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Vortex

Herstellungsland:Frankreich, Belgien, Monaco (2021)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Drama
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,33 (3 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

"Das Leben ist ein Traum, nicht wahr? Ja. Ein Traum im Traum." Ein älteres Paar stößt auf der Terrasse seiner Wohnung aufeinander an. Sie scheinen glücklich und gesund zu sein. Doch ihre ruhigen Herbstjahre werden langsam von einer heimtückischen Krankheit zerrissen, durch die sich Françoise zunächst in den Straßen von Paris und bald auch in ihrem eigenen Kopf verliert. Ihr Mann, ein ehemaliger Filmkritiker, würde sich gerne um sie kümmern, aber seine Energie ist nicht mehr das, was sie einmal war... (Rapid Eye Movies)

eine kritik von cecil b:

 

Berührungspunkte mit Gaspar Noé, dem Regisseur von VORTEX. 

Unvergesslich. IRREVERSIBEL thematisiert sexuelle Gewalt mithilfe einer außergewöhnlichen Perspektive. Ich kann nicht vergessen, dass mir eine Frau, die diese Form der Gewalt am eigenen Leib erfahren musste, mir sagte, sie habe die Vergewaltigungsszene dieses Films vorspulen müssen. Dennoch habe sie sich verstanden gefühlt, und das sei ein gutes Gefühl gewesen. Eine Szene in ENTER THE VOID, der eine Zwischenwelt von Leben und Tod zeigt, berührte mich unvergleichlich, ich zitiere im Bezug darauf gerne ein weiteres Mal den Schriftsteller Michael Ende ( Eine unendliche Geschichte): "Schmerz muss man fühlen, um ihn heilen zu können.“ Als ich mit JÖRG BUTTGEREIT ein telefonisches Interview führte, kam auch der Name des besagten Franzosen über unsere Lippen, und der Interviewte sagte, dass dieser einer der wenigen mutigen Künstler sei, die das heutige Kino bietet. Am 22.06.2022 versuchte ich, mich vor einem weiteren bedeutenden alternativen Regisseur namens Dario Argento angemessen zu verbeugen, indem ich seinen ersten Spielfilm DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE besprach. Und somit erfuhr ich, dass der Italiener in VORTEX mitspielte. Die künstlerische Verbundenheit ist eine logische Schlussfolgerung. Argento, der den Horror neu erfand, in Dokumentationen davon erzählte, was ihn als Kind besonders ängstigte, die intime Nähe von Sex und Mord ausgesprochen hat, und von dem Moment fasziniert sei, in dem ein Mensch darüber nachdenkt, sich das Leben zu nehmen. Er spielte selbst schon mit diesem Gedanken, sagte er 2019 in einem Interview. Dabei sei dieser Künstler doch lebensfroh, so in etwa beschrieb Noé den einstigen Avantgardisten. Und ein Traum erfüllte sich, eines seiner Vorbilder war so von den Filmen des Franzosen angetan, dass es damit einverstanden war, in einem davon mitzuspielen. Beide Regisseure inszenierten den Tod und Grenzerfahrungen wiederholt, teilweise abstrakt. Noé hat aufgrund einer Hirnblutung eine Nahtoderfahrung gemacht, das habe seine Sicht auf das Leben verändert. Sein ENTER THE VOID erscheint in einem neuen Licht, durch diesen Gedanken, auch, wenn er diesen Film vor der angeführten Erfahrung gedreht hat. Menschen, die dem Regisseur und Drehbuchautor nahestanden, verstarben an Corona, das hinterließ auch eine Spur. Wen wundert es, dass er ein Musikvideo für Nick Cave & The Bad Seeds gedreht hat? Cave hat ähnliche Schicksalsschläge mit seiner Kunst verarbeitet, ich empfehle die Doku 20.000 Days on Earth https://www.schnittberichte.com/svds.php?Page=Titel&ID=33674.

In VORTEX ist Françoise an Demenz erkrankt. Noés Mutter litt auch daran, ihr Sohn begleitete sie bis zu ihrem Tod. Ich betreue vorwiegend Menschen, die daran erkrankt sind, seit vielen Jahren beruflich. Deswegen glaube ich, mir ein wenig die Behauptung herausnehmen zu können, dass VORTEX einen hohen Wahrheitsgehalt, auch Wahrhaftigkeit, innehat. 

