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Tödliche Beute

Originaltitel: Deadly Prey

Herstellungsland:USA (1987)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Action, Trash
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,20 (15 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Mike Danton, ein durchtrainierter Ex- Söldner, wird eines Tages beim Müll rausbringen niedergeknüppelt und entführt. Er erwacht in einem Waldcamp, wo Hobbysöldner ausgebildet werden und entführte Passanten als Freiwild für selbige dienen. Leiter des Camps ist John Hogan, der Danton damals selbst ausbildete. Doch mit ihm haben sie sich den Falschen ausgesucht und plötzlich werden die Jäger zu den Gejagten. ()

eine kritik von argamae:

Es gibt, wie wir alle wissen, Trash. Trash im Sinne des Wortinhaltes "Müll, Unrat". Und dann gibt es Trash im Sinne eines Billigfilms, der nach dem Credo "kein Geld, kein Talent, keine Ahnung - aber davon viel" gedreht wurde. TÖDLICHE BEUTE (engl. Deadly Prey) von 1987 schafft es, beide Kontexte des Wortes zu bedienen: ein riesiger Haufen dampfenden Bewegtbildermülls, der aber bei großzügiger Herabsenkung künstlerisch-ästhetischer Hemmschwellen eine unterhaltsam-stechende Duftnote verströmt.

Dabei bin ich mir sicher, dass Regisseur David A. Priors Wollen nicht auf Boden einer Mülltonne gerichtet war. Vielmehr war er gewißlich von hochdotierten Edel-Actionern inspiriert, aus denen er vielleicht sogar die Begeisterung zog, sich selbst nicht nur auf den Regiestuhl, sondern auch an den Schreibtisch zu setzen - denn in TÖDLICHE BEUTE, seinem fünften Werk, war Prior erneut Regisseur und Drehbuchautor. Um jedoch Leinwanderlebnisse gleichen Kalibers wie jenes der großen Vorbilder zu schaffen, fehlte ihm bedauerlicherweise nicht nur Geld, sondern auch die kreative Munition und taktische Finesse, um aus allen Rohren feuern zu können. Nicht, dass ihn das gehindert hätte, dennoch seinen Film zu verwirklichen. Und als seine Zelluloid-Rakete fertig geschnitten und zusammengeklebt ihren Start wagte, stieg sie nicht majestätisch zum Actionhimmel auf, sondern zog trudelnd eine lange Furche durch den nächsten Kartoffelacker, um dann am Stacheldraht der Feldgrenze mit lautem Puff zu detonieren.

Aber auch Unglücke wie diese ziehen jede Menge Schaulustige an. Und nicht wenige von diesen behaupten heute noch, einem Kult-Ereignis beigewohnt zu haben. Dieses wollen wir nun näher betrachten.

Sparsam kommt zunächst mal das Drehbuch daher - wenn man es großzügig so nennen möchte. 08/15-Actioner-Plot, tausende Male in ähnlichen Darreichungsformen recycled: Böse Söldner ohne Skrupel und Moral tun unschuldigen Leuten von der Straße böse Dinge an, bis sie sich den falschen Teilnehmer aussuchen - Marke ultratougher Einzelkämpfer - und (immerhin abwechslungsreich) abgelebt werden. Dazu ordentlich Testosteron, geölte Sixpacks und ein bissl Frauenhaut (wobei alles hübsch bedeckt bleibt).

Auch Ausstattung und Kulisse - und hier überzeugt Sparfuchs Prior auf ganzer Linie - stammen nicht aus der Maßschneiderei, sondern vom Grabbeltisch in Rudi's Reste-Rampe. Grüne Muscle-Shirts, Tarnfarben-Cargohosen und ein paar Kappen müssen reichen, um die abzulebenden "Bad Guys" zu kleiden. Der Held benötigt bis kurz vor Ende des Geschehens noch nicht mal das - er darf in lediglich einer (zu) kurz geschnippelten Jeans herumrennen und den Rest seines Körpers kleiden Öl, Schweiß und eine blonde Vokuhila-Matte. Das Basislager der menschenjagenden Söldner bilden eine Reihe ausrangierter Militärfahrzeuge und Campingzelte, die wild zusammengesammelt wirken. Mich würde es nicht wundern, wenn man hier auf dem Gelände eines Reservisten- oder Veteranentreffens gefilmt oder sich eine in die Jahre gekommene Privatsammlung ausgeliehen hat.

