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Dead Man

Herstellungsland:USA, Deutschland, Japan (1995)
Genre:Western, Mystery
Alternativtitel:Jim Jarmusch's Dead Man
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,83 (6 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Amerika im Jahre 1876. Greenhorn William Blake (Johnny Depp) reist in den Westen, denn dort möchte er einen Posten als Buchhalter übernehmen. Blake trifft aber zu spät ein, der Job ist mittlerweile vergeben und der Chef hält nichts von ihm. Wie ein Fremdkörper wandert das Greenhorn durch die raue Stadt, Prostitution und Gewalt sind hier der Alltag. Als der arbeitslose Fremde in eine Schießerei gerät, tötet Blake in Notwehr den Sohn des Chefs, bei dem er sich gerade erst beworben hatte. Auf der Flucht vor Kopfgeldjägern und Marshals trifft Blake schwer verwundet auf einen hilfsbereiten Indianer, der kommunikativer als alle Anderen ist. Die Spirale der Gewalt zieht sich aber zu. ()

eine kritik von cecil b:

 

Johnny Depp ist wie für exzentrische Figuren geschaffen. Niemand hätte Tim Burtons EDWARD MIT DEN SCHERENHÄNDEN so verkörpern können wie er, in BENNY UND JOON ist Depp vielleicht der sympathischste Freak der Filmgeschichte, Regisseur und Drehbuchautor Jim Jarmusch konnte den Star für DEAD MAN als optimale Basis dafür gebrauchen, ein völlig zerrüttetes Amerika zu spiegeln. Depp, John Hurt (1984), Alfred Molina (Magnolia), Robert Mitchum ( †1997: Die Nacht des Jägers), Iggy Pop ( Cry-Baby), Gabriel Byrne ( Die üblichen Verdächtigen), Billy Bob Thornton ( A Simple Plan) und Lance Henrikson ( Aliens – Die Rückkehr) in einem Film! Diese humorvolle Abrechnung mit der Entstehung der amerikanischen Zivilisation ist fulminant besetzt.

Jarmusch ist ein Spezialist, wenn es darum geht, Gesellschaftsbilder zu inszenieren, die Tragik und Komik kombinieren. In beispielsweise DOWN BY LAW und GHOSTDOG sind die Hauptfiguren alles andere als vorbildlich, selbst Mörder werden in ein positives Licht gerückt, das sind Parallelen zu DEAD MAN. Der Anti-Western zeigt keine Helden, es treibt sich nur mieses Gesocks herum, darunter Verbrecher, Kannibalen, sogar ein Mann, der seine Eltern "gefickt" hat, und der anständige Protagonist wird zum ultimativen Antihelden. Bei jedem dieser Filme hat Kameramann Robby Müller († 2018) eine Meisterleistung vollbracht, der Cutter Jay Rabinowitz verfeinerte fast alle Werke von Jarmusch. DEAD MAN gehört zu den Produkten schöpferischer Arbeit, die Jarmusch in schwarzweiß gedreht hat, damit die Farben nicht vom Geschehen ablenken. Die karge Optik ist jedoch durchaus ansprechend, obwohl sie darauf fixiert ist, die Einöde spröde darzustellen. Durch die hallenden Gitarren-Klänge des Vollblutmusikers, Godfather of Grunge, Soundtrack-Komponisten (Philadelphia), Schauspielers (Paradox) und Regisseurs (Young Shakespeare) Neil Young, hat die Bürde des Protagonisten etwas zeremonielles, explodiert die Musik in einem ausgeklügelten Riff-Feuerwerk, ist Gänsehaut möglich. Young improvisierte die Stücke, während er den Film sah. 

                                                                                             DEAD MAN

Glatt rasiert, im karierten Anzug, der immer wieder belächelt wird, und mit Brille, sitzt Blake ängstlich im Zug. Der Buchhalter umklammert seine riesige Aktentasche, darin hat er all sein Hab und Gut aufbewahrt. Besorgnis ist angesagt. Angesichts der bärtigen Kerle, mit dem Fell diverser Tiere am Körper, Trophäen des Todes. Deren Griffel halten Flinten fest, die sie dann aus den Fenstern richten, damit das Gesindel Büffel aus Spaß an der Freude abschießen kann. Es dauert nicht lange, bis einige Leute fragen, wieso ein kultivierter Herr aus Cleveland in die Hölle fährt. Eine berechtigte Frage, der Job wäre nur in äußerst fragwürdigen Gefilden untergebracht gewesen. Dreck, Matsch und ein asoziales Betragen gehören vor Ort dazu. Zwischen zwei Häusern gibt es einen Blowjob, Frauen verdienen ihr Geld meistens durch solche Tätigkeiten, verfaulte Zähne der grinsenden Freier akzentuieren den schießwütigen Abschaum. Unbegrenzte Möglichkeiten gibt es dadurch, dass auch Analphabeten und Wahnsinnige viel Geld verdienen können. Der Außenseiter der anderen Art kann es nicht fassen, sogar John Dickinson (spitze: Robert Mitchum), der beinahe sein Boss geworden wäre, ist gemeingefährlich. In dessen Fabriken arbeiten Maschinen und Menschen, die Blake niemals begreifen kann, an denen trippelt er so schnell wie möglich vorbei, eine schöne Vogelperspektive, für die Katze unter den räudigen Hunden. Wer ist diese Prostituierte (Sehr gut: Mili Avital, Stargate), die da im Matsch liegt, viel zu schön, für diese Welt? Eine Schicksalswende, die angekündigt wurde, der zuckersüße Anfang vom Tod des Protagonisten. Im Schlafgemach der Dame befindet sich ein Revolver, der zurückhaltende Mann fragt warum. "Wir sind hier in Amerika." ist die Antwort. Dann kommt Dickinson Junior  (Gut: Byrne) ins Spiel. Peng !

