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Maniac

Herstellungsland:USA (1980)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Horror, Thriller
Alternativtitel:Meeting with Frank
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,24 (162 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Ein Mann mittleren Alters namens Frank leidet unter seiner psychischen Krankheit. Er hat ein gefährlich gestörtes Verhältnis zu Frauen.Frank arbeitet als Restaurator für eine Modellagentur und lebt in einer kleinen Wohnung mitten in der Großstadt. Aber er lebt trotzdem vollkommen mit sich und seiner Krankheit allein. Er ermordet Frauen, und skalpiert sie. ()

eine kritik von themoviestar:

Aus den 80er Jahren gibt es meines Erachtens zwei Filme, die mit ihrer Zeigfreudigkeit in Punkto Gewalt und auch mit ihren Veröffentlichungsproblemen beispielhaft sind für den Aktionismus der Zensurbehörden, welcher zur damaligen Zeit unter dem Deckmantel des Jugendschutzes stattfand. Zum einen wäre dies Sam Raimis Zombie Klassiker The Evil Dead (1982), zum anderen der mir vorliegende, verstörende Serienkillerstreifen Maniac (1980) von Regisseur William Lustig. Beide Klassiker waren die Grundlage für eine fast schon verzweifelt geführte mediale Diskussion,  wie Gewalt auf Video die Jugend verdirbt und beide Filme wurden auch auf Grund Ihrer schonungslosen Brutalität bundesweit beschlagnahmt. Während man bei Tanz der Teufel argumentieren könnte, dass lediglich Fantasiewesen zu Schaden kommen, sieht es beim hochspannenden, im wahrsten Sinne des Wortes todernsten Maniac schon ein bisschen anders aus: Das beängstigend realitätsnahe Psychogramm deckt ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen die Psyche und das Seelenleben eines geistesgestörten Frauenmörders auf, während bei den verabscheuungswürdigen Bluttaten alles andere als abgeblendet wird und die schonungslose Kompromisslosigkeit den Zuschauer auch nach heutigen Maßstäben angewidert und schockiert zurücklässt. 

Dabei sind gewisse Parallelen zum Genreklassiker Psycho (1960) nicht von der Hand zu weisen: Wie Norman Bates hört die Hauptfigur Frank Zito Stimmen und wurde ebenfalls von seiner Mutter mißbraucht, was als mögliche frühkindheitliche Ursache für die Verrücktheit angeführt wird. Außerdem basieren beide fiktiven Charaktere auf den Erlebnissen des echten Serienmörders Ed Gain, der von 1906 bis 1984 lebte und eine ähnliche paranoide Persönlichkeitsstörung vorwieß. Das offizielle Budget wurde auf 350.000 Dollar beziffert. Hauptdarsteller Joe Spinell (Rocky 1 + 2) schrieb mit CA Rosenberg gemeinsam das Drehbuch und arbeitete sich intensiv in seine Rolle ein, indem er in Eigenverantwortlichkeit Berichte über reale Serienmörder wie Ted Bundy, John Wayne Gacy oder David 'Son of Sam' studierte. Im Film entkleidet, mordet und skalpiert der schüchterne Einzelgänger Frank Zito unaufhaltsam von inneren Stimmen angetrieben junge Damen, die in sein Beuteschema passen. In seiner Sammlung des Grauens verfeinert er lebensnahe Schaufensterpuppen mit den Haaren und den Kleidern seiner Opfer, um in seiner kranken Fantasiewelt das zubekommen, was ihm echte Frauen verwehren. Als er durch einen Zufall die Fotografin Anna kennenlernt, scheint er zum ersten Mal in seinem Leben eine Freundschaft zu einer Frau aufzubauen, doch sein unaufhaltsamer Trieb macht ihm schon bald einen Strich durch die Rechnung....

In den angesprochenen, kontroversen Diskussionen wurde Maniac gerne auf seine exorbitante, grenzwertige Gewaltdarstellung reduziert, was alleine schon wegen der großartigen, unter die Haut gehenden Performance von Joe Spinell etwas ungerecht ist. Spinells optisches Erscheinungsbild in Maniac ist genauso, wie man sich einen gesellschaftlichen Außenseiter, einen Freak eben vorgestellt: Er ist übergewichtig und seine Wampe wird von den schmuddeligen Klamotten nicht komplett bedeckt. Ein aufgedunsenes, verschobenes Gesicht zieren fettige Haare, ein Schnautzbart, vergilbte Zähne und eine Hornbrille. Auch seine gewissenhafte, verhaltensbezogene Vorbereitung hat sich gelohnt. Spinell verkörpert die innere Zerrissenheit zwischen seinem Gewissen und den triebfördernden, trügerischen Geisteseingebungen evident und glaubwürdig, während er die daraus resultierenden Stimmungschwankungen exakt auf den Punkt bringt: Nach den kurzen, bestialischen Ausbrüchen seiner Krankheit, als er wie im Rausch auf seine Opfer einsticht oder ihnen die Halsschlagader durchtrennt, wird er von einer Minute auf die andere von der puren Verzweiflung übermannt, warum er schon wieder böse war und er wollte das doch alles  gar nicht tun. Dazu wechselt er passend seine Mimik von zornesentbrannter Wut zu einem gequälten, verzweifeltem Hundeblick, dass er dem Zuschauer fast schon leid tun kann. Das was Spinell hier abliefert, ist ganz ganz große Schauspielkunst!

