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Midsommar

Herstellungsland:USA (2019)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Drama, Thriller, Mystery
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,64 (63 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Obwohl ihre Beziehung kriselt, schließt sich Dani ihrem Freund Christian auf einen Sommertrip in einen kleinen Ort in Schweden an. Gemeinsam mit Christians Clique sind sie zu einem einmaligen Mittsommerfestival eingeladen. Doch der anfänglich idyllische Eindruck der abgelegenen Gemeinschaft trügt, die freundlichen Dorfbewohner verhalten sich nach und nach merkwürdiger: Sie bereiten sich auf ein besonderes Mittsommer-Ritual vor, das nur alle 90 Jahre zelebriert wird. Was als puritanisches Fest der Liebe und Glückseligkeit beginnt, nimmt eine unheimliche Wendung, die das sonnengeflutete Paradies bis in die Eingeweide erschüttert. (Weltkino Filmverleih)

eine kritik von tp_industries:

Mein holpriger Start mit Ari Aster´s Schaffen

Ari Aster´s erster Langfilm Hereditary erhielt von den Kritikern eine überwiegend positive Resonanz. Von "frischer Luft im Horrorgenre" bis "die neue Horrorreferenz" war alles vertreten. Grund genug mir Hereditary mal anzuschauen. Und tatsächlich hat mich der Streifen schwer begeistert. Kein klassischer Horrorfilmverlauf. Alle Charaktere sind glaubhaft, natürlich und überzeugend geschrieben. Dies wurde durch die Darsteller auch hervorragend realisiert. Auch die ruhige und melancholische Herangehensweise gefiel mir. Hinzu kam eine geniale Kamerarbeit, welche die unruhige Atmosphäre gekonnt zu unterstützen wusste. Hereditary hat in meinen Augen wirklich frischen Wind in das Genre gebracht. Jedenfalls die ersten 90 - 100 Minuten. Dann passierte etwas, was keinem Film gut tut. Denn Ari Aster ( der wie auch in Midsommar das Drehbuch schrieb ) hat in meinen Augen das Ende, bzw. die finale Auflösung komplett versaut. Hatte man es bis dahin mit einem stark geschriebenen und gespielten Familiendrama, mit einzelnen Psychohorrorelementen zu tun, fuhr das Ende eine klassische, okkulte Dämonenhorrorschiene. Dieses, über weite Strecken des Films, behutsam aufgebaute, unverbrauchte Setting wurde für mich durch das Ende nahezu zerstört. Und da ja bekanntlich das Finale eines Films am ehesten im Kopf des Zuschauers hängen bleibt, habe ich Aster´s Erstling anfänglich ziemlich abgestraft. Mit etwas Zeit dazwischen sehe ich das mittlerweile nicht mehr so eng. Das Ende finde ich zwar immer noch kacke, aber die ersten rund 100 Minuten möchte ich trotzdem als genial bezeichnen. Und das ist auch der Grund gewesen, warum ich mich tierisch auf seinen zweiten Langfilm Midsommar gefreut habe. Immer mit leichten Zweifeln im Kopf. Zweifel, ob Aster nicht wieder das Ende versaut. Anhand meiner Punktzahl habt Ihr wahrscheinlich schon erkannt dass mich Midsommar schwer begeistert hat. Und warum das so ist, möchte ich in den folgenden Zeilen erklären.

 

Sektenhorror, Psychodrama und psychedelischer Drogenrausch

Ja, es ist wirklich schwierig Midsommar filmisch einzuordnen. Und das ist gar nicht mal negativ zu bewerten, da der Film auf so vielen Ebenen funktioniert. Anfangs ist es tatsächlich eher ein Psychodrama. Protagonistin Dani macht sich Sorgen um ihre Schwester. Diese leidet an einer bipolaren Störung und die letzten Mails von ihr lassen erahnen, dass sie sich etwas antun will. Dani teilt ihre Ängste mit ihrem Freund Christian. Dieser spielt die Situation, sowie Dani´s Ängste runter. Es ist direkt zu erkennen, dass Dani selbst depressiv ist und an Panikattacken leidet. Christian ist sich selbst der Nächste. Da er in diesem Moment mit seinen Freunden abhängt, sieht er Dani´s Anrufe eher als Last an, was er ihr mit seiner Art auch zu verstehen gibt. Einen ersten Schockmoment später beschließt Christian mit seinen Freunden nach Schweden zu einem Mitsommer Fest zu reißen, welches in der Form nur alle 90 Jahre stattfindet. Initiator ist Christian´s, aus Schweden stammender, Freund Pelle. Selbst nur wenig davon überzeugt und von Christian und seinen Freunden nur zähneknirschend akzeptiert, reist Dani mit. Einzig Pelle scheint sehr angetan davon zu sein dass Dani die Reise antritt. In Schweden angekommen werden erstmal ein paar halluzinogene Pilze konsumiert, was zu der einen und anderen skurrilen Situation führt. Dann beginnt auch das Fest, welches sich über 9 Tage erstreckt. Die Mitglieder der Gemeinschaft begrüßen die Neuankömmlinge freundlich, ja fast schon herzlich. Dennoch verschlechtert sich nach und nach die Beziehung von Dani und Christian, während sich schleichend das Grauen einsetzt.

