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Flowers

Herstellungsland:USA (2015)
Genre:Amateurfilm, Horror
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,38 (8 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Sechs junge Frauen erwachen nach ihrem Tod an verschiedenen Orten im Haus des Mannes, der ihr Leben auf brutalste Weise zu seinem eigenen Vergnügen beendet hat. Jede der Frauen hat ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Erinnerungen, ihren eigenen Tod, was sie dazu bringt noch etwas länger am Leben festzuhalten, um bestimmte Dinge erneut zu erleben… (Extreme)

eine kritik von tp_industries:

Bitte tu das nicht! Wir wollen nur das es aufhört!

Ich befinde mich aktuell in einer Phase meines Lebens, in der mich konventionelle Filme nur noch schwer unterhalten können. Klar haben mich abwegigere Filme schon immer mehr gereizt, aber dennoch schätzte ich auch hin und wieder mal eine substanzlose Materialschlacht der Marke Fast and Furious und Co. Einfach um mich mal berieseln zu lassen, ohne groß über das Gesehene nachdenken zu müssen. Und es ist auch nach wie vor so, dass solche Filme als Ausgleich mal in meinem Player landen. Dabei handelt es sich allerdings um Filme, welche ich bereits kenne und schätze. Zu neuen Sachen finde ich aktuell aber einfach keinen Zugang mehr. Zu durchschaubar, zu vorhersehbar ist für mich die aktuelle, konventionelle Filmlandschaft. Selbst scheinbar rätselhafte Thriller, welche auf einen großen Twist zusteuern reizen mich kaum noch. Eben wegen dieser Vorhersehbarkeit. Der Mangel an Abwechslung, ja fast schon eine Unterforderung meinerseits. Da das Medium "Film" aber vielseitig ist, kann man in solchen Fällen auf viele Alternativen zurückgreifen. Seien es Arthaus Produktionen oder eben Underground/Experimental Filme. Ein solcher ist Flowers, um welchen es auch in dieser Besprechung gehen soll.

 

Er tut es doch!

Um was es in Flowers geht, fasst die obige Inhaltsangabe sehr gut zusammen. Und diese Infos sind auch wichtig um in diesen Streifen reinzufinden. Denn Flowers kommt komplett ohne Dialoge aus. Es wird kein Wort gesprochen. Man kann sich zwar nach rund 20 Minuten zusammenreimen, dass es um Mordopfer (am Ende sind es 6 Frauen) geht, welche in einer Art Vorhölle gefangen sind, dennoch ist diese Information wichtig um von Anfang an voll da zu sein. Denn dieser Film arbeitet auf vielen Ebenen, aber eben nicht auf einer konventionellen. Hier sprechen die Bilder und nicht die Stimmbänder.

 

Worte können es nicht beschreiben. Man muss es fühlen!

Inszeniert wurde dieser Film von Phil Stevens. Der junge Mann war hierbei für die Regie, die Kamera und das Drehbuch verantwortlich. Obwohl "Drehbuch" nur die halbe Wahrheit ist. Stevens hat zwar eins verfasst, es beim eigentlichen Dreh aber nicht verwendet. Mit dem Drehbuch als Basis hat er nämlich Storyboards gezeichnet, und nach diesen dann den Film gedreht. Das liegt zum Einen daran, dass Stevens auch als Maler tätig ist, und zum Anderen von sich selbst behauptet, keine guten Dialoge schreiben zu können. Das geht in diesem Film, in dieser Grundhandlung aber wunderbar auf. Denn kein gesprochenes Wort hätte hier einen Mehrwert gebracht. Es geht einzig und alleine um die Bilder, um die darstellerischen Leistungen und die Gefühle die damit einhergehen. Dafür müssen diese Säulen des Films allerdings auch passen.

 

Es sind die Bilder der Vergangenheit an denen wir hängen!