Dickinson Senior hat die drei angeblich besten Kopfgeldjäger für "Menschen und Indianer" damit beauftragt, den unfreiwilligen Mörder abzumurksen. Das Trio will nicht zusammenarbeiten, es hat aber keine andere Wahl, auch wenn die Killer den Auftraggeber nicht leiden können. "Was soll man schon von einem Mann halten, der mit einem ausgestopften Bären redet?" Eugene Byrd (Sleepers) ist als übermütiger schwarzer Menschen-Jäger im Teenageralter großartig, die primitive Labertasche, gespielt von Michael Wincott (Inside Hollywood), weiß auch zu gefallen, Henrikson verkörpert den wortkargen miesesten Kerl des wilden Westens in bester Manier. Muss man gesehen haben. Kultig und zitierbar ist ebenfalls der oft metaphorisch lyrisch sprechende Indianer (Gary Farmer), auch bekannt als "Nobody", eigentlich Exaybachay, "He Who Talks Loud, Saying Nothing". Manchmal bringt dieser es auch auf den Punkt. "Stupid fucking white Man." Konversationen zwischen ihm und Stammesmitgliedern vermischen die Sprache der CREE und BLACKFOOT- Stämme. Die sind zwar untertitelt, aber sie sollen Insider beinhalten, die wir nicht verstehen können. In GHOSTDOG tritt Farmer wieder als ein sogenannter Nobody auf (Eine Reinkarnation!), in einer Szene sagt er ebenfalls den erwähnten Satz. 

                                                                           "NOBODY WILL PAY ATTENTION", 

sagt der Indianer. Wie beruhigend. Von Kindesbeinen an hat er mit Bleichgesichtern zu tun, in ihm vereinen sich Teile beider Kulturen, die der weißen Dichter und Denker blieben fast auf der Strecke. Der (meistens) weise Mann sieht in der freundlichen Hauptfigur die Reinkarnation von William Blake, des englischen Dichters, der damals an die Gleichheit aller "Rassen" glaubte, Poesie für den Zugang zu Gott hielt, und Religionen stark kritisierte. Nobody weiß, dass sein Gegenüber einen tödlichen Weg geht, er begleitet es. 

Der Tod­ge­weih­te erlebt das gestörte Sozialverhalten einer Gesellschaft, die durchweg rassistisch sowie gewaltbereit, und auch noch stolz darauf ist. Im Rohschliff des wilden Westens dreht sich alles um Geld (besonders Tabak!, Ein Running Gag), es ist weitaus bedeutender als jeder Mensch, der nackte Kampf ums Überleben ist normal. William Blake, der Dichter, Maler, und Naturmystiker, war auch ein Feind des Materialismus, der den Besitz und den Gewinn dem Leben vorziehe, der Kirche warf er vor, die Gott gegebenen Freuden wie die Sexualität durch die Keuschheit einzuschränken und die freie Entfaltung der Persönlichkeit zu verhindern. Der Wilde Westen war einerseits streng katholisch orientiert, andererseits verhurt. Für den Poeten ein Irrtum, den er einen Todeszustand nannte. In DEAD MAN liegt die Nähe zu dieser Aussage schon im Titel geschrieben. Makaber ist auch, der Dead Man glaubt zunehmend, dass er mit der Waffe zu seinen Zielen kommen kann, und nicht durch Worte. Eine Gesellschaft lässt die Waffen sprechen.

