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Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe

Originaltitel: L'Uccello dalle piume di cristallo

Herstellungsland:Italien, Deutschland (1970)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Thriller
Alternativtitel:Bird with the Crystal Plumage, The
Bird with the Glass Feathers
Gallery Murders, The
Phantom of Terror
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,07 (28 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Sam Dalmas, ein amerikanischer Schriftsteller wird in der Ewigen Stadt Rom Zeuge eines versuchten Mordes an einer jungen Frau in einer Kunstgalerie. Sam kann den Mord verhindern indem er den Täter in die Flucht schlägt. Nachdem die Polizei den Täter als Serienmörder deklariert und zunächst auch Sam für einen möglichen Tatverdächtigen hält beginnt dieser schließlich mit eigenen Ermittlungen. Doch der Killer bekommt Wind von Sams Intention ihn zu überführen und bedroht fortan dessen Leben und das seiner Freundin. ()

eine kritik von cecil b:

2021 startete in einem Kino die Filmreihe „Unheimliche Tiefen“, die eine große Anzahl von David Lynchs (Review: Mulloholland Drive) und Dario Argentos Werken verglich. Diese Regisseure und Drehbuchautoren werden auch Surrealisten der Filmwelt genannt, deren Dramaturgie meist traumhafte, alptraumhafte, unterbewusste Züge hat. Eine Retrospektive, die mich inspiriert hat. 

                                                                     EINE VERBEUGUNG VOR DARIO ARGENTO

Ist schon ne Weile her, dass dieser Künstler, der in Italien Reviews veröffentlichte, und so talentiert war, dass er dann auch Drehbücher verfasste, seinen ersten Spielfilm in nur 6 Tagen gedreht hat. Etwa zwei Jahre, nachdem er zusammen mit Sergio Leone, Sergie Donati und Mickey Knox den Klassiker SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD geschrieben hatte. DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE ist die Basis, von der ein Großteil des Schaffens dieses Kunst­schaf­fen­den ausgeht. Stilbildende Motive und Ideen tauchten das erste Mal auf. Und, einer der wichtigsten Komponisten der Filmgeschichte, Ennio Morricone (†, 2020, Spiel mir das Lied vom Tod), bereicherte Argentos Debüt schon um seine Kunst, das tat er dann glücklicherweise mehrmals kongenial. 

                                                                                      ANIMALISCHE KUNST 

Eigentlich heißt dieses Werk ja L'uccello dalle piume di cristallo oder auch The Bird with the Crystal Plumage. Warum das so ist, verrate ich besser nicht. Am Ende von DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE steht fest, wie viel Ironie dahinter steckt, dass der Autor widerwillig etwas über Vögel schreiben wollte, um sich über Wasser zu halten. Ein cleveres Drehbuch, was sie inspiriert von Fredric Browns (1906–1972) Roman The Sreaming Mimi  innerhalb von 5 Tagen geschrieben haben, Herr Argento! TIERE spielten bei diesem Erschaffer von Gialli, Psychothrillern und Horrorfilmen, nicht selten eine bedeutende Rolle. Die beiden art­ver­wandten Filme, die L'uccello dalle piume di cristallo folgten, hießen nicht umsonst DIE NEUNSCHWÄNZIGE KATZE und VIER FLIEGEN AUF GRAUEN SAMT, man spricht daher auch von einer Tier-Trilogie. Niemand anderes konnte einen Schimpansen und Fliegen so in den Horror integrieren wie Argento in seinem PHENOMENA, und einer seiner Klassiker, SUSPIRIA, erschreckte Zuschauer auch, weil in diesem Horrorfilm ein Blindenhund sein Herrchen zerfleischt. Die Tiere sind nicht immer tatsächlich vor der Linse, und auch bezeichnend für die ungewöhnliche Metaphorik, die dieser Ausnahmekünstler so kunstvoll inszenieren kann. 

                                                                            DIE EXISTENZIELLE SCHÖPFUNG

Argento liebt die KUNST, Kunstwerke können in seinen Filmen das komplette Geschehen ausschlaggebend beeinflussen. Der Protagonist aus DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE erfährt das am eigenen Leib. Asia Argento erlebt das in einem Film ihres Vaters, DAS STENDHAL SYNDROM, noch bevor sie großartige Filme wie THE HEART IS DECEITFUL ABOVE ALL THINGS und SCARLET DIVA drehte. Dario Argentos PROFONDO ROSSO und TENEBRE leben davon, da wird auch mit literweise Blut gemalt, eine Performance des Grauens. 