Natürlich sollte auch die geschickte, zweckdienliche, düstere und dreckige Inszenierung von William Lustig gelobt werden, der zuvor nur Pornofilme gedreht hatte und mit den Einnahmen seiner letzten Hardcore Produktion einen Teil von Maniac finanzierte. Die mickrigen Geldmittel zwangen Lustig und sein Team, viele Szenen im Guerilla Stil, dass heißt ohne offizielle Genehmigung, zu filmen. Außerdem griff er für Opfer und kleinere Nebenrollen auf Amateurdarsteller aus dem Porno-Mileu zurück, um effektiv und kostengünstig zu arbeiten. Als Kulissen für die teils spontanen Drehs durften die dunklen Gassen und Absteigen von New York City herhalten, welche hervorragend zu dem beklemmenden Grundton des Films passen und mit blasser Farbgebung sowie mit der traurig-melancholischen Synthie-Begleitmusik die Trostlosigkeit und den schmutzigen Bahnhofsviertel Charme von Crime, Sex und Prostitution unterstreichen. Beim Entwurf des Settings von Franks winzigem Apartement mit klaustrophobischer Enge und leisen, satten Geräuschkulissen wie einer tickenden Uhr oder einem tropfenden Wasserhahn ließ sich Lustig vom schwedischen Thriller Mannen pa taket (1976) inspirieren, während bei der Dekoration der Wohnung und auch beim Aussuchen das Farbschemas italienische Horrorthriller wie Bloedlink (1975) oder Suspiria (1977) Model standen.

Für die schockierenden Mordsequenzen nahm sich Lustig an Dario Agentos Werken ein Beispiel. Die Gewalt in Maniac zielt nicht unbedingt nur auf zur Unterhaltung ausgelegten Blickfang, sondern eher darauf, der Einsamkeit von Frank ein Sprachrohr zu verschaffen und die Grausamkeit seiner Taten visuell zu manifestieren. Lustig dirigierte seine Kameraleute dahingehend, zwischen den Einstellungsgrößen Nah, Halbnah und Großaufnahme zu switchen und möglichst ruhig und langandauernd das Geschehen zu verfolgen, welches die gesamte Palette von effektvoll ausbluten lassen bis zum Skalpieren abdeckt. Bei den derben, handgemachten, blutigen Special Effekts verließ er sich auf das Know How von Maskenbildner Tom Savini, der auch eine kleine Rolle als Chauffeur und Pumpgun Schussopfer einnimmt. Im besagten, berühmt berüchtigten Schrotflinte durch die Windschutzscheibe Attentat bläßt Frank ihm aus nächster Nähe den Kopf weg, während der Schädel von der Wucht der Kugel in Stücke gerissen wird und sich literweise Kunstblut und Hirnschmalz am zersprungenen Frontglas verewigen. Für die Realisierung griff Savini auf einen Dummy zurück, den er bereits im Zombie Klassiker Dawn of The Dead (1978) im Einsatz hatte, bei welchem er ebenfalls für die Effekte verantwortlich war.

Lustig gelingt es, Anspannung und Dramatik auf Grund der enormen Intensität größtenteils hochzuhalten, auch wenn dem Publikum mit dem Auftauchen der Fotografin Anna (Caroline Munro) eine kleine Verschnaufspause gegönnt wird. Das dialoglastige Treffen im Restaurant und die Andeutung von aufkeimender, zwischenmenschlicher Sympathie verleit der Geschichte einerseits zwar zusätzliche Tiefe, andererseits werden die temporeiche Dynamik und der Erzählfluss ein bisschen ausgebremst, was ich persönlich etwas schade finde. Glücklicherweise zieht Lustig im bitterbösen, blutrünstigen, überraschenden, in viele Seiten interpretierbaren Finale die Zügel wieder an. Hier wird Franks Wahn im wahrsten Sinne des Wortes die Krone aufgesetzt, während die Grenzen zwischen Realität und Fiktion geschickt verwischen und alles bisher gesehene gekonnt in den Schatten gestellt wird.

