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Reacher

Herstellungsland:USA (2022)
Genre:Action, Drama, Krimi, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,20 (5 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Als Ex Militärpolizist Jack Reacher wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat, verhaftet wird, findet er sich inmitten einer tödlichen Verschwörung korrupter Polizisten, dubioser Geschäftsleute und intriganter Politiker wieder und muss herausfinden, was in Margrave, Georgia, vor sich geht. (Amazon Original)

eine kritik von argamae:

Nach zwei (mässigen) Kinoverfilmungen mit Tom Cruise in der Hauptrolle, hat sich AMAZON nun des Titelhelden von Erfolgsautor Lee Child angenommen: in REACHER prügelt sich Alan Ritchson als umherwandernder Ex-Militär "Jack Reacher" durch zunächst 8 Folgen voller Bösewichte und korrupter Kleinstadt-Cops. Diese 8 Folgen der ersten Staffel umreißen die Handlung von Lee Childs Debüt-Roman "Killing Ground" (dt. "Größenwahn") und diesmal zählt der Romanautor selbst zu den ausführenden Produzenten. Wird es daher nun eine originalgetreue Darstellung seiner Figur und seiner Romanhandlung? Ja. Und nein.

*SPOILERFREI*

Zunächst einmal möchte ich der Serie wohlwollend zugutehalten, dass sie ziemlich brachial und kompromisslos geraten ist - zumindest, was viele der zahlreichen Prügel- und Mordszenen angeht. Bisweilen wird es sogar unangenehm "grafisch": einem der übelst zugericheten (männlichen) Mordopfer wird die Kamera mal schön in den nackten Schritt gehalten, der zwar etwas abgedunkelt ist, aber alle anatomischen Details erkennen lässt. Diese für eine Serie ziemlich überraschende Zeigefreudigkeit von Greueln kannte ich zuvor so nur aus der PUNISHER-Fernsehserie mit Jon Bernthal.

Und Gewalt und rabiates Vorgehen sind auch Markenzeichen von Jack Reacher, der in die verschlafene Kleinstadt Margrave in Georgia kommt, wo er hinter der idyllischen Fassade alsbald Korruption, Verbrechen und jeder Menge Mordbuben auf die Spur kommt. Ganz allein bleibt er indes nicht, da sich schon bald eine Art "Team" bildet und er Unterstützung von einem geschassten Detective und einer furchtlosen Polizistin erhält. Hier entspinnt sich dann ein Plot, dem Reacher wie ein Bluthund nachgeht und dabei wenig Kompromisse macht. Er will die Täter nicht vor Gericht bringen - er will sie töten. Zumal das Ganze für ihn auch eine sehr persönliche Note bekommt.

Da ich nun in der glücklichen Lage bin, den Pate gestandenen Roman gelesen zu haben, kann ich mich ein wenig zu der filmischen Umsetzung äußern.

Zunächst mal: die Besetzung.

Alan Ritchson ist nicht der ausdrucksstarkste Mime, um es vorsichtig zu formulieren, dafür überzeugt er mit seiner über jeden Zweifel erhabenen Körperlichkeit, die man des öfteren bestaunen darf. This guy is ripped! Rein physisch könnte er es womöglich mit einem Dwayne "The Rock" Johnson aufnehmen, wenn diese mal gemeinsam in den Ring steigen würden. Und die nicht besonders gefühlsbetonte Mimik passt durchaus zur Romanfigur, doch damit hören die Gemeinsamkeiten dann auch auf. Wo der Roman-Reacher durchaus das professionelle Töten gelernt hat und ebenfalls eine eindrucksvolle Präsenz mitbringt, wirkt Ritchsons Figur ein bißchen zu sehr nach "Sonny Boy" und "Body Builder", was sich u.a. an seinem Gang und seinen Bewegungen zeigt. Zwar kann er in einigen Szenen durchaus sympathisch sein, aber man mag ihm einfach nicht abnehmen, dass er ein durch bittere Erfahrungen und traumatische Erlebnisse gestählter, abgehärteter Soldat ist. Auch die Sinnesschärfe und Schläue von Childs Romanheld finden in Ritchsons Spiel nicht den gleichen Ausdruck. Und so wirkt er in den ersten Folgen auch eher wie die eierlegende Wollmilchsau einer Fan-Fiction, die alles sofort erkennt und körperlich unschlagbar ist, und nicht wie ein glaubwürdiger, "gewachsener" Charakter. Die für die Serie geschaffenen Rückblenden in Reachers Kindheit sind zwar eine nette Idee und verleihen ihm nach und nach etwas mehr Charakter, bleiben aber facettenarm und kratzen nicht an der Oberfläche der im Roman deutlich vielschichtigereren Person.

