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The Gray Man

Herstellungsland:USA (2021)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Action, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,07 (15 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Der ehemalige CIA-Agent Court Gentry (Ryan Gosling) alias Sierra Six ist „The Gray Man“. Gentry wurde vom ehemaligen Leiter Donald Fitzroy (Billy Bob Thornton) in einem Gefängnis entdeckt und für die CIA rekrutiert und war einst ein höchst erfolgreicher, gut ausgebildeter und vom Geheimdienst sanktionierter Söldner. Doch jetzt hat sich die Lage geändert und Six gerät ins Visier von Lloyd Hansen (Chris Evans), einem ehemaligen CIA-Agenten, der vor nichts haltmacht, um ihn um die Ecke zu bringen. Agentin Dani Miranda (Ana de Armas) hält ihm den Rücken frei, was er auch dringend benötigt. (Netflix)

eine kritik von jason:

Triple B-Action mit Triple A-Budget

 

Das in 2022 arg durch rapides Abonennten-Wettwegrennen (ca. 970.000 in Quartal 2) und wie ein Stein zu Boden fallende Aktienkurse gebeutelte Netflix mag nun auf "Klasse statt Masse" setzen, auch und gerade in Eigenproduktionen.
Da ist der ebenfalls gebeutelte, zahlende Kunde aber gespannt ob er neugierig ist, denn für feinfühliges Arthouse-Kino ist der Streamingdienst bei Selbstverbrochenem derzeit eher nicht bekannt; und wenn die Seite mit den großen Scheinen im Portemonnaie aufgemacht wurde, kam auch zuletzt eher etwas wie Red Notice dabei heraus (in ihren Paraderollen chargierende Stars + leicht verdauliche "Geschichte" + pausenlos generische Action + dümmlicher Humor + Green Screen-Hintergrundinferno = Blockbusterpotenzial!)

Fairerweise muss man sagen, dass auch The Gray Man, derzeit mit ca. 200 Millionen US-Dollar die teuerste Netflix-Produktion überhaupt, produktionsphasentechnisch noch in der Zeit vor dem vermeintlichen "Sinneswandel" entstand; auf die ersten kunstvollen Streifen im dreistelligen Millionengewand müssen wir also wohl oder übel noch etwas warten.
Bis dahin offenbart ein etwas weitwinkligerer Blick auf den doch eher lose auf dem ersten Band Unter Killern der bis dato elfteiligen, gleichnamigen Buchreihe von Mark Greaney (wenngleich dort mit dem britischen "grey" statt dem amerikanischen "gray" geschrieben) basierenden Actionthriller einen waschechten, überdrehten und sauteuren B-Actioner in bester Golan-Globus/Cannon- bzw. PM Entertainment-Manier - unintentionally, freilich, aber das ging vielen der Videothekenreißer dieser Façon & Zeit ebenso. Es ist ja nicht zwangsläufig alles ernst, was sich ernst wähnt.