Einige vertraute Kunstschaffende, darunter Kameramann Benoît Debie und der Cutter Denis Bedlow, erschufen zusammen mit diesem Meister am Rand des Bewusstseins sowie herausragenden Schauspielern, VORTEX. Wie üblich, stammt das Drehbuch auch vom Regisseur. Das Ergebnis fordert abermals heraus. Wie sagte es einst Roger Willemsen (R.I.P. †  2016) so schön, Kunst sollte in der Regel überfordern. 

Dario Argento spielt sich gewissermaßen selbst, statt Regisseur ist er Autor. Sein gesundheitlicher Zustand, die Folgen eines Herzinfarkts, der französische Heimatort, die Ehefrau (Françoise Lebrun: Schmetterling und Taucherglocke), der Sohn Stéphane (Alex Lutz: Guy) und dessen Nachwuchs Kiki (Kylian Dheret), sind erfunden. Die Namen des Paares bleiben unerwähnt, letzten Endes ist erkennbar, dass es die der Akteure sind.  

Dunkelheit bricht auf, denn Fenster werden geöffnet, darauffolgend die Lippen von Dario und seiner Gattin, weil beide lächeln, und die Sonne hereinlassen. Auf dem Balkon ist es schön, idyllisch, die breit schwarz umrahmte Halbnahe deutet bereits auf eine veränderte Sichtweise hin. Als Nachhall tritt Francoise Hardys herrlich gesungenes Mon Amie La Rose’ zusammen mit ihrer Schönheit aus jungen Jahren hervor, wie eine Vorahnung singt sie über die Vergänglichkeit, und brachte Noé damit zum Weinen. Das Ehebett ist ein Inbegriff von Zusammengehörigkeit, ein schmaler schwarzer Balken trennt das Bild dort in der Mitte, das Paar lebt von nun an nebeneinander, das Miteinander ist erschwert. Zwei Bilder zeigen fast durchgehend in der halbnahen Einstellung nebeneinander, wie Mann und Frau den Tag verbringen, einzeln oder zusammen. Natürlich sieht jeder die Dinge mit seinen eigenen Augen, aber die Gemeinsamkeiten der Figuren geraten in Vergessenheit, sie unterliegen der Demenz. Lange Einstellungen komplettieren den stetigen Verlauf, mit einem Schnitt dunkelt in wenigen Momenten die Blende das Sichtbare ab, wie ein Blinzeln, musikalische Passagen sind nur spät dumpf hörbar. Seelische Blessuren der Corona-Pandemie wirkten bei Noé nach, durch VORTEX erspürt man etwas davon, auch anders, die zentralen Figuren haben einen stark eingeschränkten Kontakt zur Außenwelt, eine typische Last des Alters.

Auch im hohen Alter braucht die Geisteskraft von Dario Input sowie Output, der Denker sinniert über Träume und Filme, und schreibt an einem Buch darüber, das den Titel PSYCHE haben soll. Inwiefern beeinflusst die Realität den Traum, und umgekehrt? Ein Leitfaden. Der Protagonist zitiert diesbezüglich Poe, zu einem späteren Zeitpunkt wird klar, dass es in VORTEX auch um Fantasie geht, Emotionalismus sowie die Ratio, die sich überschneiden, und oft entscheidend bestimmen können, was überhaupt real ist. Schaut man den Figuren des Films zu, entscheidet auch jeder für sich selbst, welche Gefühle dadurch ausgelöst werden, die Magie der Filmwelt. Das Kino lege uns Träume offen, die Filme sind, der Träumer sei wach, sagt der Autor. Diesmal verzichtet der Surrealist aus Frankreich aber auf ein expressives Zerrbild, die Evidenz erreicht nicht weniger, zeigt sie doch die Unausweichlichkeit ungefiltert, schont nicht mit Verzerrungen. Der Schriftsteller trifft sich nur vereinzelt mit Freunden und Bekannten, für die meisten Gespräche müssen Telefone herhalten, die Gesprächspartner sind dann nicht zu hören, die Zentrierung bleibt bei der Figur. Die spricht lächelnd über Sigmund Freuds Psychoanalyse, und diverse Künstler, philosophiert eine Ausflucht, vermutlich auch, um die beklemmende Lage kurz zu vergessen. Ob im Radio, im Fernsehen, oder in der Zeitung, wenn nicht gerade ein Film läuft, der dazu passt, dass die Hauptfigur ein Poster von Fritz Langs METROPOLIS an der Wand hat, wirken Wissenschaftler und Kommentatoren auf die Figuren ein. Anhand Themen wie den Umgang von Menschen mit dem Tod, über die Intelligenz der Menschheit, und das unveränderbare Trauma. Françoise durchlebt eines, zusammen mit ihrer Familie. 