                                                        "DIE WAFFE NIMMT DEN PLATZ DEINER ZUNGE EIN.",

stellt Nobody fest. Die Wandlung des Protagonisten ist -typisch Jarmusch- die Auswirkung der Gegebenheiten. Sein Überlebenskampf mit dem Revolver in der Hand ist ironischerweise ein Teufelskreis, so poetisch kann man eine Kritik darstellen. Und das nicht anhand des erhobenen Zeigefingers, sondern lachend, mit dem Mittelfinger gegen Konventionen. DEAD MAN zeigt nur Verlierer, Erfolge sind nur kurzfristig, jede Figur wird auch schwarz humoristisch beleuchtet. Ein Mörder klammert sich an einen Teddybären, einer kuschelt mit dem Kadaver von einem Rehkitz, alleinstehende Hinterwälder müssen sich mit Iggy Pop (Daumen hoch für den Punk!) im Kleid begnügend, Gewehre, Pistolen und Messer sind bezeichnende Totschlagargumente. Die Philosophen, die Jarmusch zitiert, sind zu der Zeit, in der der Film spielt, tot, oder noch nicht geboren. Grotesk und tiefsinnig. Sowas aber auch (!), eine Leiche liegt mit dem Haupt auf den erloschenen Resten eines Lagerfeuers, der Mörder erkennt sofort, dass dieser Anblick an eine Ikone erinnert, und zerquetscht daneben einen Kopf, ein gottesfürchtiger Rassist fragt eine Person, die gesucht wird, weil sie mehrere Menschen umgebracht hat, nach einem Autogramm. Tragik und Humor, dann ungewöhnliche Ästhetik. Nobody und Blake reiten durch den Wald, der Protagonist schaut zu gigantischen Bäumen hinauf. Betörend schön fällt das Licht hinunter, der Blick gen Himmel sagt vielleicht, dass der tote Mann dort seine Ruhe finden könnte. Nobody erkennt durch einen Mescalinrausch ein Stück Wahrheit, Blake torkelt halbtot benommen durch ein Indianerdorf, Neil Youngs Töne unterstreichen jede Bewegung einzigartig. 

Ob man einem Film von Jim Jarmusch etwas abgewinnen kann, das liegt nur im Auge des Betrachters. Der, und die Betrachterin natürlich auch, können einen schönen, dreckigen, brutalen, witzigen, intelligenten, großartig gespielten Film genießen, wenn sie DEAD MAN anschauen. Oder aber einen irgendwie komischen Schwarzweiß-Film, der vieles außer Acht lässt, was das Kino sonst so effektiv präsentiert.  

 

 

 

TRIVIA: In Gus Van Sants LAST DAYS hat der Dichter William Blake auch eine ausschlaggebende Bedeutung. 
 

 

9/10
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Kommentare

06.05.2022 13:32 Uhr - Kaiser Soze
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Aha, noch ein Review zu einem Film mit Johnny Depp ;-) in gewohnt ausführlicher Manier sehr gut präsentiert und spitze besprochen. Ich muss zugeben, dass ich den Film entweder nie gesehen habe oder meine Sichtung bereits so lange zurück liegt, dass ich mich nicht einmal mehr entsinnen kann... mal schauen, ob oder wann ich das ändere. "Aktuell" bin ich eher wieder aufm Horrortrip (Scream 5: super, The Sadness: (ganz) gut, ...).

Schönes Wochenende!

06.05.2022 13:50 Uhr - TheRealAsh
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Super Review, mein Lieber, zu einem definitiven Jarmusch-Klassiker, den wir damals - auch wegen der genialen Musik von Neil Young - einmal in der Woche verschlungen haben. Muss ich mir bei Gelegenheit mal wieder anschauen:-D

06.05.2022 20:07 Uhr - cecil b
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Kaiser Soze: Danke dir vielmals!

Ich musste lächeln, weil wir fast zeitgleich einen Film mit Depp besprochen haben.

DEAD MAN solltest du mNn nachholen, wie du weißt. ;) Kann aber sein, dass du mit dem nichts anfangen kannst. Du hast die Qual der Wahl.

SCREAM 5: Ist bestimmt gut, aber ist einfach nicht meine Reihe. Das Original war aber wichtig, und ich denke, dass die Sequels auch überdurchschnittlich anzusiedeln sind. 2 und 3 hatte ich auch gesehen, damals.

The Sadness: Habe schon viel darüber gelesen. Bin da gerade etwas zu bombadiert, mit Infos, aber den hole ich eines Tages nach.

TheRealAsh: Vielen Dank, du wahrhaftiger Necronomicon_Kenner!

Ja, ein Klassiker! Und der wird wie von Zauberhand immer besser! Konzentriert man sich ordentlich, kann man unzählige Insider, Zitate, Anspielungen usw. entdecken. Aber, das schöne ist, der funktioniert genauso gut, wenn man den einfach laufen lässt, ohne viel nachzudenken.

Neil Young, Jim Jarmusch und Johnny Depp: In diesem Film einfach nur genial!
Danke, dir auch ein schönes Wochenende!

06.05.2022 20:09 Uhr - tp_industries
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Super auf den Punkt gebracht!

Meine Meinung zu dem Film ist ja bekannt. Für mich DIE Definition eines perfekten Films! Und ich werde auch nicht müde Neil Young's unfassbar starke Musik zu erwähnen.

06.05.2022 20:22 Uhr - cecil b
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tp_industries:

Wenn 'Fans' des Films zufrieden sind, freue ich mich besonders!

Danke dir!!!!! :)

Du hast dich von meiner Begeisterung an FLOWERS anstecken lassen, hast die Wirkung des Films großartig weitergegeben, und jetzt so ein Kommentar, zu einem Film, den du besonders magst. https://www.youtube.com/watch?v=ZhZYAL_7nMg



Eine ziemlich coole Review-Woche, Leute. Abwechslungsreich, gekonnt, interessant.


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