                                                                             NEUE MUSTER FÜR DEN GIALLO

DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE gilt als einer bedeutentsten und einflussreichsten Gialli, den Psychothrillern, mit ästhetisierten Morden, und Tätern, die psychosexuelle Motive haben, in der Regel in Verbindung mit einem Whodunit-Leitfaden. Der Erfinder des Giallo, MARIO BAVA, griff Argento bei seiner ersten Regiearbeit unter die Arme, Bavas Sohn, Lamberto, bekam bei seinen Anfängen eine Unterstützung von Argento, und zitierte ihn später. Mario Bava drückte dem Täter eines Giallo erstmals schwarze Handschuhe in die Hand. 

                                                                              ...UND KREATIVE FREIGEISTER

Besondere Regisseure - auch unserer Zeit- verneigen sich manchmal vor Argento. Der deutsche Regisseur, Autor, Schauspieler, Erschaffer von Hörspielen und Theaterstücken, JÖRG BUTTGEREIT, über den italienischen Meisterregisseur: "Der Mann, der schon unzählige blutige Horroropern inszeniert hat, für die er die grausamsten Tode für wunderschöne Frauen erdachte, ist kein frauenfeindlicher Sadist, sondern ein überaus freundlicher und bescheidener Mensch, den man sich gut und gerne als Schwiegervater vorstellen könnte." GASPAR NOÈ (Irreversibel, Enter the Void) gab dem Italiener eine Rolle in seinen im Jahre 2021 erschienenen Film VORTEX. "Ich träumte schon lange davon, einmal mit Dario zu drehen."

Für Argento agieren Akteure dem Stil vom Theater nicht unähnlich, und sie sollten auch aus dieser Sicht betrachtet werden. Tony Musante (1936–2013), We own the Night) als Protagonist, Suzy Kendall (The Penthouse), Sams Freundin Julia, Enrico Maria Salerno (1926–1994), SMOG), der Inspector Morosini gibt, der Chef der beauftragten Polizisten, die schöne Eva Renzi (1944–2005), Finale in Berlin), die in der Galerie angegriffen wird, Umberto Raho (1922–2016), The Last Man on Earth), der ihren Gatten spielt, und Mario Adorf (Die Blechtrommel, Review vorhanden), als verrückter Maler, bestanden diese Anforderung. 

   

                                                                       L'UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO

Zu Beginn wird die lebensgefährliche Figur gezeigt, aber, wir können sie nicht unbedingt sehen. Typisch, in PROFONDO ROSSO wird das auch passieren, nur anders. Die erste menschliche Bestie des wegweisenden Italieners ist mitsamt Hut in Schwarz gekleidet, sie kehrt der Kamera den Rücken zu, so wie die Skulptur eines nackten Mannes, die die Freundin des Protagonisten in ihrer Wohnung stehen hat. John Carpenter, ein großer Fan von Argento, ging 1978 einen Schritt weiter, und setzte dem Serienmörder seines Slasher-Klassikers HALLOWEEN eine Maske auf. In einer Szene kopierte er kleine Vorgänge aus Argentos Film, ohne seine Kreativität zu verlieren. Schwarze Handschuhe, mit denen die physischen Mordwerkzeuge unkenntlich gemacht werden, arrivierten zu einem Markenzeichen des Giallo, so wie Carpenters Maske den Slasher prägte. Die signifikanten Handschuhe werden vom Meister höchstpersönlich getragen, das hat er sich nicht nehmen lassen. Seine geheimnisvolle Figur führt nichts Gutes im Schilde, so viel ist klar, in der ersten anderen Person, die gezeigt wird, vermutet man automatisch ein Opfer. In einem roten Kleid (Rotkäppchen?) geht diese schnellen Schrittes die Straße entlang. Bewundernswert, wie Kameramann Vittorio Storaro ( 3 Oscars! ) diese lange Einstellung gemeistert hat. Währenddessen werden Messer sortiert, es ist klar, was in etwa kommen muss, die Zeitungen werden die Vermutungen bestätigen. Der Gesang von Kindern, der da erklingt, kann ein ungutes Gefühl geben, es kommt wirklich immer auf den Kontext an. Sam steckt in naher Zukunft mittendrin, in etwas, was er zu verstehen versucht.

