SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
Evil Dead - The Game · ULTIMATE MULTIPLAYER-ERLEBNIS... UND ES GROOVT! · ab 44,99 € bei gameware Dying Light 2 [uncut] · Stay Human · ab 54,99 € bei gameware

Cruel Summer

Herstellungsland:Großbritannien (2016)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Horror, Drama, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (2 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Der autistische Teenager Danny macht alleine einen Campingtrip an einen Angelsee. Dabei ahnt er nicht, dass sein friedvoller Ausflug eine drastische Wendung nehmen wird: Der brutale, wütende Nicholas macht sich nämlich auf die Jagd nach Danny, da er glaubt, dass dieser etwas mit seiner Exfreundin hatte. Nicholas entfesselt damit eine gefährliche Gewaltspirale, aus der es für Danny scheinbar kein Entkommen gibt. (Splendid Film)

eine kritik von themoviestar:

Die Eltern vom damals 17 jährigen Terry Hurst werden den 19. Juli 2004 wohl nie mehr vergessen. Es war der Tag, an dem ihr an Lernschwächen leidender Sohn von den in etwa gleichaltrigen Jugendlichen John Sawdon, Jermaine James und Rebecca Peters brutal aus dem Leben gerissen wurde. Nachdem sie ihm beim Camping im Wald (Broomhead Reservoir, England) auflauerten,  stachen sie mit zwei Sensen zwischen 60 und 80 Mal auf ihr arg- und wehrloses Opfer ein und ließen es verbluten, obwohl es augenscheinlich noch am Leben war. Warhscheinlichste Motivlage: Eifersucht. Die 3 Täter wurden nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt und bekamen 15 bzw. 13 Jahre Mindesthaft. Auf dieser wahren Begebenheit beruht das verstörende englische Horror Drama Cruel Summer aus dem Jahr 2016, welches seine Uraufführung am 27.08.2016 auf dem HorrorKanal Frightfest hatte. Cruel Summer beweist in seiner erdrückenden Nüchternheit, dass  künstliche Spannungstreiber wie überzeichnete Mörder, blutrünstige Effekthascherei oder Jump Scares nicht zwingend notwendig sind, um den Zuschauer zu schockieren, denn nichts ist so grausam wie das reale Leben!, gerade bei so einer verachtungswürdigen Tat!

Die beiden Briten Craig Newman und Philipp Escott führten Regie und entwarfen gleichzeitig auch das Drehbuch, bei welchem Sie sich zum größten Teil an die entsetzliche Wirklichkeit hielten. Die Namen tauschten sie aus Respekt und Pietätsgrunden zu Terry Hurst's Familie aus, während die Geschichte im Film aus dramaturgischen Gesichtspunkten geringfügig mit kleineren Variationen und Ergänzungen bedacht wurde. So handelt Cruel Summer vom spastischen, geistig behinderten Danny (Richard Pawulski), der alleine mit seinem Zelt an einen Angelsee fährt. Weil Julia (Natalie Martins) das falsche Gerücht in die Welt setzt, Danny hätte mit Nicholas (Danny Miller) seiner EX Freundin geschlafen, möchte der verlassene, eiskalte Nicholas ihm eine Lektion erteilen. Um ihren Freund Calvin (Reece Douglas) für einen Vergeltungsschlag zu mobilisieren, lügen Nicholas und Julia Calvin damit an, dass Danny ein Kinderschänder sei und er es auf seine jüngere Schwester abgesehen habe. Gemeinsam machen sie sich auf die Suche nach dem nichtsahnenden Danny und dessen Eltern verraten den harmlos aussehenden Schlägern auch noch den Aufenthaltsort....

Während den Opening Credits deuten Newman & Escott mit ihrem fatalistischen Intro in stroposkopisch aufblinkenden Kurzaufnahmen an, wohin die Reise in den folgenden knapp 80 Minuten führen wird: Wir sehen ein aus der Nase stark blutendes Gesicht von einem Jungen, der durch den Wald gehetzt wird und eine Handsense. Danach schlägt ihr Gemeinschaftswerk deutlich ruhigere Töne an und wir erfahren in zwei parallel zueinander verlaufenden, ausgiebigen Handlungssträngen von der Ausgangslage und der Entwicklung bis hin zu den erschütternden Jagdzenen. Knapp 2 Drittel des Films widmen sich Newman & Escott in aller Seelenruhe feinsäuberlich und akribisch den Charakteren und dem Weg von einer unbedacht geäußerten Verleumdung zum niederträchtigen Gewaltverbrechen. Durch die Voraussicht auf das Unausweichliche weiß der Zuschauer was ihm blühen wird, wodurch die ruhige, fast schon lethargische Erzählstruktur die innere Anspannung und das Unbehagen sukzessive steigern, je näher die Opfer / Täter Konfrontration letzten Endes rückt.