So folgt man Ryan Gosling, der seine beeindruckende Physis hier das erste Mal die komplette Laufzeit über in einem waschechten, beinahe reinem Actioner zur Schau stellen darf (in Filmen wie Blade Runner 2049, Drive oder Gangster Squad etwa vergleichsweise eher noch Beiwerk) durch die 08/15-Geschichte vom durch eine mysteriöse Organisation rehabilitierten Mörder, so er denn einer deren Auftragskiller wird, der bei einem (Routine-) Job über Fieseleien in den eigenen Reihen stolpert, somit auf die Abschussliste gerät und sich zwangsläufig gegen seine Auftraggeber richtet. Der Guteste spielt seine Rolle, so weit, so bekannt, leicht angepisst-stoisch, mit der lässigen Urruhe eines Mannes, der nicht wirklich viel Wahl hat und das Heft dann eben mürrisch in die Hand nimmt.
Davon ab ist auch sonst wirklich alles drin im Fertigfilmmixer für einen schablonenhaften Reisser: Ein väterlicher Freund, der zwischen die Fronten gerät (der altehrwürdige Billy Bob Thornton als kleines Veredelungsjuwel), der schlagkräftige Sidekick, der immer mal wieder aus der Bredouille hilft (Ana de Armas darstellerisch eher blass, aber mit durchweg ansehlichen Hau Drauf-Qualitäten), der sadistische Ober-Henchman (Chris Evans ab und an deutlich über den Rand des Beinahe-Overactings hinaus, aber mit sichtbarem Genuss an Rolle respektive Imagewechsel), das involvierte und zu beschützende Kind (Julia Butters, ein Kinderdarsteller-Segen geradezu), inklusive absolut blassem Strippenzieher in Form von Regé-Jean Page und der als moralische Instanz fungierenden Jessica Henwick mit ähnlichem, der Rolle Farbe gebendem Potential.
Da freut man sich am Wegesrand über Gesichter wie die von einer lässigen Alfre Woodard, Callan Mulvey oder dem ebenfalls mit ordentlich Geberqualitäten ausgestattetem Dhanush.

Das hätte der feine, die ebenso kunstvolle wie wendungsreiche Geschichte erzählende Agenten-Verschwörungsthriller, nahe an der literarischen Vorlage (welche i.Ü. auch nicht wirklich Tom Clancy-Format hat, b.t.w.) und mit teils tiefschürfender Charakterzeichnung werden können, der möglicherweise irgendwann tatsächlich auch mal so angedacht war und von den Russo-Brüdern Anthony & Joe (dem geneigten Kinogänger bisher hauptsächlich durch die Inszenierung verschiedender Marvel-/Avengers-Streifen aufgefallen) in Interviews auch gerne flammend so beworben wurde.
Isses aber nicht. Das gibt die gründlich zusammengeklaubte Melange aus Nikita, Hitman, James Bond oder Man Under Fire etwa auch überhaupt nicht her. Stattdessen wurde es jenes steile Actionbrett, welches tatsächlich noch das Steigerungsprinzip kennt (inklusive inszenatorischem Höhepunkt in Prag in der Filmmitte), in den ruhigen Szenen durchaus charismatisch daherkommt und durch vernünftig gestaltetes Pacing & Timing einen angenehmen Filmrhythmus schafft, das seit dem 22. Juli diesen Jahres weltweit auf Netflix abrufbar ist. In reichlich Hand-to-Hand-Combats wird sich ordentlich-knackig beharkt (kleiner, aber feiner Höhepunkt: Dhanush Vs. Armas / Gosling im Krankenhaus), ausufernde, krachende Feuergefechte dürfen selbstredend auch nicht fehlen (wer braucht schon Ersatzmagazine? Die Knarre ist doch voll!) - und wenn selbst das nicht mehr hilft, werden eben ganze Strassenbahnen oder Flugzeuge bzw. halbe Schlösser oder Innenstädte wahlweise zer- oder in Schutt und Asche gelegt. Sollten diverse Meuchelmörderteams, welche sich auf einem Platz in der Prager Innenstadt treffen, um den an eine Bank gefesselten Gosling zu eliminieren und sich dabei zunächst einmal lautstark mit der ebenfalls eintreffenden Polizei auseinandersetzen zu müssen, noch nicht reichen, fährt noch flux ein Panzerfahrzeug um die Ecke; wenn großkalibrige Handfeuerwaffen auch nicht mehr genügen, werden wie im Finale halt abwechselnd Granat- und Raketenwerfer genutzt. Ist eben alles ein Ergebnissport.