Dafür wirken schauspielerisch die beiden Haupt-Nebenrollen "Finlay" und "Roscoe" nach, die mit Malcolm Goodwin und Willa Fitzgerald gut besetzt sind und den Serienhelden in ruhigen Szenen an die Wand spielen. Zwar übertreibt es Goodwin mit der Darstellung des schwarzen, katholischen Harvard-Berufspolizisten etwas, doch Fitzgerald verkörpert die anfangs unauffällige, aber kompetente und einfühlsame Streifenpolizistin Roscoe durch die Bank überzeugend. Im Gegensatz zur Romanvorlage gerät insbesondere Finlay jedoch zu oft zur Witzfigur, kann sich gegenüber Reacher nie durchsetzen und ihm auch keine Konsequenzen aufzeigen. Ich finde, diese Rolle wird unter Wert verkauft - gerade auch im Hinblick auf den Roman-Finlay.

Was die Gegner anbelangt, so empfand ich sie in der Serie (wie gesagt: immer im Vergleich zum Roman) stellenweise als etwas zu plakativ "schurkig" - und insbesondere der ultimative Bad Guy kommt eher als labiler Psychopath daher, was im Roman (meiner Erinnerung nach) nicht so angelegt war. Stark fand ich lediglich einzelne Nebenfiguren bzw. eben die Darstellungen dieser durch ihre Mimen. Um nicht zu spoilern, gehe ich hier darauf nicht näher ein. Erfrischend ist definitiv, viele unbekannte/unverbrauchte Gesichter und Talente in der Amazon-Serie zu sehen.

Inhalt und Handlung: orientieren sich insgesamt sehr nah am Roman, wenngleich die deutlichste Änderung in einer Figur besteht, die in die Handlung hineingeschrieben wurde, aber in den Reacher-Romanen erst später auftaucht - die weibliche, schwarze Sicherheitsexpertin/Privatdetektivin namens Neagley, Ex-Mitglied von Reachers Militäreinheit. Ihr vertraut der Serien-Reacher absolut und er engagiert sie dann auch in der zweiten Hälfte der Staffel als treuen Sidekick. Glücklicherweise ist diese Figur (noch) nicht zu penetrant als Überbringerin der "woken Message" angelegt, obschon sie einem zu grabschfreudigen Mann in einer Pole-Dance-Bar gleich mal eine Lektion erteilt und der Sexarbeiterin das Trinkgeld zusteckt. Außerdem darf sie Reacher im Showdown das Leben retten und muss auch sonst nicht von ihm eingeschüchtert sein. Sie nennt ihn zwar immer "Boss", aber die weitere Beziehung zwischen beiden wird in Staffel 1 nicht näher beleuchtet. In den Romanen stellt sie einen wiederkehrenden Charakter dar, daher darf man sich wohl schon daran gewöhnen, sie in der Fortsetzung der Serie zu sehen. Ich persönlich fand die Figur, die von Maria Sten gespielt wird, weder besonders interessant noch besonders störend. Sollte sie auch in der Serie ein Dauercharakter werden (Staffel 2 ist ja wohl schon bestätigt), stünden ihr definitiv mehr Background und Profil zu Gesicht.

Wo in der Serie den beiden Nebenfiguren Finlay und Roscoe deutlich mehr Handlungen zugeschrieben wurden, bleibt der Roman-Reacher gefühlt stärker der Einzelgänger. Dafür kann sich dann die Serie auch mal auf die anderen Figuren konzentrieren und somit der teils übermächtigen Wirkung Reachers ausweichen, welche damit gleichzeitig etwas gebremst und gemindert wird. Insgesamt wird jedoch die Filmhandlung gegenüber dem Roman stärker ausgewalzt, was ich etwas störend empfand. Für einen Einzelfilm ist der Roman zu umfangreich, für eine Serie mit acht 50-Minuten-Folgen hingegen zu kurz. Ein Dilemma.

Während in der Romanvorlage auch die Ermittlungsarbeit Reachers einen nicht unerheblichen Teil einnimmt, puzzelt man sich in der Serie das kriminelle Wirken gefühlt im Vorbeigehen zusammen. Das fand ich persönlich echt schade, denn das war ein unterhaltsamer Teil der Story als ich sie gelesen habe. Natürlich kontaktieren die Handelnden in der Serie zahlreiche Personen, fahren auf der Spurensuche durch die Gegend und telefonieren erheblich viel, doch werden die Schnitzeljagd und ihre erkenntnisreichen Aha-Momente einfach nicht spannend genug rübergebracht, bis dann klar ist, wie hier der Hase läuft.

