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Der zehnte Tag

Originaltitel: La décade prodigieuse

Herstellungsland:Frankreich (1971)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Mystery
Alternativtitel:Ten Days Wonder
La década prodigiosa
Dieci incredibili giorni
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,00 (1 Stimme) Details

Inhaltsangabe:

Der Kunststudent Charles von Horn (Anthony Perkins) wacht mit blutverschmierten Händen in einem Hotelzimmer auf, und kann sich nicht an die letzten 4 Tage erinnern. Charles ruft seinen Freund Paul (Michel Piccoli) an, einen Professor, dessen Scharfsinnigkeit er zu schätzen weiß, und bittet diesen um Hilfe. Paul eilt herbei, und Charles erzählt ihm davon, dass er öfter an Amnesie leidet, und es für möglich hält, eine tödliche Gefahr für andere Menschen zu sein. Der verstörte Mann hofft darauf, dass ihm Pauls analytisches Denken dabei hilft, Klarheit zu schaffen, und lädt seinen Freund deshalb in das Haus ein, in dem er aufgewachsen ist. Ein riesiges Anwesen, auf dem der Vater des jungen Mannes, Theo (Orson Welles), zusammen mit seiner Ehefrau Hélène (Marlene Jobert) lebt. Paul wundert sich darüber, dass diese im selben Alter wie sein Freund ist, und die familiären Verhältnisse entpuppen sich als mysteriös. Ein verwunderliches Intrigenspiel verwickelt ihn in einen gefährlichen Prozess. ()

eine kritik von cecil b:
 

Zunächst empfehle ich, nicht die Inhaltsangabe der OFDB zu lesen, die enthält nämlich einen Spoiler. 

 

Ist ein Film circa ein halbes Jahrhundert alt, kann sich nicht jeder mit dem alten Stil anfreunden. Dass die Filmwelt der heutigen Zeit auf vergangenen Wegbereitern basiert, ist aber offensichtlich, und es gibt neben den Klassikern auch Geheimtipps, die es neu zu entdecken gilt, da sie an Wirkungskraft kaum etwas eingebüßt haben. Aus meiner Sicht sind das beispielsweise DIE MASKE DES GRAUENS (Review vorhanden) und Claude Chabrol's († 2010) DER ZEHNTE TAG. Ein Drama, Psychothriller, fast Horrorfilm, seltsames Unikat, inszenatorisch beeindruckendes Juwel, das seine Story auf psychologischer Basis erzählt. Zudem ist die Schauspiel -Riege für einen Regisseur grundsätzlich ein Geschenk. DER ZEHNTE TAG ist merkwürdig und gewagt, der muss gewöhnungsbedürftig sein. David Lynch dürfte diesen Film lieben. 

                                                                                                 DIE VORLAGE

                                                                                     Ein erfolgreiches Gespann. 

Chabrol's Film, und damit das Drehbuch von Paul Gégauff (1922–1983, Nur die Sonne war Zeuge), fußen grob auf einem Roman von Ellery Queen. Den habe ich nicht gelesen, jedoch gibt es ein paar Informationen darüber. Ellery Queen ist ein Pseudonym, von einem ehemals erfolgreichen Gespanns, bestehend aus den Cousins sowie Kriminalroman -Autoren Frederic Dannay (1905–1982) und Manfred Lee (1905–1971) (The Mandarin Mystery). Das Pseudonym entstand dadurch, dass Dannay und Lee an einem Autorenwettbewerb teilnahmen, bei dem ein solches verwendet werden musste. Das Gespann begann auf diesem Wege eine Roman-Reihe rund um die Hauptfiguren namens Inspektor Richard Queen und deren Sohn Ellerly, die ihre Erlebnisse als eine Chronik formulierten. Mehrere Verfilmungen, darunter auch eine TV-Serie, folgten. DER ZEHNTE TAG bediente sich an einem der Romane, aber es wurde sogar auf die eigentlichen Hauptfiguren verzichtet.