Und aus visueller Sicht kann Flowers definitiv punkten. Aber wo fange ich nur an? Stevens versteht es mit Licht und Schatten zu spielen. Er weiß genau was, wie beleuchtet wird. Worauf der Zuschauer seinen Fokus legen soll. Dasselbe gilt für den Schatten. Irgendwann weiß der Zuschauer selbst nicht mehr, auf welchen Teil des Bildes er achten soll, da phasenweise alles interessant erscheint und mitunter auch ist. Bei anderen Szenen ist die Fokussierung wieder eindeutiger. Außerdem arbeitet Stevens auch gekonnt mit (zum Teil extremen) Nahaufnahmen, aber nicht überladen. Er bestimmt genau was der Zuschauer sehen soll und was nicht. Das ist auch bei den vereinzelten Goreszenen spürbar. Diese halten sich für Undergroundverhältnisse noch einigermaßen zurück. Auch sind die Szenen relativ einfach als Trick zu erkennen. Dennoch dürfte das für Genre Unerfahrene defintiv zu viel sein. Selbst wenn nicht, dürfte das Szenenbild dann der Sargnagel sein. Bei den einzelnen Set´s hat man sich richtig ins Zeug gelegt, um eine morbide, trostlose und brutale Atmosphäre zu kreieren. Überall liegen tote Menschen- und Schweinekörper, sowie Körperteile. Hinzukommen Blut, Schleim, Fleischfetzen und vergammeltes Essen. All das ist großzügig über Wände, Toiletten und diverse Einrichtungsgegenstände verteilt. Ich hatte nach den rund 80 minutenlangen Film das Bedürfnis mich zu duschen.

 

Wir empfinden keinen Schmerz und doch tut es weh!

Natürlich sind diese Set´s auf eine maximale Schock- und Ekelwirkung konzipiert. Aber dennoch sind sie im Rahmen der Handlung sinnvoll eingefügt und dienen nicht nur der reinen Provokation. Es sind die Räume, die jedes der 6 Blumen/Frauen/Mordopfer durchqueren. Im Haus ihres Mörders. Ja, die Frauen sind tot. Aber sie klammern noch am Leben. Sie wollen ihren Tod verstehen. Deswegen streifen sie durch das Gemäuer. Dabei werden sie immer wieder mit Bildern konfrontiert. Bilder aus der Vergangenheit. Bilder aus der Gegenwart.

 

Was ist Vergangenheit? Was ist Gegenwart? Es spielt keine Rolle!

Diese Bilder fühlen sich an wie ein Fiebertraum. Stellenweise sind die Bilder der Vergangenheit nicht mal die Vergangenheit der Blume die sie sieht. Alle Erinnerungen, von allen Seelen die durch dieses Haus geistern, ergeben einen Cocktail der Melancholie. Klingt kompliziert? Jein! Man muss sich darauf einlassen. Es sind Hilferufe. Viele Hilferufe. Obwohl nicht gesprochen wird. Stellt Euch einen vollen Bahnhof vor. Dort hört Ihr etliche Stimmen von den Menschen die sich dort befinden. Ihr könnt durch diese Masse an Stimmen aber keinen klaren Satz raushören. So ist das in Flowers. Mit dem Unterschied, dass nicht gesprochen wird. Alles wird visuell dargestellt. Am Ende des Films werden diese Bilder aber der jeweiligen Blume zugeordnet, was zumindest etwas für Klarheit sorgt. Apropos Blume. Diese gilt ja als schön und vergänglich zugleich. Im Film sind die Blumen ja die weiblichen Mordopfer eines triebgesteuerten Serienmörders mit nekrophiler Neigung. Von wem, und in welcher Form diese Frauen jetzt als Blume gesehen werden, ist dabei herrlich interpretierbar. Genauso wie viele andere Szenen. So bleibt Blume 1 bei ihrem Weg durch ein Kellergewölbe mit ihrer Kleidung an der Hand eines Skeletts hängen. Als ob dieses nicht wollte, dass diese Blume ihren Weg fortsetzt. Es gibt so viel in diesem Film zu entdecken und zu interpretieren. Flowers ist in meinen Augen ein poetisches Kunstwerk!

 

Wir verspüren keine Angst, aber dennoch zittern wir!

Diese ganzen Set´s wurden im Haus von Stevens erschaffen. An den Make-up und Spezialeffekten haben zwei der Darstellerinnen gearbeitet. Das wären zum Einen Krystle Fitch (Blume 2), und zum Anderen Anastasia Blue (Blume 3). Letztere legt auch eine unglaubliche schauspielerische Leistung hin. Ohne zu reden, trifft sie jede Emotion punktgenau. Ihre Ängste, ihre Verzweiflung. Es ist unglaublich was diese junge Frau für eine Ausdruckskraft hat. Aber auch die anderen Schauspielerinnen liefern solide Leistungen. In Anbetracht dessen, dass von den Frauen zum Teil noch nie eine vor der Kamera stand, ist das eine verneigenswerte Leistung der Darstellerinnen, des Regisseurs und dem Casting. Für Letzteres war Makaria Tsapatoris verantwortlich, welche auch Blume 6 mimt. Der Mörder wird von Bryant W. Lohr Sr. furchterregend verkörpert.

