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Philadelphia

Herstellungsland:USA (1993)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama
Alternativtitel:At Risk
People Like Us
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,75 (8 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Angeblich soll er die Akte in einem wichtigen Fall verschlampt haben. Doch der junge Anwalt Andrew Beckett kennt den wahren Grund für seine Kündigung: Er ist homosexuell und mit dem Aids-Virus infiziert. Als die Krankheit ausbricht, lässt ihn Kanzlei-Chef Wheeler, früher sein Förderer, fallen. Andrew kann das nicht akzeptieren - er beginnt zu kämpfen. Zusammen mit dem einzigen mutigen Anwalt der Stadt verklagt er seinen Arbeitgeber. Der Prozess sorgt schnell für schockierende Schlagzeilen... (Sony)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von velvetk:

Etwas über drei Minuten dauert der Vorspann von Philadelphia an. Drei Minuten, getragen von Bruce Springsteens Stimme. In drei Minuten eilt und verweilt die Kamera auf den Menschen in der Stadt Philadelphia. Das ist so ein Vorspann, den ich einfach nie überspringen mag. Schon die erste Szene gehört Denzel Washington und Tom Hanks zu gleichen Teilen.

Das Gefühl, wenn sehr viel mehr Zeit hinter einem, als noch vor einem liegt und die Gerechtigkeit zu versagen droht. Die Antwort, wie genau man mit so einem Gefühl umgeht, ist nicht einfach. In herben Lebensphasen bietet sich Philadelphia nicht unbedingt als erster und bester filmischer Halt an, doch in diesem Film wohnt viel mehr inne, als die trostlose Endlichkeit und tieftrauriges Bedauern. In diesem Film wohnt die Wärme und Aufrichtigkeit, ganz universell gesehen.

Ein Blick ins Netz verrät mir, dass Kameramann Tak Fujimoto niemals einen Oscar gewonnen hat, ja, noch nicht einmal für einen nominiert wurde. Fujimoto drehte hier wiederholt, nach Das Schweigen der Lämmer, mit Regisseur Jonathan Demme zusammen. Und seine Aufnahmen sind es, die einen in jedem Augenblick des Films mitreißen. Die für Fujimoto üblichen, überaus intensiven und alles offenlegenden Nahaufnahmen sind grandios, die Halbtotalen stets mit seiner führenden Signatur versehen und die imposant gräulichen Totalen sind schlicht überwältigend. In Philadelphia scheint die Sonne nie so richtig, über allem schwebt eine Art Nebel, zumindest traut sich dieser Film nie so recht ins Licht. Gerade zu Beginn, als Bruce Springsteens Streets of Philadelphia in seiner taktvollen Wucht ertönt und einen zu rühren vermag, kennt man denn das ganze Leben in all seinen unvorhersehbaren Facetten, saugt einen Demmes Film hinein in diese verwinkelte Stadt mit all dem Leben darin. Wenn dieser Film läuft, erwacht man dort nach wenigen Minuten als Mensch unter vielen. Diese Nahaufnahmen von Gesichtern, Haaren und Lippen, von Augen und Händen. Spürbare Höhen und Wände, die mit fortwährender Dauer einbrechen, unvergesslich in 35mm-Film gebannt.

Und da ist es wie überall in der westlichen Welt. Die Angst vor der Angst überrascht irgendwann jeden einmal, Besserung nicht ausgeschlossen.

Nach den ersten Bildern und den ersten Klängen von Springsteen, erklingt Howard Shores Score, der, wie Tak Fujimotos Arbeit, weiß, unter welcher Hand dieser Film verweilt. Dramatisch, hoffnungsvoll, leise, bitter und frohsinnig - diese Musik ist ein Stempel. Alle Beteiligten hinter der Kamera von Philadelphia wissen um ihre Hingabe, um ihr Können. Klar auch um die Bedeutung dieses Films, der in vielerlei Hinsicht von der Zeit losgelöste Zeichen setzte. Vorurteile und Vernachlässigung, Scham und Ausgrenzung, egal weshalb und woher. Dieser Film strömt und klingt unverwechselbar, man sieht, dass es ein Film von Jonathan Demme in seiner unbestreitbaren Hochphase ist. Das feinfühlige, wache und seiner Gegensätze selbst konternde Skript von Ron Nyswaner ist ein einmaliges Original mit vielen Schichten, mit wichtigen Aussagen und wachrüttelnden Knoten, nach wie vor. Man braucht normalerweise nicht weit zu gehen, um sich an Orten wiederzufinden, die ewig gestrig sind, dort, wo Zuhören und Solidarisierung erstmal auf der Strecke liegen bleiben.

