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Ghost Dog - Der Weg des Samurai

Originaltitel: Ghost Dog: The Way of the Samurai

Herstellungsland:Frankreich, Deutschland, USA, Japan (1999)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Action, Drama, Komödie
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,50 (10 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Ghost Dog lebt über der Welt, unter Vögeln, in einer Hütte, die er auf dem Dach eines verlassenen Gebäudes errichtet hat. Ghost Dog ist ein professioneller Killer, der im Dunkel der Nacht verschwindet und sich unbemerkt durch die Stadt bewegen kann. Sein Leitfaden ist ein alter Verhaltenscodex der Samurai. Als Ghost Dogs Grundsätze von der verstörten Mafiasippe, die ihn gelegentlich beschäftigt, sträflich missachtet werden, reagiert er strikt im Einklang mit dem Weg des Samurai. (arthaus.de)

eine kritik von cecil b:

 

Ich werde wohl nie vergessen, welchen Gesichtsausdruck Wim Wenders (Paris, Texas) hatte, als er von einem Reporter danach gefragt wurde, ob es manchmal schwer sei, in der Traumfabrik das zu verwirklichen, was einem vorschwebt. Irgendwie hat es Jim Jarmusch (Ghost Dog) geschafft, im Bereich des amerikanischen Independetfilms Erfolge zu verbuchen, wenn auch mehr in Europa, und mit den großen Stars zusammenzuarbeiten. Dabei sind die Drehbücher, die er schreibt, und seine Regie, unkonventionell. Viele der Schauspieler und Musiker, deren Kunst man durch seine Filme delektieren kann, gehören zu seinem Freundeskreis, Vitamin B kann sehr hilfreich sein. Mir geht es aber weniger darum, zu besprechen, warum und wofür der Amerikaner mit deutsch-irischen-Wurzeln seine bisher 38 Auszeichnungen erhalten hat, ich möchte einen Kreis schließen. 3 Filme aus dem Repertoire dieses Autorenfilmers erzählen von ähnlichen Prinzipien. 

In DOWN BY LAW, DEAD MAN und GHOST DOG ziehen Antihelden kulturpessimistisch beobachtet durch ein gefährliches Amerika, sie scheinen in ihrer eigenen Welt zu leben, viele drehen sich im Kreis, oder stecken in einem tödlichen Teufelskreis. Die einzigen Figuren, die sich zur Identifikation anbieten, und überwiegend sympathisch dargestellt werden, sind Mörder, jede ist unabsichtlich in diese destruktive Lage geraten, Produkte ihrer Gesellschaft. DOWN BY LAW und DEAD MAN sind Schwarzweißfilme, Jarmusch bevorzugte dieses Verfahren aus künstlerischen Gründen, den Dritten im Bunde hat er in Farbe gedreht. Robby Müller († 2018) führte bei jedem dieser Filme die Kamera, Cutter Jay Rabinowitz wirkte bei DEAD MAN und GHOST DOG mit, beide Künstler bewährten sich. DEAD MAN ist ein Antiwestern, der - üblich, für die beinahe Trilogie - gleichermaßen humoristisch wie tragisch seine Gesellschaftskritik zum Besten gibt, GHOST DOG nimmt Elemente des Eastern auf. Bei diesen Filmen von Jarmusch geht es darüber hinaus um das Zusammenleben, nebeneinander Leben, oder den Kampf zwischen verschiedenen Kulturen mit einer jeweils anderen Herkunft.