Die Hauptfigur ist ein Künstler, dessen Kreativität durch sein Trauma noch angekurbelt werden wird. Vergleichbare Figuren erdachte Argento später auch, kreative Köpfe sind bei ihm aber zudem nicht selten gefährlich. Kreativität kann neue Welten erschaffen und die Realität beeinflussen. Die Vorliebe des Italieners, Kunstobjekten eine existentielle Bedeutsamkeit beizumessen, macht in seinem Erstling seinen bravourösen Anfang. 

Dreh - und Angelpunkt ist das, was in der Galerie bei Nacht passiert. Eine Vogelperspektive im Museum, eine Totale davor. Schön. Wahrlich grausam. Sam sieht, wie eine Figur in Schwarz, jetzt auch durch eine Augenmaske verdeckt, mit einem Messer in den Körper einer Frau sticht. Das geschieht zwischen Skulpturen, das Opfer ist die Ehefrau vom Besitzer der Kunstwerke, wie sich herausstellen wird. Ihre Schreie sind unhörbar, ein Entkommen ist unmöglich, Sam steht nur wenige Meter von ihr entfernt, und kann nicht unmittelbar helfen. Wie Argento das geschafft hat, das muss man gesehen haben, wenn man Gialli mag. Diese atemberaubende Synthese der Sinne variiert in einigen seiner Filme. Weiße Wände, und ein weißer Boden, dominieren den Schauplatz, das Blut spritzt aus einer Kleidung mit derselben Farbe. Diese Farbe, die fast nur Gutes verkörpert, ist befleckt. Als Sam auf Spurensuche geht, stößt er auf ein Gemälde, auf dem ein Mord, der in einer Schneelandschaft (weiß) geschieht, abgebildet ist. Führt ihn das Bild weiter? Niemand ahnt, dass sich die beschriebene erschreckende Situation wiederholen wird. Das nenne ich mal ein Kunststück. So eine Ausgangsposition gehört zu einem festen Bestandteil von Argentos Œuvre. Opfer, Täter, Künstler, sie alle verbindet und trennt die Kunst. Der Maler des besagten Bildes  (Mario Adorf) , ist ein verrückter, armer, Katzen -fressender Eigenbrötler, der in einer Ruine lebt. Künstlerbrot ist hartes Brot, Genie und Wahnsinn sind nicht weit voneinander entfernt, schon ein Kommentar.

Zwischendurch kommt anhand von kleinen Meinungsbeiträgen ein weiteres Erkennungsmerkmal hinzu. Was zuerst deplatziert wirkt, als nach einer dramatischen Szene trivial und überzogen ein transsexueller Mann dem Protagonisten als möglicher Täter gegenübergestellt wird, entpuppt sich als eine Gesellschaftskritik, dieser soll doch nicht zu den "...sexuell abartigen Verdächtigen..." gehören. Argento äußerte sich durch seine Filme oft als Hofnarr der konservativen römisch-katholischen Vorstellung gegenüber. Keine schlechte Idee, dass die Hauptfigur ein Amerikaner ist, und somit die Gegebenheiten anders beobachtet. Eigentlich ist Sam ja der latente Held, der nur schwer zum Zuge kommt. Die Polizei behandelt ihn aber auch wie einen Verdächtigen, schränkt seine Freiheit ein, verhält sich verantwortungslos ihm gegenüber und bezweifelt sogar seine Zurechnungsfähigkeit. Ein weiterer Pinselstrich eines Gesellschaftsbildes. Und, so locker er auch ist, Sam fragt sich, inwiefern sein Verstand den Mordversuch hat erfassen können. 

Des Rätsels Lösung kann durch eine Rekonstruktion des Bewusstseins erfolgen, die erweitert das Whodunit -Prinzip. Das nächste Charakteristikum. Rückblicke differenzieren etwas, was sich nicht verändert, aber aufgrund verschiedener Perspektiven unterschiedlichen Realitäten Konturen gibt. Was ein Mensch sieht, ist nicht zwangsweise das, was er darin sieht. Auf seiner Suche nach der Wahrheit erkennt Sam alle Umstände immer deutlicher, auch sich selbst. Er wächst daran, eine von Argentos Lieblingsfiguren, die häufig auftaucht. Andere Figuren werden oft nur angeschnitten, sie sind das Fundament der Dramatik.

