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Blood Simple - Eine mörderische Nacht

Originaltitel: Blood Simple

Herstellungsland:USA (1984)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Drama, Thriller
Alternativtitel:Blood Simple - Blut für Blut
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,63 (26 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Weil seine Frau Abby lieber mit seinem Angestellten Ray ins Bett geht, heuert Barbesitzer Marty den zwielichtigen Privatschnüffler Visser an, um die untreue Gattin samt Liebhaber ermorden zu lassen. Visser kassiert zwar das Geld, bringt dann jedoch statt den beiden seinen Auftraggeber um die Ecke. Alle Spuren führen nun zu Abby und Ray... (Kinowelt)

eine kritik von lamb:

"Die Welt ist voll von Menschen, die sich über irgendwas beklagen. Aber man kriegt nun mal für nichts 'ne Garantie. Egal ob man nun der Papst in Rom ist, der Präsident der vereinigten Staaten oder Mann des Jahres. Schief laufen kann immer was. Probier's aus, beklag dich, jammere deinem Nachbarn die Ohren voll, bitte ihn um Hilfe, und schon sucht er das Weite. In Russland packt jeder für jeden mit an. Rein theoretisch zumindest. Aber hier, bei uns in Texas, ist jeder auf sich selbst gestellt." - Loren Visser

Ein einfacher, blutiger und atmosphärisch einmaliger Film. So simpel, so überwältigend. Die detailliert aufgefächerte Noir-Grundierung des Coen-Debüts Blood Simple scheint zunächst schlicht angelegt, doch die sich geschickt steigernde Umsetzung könnte kaum packender und schneidender sein. Abby (Frances McDormand) hat ein Verhältnis mit Ray (John Getz). Abbys jähzorniger Ehemann, der Barbesitzer Julian (Dan Hedaya), kommt über den unverblümt schmierigen und in seinen ausgesprochenen Gedankengängen ziemlich direkten Privatdetektiv Loren Visser (M. Emmet Walsh) dahinter und reagiert entsprechend aufgebracht. Was dann in knapp einhundert Minuten abgeht, ist ein wahr gewordener Filmtraum und die absolute Gewissheit, dass ich diesen Film viel zu lange vor mir hergeschoben habe.

Ich habe Blood Simple recht spät für mich entdeckt. Genau genommen habe ich mich in der Coen-Filmografie über die Jahre vorsichtig und in weit auseinanderliegenden Abständen zurück gewagt und habe mir diese düstere Sternstunde des abseitigen Krimis, dieses sardonische Schmuckstück der Suspense, gar bis zum Schluss aufgehoben. Zerlegt man die von den Coens erdachte und zum Scheitern verurteilte Lovestory auf dem Papier, bleibt zwar ein sehr gelungenes Ausrufezeichen stehen, doch absolutes Gold ist die Geschichte an sich nicht, zumindest im Angesicht späterer Großtaten der Coens. Doch die außergewöhnlichen Zutaten des vielfältigen Gesamtwerkes der beiden Brüder sind schon in Blood Simple nicht nur einfach so da, sondern bisweilen fantastisch ausgeprägt und kratzbürstig wie ungeschliffen perfekt, dass es begeistert. So unspektakulär die Geschichte auf den ersten und auch zweiten Blick ist, so reißen zig Details am Rande und all die großartigen Kehrtwenden, die versierte wie gewitzte Regie und die unvorhersehbar auftauchenden Trademarks der Coen-Brüder alles raus. Blood Simple ist eines der aufregendsten Erstlingswerke der Filmgeschichte und die dreckig schlierende Brillanz an allen Fronten im Film ein Wohl. Blood Simple lässt sich auf den Punkt Zeit für seine Vorgänge und zelebriert nach einem noch leicht unbeholfenen Start den Film noir auf eine unnachahmlich beeindruckende Weise, wird nach und nach spannender, verrückter und so dicht wie blutig, dass man die stickige und mitunter stockende Luft beinahe schneiden könnte.