 

Wir kreisen durch diese Vorhölle, auf der Suche nach der Wahrheit. Auf der Suche nach Erlösung.

Man merkt an allen Ecken und Enden, dass dieser Streifen ein Herzensprojekt von Stevens war. Die Vorbereitungen und die Dreharbeiten zogen sich dabei fast 12 Monate hin. Am Ende war Stevens so ausgebrannt, dass er die Post-Produktion dem Cutter Ronnie Sortor überließ. Dieser übernahm auch das Sounddesign, welches die morbide Stimmung weiter unterstreicht. Diese konstant dumpfe Geräuschkulisse rundet das Visuelle wunderbar ab. Auch die Musik von Mark Kueffner passt mit ihren teils verstörenden, teils traurigen Melodien perfekt ins Gesamtprodukt. Stevens liebt das Medium Film. Er lebt das Medium Film. Und dabei pfeift er auf Konventionen. Es geht ihn darum sich ohne Einschränkungen künstlerisch auszuleben. Keine großen Produktionsstudios die ihm reinquatschen. Keine Manager mit denen er sich rumschlagen muss. Er ist ein Film- und Kunstfan, welcher seine Vision umsetzen möchte, um dabei auch eigene Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen und damit zu verarbeiten. Und genau das macht Flowers für mich so unfassbar gut. Es ist ein Film, welcher nicht Jedem gefallen wird. Es ist ein Film, welcher nicht Jedem gefallen will. Das war auch nie das Ziel. Es ist eine sehr schwere Kost. Sowohl vom Inhalt, als auch von der Inszenierung her. Flowers ist humorlos, schwermütig, schockierend, traurig, poetisch und nur schwer greifbar. Aber genau deswegen für mich auch ein Kunstwerk.

Ich habe in meiner Review viel gesagt. Mehr als in Flowers gesagt wird. Aber dennoch werden meine Zeilen diesem Film...nein...dieser Erfahrung nicht gerecht.

 

Nein! Das stimmt nicht!

Doch, da hat er recht!

Dürfen wir gehen? Bitte! Wir wollen das es endlich aufhört...

 

 

9/10
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Kommentare

03.05.2022 22:11 Uhr - cecil b
1x
Moderator
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Erfahrungspunkte von cecil b 7.098
Freut mich ja tierisch, dass der bei dir auch so gefruchtet hat! :)

Jetzt ist ja klar, dass du die anderen Teile auch lieben wirst!

Ich finde es sehr cool, dass du deine persönliche Note mit eingebracht hast, alles aus deiner Perspektive geschrieben, mit der gekonnten Kombination von zusätzlichen Infos!

Sehr interessant: Unsere Schwerpunkte und Sichtweisen decken sich an vielen Stellen, zeigen sich aber ganz anders.

Fühlt sich gut an, dass du dieses kleine Meisterwerk auch 'erkannt' , und mMn gebührend besprochen hast. :)

Und das noch: Dass der teilweise mit einem Punkt gestraft wird, sehe ich schon als ein Kompliment an. ;)

03.05.2022 22:22 Uhr - tp_industries
1x
DB-Co-Admin
User-Level von tp_industries 6
Erfahrungspunkte von tp_industries 484
Ich danke dir für deinen Kommentar und natürlich auch für deine Empfehlung des Streifens.

Und ja, er hat mich umgehauen. Phil Stevens ist in meinen Augen ein extrem talentierter Filmemacher/Künstler. FLOWERS 2 und LUNG II können gerne kommen! :)

Ich wollte mich direkt nach der Sichtung noch per PN bei dir melden und über den Film quatschen. Aber habe es dann gelassen. FLOWERS hat einfach zu sehr in mir gearbeitet. Hat mich zu sehr beschäftigt. Ich wollte erst diese Kritik schreiben. Ohne Einflüsse von anderen Ansichten. Ich wollte meine Gefühle einfach ordnen.
Das hat dieser Film einfach verdient!

Ein Austausch wird aber noch zeitnah folgen! ;)

03.05.2022 22:28 Uhr - cecil b
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Moderator
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Erfahrungspunkte von cecil b 7.098
Lass dir Zeit, ich bin öfter hier unterwegs. ;)

Bei den Kommentaren zum Film zeigen sich übrigens auch noch welche, die Stevens als den großen Künstler verstehen, der er in deinen und meinen Augen auch ist.

Ich werde vermutlich noch alles sehen, was er so angestellt hat. :)

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