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Roulette

Herstellungsland:Deutschland (2013)
Genre:Horror, Drama, Thriller
Alternativtitel:Roulette: A Game of Chance
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,00 (1 Stimme) Details

Inhaltsangabe:

Die obdachlose Waise Sina kommt durch eine ehemalige Freundin in einen mafiösen Kreis, indem Frauen vor Publikum russisch Roulette spielen. Es winkt viel Geld oder der Tod. Ein Journalist kommt dem auf die Spur, kann er Sina helfen? ()

eine kritik von cecil b:

 

Bald weihnachtet es sehr. Besser gesagt ein bisschen, eine äußerst berühmte Pandemie schränkt die Freuden ein. Am Martinstag hat mir ein sympathischer kleiner Kerl mit glänzenden Augen davon erzählt, dass in der KITA, in der er oft seine Zeit vertreibt, ein echtes Pferd mit im Bunde sein wird um den Schutzpatronen der Armen gebührend zu feiern. Das ist doch was. 

Für SINA ist das nur Folklore weit entfernt von ihrer Realität. Das Fest der Liebe, Familienfeiern, alles ist für sie vergangen. An der Nächstenliebe hapert es, ihr Freund, mit dem sie unter einer Brücke schläft, geht zeitweise äußerst brutal mit ihr um. Sina ist am Abgrund, warum soll sie noch leben? So geht sie einen Mittelweg und spielt mit ihrem Leben. Mit dem Schicksal, das ihr schon mehrere Schläge versetzt hat. 

Die Protagonistin kämpft sich auf der Straße durch, gegen die Armut, ihren aggressiven Freund, die Missachtung der normalen Gesellschaft. Eine junge Frau mit Augenringen und rotziger Art, die schnell vergessen wird, wenn sie nach etwas Geld für Essen fragt. So eine wird sich doch bestimmt Drogen und große Mengen Alkohol reinziehen. Nicht die Chancen nutzen, die ihr der deutsche Staat gibt. Sieht schon aus wien Punk -Girl. Verschiedene andere Teile der Gesellschaft kommen mit ihr in Kontakt, die Reaktionen sprechen Bände, und Sina wird durch ein bestimmtes Gespräch durchleuchtet. Dann ist sie ein Mensch, und nicht nur eine vonne Straße. Ein gebrochener Mensch, der kaum etwas Lebenswertes hat, ist in den Augen mancher wohlsituierter Personen ein Rand der Gesellschaft, den man lieber übersieht, oder sogar ein Opfer, über dessen Leben man bestimmen kann. Geld regiert die Welt, Macht kann bewiesenermaßen das Empfinden von Empathie verringern, Menschen sind käuflich, ob Opfer oder Täter. Die Schwerverbrecher, die in ROULETTE mit Menschenleben spielen, haben russische Wurzeln, aber dieses Verhalten ist natürlich an keine Herkunft gebunden, es heißt nun mal Russisch Roulette. 