Auch die Suspense ist ein bizarres Erzeugnis. Ein Stumpf, aus dem Blut pit­to­resk an die Wand spritzt, große Scherben, die einen Schädel spalten, ein Spieß, der durch einen Hinterkopf gestoßen wird, solche Szenen hat Argento erst in späteren Werken gezeigt, psychologischen Horror, vorbildlich für den Giallo, diktierte er als Erstes. Wer da mordet, macht sich einen Spaß daraus, mit der Hauptfigur und der Polizei zu telefonieren, um sie mit deren Hilflosigkeit zu konfrontieren. Die Liste, der großartigen Horrorfilme und Gialli, die das zitiert haben, ist lang. Schreien und betteln, ohne dass jemand das hören kann, sehen, gestikulieren, mit gebundenen Händen, der reinste Horror, diese Kommunikation. Das Messer ist unverkennbar ein Phallus-Symbol, eine der wichtigsten Komponenten des Giallo. DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE geht Urängste an. Sogar das Vertraute birgt Gefahr. Eine Tür, allgemein Barrieren, sind bei Argento weniger Schutz, vielmehr ein Käfig. Der Blick durch ein Loch in einer Tür, egal in welcher Form, ermöglicht die Situation besser einordnen zu können, und ist gleichzeitig mit Lebensgefahr verbunden. Unvorhersehbar wandelt sich die Kamera zu einem wilden Objekt um, rast sie doch auf einmal bedrohlich undefiniert auf eine Wand zu, und ein winziges Fenster, um zu erkunden, was dahinter zu sehen ist. Fast alle Einstellungen verstärken die dynamische Visualität. Gialli profitieren immer davon, wenn die Opfer nicht mal in der Innenstadt Sicherheit finden. Selbst tagsüber schwingt die schwarz behandschuhte Hand vom Nebel verdeckt ein Beil. Am Abend wird es plötzlich lebensbedrohlich, auf den Gassen, wo das Licht so verträumt ästhetisch Szenenbilder malt, betörende Kinetik. Durch rasante platzierte Schnitte von Franco Fraticelli (1928–2012), auf den Argento immer wieder zählte, erscheinen diese äußerst sehenswert. Morricones optimal eingesetzter Freejazz kombiniert dazu sämtliche Harmonien und Disharmonien gewinnbringend. Ein schweres Atmen, Ächzen, Stöhnen, Hecheln, Grummeln, Dröhnen, ergeben zusätzlich einen gruseligen Zusammenklang. Plötzlich ist inmitten der Stadt ein Labyrinth, bestehend aus Ruinen, Hinterhöfen, Dunkelheit, wenig Licht. Nahaufnahmen von Augen weisen darauf hin, dass alle am Tathergang Beteiligten den Überblick bewahren möchten, die P.O.V.- Perspektive wechselt manchmal schamlos während einer Tötungsszene zwischen den Kontrahenten. Wer hätte das gedacht, die Positionen vom Jäger und Gejagten wird auch vertauscht. 

Die Geburtsstunde von Dario Argentos Filmkunst ist eine Pionierleistung. Alternativ und kunstvoll. Dass der mittlerweile 82-jährige Maestro vieles gedreht hat, besonders in den letzten zwanzig Jahren, das nicht im Geringsten an seine alten Werke anknüpfen konnte, ändert nichts an seinen zahlreichen großartigen Filmen. 

Insider: "Und dann, Servus."

9/10
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Kommentare

22.06.2022 21:25 Uhr - Cinema(rkus)
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Wow; hier wird mein Herz von einem blutrot flirrendem Kunst-Review ergriffen.
Der Ästhet von schnittberichte.com verneigt sich vor dem Bildhauer der italienischen Giallo-Opulenz.
Klasse, cecil, große Analyse-Fähigkeit zeigst Du in Deinen wunderbaren Zeilen.