                                                                                  EIN BESONDERER REGISSEUR

Chabrol war mit dem Ergebnis nicht wirklich zufrieden, was u. a. an einem fehlerhaften Dubbing lag, aber auch an Differenzen mit Akteuren, die teilweise ein Übermaß an Ehrgeiz gehabt haben sollen. Orson Welles drehte einige Szenen selbst, und wurde mit einer künstlichen Nase maskiert. Chabrol's Anspruch an sich selbst war aber vielleicht auch etwas übertrieben, schließlich heißt es, er habe mit DER ZEHNTE TAG den ersten theologischen Thriller gedreht, was seinen üblicherweise kritischen Standpunkt vertrat. Zusammen mit bedeutenden Regisseuren wie Jean-Luc Godard (Review: Elf Uhr Nachts) gehörte Chabrol zur rebellischen Nouvelle Vague, und seine Filme waren oft ein Verismus mit Blick auf wohlhabende Bürger Frankreichs. 25 Auszeichnungen, für zum Beispiel DER SCHLACHTER und EINE FRAUENSACHE, waren die Folge. Die oft doppelbödige, ironische Erzählkunst des Regisseurs, Drehbuchautors, Produzenten und Akteurs, wurde stark von Alfred Hitchcock inspiriert. Und dafür bin ich dankbar. DER ZEHNTE TAG ist ein Grund dafür. Für diesen Film fanden sich Spezialisten zusammen. Chabrol's erste Wahl unter den Komponisten, Pierre Jansen (1930–2015), war wieder am Werk beteiligt. Jansens Musik, zahlreiche Instrumente der Klassik aber auch Jazz auf höchstem Niveau, treibt die Dramatik in die Höhe, und trifft die Zwischentöne. Kameramann Jean Rabier (1927–2016, Sie küssten und sie schlugen ihn) und Cutter Jacques Gaillard (Auf Liebe und Tod) konnten den hohen Ansprüchen gerecht werden. Und das will was heißen. Einige der komischen Kostüme sind das Werk von Karl Lagerfeld (1933–2019) ! 

                                                                   ZEHN TAGE DER ERDRÜCKENDEN UNGEWISSHEIT  

Am fünften Tag macht Charles die Augen auf. Die vorerst unerklärliche Suggestionskraft seiner Benommenheit zeigt ihm verschwommen Dinge, die sich niemals in seiner Nähe befinden könnten, als ob er mit offenen Augen träumen würde. Er steht auf, und inspiziert taumelnd die Umgebung. Die Kamera dreht sich um 45 bis 90 Grad, das Bild wird unscharf, die Bewegungen übersetzen das Gefühl des Taumelns. Vor dem Spiegel hofft der Student eine Erkenntnis zu finden, Menschen um ihn herum irritieren ihn, spiegelnde Oberflächen lauern an ein paar Stellen, ein Klarblick bleibt aus. Überreizt und erschüttert greift der junge Mann zum Telefonhörer, und beansprucht flehend Paul, eine Vaterfigur. Die darauffolgende Taxifahrt der beiden Männer ist eine der mannigfaltigen Details, die genauer beobachtet die schier allumfassende Dramaturgie bereichern. Ein mulmiges Gefühl kommt auf, ausgehend von einer befremdlichen Nähe, und der Gewissheit, dass das eine Fahrt ins Ungewisse ist. Das ist Paul anzusehen, Piccolis stärksten Momente, ein Anreiz zur Identifikation. Jede Begegnung, die zu einer Autofahrt übergeht, wird diesen spannenden Beigeschmack haben. Zum Beispiel diese, wenn Paul die Stiefmutter von Charles auf einem Bahnsteig kennenlernt, und diese ihn abholt. Sie wirkt plastisch, gleicht einer Puppe. Jedes einzelne Haar sitzt zu perfekt, die Kostüme, das Lächeln, das ist nach außen hin schön, wie diese Frau, und Zerrissenheit geht mit einher, ein undefiniertes, unterschwelliges Unbehagen. Normale Dinge und Gesten erscheinen absonderlich, auch aufgrund der unterschiedlichen Perspektiven. Hélène zeigt sich korrekt, und gleichzeitig nahezu offensiv irritierend. Orson Welles drehte mit der Hilfe eines Krans eine aus dem Rahmen fallende Szene dieses Zusammentreffens, die Dario Argento zu seiner legendären Kamerafahrt in TENEBRE inspiriert haben könnte. Das Aufnahmegerät fliegt wie zuvor schon so oft eindrucksvoll wie ein Vogel durch die Luft, nähert sich eigenmächtig anmutend dem Dachsims vom Bahnhof, (oder haben Chabrol und Welles bei Argento geschnuppert?), traut sich das bewusst unscharfe Bild, und leitet dann die nächste Fahrt ein. Ein vergegenwärtigtes Da­mo­k­les­schwert. Am Ziel angekommen, dem Heim von Theo, erweitert sich die Bizarrheit, und schnürt die Kehle langsam, ganz langsam, weiter zu. 

