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Das Verlangen der Maria D.

Herstellungsland:Deutschland (2020)
Genre:Drama, Erotik/Sex
Alternativtitel:The Yearning of Maria D.
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,10 (10 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Auf einer Reise in die Ägäis wird die menschenscheue, zurückgezogen lebende Maria D. mit den Eindrücken einer archaischen Kultur konfrontiert. Fasziniert von der Morbidität und Religiosität der auf einer Kykladeninsel lebenden Menschen beschließt sie, ihrer Einsamkeit ein Ende zu bereiten. (Beyond Media)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von jichi:

Das Verlangen der Maria D.

Der deutsche Regisseur Marian Dora, auch bekannt als A. Dorian oder M. D. Botuline, ist seit der Veröffentlichung seines zweiten Langfilmes, „Cannibal - Aus dem Tagebuch eines Kannibalen“ („Debris Documetar“ wurde früher gedreht, aber später veröffentlicht), wohl einer der extremsten und skandalösesten Filmemacher da draußen. „Cannibal“ ist eine absolut authentische und wirklich sehr extreme Verfilmung über den Kannibalen von Rothenburg, Armin Meiwes, inklusive sehr explizit gezeigter Schlachtung, Sex zwischen den beiden Protagonisten und allerhand Körperflüssigkeiten. Die BPJM attestierte dem Film kurzerhand den Strafbestand der Gewaltpornographie und er wurde beschlagnahmt, und doch war dieser skandalöse Start nur der Anfang einer langen Reise der Grenzüberschreitung mit Dora.

Über sein Nachfolgewerk und Magnus Opum „Melancholie der Engel“ ranken sich bis heute viele Spekulationen und Vorwürfe, von angeblichen Tiertötungen und sogar einer Leichenschändung ist die Rede, alles befeuert von der Tatsache, dass Hauptdarsteller Carsten Frank Dora zwang, eine halbe Stunde an Material wegen strafrechtlicher Bedenken zu entfernen. Ob die angeblichen Vorwürfe wahr sind oder nicht, kann bis auf die Macher niemand mit Sicherheit sagen, aber die berüchtigte Mund zu Mund Propaganda hat den wenigsten Undergroundfilmen geschadet. Fakt ist: „Melancholie der Engel“ ist für mich einer der überfordernsten, skandalösesten und gleichzeitig verstörendsten aber auch schönsten Filme, die es gibt. Ein Film der Superlative, in dieser Mischung wohl sogar einzigartig.

Doras weitere Langfilme, „Reise nach Agatis“ und „Carcinoma“, kommen zwar nicht mehr so ganz zerstörerisch und jegliche Grenzen sprengend wie „Melancholie der Engel“ daher, weisen aber wie alle Filme von Dora seine typischen Merkmale auf: Ein hervorragendes Auge für Licht und Kamera, wunderschöne Musik, eine bitterböse nihilistische Grundeinstellung, den Tod als zentrales Thema und extreme Gewaltdarstellung und das Zeigen von Körperflüssigkeiten aller Art, doch im Gegensatz zu seinem Kollegen Lucifer Valentine nicht zur eigenen Erregung, sondern einfach als letzte Konsequenz beim Brechen von Tabus und dem Überschreiten von Grenzen.

„Das Verlangen der Maria D.“ ist nun zusammen mit „Pesthauch der Menschlichkeit“ Teil eines veröffentlichten Double – Features des Regisseurs, welches nach einer wahren Odyssee mit verschobenen Veröffentlichungsterminen schließlich das Licht der Welt erblickte.

Die einsame und menschenscheue Maria D. (Shivabel Coeurnoir) lernt auf einer Reise nach Griechenland die Totenkultur des antiken Griechenlands kennen und ist sofort unglaublich fasziniert davon. Als sie in einem Mausoleum die Gebeine eines jungen Mannes betrachtet, fängt sie an, eine Bindung zu dem Verstorbenen aufzubauen. Kurz darauf beauftragt sie einen Mann namens Schroff (Marco Klammer), die Gebeine zu stehlen und sie ihr zu übergeben, um eine intime Beziehung zu dem Toten ausleben zu können…

Das zentrale Thema der Handlung dürfte wohl klar sein, nämliche Nekrophilie. Dieses Thema ist auch im Independent Bereich schon sehr oft behandelt worden, ob auf künstlerische Weise in Jörg Buttgereits „Nekromantik“ oder auf absolut nüchterne und nihilistische Weise in Nacho Cerdàs „Aftermath“. Dora geht zwar in seiner künstlerischen Art und Weise eher in Richtung Buttgereit, setzt sich aber noch um einiges intensiver mit der Psychologie dahinter auseinander. Wir lernen Maria und ihre Gefühlswelt kennen, bekommen durch ihre Off – Stimme Einblick in ihre Gedanken. Sie ist extrem introvertiert und nicht in der Lage, eine Beziehung zu einem lebenden Menschen aufzubauen. Ihre Beziehung zu dem Toten entsteht aus einer Mischung aus Angst vor den Lebenden und der Furcht, von einem lebenden Partner verstoßen zu werden, und der Faszination für den Tod und die Gewissheit, von einem Toten nicht verlassen werden zu können und ihn sogar zu „besitzen“, was bei einem lebenden Menschen nicht möglich wäre.