Die weibliche Figur geistert umher, auch tagsüber ist sie praktisch nur desorientiert unterwegs. Wenn Françoise sich außerhalb der gemeinsamen Wohnung verläuft, kann es gefährlich werden. Es gibt ohnehin ausschließlich Gründe dafür, sich um sie zu sorgen. Verzweiflung steht ihr meistens im Gesicht geschrieben. Undenkbar, aufzuwachen, und nicht wirklich zu wissen, wo man ist. Ein zeitweise 'unbekannter' Mann (Dario), der im Zimmer auf Fotos mit einer 'dunkel bekannten' Frau (Françoise) abgebildet ist, schimpft Hände ringend mit ihr, wieso macht der das? Geht sie durch einen Raum, sind da Dinge, irgendwas kann man damit machen, manchmal geht das, Françoise versucht das. Dann sprechen zwei Männer über sie, dabei sagen die immer wieder, sie sein der Ehemann und der Sohn. Mit leisen Worten sagt Françoise, dass die doch nicht einfach über sie reden und währenddessen im Grunde ignorieren können. Fließen ihr Tränen über die Wangen, sind diese Männer sanft. Das soll alles sein? Entfernte Erinnerungen lassen selten mal durchblicken, dass es da eine tiefe Zuneigung zu diesen Menschen gibt. Aber alles verblasst, alles wird immer schlimmer. 

Sitzen die Drei zusammen, und zwei davon debattieren darüber, wie am besten vorgegangen wird, ist das begreifbar bedrückend. Selbstbestimmung, und die Tatsache, dass auch die Gemeinschaft über Leben und Tod bestimmt, kommen zur Sprache, dazu die wichtigsten Entscheidungen von Menschen, letztlich das Schicksal. Ist es nicht zudem die Ironie des Schicksals, dass Françoise früher als Psychiaterin tätig war, ihr Wissen sie nicht retten konnte, und der ehemalige Junkie Stéphane in einem Drogenkonsumraum arbeitet? Die gebrochene Ehefrau und Mutter weint, Streitgespräche vergiften die Atmosphäre, der kleine Kiki spielt die Anspannung lautstark, polternd, für manche gefühlt nervenzerreißend, nach. Dem Kind sollte man nur bedingt etwas vorwerfen, dessen Oma auch. Schuld ist relativ, das gilt für alle Beteiligten, aber dieses Gefühl ist nicht wegzudenken. Ihre Suche nach einer Lösung ist eine Qual.

Nachdem Noé ein äußerst kreativ inszeniertes Ende mittels Split Screen präsentiert hat, lässt er uns wirkungsvoll und aussagekräftig so alleine wie die Figuren, mit ihrem realistischen Leiden. 

 

9/10
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Kommentare

22.11.2022 21:57 Uhr - Intofilms
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Ich rechne hier auch mit einer 9/10. Wenn ich den Film gesehen habe, werde ich die Review selbstverständlich lesen. Freue mich auf beides! 😁

22.11.2022 22:29 Uhr - cecil b
1x
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Ich freue mich auf ein Feedback. :)

Dass ein Film dieses Regisseurs nicht einfach ist, dürfte klar sein.

Argento hat mich umgehauen. Noé natürlich auch. Ihre Persönlichkeiten hatten einen großen Einfluss. Daher auch die ausführliche Einleitung, die das Gesamtkunstwerk Noé anspricht.

Ich verrate zwar nicht viel, dennoch solltest du dir wirklich alle Überraschungen aufbewahren, die natürlich kontinuierlich zu sehen sind.

22.11.2022 22:48 Uhr - TheRealAsh
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Hervorragend, mein Lieber, sehe ich alles auch so und verneige mich vor deiner formidablen Vorstellung:-D

22.11.2022 23:01 Uhr - cecil b
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https://www.youtube.com/watch?v=ZhZYAL_7nMg

Das bedeutet mir viel!

Argento und Noé, das ist Magie.

Deine Bücher gehen auch immer einen Schritt zum Rand des Bewusstseins. Manchmal weiß man nicht, was real passiert, oder im Kopf der Figur, wer Täter und Opfer ist. Hut ab!

22.11.2022 23:32 Uhr - Phyliinx
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Ich trau mich nicht an den ran weil ich sorge habe dass die zwei Bildschirm Technik auf dauer anstrengend für die Augen wird

23.11.2022 10:14 Uhr - cecil b
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Probier es doch mal aus. :) Es sollte ne Herausforderung sein. ;)

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