Maniac war 1983 der erste Film, der jemals bundesweit beschlagnahmt wurde. Es dauerte bis ins Jahr 2019, ehe der Beschluss aufgehoben wurde. Mittlerweile ist dieser Genremeilenstein ungeschnitten ab 18 Jahren freigegeben und überall ohne Probleme erhältlich. Bemerkenswert ist, dass Maniac trotz seiner mittlerweile knapp 40 Jahren auf dem Buckel immer noch genauso schockiert, wie bei seinem Erscheinen und sich altersbedingte, natürliche Abnützungserscheinungen weitgehendst im Rahmen halten. Maniac ist abseits von seiner schonungslosen Gewalt ein damals wie heute Maßstäbe setzender, kontroverser und unbequemer Film über die psychologischen Abgründe eines Serienkillers mit einem richtig starken Hauptdarsteller. Von daher kann ich nur jedem Filmfreund, der Maniac noch nicht gesehen hat und extremer, alternativer Erwachsenenunterhaltung nicht abgeneigt ist, schleunigst eine Sichtung empfehlen. Maniac ist und bleibt eine cineastische Provokation, von deren Faszination man sich eigentlich nicht entziehen kann. MovieStar Wertung: 9 von 10 Punkte.

9/10
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Kommentare

27.11.2021 17:47 Uhr - cecil b
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Moderator
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Damit hast du wieder eine großartige Review verfasst, die einen meiner Lieblings-Psycho-Filmen absolut gerecht wird! :)

Dein Blick auf das Remake wäre bestimmt auch eine Bereicherung!

27.11.2021 22:17 Uhr - TheMovieStar
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@ Cecil: Danke fürs Lesen und für dein positives Feedback. Ja Maniac gehört auch zu meinen Lieblings Psycho Filmen! Das Remake habe ich auch daheim, aber schon ewig nicht mehr gesehen. Von der Erinnerung her war der auch in Ordnung wobei den damals nicht so stark gesehen habe wie das Original. Wenn ich den mal wieder schaue, schreibe ich natürlich ein Review :-)

28.11.2021 09:12 Uhr - leichenwurm
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Hi Movie...! Sehr ansprechend formulierter Text zu diesem nihilistischen Meisterwerk. Diese finstere Grossstadt-Atmosphäre wurde selten so intensiv auf Film gebannt wie hier. Und einen Schlitzerfilm beinahe ausschliesslich aus der Perspektive des Monstrums zu erzählen war zum damaligen Zeitpunkt echt ein Novum...! "Maniac" ist nach wie vor ein echt unangenehmer Film... ! Das Remake fand ich übrigens ebenfalls sehr sehenswert ;-) !

28.11.2021 17:34 Uhr - TheMovieStar
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@ Leichenwurm: Danke auch Dir fürs Lesen und für dein positives Feedback. Mit der einzigartigen Atmosphäre hast du tatsächlich Recht und die Sicht aus der Perspektive des Mörders ist hier wirklich auch sehr gut inszeniert.
Das Remake müsste ich mal wieder schauen, von der Erinnerung war der ganz ok aber hat mir eben nicht ganz so gut gefallen wie das Original.

28.11.2021 18:56 Uhr - McGuinness
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Sprachlich wunderbar verfasste Review, die nicht mit Zusatzinformationen geizt und selbst jemandem, der dieses Werk tatsächlich noch nicht kennen sollte, einen sehr guten Eindruck vermittelt, ohne dabei zu viel zu verraten... Prima gemacht MovieStar 👍🏻

Ich persönlich muss allerdings gestehen, dass ich die Neuverfilmung mit Elijah Wood von 2012 klar dem Original vorziehe, da mir diese persönlich einfach besser gefällt, mich nachhaltiger beeindruckt hat und mir insbesondere die Taten aus der POV - Perspektive nicht wenige Begeisterungsstürme entlocken konnten.
Ich muss aber auch sagen, dass ich " Maniac " (1980) erst relativ spät gesehen habe, lange nach Alexandre Ajas Version, ich diesen zwar sehr gut fand, aber eben doch nicht so überragend wie das Remake.

29.11.2021 01:12 Uhr - CHOLLO
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Pflichtprogramm der Film!
Ganz Richtig: Der Faszination dieses Werks kann man sich nur schwerlich entziehen:)

29.11.2021 09:36 Uhr - Draven273
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Tolle Review zu einem absoluten Klassiker. Den ich schon viel zu lange nicht mehr gesehen habe. Und ich gebe zu, ich habe fast ein bisschen Angst davor, dass mir der nicht mehr so gefällt wie vor ein paar Jahren noch. Aber dank deiner Review, die mich schon quasi wieder positiv beflügelt, werde ich mal in absehbarer Zeit doch wieder einen Blick zur Neusichtung riskieren. Davon ab haben wir hier wieder eine wirklich tolle Review von dir und wie du weißt, bin ich ja ein Fan von deinen Informationen die du immer einfließen lässt :)

30.11.2021 12:21 Uhr - TheMovieStar
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@ Mc Guinness, Chollo und Draven: Danke auch euch fürs Lesen und für euer Feedback! Hat mich sehr gefreut :-)

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