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Das Messer am Ufer

Originaltitel: River's Edge

Herstellungsland:USA (1986)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Krimi
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,10 (10 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Samson (Daniel Roebuck), Matt (Keanu Reeves) und Layne (Crispin Glover) leben in einer US-amerikanischen Kleinstadt und halten sich mit Sex, Drogen und Suff bei Laune. Doch als Samson eines Tages grundlos seine Freundin ermordet, gerät die Kleinstadtidylle aus den Fugen ... ()

eine kritik von cecil b:

 

IM JAHRE 1981 LAS NEAL JIMENEZ (Drehbuch und Regie: Waterdance) IN DER ZEITUNG, DASS DER 16-JÄHRIGE SCHÜLER ANTHONY JACQUES BROUSSARD SEINE 14-JÄHRIGE FREUNDIN MARCY CONRAD IN MILPITAS, KALIFORNIEN, VERGEWALTIGT UND ERMORDET HATTE.

Durch diese Tat wies die Presse konzentriert auf soziale Probleme in amerikanischen Vororten hin. Davon inspiriert schrieb Jimenez das Drehbuch von RIVER'S EDGE. Die Figuren orientierten sich großenteils an Freunden, mit denen er seine Jugend in Sacramento, Kalifornien verbracht hatte, wo der Film auch gedreht wurde.

 

 

Schnelle, rhythmische Klavierklänge, hören sich nach der brodelnden Unruhe an, die eine ganze Gesellschaft prägt. Naturnahe Bilder machen es vorstellbar, dort anwesend zu sein, in dieser Kleinstadt, an einem großen Fluss. An diesem Ort gibt es Eintönigkeit, Dauer-Herbstblues, matte Farben und Tristesse. Ein Laden, der mit dem Satz "Jesus is coming!" wirbt, ist Ironie. Der Fluss bleibt nie ruhig, aber einen Stillstand gibt es für das Gewässer nicht, auch wenn es immer an derselben Stelle besteht, der Lauf des Lebens. Der zwölfjährige Timmi ist gekleidet wie ein Punk in spe, er trägt Depressionen und Bitterkeit mit sich. Der Junge schmeißt die Puppe seiner kleinen Schwester in das Gewässer, diese wird deswegen noch oft weinen, und am Ufer ertönt dieser markerschütternde Schrei, weil ein Mensch nicht mehr unter den Lebenden weilt. Zu Hause weint die Schwester bitterlich, die Mutter auch, wie so oft, ihr Freund, und Matt, der große Bruder von Tim, brüllen vor Wut. Die Puppe hätte niemanden verletzen können, das Spielzeug war nicht nur für ihre Besitzerin wichtig, jetzt ist sie ein Sinnbild, für etwas, was in dieser Familie verloren gegangen ist. Der Vater ist abgehauen, die Mutter überfordert, die drei Kinder sind desillusioniert, alle hilflos, Matt weiß noch nicht einmal etwas mit sich selbst anzufangen. Damit ist er nicht alleine. 

Samson sagt seinem Bekanntenkreis offen und direkt, was er getan hat, aber erst als der die Leiche sieht, wird ihm geglaubt. Jedoch kann keiner von den Bekannten wissen, was wirklich passiert ist. Der alkoholkranke Samson hat offensichtlich das Bedürfnis danach, dass sich endlich wieder jemand für ihn interessiert. Von seiner Familie ist noch die Tante übrig, die Perspektivlosigkeit samt Armut und Arbeitslosigkeit ist durchgehend präsent, so wie bei allen, mit denen er seine Zeit verbringt. Der ständig quirlige, überdrehte Layne, findet nach langer Zeit wieder einen Lebenssinn, als er beschließt sich um den mutmaßlichen Mörder kümmern. Der ebenfalls zu einem Sinnbild wird, einer Generation, die sich von zwischenmenschlichen Werten und einem gemeinschaftlichen Sinn entfremdet hat. Dazu gehören Clarissa und Matt, die erschrecken, weil sie merken, wie wenig Gefühle der Tod eines Menschen, der ihnen vertraut war, in ihnen auslöst. Ihre Wertevorstellungen sind desorientiert. Keiner der Mitwissenden weiß mit der Situation umzugehen. Zwar ist jedem bewusst, dass falsch ist, was da passiert ist, aber die Verbindung zum Rest der funktionierenden Gesellschaft ist wenig gegeben. Und so dauert es lange, bis die Polizei von dem Mord erfährt. Die jungen Erwachsenen sind auch die Ernte einer gescheiterten Generation. 