Die mir bisher unbekannten Darsteller spielen ihre Figuren, deren Charaktereigenschaften und auch die gesamte Geschichte authentisch und glaubwürdig. Der Ursprung des Unheils, die attraktive, nach Nicholas Aufmerksamkeit lechzende Julia (Natalie Martins), bringt den Stein mit ihrer unbedachten Anschuldigung ins Rollen. Ihre zaghaften Versuche, ihre Aussagen mit Relativierungen zu entschärfen schlagen fehl, während das Geltungsbedürfnis und der Wunsch cool zu sein über ihr sparflammiges Gewissen siegen. Martins gelingt es, diesen inneren Zwiespalt evident zu veranschaulichen. Cruel Summer zeigt in all ihrer bedingungslosen Konsequenz, was sich aus einer salopp in den Raum geschmissenen Unterstellung alles entwickeln kann. Wie heißt es doch so schön: Erst denken, dann reden!

Danny Miller mimt den scheinbar gewissenlosen Anführer Nicholas, zu welchem alle voller Respekt, Angst und Ehrfurcht hinaufblicken. Seine größte Sorge in seiner Wut und seinem grenzenlosen Haß ist es, seinen Gottstatus vor seinen Anhängern zu verlieren, weswegen er sein Vorhaben unbeirrbar und eiskalt durchzieht. Dabei stellt sich die berechtigte Frage: Was ist mehr zu verurteilen, die bösartige, manipulative, üble Nachrede, auf welcher er seine grauenhafte Tat vor seinen Freunden rechtfertigt, oder das Gewaltverbrechen an sich, das an Brutalität kaum zu überbieten ist? Sein Verhalten erinnerte mich stark an den Rädelsführer vom ähnlich angelegten Terror Schocker Eden Lake, obgleich dieser auf Grund künstlich konstruierten, realitätsfremden Spannungstreibern für mich nur annähernd so schockierend ist wie Cruel Summer, da hier einzig und allein die blanke, bitterböse Realität dem Zuschauer den Boden unter den Füssen wegzieht.

Der letzte des barbarischen Killertrios, der die gefährliche Gruppendynamik komplettisiert, ist der am menschlichsten gezeichntete Mitläufer Calvin (Reece Douglas), der nachdem er Nicholas grausames Spiel durschaut hat, kurzzeitig panisch die Flucht ergreift, dann aber später doch noch offenen Wiederstand leistet. Calvin erkennt die Absurdität der Anschuldigungen. Er sieht in dem von Richard Pawulski übrigens glänzend dargestellten geistig behinderten Danny nicht das, was Nicholas und Julia ihm in ihrem trügerischen Lügenkonstrukt auftischen wollen, sondern das, was der Junge wirklich ist: Ein zurückgebliebener, infantiler, aber dennoch sensibler und feinfühliger Mensch, der keiner Fliege etwas zu Leide tun könnte und der in seiner eigenen Welt lebt. Wie soll so jemand ein Pädophiler sein? Am Ende des Tages bringt er Nicholas wahre Motivlage unmissverständlich auf den Punkt: Weil sein männliches Alpha Ego durch das Verlassen werden von seiner Freundin akuten Schaden genommen hat, muss der Mongo dafür büßen! Doch er ist zu schwach, um sich gegen den durchgedrehten Tyrannen durchzusetzen.

Für den Zusammentreff der beiden Lager benötigt man dann ein im wahrsten Sinne des Wortes dickes Fell. Ich habe schon viele grausame, brutale und blutige Filme gesehen, aber bei Cruel Summer musste ich wirklich schlucken, wie die Sadisten scheinbar mit Spass ihr wehrloses Opfer durch die Botanik jagen und wie im Rausch auf es einprügeln bzw. einstechen. Die friedliche Idylle der Natur steht im krassen Widerspruch zur  zerstörerischen Gewalt des Menschen. Die Kamera muss nicht einmal voll draufhalten um zu schockieren, da reicht schon die pure Grausamkeit des Aktes an sich um zu verstehen, dass hier etwas abrundtief Unmenschliches passiert. Newman & Escott haben jedenfalls genau das richtige Gefühl für die Situation und sorgen mit ihrem Wechselspiel aus dynamischen Kamerafahrten, Abblendungen, Aktionen in der Halbtotalen und  kurzen Close-Ups des blutenden, malträtierten Geschädigten dafür, dass dir als Zuschauer die Spucke förmlich weckbleibt und sich tiefes Entsetzen und Betroffenheit breitmacht, wozu  auch die traurig dramatische, in Mark und Bein fahrende Hintergrundmusik ihren Teil beiträgt.