Andrew Beckett (Tom Hanks) im Kampf für sein Recht und um sein Leben. Diese Geschichte berührt in vielerlei Hinsicht. Gerade weil das Drehbuch und Tom Hanks den Charakter Andrew Beckett als einen unter uns allen versichern, egal woher man kommt und wofür man nicht einzustehen vermag, überall und nirgends. Tom Hanks spielt diese so mutige Rolle herausragend und empfindsam, weitsichtig und aufmerksam, eingefasst in die Bildfolgen von Tak Fujimoto und Jonathan Demme. Dieser Oscar war hochverdient und im Gesamten ziemlich wichtig, auch wenn die Konkurrenz teils auf Augenhöhe, teils darüber (Anthony Hopkins in Was vom Tage übrig blieb) aufspielte. Tom Hanks verkörpert in diesem Film Bereitschaft und ein unverfälschtes Gespür für Gerechtigkeit, Zuneigung und Gleichmut, in ersten Schritten vergebens und zuwenigst ein bisschen Hoffnung schürend, am Ende allumfassend. Eine tolle Darbietung, die man allerorts zu Recht honorierte.

Doch Philadelphia ist viel mehr, als nur ein unvergleichlicher Tom Hanks, worum er natürlich wusste und bewusst temperiert drunter spielte. Jason Robards, Antonio Banderas, Charles Napier, Ron Vawter, Roger Corman und Mary Steenburgen und so weiter - dieser Film ist ein in jeder Rolle stark besetzt, auch mit Laien und Menschen, welche die Premiere des Films leider nicht erleben konnten. All die Gegengewichte, all der Halt. Philadelphia ist so unglaublich, so nah der Mitte zwischen allen Enden, mehr Einigung denn Entfremdung. Von Anfang bis Ende. Der SAG-Preis für's beste Schauspielensemble wurde erst ein Jahr nach diesem Film ins Leben gerufen, Philadelphia hätte man wohl unter großen Applaus ausgezeichnet. Doch dieser Film lebt nicht nur von einem wandelbaren Tom Hanks, sondern von Washington gleichermaßen. Denzel Washington, der vielleicht nicht die erste Wahl oder zumindest der erste Gedanke der Macher war, doch am Ende mit Einschlag ablieferte. Er gibt den rechtlichen Beistand nicht ohne sichtbare Zweifel, nicht ohne spöttischen Steinzeithohn und nicht ohne alteingesessene Festigkeit, doch auch seine Wand vermag langsam zu bröseln. Auch seine Einsicht mag in die richtige Richtung wachsen. Er ist neben Hanks die wichtigste Schlüsselfigur, auch weil sie ein wenig zwischen den Welten gefangen ist, doch obenauf um einen Ausbruch aus alten Rastern und Mustern gewillt ist. Washingtons Joe Miller ist vielleicht der Kern der Masse, Zweifel und Ausflucht, ein Jedermann und schwer zu überzeugender Gefährte. Und wie immer, braucht es meist eine gewisse Zeit, um den Deich an Angst, Vorsicht und mitmenschlicher Unbeweglichkeit - der oft von Ironie und Zynismus in der Luft umnebelt dahin schwelt - in Gemeinsinn brechen zu lassen. Joe Miller ist ein gewöhnlicher Mensch, genau wie viele um ihn herum. Oft braucht es eine Handvoll an wahrhaftiger Konfrontation, um dem nötigen Gemeinsinn die richtige Dosis Eigensinn entgegenzusetzen. Zwischen Skepsis und komplett durchgezogener Entsolidarisierung gibt es einen beträchtlichen Unterschied. Denzel Washingtons Performance ist hier überragend und im Nachgang ist es ziemlich schade, dass er keine Nominierungen für die prominenten Darstellerpreise für sich verbuchen konnte, denn seine Rolle ist in gewisser Hinsicht genauso mutig gespielt, wie die von Hanks. Beide Pole ein und derselben Sachen. Beide bewegen sich ungeachtet des Startpunktes in die einzig gescheite Richtung am selben Horizont entlang, wobei Joe Miller als Figur ein ebenso schwieriges Päckchen aufzuarbeiten hat. Alles ohne Klischees, die nach und nach entkräftet werden, ohne übertriebene Süße, doch längst nicht nur sachlich, auch wenn der juristische Part spannend und klar inszeniert ist. Der Film ist aus dem Jahr 1993. Die vielen Szenen zwischen den beiden Schauspielgrößen sind allesamt Platin. Jede einzelne Szene ist großartig, mal humorvoll, mal wunderschön, mal von tiefer Zuneigung gezeichnet, immer dran, an den Gesichtern. Philadelphia ist eine Ode an das Leben unter vielen.