In der Schule erzählt der Klassenlehrer davon, dass er rebelliert hat, z. B. gegen das Vietnam-Trauma. Es sei noch ein Ziel, ein Gemeinschaftsgefühl vor Augen gewesen, er legitimiert sogar die Gewaltanwendung der damaligen Straßenschlachten. Matt bäumt sich geistesgegenwärtig nur gegen den Freund seiner Mutter auf, der glaubt, dass die Gewalt, die er als Kind erfahren hat, ein funktionelles Mittel sei. Ein Teufelskreis. Das Püppchen bekommt ein Grab, die Leiche liegt am Fluss, Tim leidet darunter, dass einem Spielzeug mehr Beachtung geschenkt wird als ihm, Vorbildfunktionen sind ein Fremdwort. Dennoch gibt es da einen älteren Mann, der für die jungen Menschen eine bestimmte Bedeutung hat. Feck. Der hält sich seit Jahren in seiner Bude auf, zieht schnell drohend seinen Revolver, tanzt mit seiner Gummipuppe, und gibt damit an, schreckliches getan zu haben. Dieser Mann, der auch sehr sensibel ist, und einer vergangenen Hoffnung hinterherweint, verkauft aber Drogen. Knarren haben viele. Die sind ebenfalls ein Kommunikationsmittel, sie geben das Gefühl, mal Macht in der Hand zu haben. Verzweifelt schreit der Lehrkörper seine Schüler an, die fast gefühllos sind, haben sie doch schon lange aus Selbstschutz ihr Mitgefühl abgestellt. Er erkennt, dass sie sich teilweise sogar besser fühlen, weil es jemand anderen schlechter ergangen ist als ihnen, und weiß nichts davon, dass manche durch den Vorfall mit sich selbst konfrontiert werden, Schuld und Sühne zieht vorbei. 

Die Figuren leben oberflächlich gesehen, wie es sich ein jeder der westlichen Welt vorstellen kann, und gerade daher ist die Verfremdung des Bekannten so wirksam. Für die Kleinstadtidylle, und den Sex, die die Inhaltsangabe angibt, ist die Kommunikation unzureichend. DAS MESSER AM UFER könnte ein Gesellschaftsbild von Friedrich Dürrenmatt sein, wenn dieser ein Amerikaner gewesen wäre. Neal Jimenez's Drehbuch nutzt unmissverständliche Dialoge, um seine Botschaft zu überbringen, aber auch diverse Metaphern, wie die Parallelisierungen der Puppe und des Leichnams, der Generationen, deren Hoffnung ein weinendes Mädchen ist, und vom Opfer und Täter. So konstruiert berechtigte Metaphern, in deren Einfachheit viel Wahrheit liegt. Eine Plastik-Lady als Liebes-Ersatz, die leicht verständlichen Aussagen, so etwas mag dem einen zu platt vorkommen, der andere kann darin die gelungen gekennzeichnete Kuriosität der desolaten Misere, von Menschen, die verlernt haben füreinander da zu sein, sehen. So geht es mir. Die Story bietet eine schlüssige Dramatik, die geradlinig ihr Ende findet. Es gibt nur einen Funken Hoffnung. Nicht mehr als ein kleiner Funken, der etwas Identifikation ermöglicht. 

Matt ist ein gewaltbereiter, schroffer Geselle, auf seiner Jacke hat er bezeichnend das Peace-Zeichen mit einem Totenkopf verbunden, eine Art verspätete Generation X. Keanu Reeves (Matrix) übte sich schon als etwas ungelenker Teenager, den er circa 3 Jahre später in der Kultkomödie Bill & Teds verrückte Reise durch die Zeit fast schon persiflieren sollte. Dieses Gebaren, die Schultern breit zu machen, herausfordernd den ganzen Körper bei manchen Aussagen einzusetzen, als ob Worte nicht genügen können, fehlen doch oft die richtigen, verleiht seiner Figur etwas Authentisches. Der Mensch, der dahinter steckt, wird in einigen Szenen sichtbar, wenn eine Großaufnahme auf seine Reaktion aufmerksam macht, er dann aber wieder in den Hintergrund tritt, und sich Sorgen um das Miteinander der Figuren macht, die im Vordergrund handeln. Seine Position innerhalb der Gruppe verdeutlicht sich dann, nach dem gleichen Prinzip verläuft das auch in der Familie, der gegenüber er noch eine Andeutung von Zusammengehörigkeit empfindet. Eine weitere Seite zeigt sich zaghaft, wenn Matt an Clarissa denkt. Ione Skye's (Teen Lover) hat durch ihr Debüt als diese Figur geschickt einen neugierigen Teenager mit einer jungen Frau, die gesunde Ängste und Erinnerungen an Moral hat, kombiniert. So gut, dass erkennbar ist, warum diese beiden Figuren eine eindimensionale Sichtweise vermeiden, und daran appellieren, nicht zu vergessen, wie wichtig das ist. Ein ernstzunehmender soziologischer Aspekt. Nur durch den Blick darauf, können das Verständnis, die Ursachen und das Potential einer Veränderung beleuchtet werden. Matts Bruder wird beeindruckend von Joshua John Miller (Near Dark) dargestellt. Tims Aggressionen beruhen auf verstehbaren Verletzungen, Miller zeigt das auch ohne Worte.