Dario Argento, vor allem in seiner frühen Schaffenszeit, wandelte auf ästhetisch aufgeladenen, opulenten Pfaden, die ihn von ALLEN ANDEREN Regisseuren der damaligen Zeit entrückte. Ja, entrückte, denn er kreierte eine Welt, die zwischen Realität, Traum und Unterbewusstsein angesiedelt war, eine nicht richtig greifbare Dimension des psychosexuellen Bereichs, der aber innerhalb des menschlichen Agierens allgegenwärtig ist.
Eine sehr entscheidende Interpretation lässt Du in Deine vertrackten, vertrickten, psychologisch aufgeladenen Zeilen einfließen. Seine Darsteller agieren und reagieren wie im Theater. Wir Insider wissen, dass Theater-Schauspiel und Spielfilm-Schauspiel nicht vergleichbar ist. Die Darsteller haben in den Bereichen ganz verschiedene Ansätze.
Und, ja, dieser fulminante Ausnahme-Maestro, er kreuzte diese beiden Ebenen, um seine ganz besondere Ausnahme-Stellung einzunehmen, um eben alle Szenen, alle Handlungs-Ebenen, alles vom Zuschauer beobachtende, als surreal, als nicht wirklich passierend, als....ja, als was eigentlich darzustellen ? Und genau dieser Kunst-Kniff macht Argento einzigartig.
Sein Gespür für geschmackvolle Bildkompositionen, die von ihm dirigierten Kamerafahrten, die im Takt des pulsierenden Blutes energetisch eingesetzte Musik, die augenverwöhnenden Inneneinrichtungen der Schauplätze, Argento ist ein ganz Großer, der auf der psychosexuellen Klaviatur des menschlichen Geistes ALLE
Noten perfekt beherrscht.
Als ich "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" als Jüngling erstmal im Fernsehen genossen habe, verstand ich viele Aspekte dieses Meisterwerks natürlich nicht. Trotzdem, ich bemerkte sogleich, dass hier etwas besonderes vor meinen Augen ablief, dass hier irgendetwas magisches passierte. Seitdem bin ich von seinen Werken angefixt, geflasht, beeindruckt, habe seine Werke immer wieder geschaut, analysiert und muss zum Ergebnis kommen, dass Argento einer der intelligentesten Filmemacher ist, der jemals das Kino veredelte.

Cecil, vor einigen Tagen legst Du ein sensationelles Interview vor, bereicherst damit (wieder mal !!!) dieses Forum ungemein wertvoll und heute zollst Du auf Deine intelligente Art einem Maestro Deinen Respekt. Es kommt immer wieder zusammen, was zusammen gehört. Bist für mich, was Kunst, Film, Offenheit gegenüber jedem Menschen angeht, ein weiser Kerl, der im INTERNET immens wichtig für einen gewissen Ausgleich ist. Ehrlich ?
Wer mit Dir irgendwo an einer Theke steht, bei Bier und Steak über die Welt plaudert, der kann sich glücklich schätzen.
Mir hast Du mit Deiner stilvollen Review jedenfalls - während dem ich an meinem "Südenbock" nippte - eine echte Freude beschert. Geschmackvolle Zeilen umschmeicheln ein Ausnahmewerk; was will man mehr ?
Gruß C.M.

(cecil, bitte auch mal nach "Messer im Herz" Ausschau halten; ein - für mein Empfinden - unglaublich gut gemachter Neo-Giallo......)

22.06.2022 21:48 Uhr - cecil b
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Moderator
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Wie leidenschaftlich und gleichzeitig gut durchdacht du wieder schreibst. :)

Ich muss an Mullholland Drive denken. Den Film, meine Review, deinen Kommentar, und den Vergleich, den ich in der Review an dieser Stelle formuliert habe.

Dario Argento ist seltsam. Natürlich beeinflusste er meine Review stark. ;)

Die Regisseure, die ich erwähnte, wissen, warum diese seltsame Kunst so sehenswert ist.

"Als ich "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" als Jüngling erstmal im Fernsehen genossen habe, verstand ich viele Aspekte dieses Meisterwerks natürlich nicht. Trotzdem, ich bemerkte sogleich, dass hier etwas besonderes vor meinen Augen ablief, dass hier irgendetwas magisches passierte. "

GENAU SO erging es mir auch. Ich hatte vorher auf der Stephen KIng's Best of Horror-Collection einige Szenen gesehen, die mich sehr neugierig machten, aber das Debüt hielt sich ja noch zurück. Mit etwas reiferen Augen bin ich mir sicher, dass DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE einer meiner Lieblings-Argentos ist. Konzentriert man sich stark darauf, wie dieser Film vorgeht, ist der sehr spannend. Finde ich.

Ich werde deine Tipps beherzigen. Allerdings habe ich noch einige Stapel neben mir. Wird schon. :)

Danke dir! :)

22.06.2022 21:58 Uhr - CheesyAK47
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Boah was eine Hammer Review! Echt Klasse geschrieben! Da bekomm ich direkt wieder Lust einen guten alten Giallo reinzuschieben....
Markus sein Tipp, Messer im Herz, war optisch eine Wucht und ist sicher eine Sichtung wert.