Und dann die Darsteller... Grundgütiger! Hier stellt Prior sein Spartalent auf gehobenem Schotten-Level zur Schau. Persönlich glaube ich, dass selbst die hier mit Sprechrollen auftretenden Darsteller es in normal budgettierten Filmen noch nicht mal zum Komparsen geschafft hätten (mit Ausnahme von ein oder zwei auftretenden Schauspielern). Das Sonderangebot aber ist der Hauptdarsteller, welcher ein Bruder des Regisseurs ist: Ted Prior, Bodybuilder und, äh, Schauspieler. Der dürfte die Rolle des Muskelhelden namens Michael Danton aus reiner Geschwisterliebe übernommen haben. Dafür legt er sich aber auch ordentlich in sein nicht vorhandenes Zeug (halbnackt und so, ich berichtete) und packt all das bei den anderen Teilnehmern vermisste "Acting" in seine Rolle.

Was sich nach diesem Setup nun aber vor der Kameralinse abspielt, grenzt an Nötigung und gefährliche Körperverletzung... für den Zuschauer! Ein dilletantischer Murks von erlesener Behirngefreiung - in nahezu allen Belangen. Da sind zum einen die strunzblöden Dialoge, sie sich abmühen, über Gekeuche und testosterongeschwängerte Urschreie hinauszuwachsen. "Nein, tut es nicht, bitte nicht - nicht schießen! Ich will nicht sterben... das-das könnt ihr nicht, ihr könnt mich nicht erschießen, dass könnt ihr nicht tuuun!" -PAFF!- "NAAAAAAAA-IIIIIIIIIIEEEEEN!" und "Halt! Freund oder Feind?" - "Ich bin ein Freund!" - "Nein, ein Lügner!" -PENG!- sind nur ein paar der Perlen, die man hier zu hören bekommt. An anderer Stelle prügeln sich Held und irgendein Mordbube, haben sich im Würgegriff, das Messer gezückt und Mordlust in ihren Augen, als sie sich plötzlich wiedererkennen. "Jack Cooper?" - "Danton? Mike Danton? Ich werde gleich wahnsinnig. Ich hab dich nicht gesehen seit damals, als du mir das Leben gerettet hast." - "Was hast du hier bei diesen Leuten zu suchen?" - "Ich hatte auf Tankwart einfach nicht mehr die Lust." Genau, denn wahllos Leute in einem Waldstück abzumurksen wird vermutlich besser bezahlt und man ist an der frischen Luft. Nützt bloß auch nix mehr, wenn man bereits klar erkennbar zu lange Dieseldämpfe eingeatmet hat.

Zum anderen hätte ich nie gedacht, dass einem schlechte Szenenschnitte auf die Nerven gehen können. Doch TÖDLICHE BEUTE schafft das kleine Kunststück. Szenenfolge: ein Gejagter rennt zwischen Bäumen hindurch, wird von den Häschern gesehen und unter Feuer genommen. Verletzt humpelt er weiter. Gegenschnitt auf die Verfolger, die im Laufschritt hinterherjagen. Schnitt zurück auf den Verletzten, der plötzlich in einem anderen Teil des Waldes steht und erstmal erschöpft neben Sträuchern hernieder sinkt, um das Bein auszustrecken. Wo sind die Verfolger, die ihn eben noch aus vielleicht 10 Metern Entfernung unter Beschuss nahmen? Hat er wohl abgehängt. *Schulterzuck* Dann schiebt sich plötzlich ein Gewehrlauf von links ins Bild - aus einem Bereich, der zum Gesichtsfeld des Gejagten gehört, welcher den Bewaffneten aber anscheinend weder gesehen noch gehört hat. Da kannst Du nur noch lachen. Diese Art der Schnitte findet sich zuhauf über die gesamte Laufzeit. Auch fällt auf, dass manche Szenen immer eine halbe Sekunde zu früh "beginnen", etwa wenn man sieht, wie die Komparsen noch in einer Ausgangsstellung verharren, eh sie sich laut Szenenanweisung bewegen oder reagieren. Etwa wenn irgendso'n Spacken mal wieder in eine der hanebüchenen Fallen von Einzelkämpfer Danton rennt und wir mitansehen dürfen, wie er darauf wartet, dass er losschreien oder umfallen darf.