 

Die Inszenierung

Wer mit Aster´s Hereditary vertraut ist wird wissen was zu erwarten ist. Der Horror baut sich subtil im Hintergrund auf, während die Charaktere und das Drama im Vordergrund stehen. Und hier merkt man deutlich Aster´s Handschrift und wird so direkt in einen Sog gezogen. Hier gibt es keine stereotypen Figuren. Keine klassischen Opfertypen. Sicher muss man nicht mit der Handlung einer jeden Figur einverstanden sein, aber dennoch sind sie alle unglaublich realistisch, ja regelrecht greifbar geschrieben. Nix wirkt aufgesetzt. Der Zuschauer wird aufgefordert sich mit den Figuren auseinanderzusetzen. Mit dieser realitätsnahen Art wirkt auch der, sich stetig aufkeimende, Horrorpart umso unangenehmer. Außerdem spielt Aster auch mit Kameraeinstellungen, Kamerafixierungen und somit auch mit dem Zuschauer. In den zweieinhalb Stunden die der Film in der Kinofassung geht ( der Director´s Cut geht etwa 30 Minuten länger ), entstehen so oftmals Dialoge die scheinbar nicht viel hergeben. Weder bringen sie die Handlung voran, noch tragen sie etwas zur Charakerisierung bei ( zumindest nix was man nicht eh schon weiß ). Aufgrund dessen hätte ich fast schon einen Punkt abgezogen. Bis ich bemerkte dass ich Aster auf den Leim gegangen bin. Denn meistens, wenn ein Dialog scheinbar nicht viel herzugeben scheint, sollte man auf das achten was im Hintergrund passiert. Nur wird man visuell nicht drauf gestoßen. Die den Dialog betreffenden Personen stehen vorne und sind scharf gestellt, während der Hintergrund oft unscharf, fast schon verschwommen ist. Das Auge des Zuschauers wird also auf einen im Grunde unwichtigen Punkt fokussiert, während das eigentlich Interessante im verwaschenen Hintergrund passiert. Dies ist allerdings keine Unfähigkeit des Filmemachers, sonder klar so beabsichtigt. Der Zuschauer wird durch Kameraeinstellung gezielt hinters Licht geführt. Von solchen Spielereien gibt es einige in dem Film. Dadurch hat der Streifen etwas bei mir erreicht, was bis jetzt noch kein Anderer erreicht hat. Ich habe während der Erstsichtung mehrfach zurückgespult um bestimmte Szenen mehrfach aus unterschiedlichen Blickwinkeln wirken zu lassen. Man entdeckt einfach immer wieder neue Sachen, was eine mehrfache Sichtung ratsam, aber auch unterhaltsam macht. Aus Spoilergründen werde ich zum weiteren Verlauf des Filmes, sowie zum Horrorpart keine weiteren Angaben machen. Aber ich will festhalten, dass Midsommar wie schon gesagt auf vielen Ebenen funktioniert. Sowohl als Psychodrama, als Beziehungsdrama, als Sektenhorror, als auch als psychedelischer Mindfuck. Aber auch ein anderes Element kommt noch hinzu ...

