathien oder Mitleid aufzubauen... Ich bleibe gespannt.

Über das amerikanische Rechtssystem mag ein jeder urteilen wie er will, nur denke ich zumindest, dass niemand in die Todeszelle kommt, wenn er Gras verkauft oder ein Auto geklaut hat ?!

Ich hoffe nur, dass sich mir am Ende nicht der Boden auftut und mich beispielsweise der Missbrauch und die Ermordung eines Kindes erwartet, denn dann sitzt Mr. Yarris meines Erachtens nach genau dort, wo er auch hingehört... aber nun gut, ich sollte mir den Film einfach selbst anschauen und dann erst urteilen.

Eine starke Vorstellung deinerseits lieferst du aber so oder so, ohne jeden Zweifel 😉

27.07.2021 18:46 Uhr - TheRealAsh
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das hört sich absolut interessant an, vor allem, was die Genese eines solchen Lebenslaufs anbelangt, danke für den Tipp :-)

28.07.2021 08:56 Uhr - tp_industries
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@McGuinness
Nach deinem Kommentar habe ich erstmal durchgeatmet. Ich hatte nämlich die Befürchtung, dass manche meiner Formulierungen zu viel verraten. Deine Gedanken über diese Geschichte zeigen mir jedoch, dass ich mich offenbar doch schwammig genug ausgedrückt habe um nicht zu viel zu verraten. :)
Ich rate auch jedem der die Doku sehen will, sich vorher möglichst nicht über diesen Fall zu informieren. Das macht den Film zwar nicht weniger interessant, die von Dave Sington so beabsichtigte Spannungskurve geht dabei aber selbstredend Flöten.
In jedem Fall kann ich dir nur zu einer Sichtung raten. Glaube mir, du wirst überrascht werden!

@TheRealAsh
Gern geschehen Ash! :)
Im Review selbst habe ich es zwar nur kurz angerissen, aber im Film nimmt Yarris's Begeisterung für Literatur und Sprache einen etwas größeren Raum ein. Gerade das sollte etwas für dich sein, neben dem restlichen Ablauf des eigentlichen Falles natürlich! ;)

05.09.2021 14:24 Uhr - cecil b
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Was für eine Vorstellung!

Hochinteressant, großartig verfasst, und aus meine Sicht durchweg klug und nachvollziehbar besprochen und im letzten Absatz interpretiert. Ist auch meine Deutung, ganz klar.

Thema: Ja, salopp gesagt: Du kannst den Leuten nur vor den Kopp schauen.

Stigmatisierung ist normal. Man kann sich aber darin üben, selbst nicht zu schnell zu verurteilen, oder eindimensional auf Menschen zu schauen.

05.09.2021 19:59 Uhr - tp_industries
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Vielen Dank für dein Lob cecil!
Bei dir habe ich den Eindruck, dass meine schwammige Formulierung nicht gezogen hat und du in etwa weißt in welche Richtung der Fall geht.
Deine Gedanken zum Thema Stigmatisierung (die ich so unterschreibe) unterstreichen meine Vermutung.

Auf jeden Fall freut es mich, dass wir offenbar wieder einmal einer Meinung sind! ;)

05.09.2021 21:49 Uhr - cecil b
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Der Kern der Aussage, eine Art Metaebene, liegt mir oft nahe. :)

Sie reizt mich bei Filmen jeder Art am Meisten, sie ist vielleicht der größte Unterschied zwischen Kunst und reiner Unterhaltung.

Daher lese ich TheRealAsh auch so gerne.

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