Aus der Sicht einer Taube nähert sich die Kamera dem Auftragskiller. William Blake, der Protagonist aus DEAD MAN, hat ab einem bestimmten Zeitpunkt den Tod vor Augen, der, der sich GHOST DOG nennt, zitiert japanische Regeln der Samurai, die besagen, man solle sich jeden Tag seines Todes bewusst sein, SPOILER: bis sich ihm erschließt, dass er bald am Ende seines Lebens ist, und im Sinne der Samurai den letzten Schachzug zieht. SPOILER ENDE. Er hält sich in Schwarz gekleidet mehr oder weniger anonym unter den Lebenden auf, manchmal, um einen von ihnen zu töten. Wieder erscheint der jarmusche Blick aus einem Gefährt, auf die Straßen, und das Leben dort. Ghost Dog fährt in einigen Nächten jeweils mit einem anderen Wagen, dann fast unabhängig von der normalen Lebensart, beweglich, aber verwurzelt mit einem Ort, wie das Meer, oder seine zahlreichen Brieftauben, durch die er ohne eine Begegnung mit seinen Auftragsgebern kommuniziert. Tatsächlich ist das auch der Film von Forest Whitaker (Oscar für The Last King of Scotland), der Regisseur schrieb die Rolle für diesen Schauspieler. Ohne Whitaker gäbe es wohl keinen GHOST DOG. Wie gelassen dieser Mann, der seinen Tod längst akzeptiert hat, auch schwerbewaffnete Opfer ermordet. Immer aufmerksam und interessiert an seiner Umgebung. In diesen Augen geschieht so viel. Ein sanfter Mensch. Unter anderem. Bewegt er sich auf dem Weg des Samurai, auch bei Schwertübungen, fließen Bilder gelegentlich surreal ineinander, Körperbeherrschung, Körper, GEIST und Seele, dann verliert er vermeintlich an Kontur. Laut der japanischen Philosophien, die er durch Bücher in sich aufsaugt, sind Lehre und Form nicht zwei verschiedene Dinge. Seine schriftliche Lebensführung ist Hagakure von Tsunetomo Yamamoto, das den Ehrenkodex der Samurai darbietet. 

Lichter und Farben sind darauf ausgelegt, einen möglichst naturgetreuen Eindruck zu geben. Dadurch betonen die surrealen Momente und teilweise unvorhersehbaren Wechsel der Motive den Kontrast zwischen der dargestellten Realität und dem verklärten Dasein des Ghost Dog ansehnlich. Er schwebt förmlich in der Mitte von bewaffneten Gangstern, die ihm nach dem Leben trachten, und dezimiert sie mit links, seiner Überlegenheit bewusst. Dann ist der voluminöse Mann zu verträumt, und das auch bewusst, wenn ihn ein Vogel ablenkt, während er seine Aufgabe erledigen möchte. Ghost Dog humorvoll Comic -haft seine neuen Feinde an der Nase herumführt, und die Vorstellung von Moral zur blutigen Diskrepanz wird. Ab und zu sitzt ein einsamer Hund vor Ghost DOG, und beäugt ihn. Es ist schwer auszumachen, was zwischen den Beiden passiert. Sie nehmen sich sehr deutlich wahr. 

Der Berufskiller verbringt sein Leben nahezu asketisch in einer New Yorker Gesellschaft, die fast ausschließlich aus Italoamerikanern und Afroamerikanern besteht. Beide Bevölkerungsgruppen leben nebeneinander, eigentlich nicht miteinander, die italoamerikanische Mafia ist rassistisch, nur der Protagonist ist ein Bindeglied. Louie (John Tormey († 2022, Stay), ein Mafioso, hat ihm vor vielen Jahren das Leben gerettet, seitdem widmet Ghost Dog seine Existenz diesem Retter, und sieht in ihm ganz Samurai seinen Meister. Tormey ist wunderbar überfordert, nervös und enttäuscht von der Welt. Durch Rückblicke wird der entscheidene Vorfall gezeigt, Forest Withakers Bruder Damon spielt den jungen Mann. Was sich tatsächlich abgespielt hat, ist nicht vollkommen klar, denn siebenmal sieht man das Geschehen aus einer anderen Perspektive heraus beobachtet. Der Bezug dieses Vorgehens findet sich in der Kurzgeschichte Yabu no naka von Akutagawa Ryūnosuke, aus dem Buch Rashomon, wieder, es wandert nicht umsonst durch die Hände vieler Figuren dieses Films, gelebter Subjektivismus. Akira Kurosawa (Die Sieben Samurai) verfilmte mit Rashōmon zwei Kurzgeschichten aus dieser Sammlung. Und da ist sie wieder, die Ironie von Jarmusch. Die Hauptfigur hat ihr Leben dem Mafioso zu verdanken, damit hat sie es im Grunde aufgegeben, Ghost Dog lebt für den Tod, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis dieser ihn einholt. 