 

Nordische Mythologie

Da der Film in Schweden spielt und es um eine schwedische Gruppierung/Sekte geht, die während dieses Festes ihre Traditionen huldigt, wurden auch allerhand Faktoren der nordischen Mythologie integriert. Allerdings nie so dass sie dem Zuschauer genauer erklärt werden. Sie sind halt einfach da. Entweder man erkennt sie weil man in dem Thema zumindest etwas Basiswissen hat, oder man informiert sich im Nachhinein. Um die Taten der Gruppierung besser nachvollziehen zu können, ist es auf jeden Fall besser sich vor oder nach der Sichtung zumindest etwas über dieses Thema zu informieren. So tauchen über den kompletten Film verteilt immer wieder nordische Runen auf. Besonders die Othala ( oder auch Odal ) Rune sieht man des öfteren mal ( etwa in einer Vogelaufnahme als Festtagstisch dargestellt ). Diese bedeutet laut Überlieferung/Übersetzung soviel wie Erbbesitz oder Stammgut, und ist im Kontext der jeweiligen Szene durchaus interessant zu interpretieren. Aber auch der berüchtigte, historisch aber schwer zu belegende, Blutadler wird in einer Szene thematisiert. Wie schon gesagt wird das aber nur bildlich dargestellt. Verbal wird darauf nicht weiter eingegangen.

 

Der Cast und die Leute dahinter

Das klasse geschriebene Drehbuch und die genialen Filmideen funktionieren selbstredend nur, wenn auch die jeweiligen Beteiligten abliefern. Und das ist in meinen Augen definitiv gegeben. Bei den Darstellern hat man auf größtenteils unverbrauchte Gesichter zurückgegriffen. Dani wird von der Britin Florence Pugh dargestellt. Und sie verleiht ihrer depressiven und sozial unsicheren Figur ordentlich Leben. Man hat immer das Bedürfnis sie in den Arm zu nehmen. Für sie da zu sein. Ihr Freund Christian wird von Jack Reynor gemimt. Er stellt seine egoistische, ja fast schon empathielose Figur mindestens ebenso gut dar. Aber dennoch nie übertrieben oder gar stereotyp. Auch Will Poulter möchte ich lobend erwähnen. Er spielt Christian´s Kumpel Mark. Er hat zwar keine allzu große Rolle, hinterlässt aber einen bleibenden Eindruck. Allgemein ist Will Poulter ein Schauspieler, dem ich noch einer große Laufbahn zutraue. Schaut man sich seine Leistungen in Wir sind die Millers, The Revenant oder eben in Midsommar an, merkt man wie vielseitig der junge Mann agieren kann. Aber auch die Leute hinter der Kamera tragen ihren Teil zu diesem Streifen bei. Kameramann Pawel Pogorzelski liefert atemberaubende und teil surreal/verstörende Bilder. Es wird viel mit dem Weichzeichner und warmen Farben gespielt. Das steht zwar in einem harten Kontrast zu der einen und anderen gezeigten Grausamkeit, aber gerade dieser Kontrast macht eben diese Grausamkeiten noch intensiver. Auch die Musik von Bobby Krlic passt sich dem visuellen Stil super an. Melancholische Klänge geben sich mit Fröhlichen die Klinke in die Hand. Mal ist nur ein ohrenbetäubendes Dröhnen zu hören, mal sind sie Klänge subtil und fast nicht zu hören.

 

Die FSK Freigabe

Im ersten Anlauf bekam der Film eine FSK 18 verpasst. Bei der zweiten Prüfung gab es dann die gewünschte FSK 16. Und beide Freigaben sind tatsächlich nachvollziehbar. In der Summe sind nicht viele Gewalttaten zu sehen. Und wenn dann oftmals im OFF oder man sieht nur das Resultat in Form einer Leiche. Lediglich einmal ( Stichwort: Klippensprung ) wird voll draufgehalten. Ebenso gibt es keine Gewaltverherrlichung, sowie keine Selbstjustiz. Eine 16er Freigabe ist also durchaus ok. Warum also anfangs eine FSK 18? Nun, das spricht dann wieder für die Inszenierung. Wie schon gesagt sorgt diese dafür, das die gewalttätigen Szenen härter rüberkommen als sie eigentlich sind. Von daher kann ich gut nachvollziehen, warum das erste Prüfgremium eine höhere Einstufung gesehen hat. Womit ich zum letzten Absatz komme.