Ein roter Stern begleitet die Mafia. Der Horror, der vom sozialen Aspekt ausgeht, begründet sich also einfach laut sarkastisch mit einer aufopferungsvollen kommunistisch bzw. sozialistisch orientierten Haltung. Sina hat wieder eine besondere Funktion innerhalb eines umfunktionierten Gemeinschaftsgefühls, jetzt voll und ganz ein Patriarch. Vorher konnten sich Menschen durch sie ihrer normalen Position bewusst werden, jetzt ist dieses Prinzip ausgeartet. Aber diesmal schauen die Menschen nicht mehr an ihr vorbei, zudem sind ihr Kost und Logis sicher.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge wird dargestellt, wie Menschen, die abhängig von einer mächtigen Gruppe sind, einen weiteren Spalt in der Gesellschaft verkörpern können. Das fängt im Kleinen an, wenn die Not ausgenutzt wird, einmal weitergedacht können ganze Regierungen Hass verrichten. Es war und es ist so, dass 'Schwächere' manchmal menschenverachtend misshandelt werden, dagegen kann man nur bedingt etwas tun. Geld regiert die Welt, da haben wir es wieder. FACEBOOK legitimiert Hassbotschaften, die Aufforderungen zu Mord und Totschlag sowie den Menschenhandel. Um mich von dieser Diktatur wieder mehr zu befreien, müsste ich aktuell erst einmal bewilligen, dass mich dieser Wahnsinn weiter ausspioniert. Ein Ja für die Spionage, um mich abzumelden. Es ist gut möglich, dass auf FACEBOOK russisches ROULETTE vertrieben wird, die Story ist realistisch. HOSTEL hat ähnliche Züge, und nicht nur dieser Film, CHEAP THRILLS (Review vorhanden) ist so wirklichkeitsnah wie ROULETTE, nur noch ein bisschen besser. Ein Ritterschlag, für einen Independent -Film, der ohne Filmförderung über weite Stecken das Niveau eines Kinofilms erklimmt.  

Julian Schönreich hat seine interessante Idee schriftlich und inszenatorisch mit einer dramaturgischen Geradlinigkeit im hohen Tempo gut verpackt. Wie schnell die Figuren vorgestellt, und somit mehrere Entwicklungen eingeleitet werden, alle Achtung! Sina ist vom Anfang bis zum Ende wand­lungs­fä­hig, und reicht die Hand unüblich zur Identifikation um sie dann wieder zu entreißen. Ihre ehemalige Klassenkameradin, Michelle, treibt dasselbe Spiel, nur anders. Lena Steisslinger kann die Protagonistin meistern, ich hoffe, dass sie das Glück hat, noch mehr Fuß zu fassen als in den bisherigen Fernsehproduktionen. Ihre Kollegin Aimée Goepfert (Regie von und Spiel in Doloris) macht als Michelle nichts falsch, rein gar nichts. Spannend ist auch der Journalist. Sein Ziel, die grausamen Machenschaften aufzudecken, ist lobenswert, sein Streben wird aber zusätzlich durch Geld und Ruhm geleitet. Und so mutig und einsatzbereit er auch ist, genau so ist er ungeschickt. Eine stramme Leistung, von Gunnar Titzmann, der zusammen mit Steisslinger ebenso in Schönreichs WEB-Serie FREELANCERS mitspielte. Die Gangster bleiben simple Gangster, einem davon einen Moment des Selbstzweifels verleihen zu wollen wirkt aufgesetzt, aber ihr Boss, Vlad, ein grausamer Charmeur, ist nicht schlecht. Seine Handlanger werden wie alle Figuren gut gespielt, Matthias Unruh (Nemez) ist als Fiesling Nr. 1 schon rein äußerlich keine Fehlbesetzung. Wenn Vlad nur nicht so offensichtlich typischen amerikanischen Vorbildern nacheifern würde. Dadurch verlieren die Bösen an Identität, sie sind Pappaufsteller, wenn sie foltern und ballern. Die einzigen Schwächen des Films sehe ich darin, weil der Humor dann etwas platt ist, und in teilweise auf spektakuläre Action getrimmten Szenen. Ansonsten ziehe ich meinen Hut, vor diesem spannend inszenierten, mutigen Film, der mich keine Sekunde gelangweilt, und gelegentlich Überraschungen parat hat!