Crispin Clover hat Layne schrill, schwer definierbar und androgyn angehaucht interessant verwandelt. Eine Figur, die mit einem vermeintlichen Overacting nur zeigt, wie sie unter Strom steht, und kaum in der Lage ist, sich zugänglich zu machen. Aus dieser Sicht kolossal gespielt. Dieser Typ, mit langen Haaren, schwarzen Lederklamotten und SLAYER in der Autoanlage, wünscht sich, für Samson (und allgemein) von Bedeutung zu sein, und die Eskalation positiv zu lenken. Der kräftige Samson sieht in seinem Verhalten einen vergleichbaren Sinn, er sagt, das alles gäbe ihm das Gefühl, sich lebendig zu fühlen. Traurig aber wahr, keine unrealistische Darstellung. Und Daniel Roebuck (Auf der Flucht) schafft es, mit den Größen auf Augenhöhe zu spielen.

Dennis Hopper ist als Feck meisterhaft. Verloren, gefangen, immer auf der Schwelle, den letzten Schritt in eine Richtung zum nächsten Abgrund zu gehen. Feck ist angsteinflößend, dann möchte man am liebsten mit ihm reden, auf die Schulter klopfen, eine Therapie vorschlagen. Hopper konnte diese Rolle nicht umsonst grandios spielen, er wusste ganz genau, was er tat. Die utopischen Vorstellungen der Kids, vor dem Ernst des Lebens cool wegzurennen, in die Freiheit und zur Selbstbestimmung, kriegt Namen "wie in Easy Rider", Hoppers Klassiker, der gedanklich nicht weit entfernt von DAS MESSER AM UFER Parallelen hat. Über seinen umwerfenden OUT OF THE BLUE (Review vorhanden) kann man das auch sagen.

Sämtliche Personen zeichnen sich mit all ihren Facetten zunehmend ab, und das geschieht realistisch, mit möglicher Nachwirkung. 

Wie bereits angedeutet, Regisseur Tim Hunter (Next) hat dieses Drama gut in Szene gesetzt. Mit nahen, halbnahen und halbtotalen Einstellungen vermied er besonders künstlerische Perspektiven, durch die gängigen Bilder bleibt die Konzentrierung bei den Figuren. Großartig war auch seine Entscheidung, die jungen Menschen mithilfe der Totalen als eine Gemeinschaft zu zeigen, ausgerechnet dann, wenn sie sich am Fluss treffen, dort, wo alle Symbole auftauchen. Howard E. Smith (Strange Days) und Sonya Sones (Urban Coboy) Schnitte, sowie Frederick Elmes's (Blue Velvet) Kameraführung, sind ebenfalls eine Bereicherung für diesen Stil. Einen Wermutstropfen sehe ich nur in der Musik von Jürgen Knieper (Der Himmel über Berlin). Zwar ist das beschriebene Titellied grandios, und auch alle anderen Stücke sind Musik auf einem hohen Niveau, aber die theatralischen Geigen und Paukenschläge klingen manchmal nach einer anderen Zeit, und daher gelegentlich tatsächlich unpassend. Heavy Metal von beispielsweise der Progressive-Metalband FATES WARNING, die bevorzugte Musikrichtung der jungen Figuren, und gen Ende Blues aus dem Radio, fügen sich hingegen optimal ein. 

DAS MESSER AM UFER ist ein Drama, das nicht die Sensationsgier bedient, sonder nuanciert aufgrund vieler komplexer Figuren und Versinnbildlichungen das Zeug zu einem hervorragenden Roman hätte. Nicht jeder wird mit den vielen Metaphern einverstanden sein, aber das zeichnet diesen Film auch aus, dass er mutig zeitlose Themen, zum Teil archaische Ideen und die Neuzeit miteinander verknüpft. Insbesondere der Drehbuchautor, der Regisseur und die Schauspieler haben da einen sehenswerten Film zustande gebracht. 

 

8/10
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Kommentare

06.08.2022 22:54 Uhr - dicker Hund
2x
User-Level von dicker Hund 17
Erfahrungspunkte von dicker Hund 5.141
Engagierte Kritik zu einem mir bislang nicht bekannten Film. Die beschriebene Stimmung ließ mich kurz an "Reflecting Skin" denken. Solche Titel könnte ich mir gut für eine Retro-Vorführung in einem Programmkino vorstellen...

06.08.2022 23:14 Uhr - Insanity667
1x
DB-Helfer
User-Level von Insanity667 11
Erfahrungspunkte von Insanity667 1.781
Wow, na dann geb ich Dir mal das Kompliment zurück: kongenial! :))

"River's Edge" hat mir schon immer gut gefallen. Die Atmosphäre ist rau, ein bisschen trost- und hoffnungslos vielleicht, aber tolle Schauspieler. Ein Geheimtipp, das Cover ist voll gruselig!

Dein Review nicht! :)))

08.08.2022 15:30 Uhr - cecil b
Moderator
User-Level von cecil b 19
Erfahrungspunkte von cecil b 7.220
Danke für die Kommentare! :)

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