 

Fazit

Midsommar ist definitiv kein Film für die breite Masse. Dem Zuschauer wird viel abverlangt. Man wird angehalten aufmerksam zu bleiben, Bilder einordnen zu können und nicht nur auf das fokussierte Bild zu achten. Wenn man das beachtet, erklärt sich am Ende auch alles von selbst. Man muss also nicht selbst interpretieren, sondern lediglich aufmerksam bleiben. Das ist mitunter auch nur mit einer Zweit- oder Drittsichtung möglich, was aber keine Schande ist, im Gegenteil! Außerdem kann man diesem Film auch ohne Bedenken eine Sache attestieren. Midsommar ist ein audiovisuelles Kunstwerk welches nachhaltig verstört!

 

 

In diesem Sinne,

                             bleibt filmbegeistert!

 

10/10
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Kommentare

22.11.2021 15:36 Uhr - Lukas
1x
Midsommar ist tatsächlich ein toller, beeindruckender Film, auch wenn ich ihn ein klitzekleines bisschen schwächer als Hereditary (trotz dessen misslungenen Endes) fand.
Die Review ist angenehm zu lesen, nur an einer Stelle möchte ich widersprechen: Es gibt durchaus "Opfer(typen)" im Film. :-D

22.11.2021 15:45 Uhr - Fratze
1x
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Aaahg, ich muss den wohl noch mal gucken. Bei der ersten Ansicht war ich wenig überzeugt, fand den überaus vorhersehbar und konnte den Hype genau wie bei "Hereditary" einfach nicht nachvollziehen. Dass vieles im Hintergrund passiert, hab ich nun schon auf diversen Seiten gelesen, muss ich dann wohl mal drauf achten. Ich denke dennoch, dass der bei mir keine 10 werden kann.

Nichtsdestoweniger aber ein fulminant verfasstes Review, das ich sehr gerne gelesen habe. Alle Daumen hoch ^^

22.11.2021 17:42 Uhr - sonyericssohn
2x
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Dem hab ich nix mehr hinzuzufügen. Verwirrender Schädelsprenger !
Top Kritik tp !

22.11.2021 18:05 Uhr - dicker Hund
2x
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Vorzügliche Kritik zu einem Ausnahmewerk, das auch bei mir in den obersten Punkterängen landen dürfte. Besonders interessant fand ich Deine Darstellung von Kameraarbeit und Symbolik.

22.11.2021 20:32 Uhr - tp_industries
3x
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@Lukas
Bei der Sache mit den Opfertypen zielte ich eher in den konventionellen Bereich wie einen beliebigen "Freitag der 13." oder "Final Destination" Film. In jeden dieser Streifen gab es mindestens eine Figur, der man aufgrund ihrer, mit dem Holzhammer präsentierten, unsympathischen Art den Tod wünscht. Das war auch von den Drehbuchautoren so beabsichtigt und gehörte zum guten Ton im Horrorbereich.
In "Midsommar" ist das alles eben geerdeter und realistischer dargestellt. Ich gebe dir zwar recht, dass es in dem Film mindestens eine "Arschlochfigur" gibt, die ist aber eben nicht so comichaft überzeichnet wie in vielen anderen Horrofilmen.
Ansonsten freut es mich dass dir mein Text gefällt. :)

@Fratze
Danke für dein Lob und schön dass dir meine Kritik gefällt.
Ja, dem kannst du ruhig nochmal ne Chance geben. Selbst ich freue mich schon auf eine nächste Sichtung, da ich mir sicher bin, dass ich wieder ein paar neue Sachen entdecken werde. Wie im Text geschrieben gibt "Midsommar" einfach so viel her was man noch entdecken kann. :)

@sony
Vielen Dank sony!
Da ich deine lesenswerte Review zu "Midsommar" kenne, wusste ich natürlich wie hoch der bei dir im Kurs steht! :)

@dicker Hund
Auch Dir danke ich für die lobenden Worte.
Ja, die Kameraarbeit und die Symbolik haben wirklich was für sich. Ein Film der mich so umfangreich in so vielen Bereichen beschäftigt, hat bei mir einfach gewonnen. :)

22.11.2021 22:36 Uhr - Lukas
1x
Darauf wollte ich eigentlich nicht hinaus, sondern tatsächlich auf Opfer im wahrsten / ursprünglichsten Sinne des Wortes. ;-)

23.11.2021 07:55 Uhr - tp_industries
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@Lukas
Dann ist das ein klassischer Fall von "aneinander vorbei geredet". ;)
Natürlich hast du recht. Opfer gibt es einige. Der Bodycount liegt bei 12 wenn ich mich nicht verzählt habe.


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