                                                      "MEINE WELT IST REALISTISCHER."     "ABER DAS IST REAL."

Im Elsass wartet ein übergroßes Gebäude auf die Figuren, die folgenden Tage stellen eine bedrohliche Entwicklung dar. Meisterhaft durchdacht ist die Inneneinrichtung auf den ersten Blick apart, ein überwiegend gut beleuchtetes,  helles Mobiliar, riesig und geordnet, resümierend jedoch erschlagend überproportional, unübersichtlich, überbordend. Lachend sagt Charles, dass es einen Geheimgang gäbe, das Bauwerk sei so groß, man könne nicht immer wissen, wo die Bediensteten sich aufhalten. Und, es ist klar, dass das alles der Wahrheit entsprechen kann. Genial, der Blickwinkel, der die Illusion erweckt, sich versteckt hinter Einrichtungsgegenständen aufzuhalten, und Gespräche zu belauschen. Welche Figur da möglicherweise spioniert, liegt dann im Auge des Betrachters. Kaum zu glauben, solche Szenen, in denen beispielsweise Theo und Hélène mitten in der Nacht unergründlich im gigantischen Garten nebeneinander stehen, in Schwarz und Rot gekleidet, und anhand von Worten sowie ihrer Körperhaltungen die zwiespältige, zermürbende Zusammengehörigkeit demonstrieren. Kurios, der Butler (?), der sich gelegentlich dazusetzt, die Zeitung liest, und überheblich Verhältnisse und Abläufe kommentiert. Über allem schwebt Theo. Und Chabrol hatte recht, nur Orson Welles († 1985) hat diese Figur spielen können. Man muss den Film gesehen haben, um genau zu wissen, warum das so ist. Der Schauspieler und Autor, dessen Name auf der Liste der bedeutendsten Regisseure aller Zeiten ganz oben steht, auch daher, weil sein erster Kinofilm, CITIZEN KANE (1 Oscar, 2 Nominierungen für diesen), zu den wichtigsten Filmen überhaupt zählt, ist als kräftiger, bärtiger Mann mit mächtiger Ausstrahlung unvergleichlich. 

Sitzen Theo, Hélène, Charles und Paul zusammen, ist die Kommunikation etwas verdeckt von der Etikette, begleitet von affektierter Freundlichkeit und Ehrerbietung, umgeben von Skepsis, Angst, Unsicherheit und meist unausgesprochener Verzweiflung. Ihre Philosophien sind hingegen wahrhaftig. "Die Unvollkommenheit war das Leben." "Jeder Mensch hat seinen Preis." Mit der halbnahe Einstellung behält man nur oberflächlich den Überblick. Theos Übermacht ist allgegenwärtig. Skurril, dass Charles eine Plastik geformt hat, die Zeus darstellen soll, und ein Ebenbild seines Vaters ist. Zur Analyse bieten sich zahlreiche theoretische Komplexe an. Erliegt Hélène einem Vaterkomplex? Sie widmet ihr Leben ihrem Gatten. Paul durchforstet die Untiefen der Familie, und stößt dabei auch auf eine alte, wahnsinnige Frau (Tsilla Chelton (1919–2012), Tante Danielle), die an eine Hexe erinnert. Mehrere Figuren bleiben bis zum bitteren Ende undurchsichtig, und entlarven sich als Menschen, deren Identität gestört ist.