Absolut herausragend ist die vor Eigenheiten und Feinheiten sprühende Kameraarbeit von Barry Sonnenfeld, der ja später zum Beispiel bei Men in Black Regie geführt hat. Keine Aufnahme gleicht einer anderen und jedes der perfekt in Szene gesetzten Bilder im Film könnte man rahmen lassen. Zusammen mit Joel und Ethan Coen kreierte Sonnenfeld einen beflügelt dunklen und in Neonlicht getauchten Pfuhl, welcher jedes Mal wieder meine Augen aufmerksam über das gesamte Bild stieren lässt. Blood Simple ist einer dieser wenigen Filme, die ich immer und immer wieder laufen lassen kann, so gelungen sind die wahnwitzigen Dreher und gewollten Ausrutscher in der bahnbrechenden Filmkomposition. Der unbestreitbare Einfluss, den Blood Simple auf die filmische Nachwelt hatte und hat, ist in jedem Frame, jedem rhetorischen Stillstand und Wort, jedem Klangfetzen und jedem losgelösten Schuss aus einer Waffe spürbar. Die Coens hievten den bis dato bewährten Krimi mit diesem Film in dramaturgischer Hinsicht auf ein nie dagewesenes Level und bestehen selbst heute, etwa vierzig Jahre später, ohne gröbere Abnutzungserscheinungen. Blood Simple ist ein unverwechselbarer Coen, der mit jeder neuen Umarmung in der anklingenden Finsternis eines noch so heißen Sommertages noch besser wird, noch mehr Eindruck hinterlässt und einen noch tiefer durch das fruchtbar schlammige Ackerland schleift.

Lebendig begraben.

Nicht jeder Darsteller agiert auf dem gleichen Niveau, doch der gewählte Cast passt zur Intention der Abwärtsspirale in Blood Simple. Hedaya und Walsh sind absolut klasse und die wenigen, tragenden Nebendarsteller fügen sich gut ein. Als Kontrast zu dem impulsiven Hedaya und dem redseligen Walsh ordnen sich die hin- und hergerissenen Darbietungen von Getz und McDormand etwas unter. Beide agieren blässlich unbelastet und unbelehrbar naiv, in unübersichtlichen Befindlichkeiten verrannt und finden sich auch mal ohne logische Orientierung wieder, was aber auch den Coens und deren darauf ausgelegtes Skript geschuldet ist. Letztlich geht das Ensemble auf und trumpft vor allem im Bösen blinzelnd.

Die Symbiose Kamera, Schnitt und Regie ist fantastisch und sorgt mit der zeitgenössisch gelungenen Ausstattung und den oftmals genial gesetzten Stichen im Licht für viel Stoff, der hängen bleibt, sich durch die Adern, Kammern und Klappen schält und die Gefäße empfindlich platzen lässt. Blood Simple pulsiert wie eine dunkle Kerbe im Herzen. Wenn das Falsett bricht, das Tageslicht den Horizont schneidet. Blood Simple fährt quasi alle paar Minuten ikonisches Material auf. Sämtliche Szenen zwischen Dan Hedaya und M. Emmet Walsh sind geschliffenes, überspitztes und gerissenes Platin, vor allem die zweite und letzte Begegnung zwischen den beiden Sturköpfen. Dann diese prachtvollen, in die Nacht gehüllten Sequenzen auf dem beackerten Feld im Nirgendwo, welche etliche bekannte Poster und das Cover der sehr gut gemasterten Studiocanal-Blu-Ray zieren. Nebenbei gibt es dort, auf diesem, in fahles Licht getauchten Flecken Ackerlandes, auch drei rot schimmernde Plakatwände am Straßenrand, die im von Martin McDonagh inszenierten Coen-Missverständnis Three Billboards... eine immerhin augenzwinkernde Huldigung erfuhren. Die von der Zeit und den Emotionen losgelöst suchenden Lichter im Dunkel. Lost Highway, immer und immer wieder. Die vorbeischnellende Straße unter den Rädern und den Scheinwerfern des Autos bei Nacht. Das ist überragendes Kino, wieder einmal. Träume voll des heraustretenden Blutes und stechender Gewissensbisse, der wahlweise qualvoll ansetzende Tod hinter jeder Ecke. Zwischen all dem thront ein ätherischer Jahrhundertscore, dessen kongeniales Hauptmotiv sich unvergesslich in meine Gefühlswindungen gebrannt hat. Carter Burwells brüchige Collagen und sanft wirbelnde Tupfer, die großen Flächen und zehrenden Sphären. Schöner kann Kino kaum noch erklingen.