Wollte man hier nun nach Haaren in der Suppe suchen, findet man problemlos eine ganze Perücke.
So teuer wie der Streifen war schaut er tatsächlich nicht aus. Die computergenerierten Effekte sind lange nicht so schlecht wie in diverseren Rezensionen beschrieben, sie sind aber auch deutlich mehr als eine Armlänge Abstand davon entfernt top-notch zu sein. Abgesehen von Gosling und Evans, deren Darbietungen den entsprechenden Rollen durchaus inhärent sind (und tatsächlich wirklich Spaß machen) sind die Darstellerleistungen, sagen wir mal, zweckdienlich (Thornton schüttelt sich seine Performance problemlos-locker aus dem Hemdsärmel).
Die Story passt in bester Friedrich Merz-Manier bequem auf einen Bierdeckel und ward zudem in ihren Versatzstücken überall schon besser gesehen (tut hier aber ehrlicherweise auch kaum etwas zur Sache). Und von so etwas wie "Realismus" muss man sich spätestens in den Actioneinlagen selbstredend feierlich verabschieden.

So wollten diverse Filmboard-Reviewpäpste oder YouTube-Semi Cineasten dann auch gar nichts anderes gelten lassen; zuviel Rauch soll da im Spiel gewesen sein, durch den man gar nichts mehr sieht - wohl um die schlechten Effekte zu kaschieren - , die Abfolge der Geschehnisse in den Actioneinlagen wäre nicht nachvollziehbar, Drohnen-Kameraflüge seien ähnlich sinn- und verstandlos wie in Ambulance bspw. eingesetzt worden oder die Kämpfe seien zu unübersichtlich, da zerschnitten und es sei gar keine sichtbare Trefferwirkung wahrnehmbar etwa.
Bei letzterem wurde sich im Einzelfall nicht mal entblödet, auf die dahingehend viel bessere Inszenierung der Bourne-Filme bspw. hinzuweisen - auf Kampfszenen, die durch staccatoartigen Epilepsie-Schnitt und einer (gefühlt) permanent bestenfalls 10cm vom Geschehen "entfernten" Kamera derart entstellt sind, dass man Regisseur Greengrass da schon eine eigene, inszenatorische "Kunstform" andichten musste, um das schönzureden.
Nach dem Sturz aus dem Flugzeug wird es auch in The Gray Man einmal gewaltig unübersichttlich, ansonsten aber ist das Geschehen jederzeit gut erkennbar und - wie es sich für einen hochbudgetierten Film gehört - auch meistenteils angenehm weitwinklig gefilmt. Die Nahkämpfe sind durchaus phyischer Natur, so dass es schon beim Hinschauen das eine oder andere Mal wehtut; wenn Fäuste in Genicke oder Beine/Knie in Unterleiber/Gesichter einschlagen ist das sehr wohl sicht- & hörbar. Ganz zu schweigen vom Einsatz diverser Stichwaffen wie Messer oder Scheren, welche das PG-13 - auch und gerade an dieser Stelle - gut zu dessen Grenzen ausloten (mit saftigen Squibs und dem einen oder anderen gebrochenem Genick wäre das ein "Genrehighlight" geworden; das Ganze funktioniert tatsächlich aber auch ohne übermäßige Härte).
Und im Gegensatz zu Michael Bay, welcher die entsprechende Technik wahrhaftig wie ein kleines Kind auf LSD durch seine Sets hat rauschen lassen, werden Drohnen-Kameraflüge hier stiltechnisch sicher eingesetzt; schön bleistiftsweise die entstande Kamerafahrt im Finale vom eine Brüstung des Schlosses entlanglaufenden Evans über einen im Anwesen integrierten See hinweg bis zu den an dessen anderem Ende gerade aus dem Wasser steigenden Gosling & Butters.

Nun, möglicherweise saß die argwöhnische Rezensionszunft in der Kino-Preview einfach zu nah an der Leinwand oder hat schlechterdings die Sehhilfe daheim vergessen, das soll ja vorkommen.