22.06.2022 22:10 Uhr - cecil b
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Moderator
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VIIIELEN DAAANK!! :)

Gerade, wenn ich mal etwas unüblich schreibe, freue ich mich besonders über ein positives Feedback.

Messer im Herz: Lesezeichen! :)

22.06.2022 22:27 Uhr - Cinema(rkus)
3x
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Runde für Runde / Jahr für Jahr auf dem Lebens-Jahrmarkt verbringen zu dürfen, he, das macht aus verschiedenen Gründen unglaublich Spaß.
Auf meine Lebensleidenschaft (Kino/Film/Kunst) hat das älter werden maßgeblichen Einfluss.
Manche Kunstschaffende - dazu gehört Dario Argento, aber natürlich auch David Lynch - weiß ich von Jahr zu Jahr mehr zu schätzen. In jungen Jahren (ich rede von den Jahren, als ich noch "Clearasil" benutzte) musste ein Film Krawumm-Bumm bieten, eine möglichst einfache Handlung und einen Schluss, den ich einordnen konnte.
Dann, eben auch in jungen Jahren, machte ich aber auch Bekanntschaft mit Argento, Lynch, mit einem "Angel Heart" und mein Horizont wurde von diesen Filmen mehr und mehr erweitert. Heute muss für mich eine Geschichte nicht mehr rational erklärbar sein, ein Werk darf mich fordern, am liebsten auch überfordern, es macht mir Spaß, die einzelnen Facetten zu beleuchten, selbst zu interpretieren, mich darüber mit anderen auszutauschen.
Lynch hat z.Bsp. für mich die Serienlandschaft revolutioniert. Mit "Colt für alle Fälle", "Trio mit 4 Fäusten" und "Hart aber herzlich" aufgewachsen, läutete Lynch mit "Twin Peaks" eine neue Dimension der Serien-Qualität ein, ein sensationell mutiger, kryptischer Traum-Poet, der seinen eigenen Weg ging und geht und eine Offenbarung ist. Mulholland Drive ? Lost Highway ? Wild at Heart ? Für mich die Creme de la Creme der auf Leinwand gebannten Bilder; welch meisterhafte Filme.........Ohhhh, da komme ich aus dem schwärmen gar nicht raus.

Jedenfalls herrlich, dass es solche Künstler gibt, die immer wieder neue und neue Dimensionen erklimmen und uns in ihre Welten mitnehmen. Und genauso wunderbar, dass hier immer wieder ein Austausch hinsichtlich dieser Filme möglich ist, mit tollen Gesprächspartnern. Thanks cecil.

CheesyAK47
He, Thanks für die Zustimmung, was "Messer im Herz" betrifft. Für mich ein Klasse Giallo, gerade was auch das Milieu betrifft, in dem er spielt. Und der erste Mord, den ich hier nicht spoilern möchte......Oh Mann, wie in den allerbesten Zeiten von Argento.....Jedenfalls ein sehr atmosphärischer Giallo, der wie aus den 70`ern entsprungen wirkt.

22.06.2022 22:36 Uhr - Insanity667
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Ein Meisterwerk an Reviewkunst zu einem Meisterwerk der Filmkunst! :)

Ja, Argento war in dieser Hinsicht ein ganz Großer! An sein Schaffen von 1970 bis 1984 reicht nicht vieles auf dem Gebiet des italienischen Thriller-Kinos heran. Es ist immer wieder faszinierend, sich solche Werke nach längerer Zeit mal wieder anzusehen und immer wieder Neues zu entdecken. Neue Einflüsse, Details und Impulse, die einem nach Interviews, Podcasts oder Diskussionsrunden erst richtig auffallen. Das sind dann meine "Argento Phasen", die auch gerne mal mehere Wochen dauern! :)

Diese Filme zu analysieren und zu interpretieren ist quasi selbst schon zur Kunstform geworden. Es ist unfassbar, wieviele Autoren und Regisseure von Argento inspiriert wurden. Selbst bis in die hintersten Nieschen des internationalen Horrorkinos finden sich Spuren der DNA von "Suspiria", "Deep Red" oder "Inferno" z.B. in "The Collector" oder etwas offensichtlicher in "Elizabeth Harvest" und jüngst in "Malignant" und "Last Night in Soho".