Etwas zu plakative und oberflächliche Ursachenforschung vielleicht betreibt Cruel Summer im tristen Alltag der jungen Leute und präsentiert uns ein rohes und brutales Abziehbild der britischen Jugend. So werden vor allem Langeweile und Perspektivlosigkeit als mögliche, Klischee entsprechenden Indikatoren angeführt und auf die berechtigte Frage nach dem Weshalb wird meines Erachtens etwas zu wenig eingegangen. Trotzdem ist Cruel Summer der mit Abstand nachhaltigste Film, den ich seit langem gesehen habe. Newman & Escott liefern einen kleinen, relativ unbekannten, bitterbösen, beängstigenden Angriff auf die Psyche mit einer schockierend konsequenten Mischung aus Gesellschaftsdrama, Vorurteilen, Terror und der nackten, schonungslosen Gewalt. Intensiv, realistisch und lebensnah gespielt, so dass man teilweise das Gefühl bekommt, man wäre selbst ein Teil des fürchterlichen Geschehens, mittendrin statt nur dabei. MovieStar Wertung: 9 von 10 Punkte.

 

9/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Fack
TheMovieStar
5/10
Orphan
TheMovieStar
6/10
Teen
TheMovieStar
7/10
Delta
TheMovieStar
6/10
die neuesten reviews
Fack
TheMovieStar
5/10
Blood
Insanity667
7/10
Sideling
Dr. Kinski
5/10
Orphan
TheMovieStar
6/10
Mother
dicker Hund
7/10

Kommentare

06.12.2021 00:05 Uhr - cecil b
2x
Moderator
User-Level von cecil b 19
Erfahrungspunkte von cecil b 7.048
Eine erstklassige Review. :)

Und eine interessante Vorstellung!

Wahre Begebenheiten sind natürlich immer so ne Sache, aber schon Märchen griffen reale Taten auf.

Die Hintergründe sind leider nicht unglaublich. : (

Daher ist das bestimmt ein Film, der erschüttert.

Räusper: "Die Eltern vom damals 17 jährigen Terry Hurst werden den 19. Juli 2004 wohl nie mehr vergessen".

Davon gehe ich aus.


06.12.2021 08:38 Uhr - TheMovieStar
1x
User-Level von TheMovieStar 12
Erfahrungspunkte von TheMovieStar 2.094
@ Cecil: Vielen Dank fürs Lesen und für dein Lob. Ja ich bin immer noch etwas geflasht von dem Film, hatte den so nicht erwartet. Der läuft auf Amazon Prime. Ich habe den mehr oder weniger zufällig ausgewählt und war auf das was ich sehen musste so nicht gefasst.

Ich finde das wirklich erschreckend, zu was wie grausamen Taten Menschen überhaupt fähig sein können.


06.12.2021 10:39 Uhr - Man Behind The Sun
1x
User-Level von Man Behind The Sun 6
Erfahrungspunkte von Man Behind The Sun 459
Ach, wieder einer, der den auf amazon gefunden hat ;)
Deiner wie immer super geschriebenen Kritik stimme ich in vielen Punkten zu, aber ich fand den anfangs extrem lahm und zum Ende hin zu vage. Die Synchro tat ihr übriges. Grausam.

Ich empfehle Playground, wenn man mal einen richtigen Brocken in der Art sehen will. Kaum zu ertragen, vor allem gegen Ende nicht mehr auszuhalten.

06.12.2021 15:49 Uhr - TheMovieStar
User-Level von TheMovieStar 12
Erfahrungspunkte von TheMovieStar 2.094
@ Man behind the Sun:

Danke fürs Lesen und für dein Lob. Mir hat gerade diese ausführliche Charakterisierung der Figuren und die Hinführung zum Finale gefallen. Die Synchro fand ich jetzt auch nicht sonderlich schlimm, ist halt ein kleiner Film.

Deinen Tipp werde ich mal beherzigen wenn mir der Film über den Weg läuft.

Danke jedenfalls für dein Feedback!

06.12.2021 16:13 Uhr - McGuinness
1x
DB-Co-Admin
User-Level von McGuinness 9
Erfahrungspunkte von McGuinness 1.183
Klingt nach einem Werk, nach dessen Sichtung sich ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend breit macht.
Hatte erst kürzlich vor mir diesen anzusehen, nun weiß ich Dank deiner eloquent formulierten Review also, dass sich eine Sichtung definitiv lohnt 😉

06.12.2021 23:43 Uhr - TheMovieStar
1x
User-Level von TheMovieStar 12
Erfahrungspunkte von TheMovieStar 2.094
Danke fürs Lesen und fürs positive Feedback Mc. Definitiv ist immer so eine Sache, die eben auch vom Geschmack abhängt. 😀

kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)