Überraschend ist, dass Philadelphia über weite Strecken doch weniger schwer wiegt, als man es vermuten mag. Das Skript besitzt eine außerordentliche Tiefe, geht in die Breite und greift nach dem einzigen Leben, welches jeder Einzelne hat, das Drehbuch sticht immer genau dann mit Humor, Wehmut und Leichtigkeit, schnürt es einem den Kloß im Hals. Die Mischung ist zeitlos und vermeidet grobe Fettnäpfchen, Philadelphia ist sehr universell in der Bezeichnung der Diskriminierung. Es ist klasse, wie gut sich dieser Film heute noch sehen lässt, behandelt Philadelphia doch ein Thema, das einst noch nicht in Gänze fassbar war.

Am Ende sind immerhin viele geeint, vermutlich alle aufgeweckt. Die letzten Szenen zwischen Washington und Hanks sind das, was hätte eher sein können und auch wieder nicht. Manchmal erhebt sich das Leben nur wegen der sich wieder gelegten Asche, der Mensch im ewigen Clinch mit der Angst vor der Angst. Das Gefühl, dass viel mehr Lebenszeit hinter einem liegen könnte, als noch vor einem. Mit solch einem Gefühl lässt es sich nicht immer gut umgehen und man braucht normalerweise nicht weit gehen, um sich an Orten ewig Gestriger wiederzufinden, an denen Mitgefühl und Unterstützung auf der Strecke zu lange liegen scheinen. Doch geht man die paar Schritte weiter, erwacht man womöglich als Gleichgesinnter unter vielen. In dem bewegenden Film Philadelphia scheint die Sonne nie so richtig, über allem schwebt ein unsicherer Nebel. Am Ende das berührende Lied von Neil Young. Es ist doch an uns allen, die Nebelschwaden zu lichten?

10/10
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Kommentare

16.08.2021 21:27 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
User-Level von cecil b 18
Erfahrungspunkte von cecil b 6.641
Diese Review ist ein Genuss. Kreativ verfasst und gehaltvoll.

Den Film habe ich vor Jahrzehnten gesehen. Als Hanks in manchen Szenen seelisch zerbricht, bekam ich einen Kloß im Hals. Auch wenn ich keine Vorstellung von den Problemen seiner Figur hatte. Dann wurde mir klar, dass Hanks selten in Filmen mitspielt, die mir gefallen, er aber verdammt gut ist.

Springsteens Song: Gänsehaut auf Knopfdruck. Hat er bei DEAD MAN WALKING auch hingekriegt, den ich mit meiner Review auch 10 Punkte gegeben habe.

16.08.2021 23:09 Uhr - TheRealAsh
1x
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Habe ich auch letztens auf Uhd geholt, toll vorgestellt!

17.08.2021 09:07 Uhr - Stoi
Naja, 10/10 bekäme der von mir nicht. Vielleicht 8/10.
Für einen Hollywwod-Film mit prominentem Cast hat er für seine zeit ein heikles Thema angeschnitten, was nicht selbstverständlich war. Aus heutiger Sicht finde ich aber einges zu patethisch und zum Teil kitschig.
Ansich ist der Streifen aber ganz gut gealtert.

22.08.2021 16:31 Uhr - Bill Williamson
1x
Deine Review ist wunderschön zu lesen.
Aus meiner Sicht, der beste Hanks Film.
Auch nicht zu vergessen, Denzel Washington und Antonio Banderas in ihren Rollen die glaubwürdig sind.
Neben Die Verurteilten einer der besten Filmen aller Zeiten.

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