Perkins († 1992, Psycho) gibt gekonnt einen infantilen, unbeholfenen Mann, verstärkt durch eine teilweise kauzige Kleidung, zerbrechlich und geladen, dem man alles zutraut. Jobert (Der aus dem Regen kam) spielte ihre Rolle gleichermaßen unnahbar wie Hilfe suchend, das kann weiß Gott nicht jeder. Piccolis Figur († 2020, Die Verachtung, Regie: Das Leben ist eine Orgie) ist zurückhaltend, was nicht heißt, dass er es nicht schafft, den einzigen verständlichen Anhaltspunkt zu vermitteln. Jeder der vier entscheidenden Figuren bekommt Großaufnahmen, die das emotionale Fazit vieler Beweggründe vereinen, und damit immer einen Höhepunkt der Dramaturgie ausmachen. Das diktatorische Verhalten von Theo wird mehrmals deutlich mit dem Prinzip, Gott zu spielen, verglichen. Hélène und Charles haben eine unübliche, leidvolle Kindheit im goldenen Käfig verlebt. Charles wurde der Glaube an das Gute beigebracht, die Zehn Gebote, in der Realität hat er anderes erlebt, innerhalb von zehn Tagen bricht die Imagination blutig zusammen. DER ZEHNTE TAG präsentiert viele narrative und inszenatorische Überraschungen. 

Wendungen, Veränderungen einer Situation, hat Chabrol auch inszenatorisch verdeutlicht, schnelle saubere Schnitte zeigen auf einmal völlig andere Szenenbilder aus unterschiedlichsten Positionen heraus. Paul gerät unausweichlich in ein Dilemma nach dem anderen, und begegnet damit auch sich selbst. Da die Lage nur aus seiner Sicht verstanden werden kann, ist die Überraschung groß, wenn unerklärliche Verläufe alles erschweren, und das, was nicht zu sehen oder verstehen ist, im Hintergrund geschieht, während Paul im Vordergrund des Bildes verblasst.

Der vorherige Sarkasmus steigert sich im tragische Finale und am Ende überzeugend. Das zweite Ende (!), im eiskalten Blaugrau getaucht, verblüfft mit einer bissigen Ironie. 

Claude Chabrol's DER ZEHNTE TAG, erfüllt wenige klassische, gewöhnliche Erwartungen. Möchte man rätseln, und inszenatorische, narrative sowie schauspielerische Besonderheiten erleben, die extraordinär wie David Lynchs Filme sind, sich jedoch erklären, empfehle ich diesen Film. 

9/10
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Kommentare

29.07.2022 06:12 Uhr - Insanity667
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DB-Helfer
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Eine herausragende Rezension zu einem scheinbar ebenso herausragenden Werk. Da ich mich momentan so ein bisschen durch die Filmografie von Orson Welles schaue, abseits der Klassiker wie "Der Dritte Mann" oder "Im Zeichen des Bösen", ist es ein schöner Zufall, dass dieser Film sogar schon auf meiner Liste steht.

Sehr gut, dass Du mir dazu jetzt so einen Eindruck vermittelt hast, ich meine Hitchcock trifft Argento trifft Lynch trifft Welles... Hallo? Klingt echt nach einem Muss für mich! Merci! :))))

29.07.2022 10:46 Uhr - cecil b
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Coool! So ein Film kann schnell mal ein wenig untergehen, was mich nicht davon abhält, den zu besprechen. ;)

Der kann locker mit Psycho-Spielchen wie Ich seh, ich seh, oder einem Hitchcock - bzw. Argento, oder Polanski-Klassiker mithalten!


Vielen Dank, Insane! :)

Der Anfang und das direkte Ende haben mich umgehauen! Wie heftig das ist! Fast zynisch.

Und diese Inszenierung!

29.07.2022 14:52 Uhr - Stoi
Klingt interessant. Tatsächlich noch ein weisser Fleck auf meiner Filmsichtungs-Historie.
Sollte ich mal schliessen.

29.07.2022 20:49 Uhr - cecil b
Moderator
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Denk dran, dass der speziell ist. Aber gerade deswegen kannst du den ja vielleicht mögen.

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