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A God Without a Universe

Originaltitel: Gudsforladt

Herstellungsland:Dänemark (2015)
Genre:Horror, Drama, Thriller
Alternativtitel:A.G.W.A.U.
A God Without a Universe
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,50 (2 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Anders und seine Schwester Mia hatten eine schwierige Kindheit. Mia wurde ständig sexuell von ihrem Vater missbraucht, während ihre depressive Mutter nur zusah. Nach einer langen Gefängnisstrafe wegen Vatermordes kommt Anders wieder auf freien Fuß und wird mit seiner Schwester vereinigt. Mia träumt von einem neuen Anfang, jedoch werden beide bald durch ihre dunkle Vergangenheit eingeholt und müssen den gefährlichen Dämonen ihrer Vergangenheit erneut widerstehen. (Cover/Deckblatt)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von jichi:

A God without a Universe

A God without a Universe“ aus dem Jahre 2015 stellt den wohl erfolgreichsten Film des dänischen Regisseurs Kasper Juhls da, denn der Film gewann den „Best Feature Award“ beim BUT – Festival und den „Jury Award“ beim Sadique Master Film Festival, zwei Festivals, die dem geneigten Fan etwas abseitiger Filme durchaus ein Begriff sein werden. Kasper Juhl, vom „European Film College“ kommend, steht schon seit „Madness of Many“ und „Monstrosity“ für kontroverse Kost und auch nach „A God without a Universe“ folgten noch mehrere Einträge in seine Filmografie, so zum Beispiel „Your Flesh, Your Curse“. Im Original Gudsforladt“ heißend, was so viel wie „Gott verlassen“ bedeutet, entführt A God without a Universe“ den Zuschauer in eine triste und depressive Welt ohne Hoffnung.

Die Geschichte in „A God without a Universe“ dreht sich um die Geschwister Mia (Anne Sofie Adelsparre) und Anders (Johannes Nymark), welche beide eine sehr schwere Kindheit hatten. Ihr gewalttätiger Vater missbrauchte Mia regelmäßig sexuell, während ihre Mutter aufgrund ihrer schweren Depressionen nur zusah. Anders tötet schließlich den Vater mit einem Baseballschläger und muss für 10 Jahre ins Gefängnis. Als er nach den 10 Jahren entlassen wird, ist Mia sehr glücklich und hofft, ein neues Leben anfangen zu können. Doch die Dämonen der Vergangenheit überschatten auch die Gegenwart…

Diese Handlung macht schon sehr schnell klar, dass man hier keine leichte Kost serviert bekommt. Waren „Madness of Many“ und „Monstrosity“ noch sehr zeigefreudig in den Gewaltszenen, lässt Juhl es bei „A God without a Universe“ deutlich ruhiger angehen. Zwar ist immer noch für eine gehörige Portion Unwohlsein gesorgt, doch dies geschieht in erster Linie durch die emotionale Härte des Filmes. Juhl behandelt mehrere schwierige Themen wie Depressionen, sexuellen Missbrauch und Selbstverletzung und baut sie gekonnt in die Handlung ein. Die Atmosphäre verdichtet sich zunehmend und ist nihilistisch und kalt, das Unwohlsein des Zuschauers steigt parallel zu der Panik der Hauptfiguren.

Wahnsinnig stark ist hierbei das Schauspiel von Anne Sofie Adelsparre und Johannes Nymark, die die beiden Hauptfiguren grandios verkörpern. Sie bringen all die negativen Emotionen so gekonnt rüber, man fühlt richtig mit ihnen mit und das Leid der beiden wird fast auf den Zuschauer übertragen. Der Film hat auch einen relativ ruhigen und vergleichsweise langen Aufbau, in welchem Mia und Anders dem Zuschauer vorgestellt werden und man viel über ihre Vergangenheit und die Hintergründe ihrer Gefühle erfährt. Die Beiden sind nie Schablonenfiguren, bei denen dem Zuschauer ihr Leiden völlig egal ist. Man hat das Gefühl die Beiden zu kennen, und das verstärkt die fiese Wirkung von „A God without a Universe“ deutlich. Die Chemie der beiden Schauspieler ist unglaublich gut, und sie verleihen ihren Charakteren eine enorm starke emotionale Bindung. Anders und Mia sind durch die gemeinsam erlebten Traumata ihrer Kindheit fast miteinander verschmolzen, sie sind immer zwei Stücke eines Ganzen.