Seltsam. Der beste Freund des Auftragsmörders (Isaach De Bankolé aus Jarmuschs Filmen The Limits of Control und Night on Earth) ist ein französisch sprechender schwarzer Eisverkäufer, man versteht sich, obwohl keiner der Sprache des jeweils anderen mächtig ist. In Afrika gab es viele französische Kolonien. Im Auto, und nur da, hört Ghost Dog einen Teil der Musikgeschichte, die von Schwarzen geschrieben wurde, am liebsten den genialen Hip Hop von RZA. Ein Mitglied des legendären Wu-Tang Clans, großer Eastern- Fan, Regisseur (The Man with the Iron Fist), Schauspieler (Repo Men) und Freund von Jim Jarmusch. RZA grüßt den Ghost Dog mit seinem Schauspiel-Debüt, in einer Szene verprügelt sein realer Kampfsport-Lehrer einen Angreifer. Im Park rappt ein Haufen junger schwarzer Männer über sein Leben (Mitglieder der Wu-Tang Killa Beez), nicht unbemerkt. Das ist auch ein Stück Kultur. Ein schwarzes Mädchen, Pearline (Bemerkenswert: Camille Winbush, 4 Auszeichnungen für The Bernie Mac Show), das auf Ghost Dog zugeht, ist im Gegensatz zu einigen erwachsenen Figuren reif. Schuld und Unschuld begegnen sich. Was die nächste Generation wohl lernt? Pearline hat das Buch DIE SEELE DER SCHWARZEN im Gepäck, hört dem Auftragskiller zu, und fragt ihn vieles. Das Mädchen weiß nicht, wie er sein Geld verdient, es sei mal dahingestellt, ob sie den Mann so nimmt wie er wirklich ist.

Die italienischen Gangster sind unbeholfen und plump, schon bemitleidenswert undurchdacht, aber lebensgefährlich. Immerzu schauen sich die Mafiosi alte schwarzweiße Zeichentrickfilme für Kinder an, die verschiedene Themen oder ähnliche Situationen des Films zufälligerweise darstellen. Sie sind Karikaturen ihrer selbst. Wie Cliff Gorman († 2002, Angel) mit Siebziger-Jahre-Porno-Brille zu Public Enemy 'singt', oder der Big Boss (Henry Silva: Dick Tracy) die Zeichentrickfilme studiert und weltfremd zu erfassen versucht, was außerhalb seiner kleinen Welt sonst noch so passiert, ein schöner jarmuscher Humor. "Sie haben ihn umgelegt. Was soll man machen?" "Ja, so ist das Leben." Ein Native American trifft auf ein paar dieser Gangster. Gary Farmer, der ebenfalls einen bedeutenden Indianer in DEAD MAN spielte, verkörpert diese Figur, und wiederholt sich in GHOST DOG: "Stupid fucking white Man." Auch im dritten Film der genannten entfernt miteinander verwandten Werke ist es eine Frau, die alles verändert. Loise Vargo (Super: Tricia Vessey, Denn zum Küssen sind sie da), die Tochter des Mafia-Oberhaupts, ist der Anlass dafür, dass der Killer in den Konflikt gerät. Sie sieht aus wie Betty Boop, die da im Fernsehen zappelt, und ist am Ende viel mehr, als man sich hat vorstellen können. 