So man denn will kann man dem Streifen natürlich jeden nötigen Ernst absprechen - zurecht - und (s)einen zünftigen Verriss an vielen, vielen Eckpunkten genüsslich aufhängen - oder man versteht The Gray Man als das, was es, vermutlich arg unabsichtlich, geworden ist: Die titelgebende Triple B-Action mit Triple A-Budget.
Beste Norris-/ Schwarzenegger-/ Stallone-Vibes kommen unweigerlich hoch, wenn eine Truppe Henchmen schwer bewaffnet von einem kleinen Platz aus großkalibrig eine höhergelegene Wohnung zu Klump schiesst, anstatt sich vernünftig anzuschleichen und die Protagonisten Mano-a-Mano zu erledigen. Um dann natürlich auch die anrückenden, armen Hüter des Gesetzes im Kugel- und Explosionshagel aus dem Weg zu räumen. Warum der Strassenbahnfahrer nicht einfach mal vollbremst, wenn sich in der Bahn brachial beschossen oder miteinander um sein Leben gekämpft wird, derweil links und rechts auf den Strassen die Autos ineinanderkrachen oder gleich in die Luft fliegen, weiß natürlich auch kein Mensch; es gibt dem Action-Setpiece für sich gestellt aber die entsprechend notwendige Bühne, einen tieferen Sinn dahinter braucht man derweil nicht wirklich suchen. Es gibt keinen.
Und spätestens wenn das Ding dann aus den Schienen hüpft und ein halbes Gebäude abräumt, während Gosling lässig aus der Szenerie heraus auf das dem Geschehen hinterherrasende Auto von Armas springt um sich in Sicherheit zu bringen, dürfte auch dem letzten, geneigten Zuschauer klar geworden sein welche Art Film er sich hier zu Gemüte führt.
Zumal beim folgenden Abgang von Gosling, erst mit steinernem Gesichtsausdruck auf der Strasse stehend und einmal leicht genervt durchatmend, dann seelenruhig & wortlos ins Auto einsteigend, mehr - Verzeihung - arschgeile Coolness einfach nicht mehr geht. Töten sie einen von uns, bringen wir zehn von ihnen um; zerstören sie ein Gebäude, sprengen wir eine ganze Stadt. Ebenso brachiale wie herrlich sinnfreie Actioneinlagen im - jugendfreien - Commando-Style, teils knochentrockene Sprüche (wenn auch nicht jeder sitzt, dafür die anderen umso fester) wie sie ein Rambo 3 etwa geprägt hat.

Wer hier einen intelligenten Ansatz findet, darf in behalten. Alle anderen, specially Kinder der 80er-/90er-Videothekenkracherzeiten, seien bei Chips und Bier herzlich eingeladen einmal für zünftige 200 Mille genüsslich, gerade noch so familientauglich abzufeiern - denn nur dafür ist The Gray Man da - oder gut -, wenn auch ohne es zu wissen (oder wissen zu wollen...?). Spaß ohne Maß, aber mit Charme & Stil - have fun!

8/10
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Kommentare

26.07.2022 14:45 Uhr - Schwachkopf79
Großartige Review. Ich musste beim lesen breit grinsen!!! :)

26.07.2022 22:32 Uhr - Insanity667
DB-Helfer
User-Level von Insanity667 11
Erfahrungspunkte von Insanity667 1.781
Wirklich toll und informativ! Obwohl ich um solche Dinger eher einen Bogen mache, da ich mich im Horrorgenre doch geborgener fühle, könntest Du mich überzeugt haben, mal sehen! :)

26.07.2022 23:38 Uhr - Lukas
Da ich den Film nicht gesehen habe, kann ich jetzt wenig dazu sagen, inwiefern Lob und Tadel in der Review berechtigt sind. Was ich aber zum Stil bzw. der Formulierung der Review sagen kann, ist: Absolut bombastisch! :-) Liest sich wunderbar angenehm runter, grandios in Worte gepackt, dabei weder zu aufgeblasen gestelzt noch zu simpel formuliert, sondern immer exakt auf den Punkt! Es gibt hier einige Kritiken auf hohem Niveau, aber das ist die beste, die ich seit langem lesen durfte. Chapeau, kannst stolz darauf sein!

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