Kasper Juhl`s Film kann auch handwerklich ziemlich glänzen, trotz des vergleichsweise geringen Budgets von etwa 8000 Euro. Amateurhafte Kameraarbeit oder unpassende Locations sucht man vergebens, man merkt dem Regisseur seinen Abschluss an der Filmuniversität hier wieder deutlich an. „A God without a Universe“ sieht verdammt gut aus. Die meist sehr ruhige und sterile Kameraarbeit wirkt oftmals bewusst etwas verlangsamt, so als wolle man aufzeigen, dass es keinen Ausweg aus der Situation gibt.

Auch wenn „A God without a Universe“ wie schon erwähnt kein Film mit viel Blut ist, an kontroversen Szenen mangelt es nicht. Sex zwischen Geschwistern, mehrere sehr unangenehm anzusehende Vergewaltigungen und Erniedrigungen und die einzig explizite Gewaltszene im Film sorgen für ziemliches Unwohlsein, welches aufgrund der depressiven Stimmung an sich auch länger anhält.

Ein paar Probleme hat der Film jedoch, ihm geht mit Fortschreiten der Laufzeit irgendwann ein bisschen die Luft aus und mir persönlich war das Ende zu unbefriedigend. Juhl setzt bis dahin auf gnadenlosen Realismus, doch das Ende hat eine übernatürliche Note, welche meiner Meinung nach nicht so recht zum Rest des Filmes passt. Mich riss es ein bisschen aus der Stimmung, hier wäre mir ein gnadenloseres und konsequenteres Ende lieber gewesen.

Interessant finde ich auch den originalen Titel und den englischen Titel, welche verschieden interpretiert werden können. Der originale Titel, Gudsforladt“, „Gott verlassen“ bezieht sich wohl auf die Figur von Mia, denn sie kann trotz einer vertrauten Umgebung, also sozusagen ihrem Universum, nicht von der Vergangenheit loslassen. „A God without a Universe“ hingegen würde ich auf Anders beziehen, denn er ist im Film derjenige, der den größten Einfluss auf die Ereignisse hat und über eine gewisse Macht verfügt, die Dinge zu ändern. Er hat jedoch keine vertraute Umgebung, in der er seinen Einfluss einsetzten könnte, um etwas Positives zu bewirken. Jede seiner Taten (welche er teils aus guter Absicht begeht) führen unweigerlich zu noch mehr Leid. Er ist der „God without a Universe“.

Juhl greift in seinem Film auch immer wieder das Thema Glück und Bewältigung von Traumata auf, und hier hat er eine sehr triste Sichtweise. Glück existiert in „A God without a Universe“ nicht, außer im Rausch der Drogen, welche jedoch wieder unangenehme Nachwirkungen haben. Den inneren Dämonen kann keiner der Charaktere entkommen. Alles ist zum Scheitern verdammt, sogar das zuerst perfekt scheinende Verhältnis zwischen den beiden Geschwistern Mia und Anders. Nihilismus pur, ein Markenzeichen in Kasper Juhls Filmen.

Insgesamt erweist sich „A God without a Universe“ zwar in seiner linearen Erzählstruktur als zugänglicher als so manch anderes Werk von Kasper Juhl, ein Film für die breite Masse ist er jedoch definitiv auch nicht. Mir hat das kontroverse Drama mir einigen heftigen Szenen ziemlich gut gefallen, besonders die Schauspieler sind der absolute Hammer. Auch die handwerkliche Arbeit sitzt wie immer bei Juhl und die bedrückende Atmosphäre tut ihr Übriges. Gorehounds werden ziemlich sicher enttäuscht werden, aber Kasper Juhl zeigt hier eindrücklich, dass er eben nicht nur Gewaltorgie kann. Einzig die letzten 20 Minuten ziehen sich zu lange und ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Als experimentelles, kontroverses und vor allem nihilistisches Underground – Drama kann ich „A God without a Universe“ jedoch empfehlen, und wenn man sich an die ruhige Erzählweise des Filmes gewöhnen kann, wird man nicht enttäuscht werden.