Shivabel Coeurnoir passt hervorragend in die Hauptrolle, spielt sehr souverän auf und trägt den Film auf ihren Schultern. Sie verleiht ihrer Rolle eine gewisse Erotik und wirkt gleichzeitig sehr zerbrechlich als auch distanziert. Dora selbst sagte, dass er am Dreh Probleme mit Shivabel hatte, da sie nicht schauspielern und keine Gefühle zeigen wollte, die extremen Szenen waren hingegen kein Problem. Von dieser Art ist auch noch etwas im fertigen Film vorhanden, aber es passt zur Atmosphäre. Marco Klammer als schmieriger und gewalttätiger Dieb Schroff hat zwar keine große Screentime, legt aber in seiner Rolle eine ordentliche Portion Sadismus an den Tag und ich kann wieder nur ein Lob für beide Darsteller aussprechen, denn sie lassen hier Szenen über sich ergehen, die definitiv nicht jeder Schauspieler mitmachen würde.

Die Knochen werden von Maria D. geliebkost, zur Masturbation verwendet und der Totenschädel bekommt eine Dusche von Ausscheidungen verpasst, wie bei Dora üblich nicht gestellt. Daran werden sich wieder viele Leute stören, aber Dora kommt eben nicht aus seiner Rolle des ultimativ konsequenten Tabubrechers und Erforschers der dunklen Teile der menschlichen Sexualität. Einziger Kritikpunkt am ganzen Film: Dora dreht ohne Ton und legt anschließend die Soundeffekte darüber, und hier klingen sie an wenigen Stellen leider so furchtbar, dass es schon fast komisch und überzeichnet wirkt. Ist aber nur ein kleiner Schönheitsfehler an zwei oder drei Stellen.

Insgesamt ist „Das Verlangen der Maria D.“ wohl Doras harmlosester Film, und bis kurz vor Ende gibt es rein gar nichts an Gewalt zu sehen, aber wie gewöhnlich setzt der Regisseur kurz vor Ende allem noch Mal die Krone auf, so auch hier. Der Dieb Schroff ist mit der Bezahlung unzufrieden, dringt am Abend bei Maria ein, versucht sie zu vergewaltigen und misshandelt sie auf brutalste Weise. Er tritt mehrmals auf die wehrlos am Boden liegende Frau ein, bis die inneren Organe schwer verletzt und Blut regelrecht aus allen Körperöffnungen herausläuft. Sterbend kriecht sie zu dem Totenschädel, und schafft es mit letzter Kraft, noch eine Art makabren Totentanz aufzuführen, während ihr Leben in einer Mischung aus Blut und Fäkalien sprichwörtlich aus ihr rinnt, alles unterlegt von melancholischer Klaviermusik.

Wie so oft bei Dora bleibt der Tod der einzige Ausweg und die einzige Erlösung, und ich glaube, ich habe schon sehr häufig in diesem Review auf typische Stilmittel des Regisseurs verwiesen, denn obwohl sich „Das Verlangen der Maria D.“ durch sein sehr langsames Erzähltempo und vergleichsweise wenig Gewalt von seinen anderen Filmen abhebt, so wird deutlich: Der Film ist ein „Dora“ durch und durch. Auch das Ende passt in all seiner misanthropischen Extravaganz hervorragend dazu. Der Tod bei Dora ist qualvoll und langsam, und kommt mit all seinen Facetten daher. Der Regisseur äußert sich in Interviews mehrmals, dass er in seinen Filmen unter anderem seine Enttäuschung über die Menschheit zum Ausdruck bringen will, hier geschehen durch die regelrechte Hinrichtung von Maria D.

Vor Doras Talent dabei, solche Filme zu schaffen, kann ich immer wieder nur ungläubig auf die Knie gehen. Er hat ein unglaubliches Talent für das Kreieren von Bildern, welche einfach unvergesslich sind. Die Kompositionen mit Sonnenlicht, generell Licht und Schatten und ein Auge für den richtigen Winkel können wahre Wunder bewirken, Dora lässt die Bilder für sich sprechen, auch hier. Der fast schon einem Striptease ähnelnde Tanz Shivabels vor einem Spiegel und den Knochen, getaucht in warmes Licht und aus dem richtigen Winkel gefilmt, ist wohl der kreative filmische Höhepunkt des Filmes. Obwohl der Film fast die ganze Zeit, nur am Anfang gibt es mehrere Aufnahmen von Maria im Urlaub, in einem Haus spielt, wird es nie langweilig, da die Atmosphäre unfassbar dicht und regelrecht vereinnahmend ist. Man fühlt sich in der gleichen Gedankenwelt wie Maria D. selbst gefangen, auch wenn sie beim Zuschauer nicht ganz so intensiv ist.