Zu den Unfähigkeiten von Drehbuch, Schnitt und Darstellern kommen dann noch die Effekte. Hier zeigt sich erneut deutlich das Taschengeldbudget des Films, dass ich aber Regisseur Prior nicht ankreiden möchte. Es wird schon ein bißchen was herausgeholt aus dem Wenigen, mit dem er sich zufrieden geben musste. Dennoch zeigt sich bspw. an den Explosionseffekten von Handgranaten (nicht mehr als ein Blitz, ein "Puff" und etwas Rauch), das auf wirklich kleiner Flamme gekocht wurde. Sagenhaft ist in dem Zusammenhang auch die Stehauf-Männchen-Qualität der von Handgranaten Getroffenen: die fallen zwar plump zu Boden, können danach aber ohne nennenswerte Kratzer wieder aufstehen und weiterlaufen. An anderer Stelle wurde der Blitzpuff gleich ganz weggelassen, wenn etwa Danton eine Panzerluke aufmacht, die Granate hineinwirft und sich dann auf die wieder geschlossene Luke kniet. Hier darf lediglich ein Soundeffekt andeuten, dass dem Panzerfahrer drinnen gerade die Hutschnur hochgegangen ist.

Um nun aber mit dem Trauerspiel in den letzten Akt zu gehen: TÖDLICHE BEUTE ist streng genommen das Zelluloid nicht wert, auf das er gebrannt worden ist. Wieso sprechen also manche über einen Kulttrash? Der Film ist an nahezu allen Stellen schlichtweg unfreiwillig komisch oder aber komplett lächerlich - und zwar aufgrund des  krampfhaft Gewollten, aber nicht Gelieferten. Ironischerweise mildert genau das auch die Menschenverachtung ab, die zweifelsfrei in diesem Film zu sehen ist. Aber man kann diesen Zentralrat aus Fliesentischbesitzern, der hier auf- und meist tödlich wieder abtritt, einfach nicht ernstnehmen. Und darin liegt das Quäntchen Spaß, dass man aus diesem Streifen ziehen kann. Gilt besonders für das Ende des Films, dass dir entweder einen Lachflash beschert oder aber deiner geistigen Stabilität den letzten Draht aus der Mütze haut. 

Persönlich muss ich TÖDLICHE BEUTE jetzt erstmal ein paar Jahre nicht mehr sehen, aber das Machwerk beweist eindrucksvoll, dass für ein paar Minuten eben auch ein Ackerunfall mit viel Qualm unterhalten kann. Ich möchte zum Schluss dieses Reviews noch anfügen, dass ich erst gegen Ende meiner Recherchen registriert habe, dass David A. Prior bereits im August 2015 im Alter von knapp 60 Jahren verstorben ist. Und obzwar ein jeder Künstler an seinen Werken gemessen werden soll, will ich ihn hier doch nicht auf der Sau durchs Dorf treiben. Er hat seine Fußspuren im Filmgeschäft hinterlassen - und wenn schon nicht auf dem Walk of Fame, so doch ganz sicher auf den weiten Fields of Infamy der B-Filme und Direct-to-Video-Produktionen. Rest In Peace.

4/10
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Kommentare

03.03.2022 22:50 Uhr - dicker Hund
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User-Level von dicker Hund 17
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Geile Rezi voller verwegener Formulierungen, galligem Humor und bissiger Lästermauligkeit. Habe ich jetzt Lust auf den Film? Das vielleicht nicht, aber ein schmaler Rest von Neugier bleibt.

04.03.2022 13:48 Uhr - tp_industries
1x
User-Level von tp_industries 6
Erfahrungspunkte von tp_industries 542
Das klingt (und ist warscheinlich auch) alles so unfassbar dämlich, dass ich nach deiner sehr unterhaltsamen Rezi den Drang verspüre, diesem .... ähh ... Meisterwerk ... eine Chance zu geben.

Danke für den "Tipp"! :)

06.03.2022 20:49 Uhr - Argamae
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User-Level von Argamae 4
Erfahrungspunkte von Argamae 276
Gern geschehen und vielen Dank für eure Kommentare! :)

06.03.2022 22:35 Uhr - Romero Morgue
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Erfahrungspunkte von Romero Morgue 383
Zwei Sachen sind verwunderlich: Das solche Trashfilme immer eine übermäßig gute Review erhalten und deine Wortkreation „Behirngefreiung“. 😉

07.03.2022 08:02 Uhr - Argamae
1x
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06.03.2022 22:35 Uhr schrieb Romero Morgue
Zwei Sachen sind verwunderlich: Das solche Trashfilme immer eine übermäßig gute Review erhalten und deine Wortkreation „Behirngefreiung“. 😉


Danke, Romero Morgue. Aber meinst du mit "gute Review", dass dir meine Review formal und inhaltlich gefallen hat, oder dass 4/10 noch "zu gut" für diesen Film sind?
"Behirngefreiung" ist absichtlich so geschrieben und wurde inspiriert von Oliver Kalkofe (ich glaub, in seiner Rolle als Onkel Hotte). ;)

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