Gewöhnliche alltägliche Vorgänge in naturnahen Farben geben ROULETTE etwas Vorstellbares, und sind durch mannigfaltige Perspektiven und Einstellungen ansprechend gestaltet. Ein Grauton steht der Tristesse gut, gelackte Farbtöne dem blutigen Spiel vor dem reichen Publikum. Stark befahrende Straßen in Zeitraffer am Tag und bei Nacht sind nichts Neues, präsentieren aber Schönreichs Können, mit wenig Geld erstklassig zu inszenieren, samt einem hochwertigen Bild und einer ebensolchen Beleuchtung. Altbewährte und kreative eigenständige Einfälle stehen positiv im Kontrast. Unvorhersehbare Szenen und inszenatorische Kunstgriffe im Musikvideostil, schwarzweiße Bilder, Rückblicke und Wendungen, halten bei der Stange. Die Vielseitigkeit ist auch durch die musikalische Begleitung (Valentin Boomes: The Lazarus Effect) gegeben, von Rock, der den Film thematisiert, Metal, Hip Hop, Operngesang, Jazz, melancholischen Geigen bis hin zu Drum and Bass. Dieser Fa­cet­ten­reich­tum verlangt nach den guten Schnitten, und die Kamera muss (Henri Schierk ausgezeichnet für Freelancers) dafür gewappnet sein, sich beispielsweise flott vom Fuß bis zum Kopf einer Figur zu bewegen, oder Gruppen im Ganzen und in Bewegung zu erwischen. Die wenigen Splatter- Effekte sind gut, weil sie so in Szene gesetzt sind, dass der Ablauf geschickt mehr suggeriert als gezeigt wird. Nur die Schießereien hätten mehr Geld gebraucht. Schönreichs Drehbuch ist aber wichtiger als das Geballer. Das Drama kommt nicht zu kurz, Humor bringt frischen Wind mit sich, Täter: "Auf ihr Wohl!" Opfer: "Ist das sarkastisch gemeint?", die Action ist O. K., etwas nackte Haut und Brutalitäten bedienen die niedrigen Instinkte, die moralische Basis verkommt nicht zum erhobenen Zeigefinger. 

ROULETTE ist der einzige Spielfilm von Julian Schönreich, der ansonsten Kurzfilme ( LISA UND DER TOD ) und Dokumentationen ( THE PEOPLE vs. G20) gedreht hat, meistens schrieb er auch die Drehbücher dazu. Seine Mini- Serie FREELANCERS sowie sein Kurzfilm CROUCHSURFERS erhielten Auszeichnungen, und Schönreich gründete die Hamburger Independent- Produktionsfirma für Kurzfilme, Musikvideos und Dokumentationen, FILM FATAL. Voller Einsatz, für die unabhängige Kunst. Was die jungen Künstler da in Hamburg auf die Beine gestellt haben, ist beachtlich. ROULETTE ist ein sehenswerter Film, nur die zu konstruierten Zitate amerikanischer Vorbilder schießen ein wenig über das Ziel hinaus. Das Manko steigert sich selbstredend im Finale, aber im Endeffekt ist das die Vorhut für ein tolles Ende! 

"Dein Lieblingskomponist?"

Sina: "SLAYER." ┼

7/10
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Kommentare

21.12.2021 00:08 Uhr - dicker Hund
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Interessant zu lesen, wie die Revolververwendung aus "Die durch die Hölle gehen" hier dramaturgisch verwertet wurde. Die unterbezahlte Action klingt allerdings abschreckend.

21.12.2021 16:33 Uhr - cecil b
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Moderator
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Ja, der Film ist auch interessant, gut gespielt und toll inszeniert. Die besagte Action ist im Grunde auch nicht schlecht gemacht. Aber die Schüsse sind schlecht, und der Humor Marke 'russischer Klischee- Bösewicht wie aus einem Ami -Actionfilm' hat bei mir nicht gut funktioniert. Ein Klischee überdeutlich darzustellen kann lustig sein, aber in diesem Fall haben mich diese Figuren gelangweilt. Im Gegensatz zu Sina, MIchelle und dem Reporter, die sind wirklich gut.

Es ist erstaunlich, dass der Film bis auf die Schießereien wirklich professionell gemacht ist, und auch so aussieht! Durchschnittlich liegt der Film im Netz bei 7 Punkten.

Sehenswert! Nur die Erwartung sollte angemessen sein.

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