"Wir haben alle unsere Dämonen. Man muss sie nur akzeptieren."

7.5/10

8/10
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Kommentare

11.09.2022 13:14 Uhr - McGuinness
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Klingt nach einem sehr unangenehmen, aber keineswegs uninteressanten Film, zumal ich ehrlich gesagt noch gar kein Werk von Regisseur Juhls kenne, doch mit deiner tollen und stimmigen Review hast du mich jetzt neugierig auf das gemacht, was mich beim betrachten dieses Titels erwarten würde.

Es muss nicht immer zwingend Gewalt im Überfluss sein, sondern es bedarf gerne auch mal ruhigerer Töne, deren Klang dennoch intensiv genug ist, um beim Zuschauer für schmerzliche Erfahrungen zu sorgen, auch wenn sich diese dann eher auf psychischer Ebene abspielen.
Eine gelungene Kameraarbeit ohne Schnittgewitter und dazu noch eine ergreifende Darbietung der Hauptprotagonisten, gewichte ich schon mal als großen Pluspunkt 👍🏻

Ich behalte diesen Titel im Hinterkopf und nutze diesen ggf. als Einstieg für Juhls Werke.
Sollte ich also mal über diesen Film stolpern, erinnere ich mich sicherlich an deine sehr gute Review zu diesem 😉

12.09.2022 10:47 Uhr - Jichi
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Danke für das Lob und die Rückmeldung, McGuiness !
Als Einstieg in die Werke von Juhl ist der Film definitiv gut geeignet, besonders "Madness of Many" und "Monstrosity" sind schon sehr spezielle Werke und "AGWAU" ist dann doch eher zugänglich. Juhl ist generell ziemlich gut die goldene Mitte an verstörenden Szenen zu finden. Man bekommt die Portion Unwohlsein, die man erwartet, aber es sind keine Filme, die ein vollendetes Trümmerfeld beim Zuschauer hinterlassen. Film gibt es übrigens bei Blacklava, genauso wie die anderen Werke von Juhl, falls du tiefer einsteigen willst ;-)

12.09.2022 11:21 Uhr - McGuinness
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Danke für den Tipp 👍🏻 dann werde ich mich dort mal bei Gelegenheit umsehen 😉

12.09.2022 15:13 Uhr - Jichi
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Gerne doch, das Stöbern bei Blacklava lohnt sich immer ;-)

13.09.2022 14:01 Uhr - Dr. Kinski
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Ein durchaus sehenswerter Film. Ich muss dir zustimmen, das Ende war wirklich blöd, da hätte man sich auch was besseres einfallen lassen können.
Ansonsten aber ein deprimierend schönes Werk. In einem gewissen Rahmen ist auf Juhl einfach Verlass und auf dich ja sowieso. Mal wieder eine super Vorstellung :)

13.09.2022 17:46 Uhr - Jichi
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Vielen Dank dir, Dr. Kinski !
Habe mal eine literarische Abwechslung von "A Baroque House" gebraucht und vor allem einen Film mit einer Handlung ;-)
Das Ende ist schon echt seltsam. Ich weiß nicht mal genau was sie da geboren hat oder ob das eine Geburt sein sollte. Hat auf jeden Fall nicht zum Rest des Filmes gepasst und mich aus der ansonsten starken Atmosphäre gerissen. Gut zu wissen dass es nicht nur mir so ging.

13.09.2022 21:20 Uhr - Dr. Kinski
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Na dieser SamHel Kram wird ja auch schnell eintönig, da ist Juhl schon anspruchsvoller und kreativer :)
Dennoch weiß kein Mensch, was die End-Szene genau darstellen sollte. Würde mal auf eine Art Inzest-Fehlgeburt oder sowas tippen :D

13.09.2022 21:54 Uhr - Jichi
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Ja, an der Diversität seiner Filme sollte SamHel noch arbeiten.
Zwecks Geburt: Aber innerhalb von drei Tagen oder so...macht zwar per se schon Sinn, haut vom zeitlichen Rahmen aber nicht hin. Ist ja auch egal, war Käse :-D

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