Blut. Überall Blut.

Die finale Auseinandersetzung, der endliche Höhepunkt des Films, gehört zum Besten, was die Coens je geschaffen haben. Eine Selbstkrönung. Etwa 82 Minuten aufregender Film sind vergangen und die von den Vorkommnissen irritierte Abby schaltet das Licht in ihrer Wohnung an, wieder aus und dann wieder an. 

Keine Vorhänge? 
Na und? 
Peng!

Abby gelingt es im Hauch des Todes, dass das künstliche Licht schwindet. Doch Loren Visser, der polemische Detektiv und rücksichtslose Killer im Hintergrund, findet einen Weg in die dunkle Wohnung. Türen scheinen verschlossen und die Wege unergründlich. Visser umgeht diese Türen und versucht von Fenster zu Fenster weiterzukommen, immer Richtung Abby. Seine beigen Handschuhe tasten sich an der Mauer entlang und Abby schließt das Fenster schmerzvoll unter seiner Hand. Brechende Barrikaden. Ein Messer landet in Vissers Hand und dem Material drunter. Fensterglas splittert. Opernhafte Musik nebelt an der Bedeutung des Selbstschutzes klammernd durch den Hintergrund, während die im Schweiße verzweifelten Schmerzensschreie von Visser langsam verhallen. Abby gibt unter Angst um ihr Leben keinen Ton von sich und Visser entleert seine Waffe im krachenden Intervall und effektvoll rauchend durch die Wand hindurch, in der Hoffnung, Abby doch noch zu töten. Platzend knallende Schüsse sausen knapp an Abby vorbei, von Staubwolken gesäumte und grelle Lichtstrahlen fluten den im Licht gedämpften Raum, während die famose Regie immer bei Abby verweilt. Suspense vom allerfeinsten. Zehn Minuten Film, Ewigkeit, Licht und Schatten, Erlösung und Ungewissheit, am Ende der Straße, in Form von ein paar durch die Nacht fahrenden Scheinwerfern erstrahlen werden. Zersplittertes Glas, sich gespenstisch ausbreitende Blutlachen und verendende Gesichter ohne Regung. So blutig, so simpel, so überwältigend.

9/10
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Kommentare

21.11.2022 08:58 Uhr - JasonXtreme
1x
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Und nochmal so ein Ding... ich muss echt sagen ich liebe Deine blumige und fundierte Schreibweise - bitte mehr davon. Den Film selbst muss ich nochmal sichten, hab den zuletzt auf Tape gesehen vor vielleicht 20 Jahren, udn da war er nicht so meins... allerdings wusste ich da die Arbeit der Coens auch nicht zu schätzen wie heute.

21.11.2022 20:06 Uhr - lamb
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Ja, wiederholt, vielen Dank! Diesen Film nicht zu lieben, erscheint mir undenkbar, auch wenn ich nicht weiß, wie der in meiner Jugend gewirkt hätte. Allerdings hätte ich da schon wenigstens das kolossale Finale groß gefunden und mit der Zeit auch hochgemauert. Blood Simple ist schon arg genial und wirkt auch ein bisschen so, wie der frühe Tarantino. Eben noch etwas ungestüm und kantig, aber so magisch wie nichts anderes. Die Blu-Ray von Studiocanal kann ich jedenfalls wärmstens empfehlen, möchtest du mal auffrischen. Tolle Scheibe.

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