Auch die Tatsache, dass Argento teilweise mit Technologien arbeitete, die Hollywood damals Jahre voraus waren und diese Technologien mit z.B. dem berühmten Color-Film von Kodak zu Kusntwerken wie "Suspiria" verband, beeindruckt mich immer wieder. Er selbst hat mal gesagt, dass man diese Filme, trotz der immensen technischen Möglichkeiten heute, nicht mehr reproduzieren könne und es (ihm selbst) deswegen schwer falle, an diese Erfolge anzuknüpfen. Denn die Essenz seiner Bildsprache und somit seiner Art, Geschichten zu erzählen, beruhe eben darauf... Das surreale seines eigenen Unterbewusstseins lebendig werden zu lassen.

Das Thema Kunst ist dabei, wie Du ja geschrieben hast, zumindest bei Argentos älteren Werken, ein wiederkehrendes Motiv das Hinweis, kontextuales Objekt oder Katalysator zugleich sein kann. Das beschränkt sich nicht nur auf offensichtliche Dinge wie phallisch-verchromte Skulpturen, abstrakt "lebendige" Gemälde oder Kunstgalerien mit Skulpturen, sondern beinhaltet z.B. auch banale Dinge wie Literatur, die von den Protagonisten gelesen, respektive geschrieben wird. Die Kunst in Argentos Filmen ist der Schleier zwischen der realen Welt und den (Alp)Traumwelten, durch die er seine Figuren schickt, der mit Fortschreiten der Handlung immer weiter einreißt. Was dabei herauskommt sieht man hier, aber z.B auch am Ende von "Tenebrae". Die "Kunst" ist Zeuge, Geschworener und Richter zugleich, und das hat er nicht nur immer wieder thematisiert sondern auch auf sich selbst und seine Werke projiziert... (Aus Spoilergründen dazu nicht mehr)

Bei "The Bird with the Crystal Plumage" sind also schon sehr deutlich die Ansätze zu erkennen, aus denen später mal "Deep Red" und "Tenebrae" heranreifen sollten, ich finde sogar stärker noch, als in den beiden Nachfolgern der "Tier-Trilogie", die ich mit jeweils 8/10 Punkten tatsächlich etwas schwächter fand. Dieser Streifen hier bekommt von mir ebenfalls 9/10 Punkte, für ein Quasi-Debüt nicht schlecht würde ich sagen. Da ja nächsten Monat "Dark Glasses" ansteht (dem ich nachwievor sehr skeptisch gegenüber stehe) wird es wohl mal wieder Zeit, die ollen Argentos auszubuddeln!

Nicht falsch verstehen, ich nehme es Dario Argento nicht übel, dass er sich über die Jahre immer weiter von seiner früheren Meisterschaft der 70er Jahre entfernt hat. Viele Faktoren, wie der Untergang des italienischen Genrekinos und die Entwicklung der Technik, haben da mit reingespielt. Ich kann mir schon vorstellen, dass ein Regisseur, der es gewohnt war, immer seiner Zeit vorraus zu sein, mit plötzlichen Budgetkürzungen, zunehmender Digitalisierung und Einschränkung der kreativen Freiheit mit den Jahren abbaut. Aber, und auch da hast Du recht cecil, das macht sein Filmisches Erbe nicht schlechter.

In diesem Sinne, fröhliches Meucheln mit schwarzen Handschuhen, phallischen Mordwekzeugen und langen Lackmänteln! :)))

23.06.2022 05:53 Uhr - Intofilms
2x
Ein ganz wichtiger Film für Argento wie auch das italienische und internationale Kino, der bis heute seine Spuren hinterlässt. Die (Nicht-)Farbe Weiß: Natürlich, man sagt immer, die Farbe der Unschuld, der Reinheit usw. Für mich ist das aber eine kalte Farbe und recht eigentlich die Farbe des Todes: das weiße Nichts. Bei Fassbinder-Filmen muss ich übrigens ganz oft an Theaterstücke denken. Überaus faszinierende Review, cecil, vielen Dank! Und vielen Dank übrigens auch für dein Interview mit Jörg Buttgereit, das ich natürlich auch verfolgt habe. Leider waren die 90 Minuten zu kurz. 😁

23.06.2022 17:00 Uhr - TheMovieStar
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Kann mich meinen Vorrednern nur anschließen, eine Spitzenreview, die Du hier verfasst hast!
Exzellente Arbeit!

23.06.2022 20:31 Uhr - cecil b
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Moderator
User-Level von cecil b 19
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Cinema(rkus): Kunst ist ein weites Feld. Warum sollte man die künstlerische Freiheit einschränken ? ;)

Insanity667: Dein Kommentar ist für mich wie ein Menü von einem 5 Sterne-Koch. Danke! Du steckst tief in der Materie!