Sehr gut gefallen haben mir auch immer wieder die Verweise auf die Zeit und die Sterblichkeit des Menschen. Schon die erste Einstellung des Filmes ist eine tickende Uhr, und im ganzen Haus von Maria steht eine Vielzahl an Uhren, welche durch ihr beständiges Ticken ein stetiges Element im Film sind und subtil daran erinnern, dass die Zeit unaufhaltsam ist. Der Tod ist oft näher als wir denken, und in „Das Verlangen der Maria D.“ wird das in Verbindung mit Liebe gebracht. Wie oft fühlen sich frisch Verliebte unsterblich und vergessen, dass eine unglückliche Wendung des Schicksals sie von jetzt auf gleich für immer trennen kann? Marian Dora ist ein Regisseur der Vergänglichkeit, und der Mensch als überlegenes Wesen, welches über die Natur gebiete, ist ihm fremd. Das wird auch hier deutlich.

Interessant ist noch die Tatsache, dass Dora hier meines Wissens zum ersten Mal ganz klar eine Verbindung zwischen zweien seiner Filme herstellt, denn als Maria aus dem Fenster sieht, sieht sie die Charaktere aus „Pesthauch der Menschlichkeit“ zum See gehen.

Als Fazit kann ich sagen, dass Dora mich mit seinem neuesten Werk mal wieder absolut abgeholt hat. Seine Filme wirken auch immer über den Abspann noch lange nach, so auch „Das Verlangen der Maria D.“. Ich saß erst einmal ruhig da und musste mich aus der Vereinnahmung des Filmes befreien und darüber nachdenken. Dora fordert mich als Zuschauer stets aufs Neue heraus, provoziert, bricht Tabus und bringt mich zum Staunen. Er präsentiert sein makelloses Handwerk und schafft eine nie dagewesene Atmosphäre. Doch auch Shivabel Coeurnoir und Marco Klammer gehen vollkommen in ihren Rollen auf und tragen zum Gelingen des Filmes bei. Die Thematik der Nekrophilie passt zur Art des Regisseurs und wird stark umgesetzt, auch die Kombination mit der Zeit und der damit einhergehenden Vergänglichkeit gefällt mir außerordentlich gut. Nur ein paar Soundeffekte stören in ihrer Komik, aber das ist wohl als Lappalie abzuhaken. „Das Verlangen der Maria D.“ ist Undergroundkino par excellence, und Doras Filme bleiben für mich absolut einzigartig und eine Erfahrung, die ich immer wieder gerne mache.

9.5/10

10/10
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Kommentare

28.11.2022 09:31 Uhr - Dr. Kinski
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Wieder eine tolle Vorstellung.
Ein sehr interessanter Film, deprimierend, aber auch sehr gefühlvoll und schön.
Einer meiner absoluten Favoriten zu dem Thema

28.11.2022 15:17 Uhr - Jichi
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Danke dir, und ich kann da nur zustimmen. So perfekt eingefangen und sogar romantisch wurde Nekrophilie noch nie dargestellt. Dora ist und bleibt eben der König ;-)

28.11.2022 16:02 Uhr - Dr. Kinski
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So ist es! Nachdem ich kürzlich das Glück hatte, die beiden Segmente von "Mors in Tabula" zu sehen, hat sich das für mich mal wieder bestätigt. Dora ist schon ein unvergleichliches Phänomen. Er nimmt eine Kamera in die Hand und schafft wahre Kunst.

28.11.2022 17:23 Uhr - Jichi
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Absolut. Gib Dora eine Kamera und er gibt dir ein Meisterwerk. Es gibt einfach nichts Vergleichbares, unvergleichlich trifft es also ziemlich gut. Cool dass du die Chance hattest die "Mors in Tabula" Teile zu sehen, waren die nicht sein Beitrag zu "The Profane Exihibit" ? Ob der je veröffentlicht wird, wurde ja jetzt gerade erst wieder nach hinten verschoben.

28.11.2022 21:12 Uhr - Dr. Kinski
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Genau, wird sich aber noch zeigen, ob bei "profane exhibit" dann beide Segmente dabei sind. Hoffen wir mal, dass die bei unearthed films nochmal fertig werden. Biro schiebt das ja schon seit Jahren vor sich her.

29.11.2022 17:22 Uhr - Jichi
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Seit 2013 sogar schon soweit ich weiß. Mal schauen was eher kommt, "Avatar 2" oder "The Profane Exihibit". Ich hoffe aber dass auf jeden Fall beide Segmente dabei sind, dafür warte ich meinetwegen auch noch länger.

29.11.2022 18:53 Uhr - Dr. Kinski
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Da sehen wir vorher Avatar 5 :D

29.11.2022 20:26 Uhr - Jichi
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Gut möglich :-D

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