Man spricht über vieles. 

"Um uns herum scheint sich alles zu verändern."  "Wir leben nicht mehr in alten Kulturen." "Manchmal schon."

Über das Leben, und damit die Unausweichlichkeit des Todes, die "Poesie des Krieges." 

"Hat man sich dazu entschieden, einen Menschen zu töten, ist es nicht ratsam, einen langen, umständlichen Weg zu suchen." Gesagt, getan. 

Die stockende Kommunikation verhindert eine Weiterentwicklung, somit wiederholt sich die Geschichte, Leitfiguren sind ein schwacher Trost, auch eine Kaption. Am Ende ist das zitatreiche Gemetzel mit geistigem Tiefgang eigenartig rührselig wie schwarz humoristisch, die Aussage bleibt sich treu, eine persiflierte Zelebrierung der Romantisierung. 

Mit GHOST DOG hat Jarmusch eine seiner Außenseiter -Balladen hingelegt. Die Dramaturgie hat seine Handschrift, die für ihn immer sehr bedeutsame Musik ist betörend. Diesmal ist die Naivität der Figuren allerdings nicht ganz so gut abgestimmt, wie sonst so oft. Zynismus hat ja aber immer einen komischen Abgesang.

 

8/10
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Kommentare

12.05.2022 19:39 Uhr - dicker Hund
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Vor Urzeiten im TV gesehen und nunmehr wieder in Erinnerung gerufen. Ein melancholisches Zitat über einen Mann im Regen fällt mir ein. Und die traurigen Augen des Protagonisten. Gar nicht traurig dagegen mein Glückwunsch zum 600. Review!

12.05.2022 22:05 Uhr - cecil b
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Vielen Dank werter Hund! :)

Melancholisches Zitat: Dabei geht es vom Sinn her darum, dass, wenn man durch den Regen muss, es selten etwas bringt, wenn man sich stresst und rast, man wird sowieso nass. In der Ruhe liegt die Kraft, auch wenn es regnet. Gelassenheit.

Der, mit dem traurigen Blick, spaziert ja sogar durch einen Kugelhagel. Ziemlich cool. Und lustig. Und traurig. Jarmusch. :)


13.05.2022 01:36 Uhr - TheRealAsh
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auch von mir herzlichen Glückwunsch zum 600. Noch 66 und du bist willkommen in der Hütte;-)

Wieder ein Jarmusch und wieder formidabel vorgestellt, auch dies ein absoluter Klassiker mit einem herausragenden Forest Whitaker und einem Soundtrack von RZA, der glücklicherweise auch in meiner Sammlung verweilt:-)

13.05.2022 14:13 Uhr - tp_industries
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Auch GHOST DOG hast du super getroffen.
Wegen diesem Film habe ich mir das HAGAKURE zugelegt und mehrfach gelesen. Empfehlenswerte Lektüre!

Ich schließe mich den Glückwünschen an.

Meine Reviewvorschläge für die 666:

- Spice World
- Daniel, der Zauberer
- Fantastic Movie

Alles höllische Filme. Trust me!

13.05.2022 21:58 Uhr - cecil b
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- TheRealAsh: Vielen Dank! :)

Ich höre selten Hip Hop, aber Wu-Tang ist ne Liga für sich.

666: Ich freue mich auf das Beisammensein in der Hütte! Ich bin mir sicher, dass du weißt, was zu tun ist, wenn sich dann Besucher der etwas anderen Art zu Wort melden. Ich denke schon ein Mal darüber mach, was für eine Waffe ich mitnehme.

tp_industries: Vielen Dank auch an dich! :)

HAGAKURE: Hut ab!

Daniel, der Zauberer habe ich bereits besprochen.

Spice World: Optisch bestimmt nicht ganz so übel. ;)

Fantastic Movie: Ich fürchte, damit wäre ich überfordert.

Ich glaube dir. :)

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