Der Showdown schließlich ist leider nicht so spannend oder dramatisch wie ich es vom Roman in Erinnerung hatte. Auch der teils nicht gelungene Übereinsatz von CGI schmälert den Krawall etwas. Die Gegner strahlen so gut wie keine Bedrohlichkeit mehr aus (was anfangs in der Serie durchaus der Fall ist) und die eiskalten Verbrecher werden dann auch mal eben problemlos von Mitkämpfenden ausgeschaltet, die das erste Mal eine Schusswaffe in der Hand halten. Das störte mich doch arg. Reachers ultimativer Endkampf gerät dann auch stark gestelzt und angesichts der bis dahin etablierten "tough guy bad assery" sehr unglaubwürdig. Denn physikalisch eindrucksvoll ist sein Kontrahent keineswegs, darf dem gefühlt dreimal so muskulösen und schweren Reacher aber ein ums andere Mal einen einschenken. Das ist einfach lächerlich, wenn man als Zuschauer zuvor mit angesehen hat, wie Reacher fünf miesen Knastschlägern die Leviten mit Zusatzkapitel liest.

Fazit: Trotz der genannten Schwächen ist REACHER problemlos genießbar, ja mitunter auch schmackhaft. Für Freunde von modernen Actionserien im Thriller-Genre ist REACHER definitiv eine der aktuell besten Darreichungen. Ich spreche daher eine Empfehlung aus.

7/10
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Kommentare

10.05.2022 16:08 Uhr - Stoi
1x
Interessante Kritik, die sich mit meiner Einschätzung fast deckt.
Ich würde dem ganze aber eher eine 8/10 geben. Die Buchvorlage für Staffel 1 wurde zwar etwas gekürzt und verändert aber das ist ok, Film ist eben ein anderes Medium als das Buch. Insgesamt ist diese Serie ziemlich nah an der Romanvorlage und bringt die gesamte Story recht gut rüber, der Reacher Spirit stimmt.
Und ich glaube, das beurteilen zu können, denn ich habe 21 der 23 in deutsch erhältlichen Romane gelesen. 😄
Ich fand übrigens die Bösewichter in Buch 1 nicht wirklich bedrohlicher als in der Serienumsetzung.
Die Gegner in den Romanen sind relativ häufig provinzielle Arschlöcher manchmal aber auch gefährliche Militärs oder korrupte Cops.
Ich halte das Serienformat für die Romanreihe eh besser, da die Geschichten schon tendenziell episch sind und ihre Zeit brauchen. Das fehlt mir etwas in den Spielfilmumsetzungen, die ich aber trotzdem besser als nur als mässig empfunden habe. Gut, Tom Cruise hat die wirkliche Jack Reacher-Statur und sein erster Film basiert auf dem Roman Nr. 9 "Sniper". Der Film ist recht nah an der Buchvorlage, nicht jedes Detail aber die Grundstory stimmt und das ganz ist natürlich sehr viel straffer.
Was ich auch sehr positiv sehe, ist die Tatsache, dass amazon mit der ersten Staffel auch den ersten Roman verfilmt und werden mit Band 2 "Ausgeliefert" ("Die Trying" 1998) weitermachen. Ein spannenden Story über eine rechte Bürgermiliz in Montana, teilweise ziemlich blutig und spannend.
Der erste Roman spielt übrigens 1997, bei der Serie haben sie konsequenterweise diese "Gegenwart" ins heute verlegt. Ob amazon es schafft, in den kommenden Jahren tatsächlich alle 23 Bücher zu verfilmen, bleibt abzuwarten. :) Potental hat die Figur und der Stoff und wenn die Serie erfolgreich bleibt, vielleicht altert ja Alan Ritchson mit Jack Reacher zusammen. Im aktuellen Band ist er schon jenseits der 50.

10.05.2022 18:21 Uhr - cecil b
1x
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Über die Materie selbst kann ich nicht viel schreiben.

Aber dafür kann ich 'sagen', dass es schön ist, mal wieder was von dir zu lesen, Katzenfreund! :)

10.05.2022 19:46 Uhr - Argamae
1x
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Schönen Dank für eure Kommentare.

@Stoi: okay, damit bist du mir weit voraus - "Killing Ground" ist bisher mein einziger Reacher-Roman. Ich habe ihn vor drei Jahren (oder so) im Original verschlungen, hat mir gut gefallen. Ich lese viel querbeet, springe viel zwischen diversen Lektüren hin und her. Aber ich werde mit der Reihe noch weitermachen.
Die Cruise-Filme waren beileibe nicht schlecht, aber stachen auch nicht wirklich hervor - was ich nach der Romanlektüre umso mehr empfand. Du schriebst oben, Tom Cruise habe die wirkliche Reacher-Statur... da würde ich dann doch widersprechen.
Was die Bedrohlichkeit der Gegner angeht, so spiele ich auf die zunächst ja "vermummten" Gestalten an, deren brutales Wirken man dann nur im Nachgang sieht, wenn das Opfer gefunden wurde. Das wirkt zu Beginn in dieser Kleinstadt-Idylle schon recht krass.
Freuen tue ich mich auch sehr, dass es weitergeht. Ich hoffe, sie versauen's nicht in Staffel 2. Habe dieser Tage nicht mehr viel Vertrauen in den Großteil der Filmschaffenden.

@cecil b: danke, danke. Freut mich auch, dass Du es liest. ;)

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