"Diese Filme zu analysieren und zu interpretieren ist quasi selbst schon zur Kunstform geworden."

Das verbindet Lynch und Argento auch. :)

Argentos Veränderung: Ja, die Klassiker bleiben gigantisch. Und, ich fand die neueren Filme nicht so schlecht wie die meisten anderen. Auf Dark Glasses bin ich auch neugierig, mit geringen Erwartungen.

Mein Tipp, und auch der von Ash: https://www.schnittberichte.com/svds.php?Page=Titel&ID=46293

Italohorror in seiner letzten Blüte!!!!!

- Intofilms: Danke dir ! Deine Kommentare vertreten Schnittberichte auch schon lange erfreulich! :) Weiß: Ich habe es mir einfach gemacht, ist abstrakte Kunst. ;) Der Fassbinder-Vergleich in Bezug auf die Akteure passt bestens! Interview: Freut mich seeeehhhr! :) Danke!

TheMovieStar: Vielen Dank für dein Lob, deine erfreulichen Kommentare sowie deinen Fleiß, was die Reviews angeht! :)

24.06.2022 01:31 Uhr - Dissection78
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Ein wunderbarer Giallo, den auch ich zu den stärksten Werken Argentos zähle, der in gewisser Weise eine Blaupause für die späteren Filme "Profondo Rosso" und "Tenebrae" liefert und der gleichsam von Hitchcock inspiriert wurde. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Du und meine Vorkommentatoren haben alles bereits perfekt beschrieben (außer dass der gute Dario für mich nicht nur bis 1984, sondern sogar bis '87 Großartiges ablieferte - "Opera" gehört für mich einfach noch dazu) ;)

Was "Messer im Herz" betrifft: Den kann ich ebenfalls empfehlen. Fühlt sich an, als sei er bereits vor vierzig Jahren gedreht worden, ist jedoch von 2018. Allerdings ist er auch relativ sperrig, gemessen jedenfalls an Werken von Bava, Argento und Sergio Martino (mit Ausnahme vielleicht von dessem "Die Farben der Nacht"). Gemessen an den Sachen von Hélène Cattet und Bruno Forzani ist "Messer im Herz" wiederum 'easy watching'.

24.06.2022 06:51 Uhr - Insanity667
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Gialli sollen ja auch immer ein bisschen provozieren, den Zuschauer fordern und nicht einfach nur einen Krimiplot herunterleihern. Sonst könnte man auch einfach "Tatort" im ZDF glotzen. ;)

Der Vergleich von "Messer im Herz" zu den französischen Neo-Gialli "Amer" und "Der Tod weint rote Tränen" ist da gar nicht so weit her. Martinos "Die Farben der Nacht", Mario Caianos "Eye in the Labyrinth" oder Bazzonis "Spuren auf dem Mond" passen auch. Das zum Thema Stil und Zugänglichkeit, thematisch geht "Messer..." aber dann doch in eine recht spezielle Richtung. Da würde ich eher "The Editor" oder "Berberian Sound Studio" als Vergleich heranziehen. :)

Dafür dürft ihr mich übrigens hauen und verjagen! :))))

PS: "Messer im Herz" hat noch kein Review... Anyone? ;)

24.06.2022 11:01 Uhr - TheMovieStar
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23.06.2022 20:31 Uhr schrieb cecil b

TheMovieStar: Vielen Dank für dein Lob, deine erfreulichen Kommentare sowie deinen Fleiß, was die Reviews angeht! :)


Gern geschehen kein Problem 😊

24.06.2022 19:18 Uhr - cecil b
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Moderator
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Dissection78: Danke dir! :) Argento kopierte sich mehrfach, aber seine Einzigartigkeit war eben variabel. ;)

OPERA: Meine erste Review schrieb ich zu diesem schönen Film. Nach 84 fand ich auch Trauma nicht schlecht, und Das Stendal Syndrom großartig. Ich brauchte eine Weile, um den zu lieben.

Insanity667: Stimme dir zu. :)

Neo-Giallo: Habe mich noch nicht viel damit beschäftigt. Einen besprach ich, dazu gab es ein Interview mit einem der Akteure. Film: FROST. Low-Budget, von Fans, mit Linnea Quigley!

TheMovieStar: Dann ist ja gut. ;) :)

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