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Don't Worry Darling

Herstellungsland:USA (2022)
Standard-Freigabe:FSK 12
Genre:Horror, Drama, Krimi, Thriller, Mystery
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,38 (8 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

1950er-Jahre, den Victory-CEO Frank – zu gleichen Teilen Unternehmensvisionär und motivierender Life-Coach – versprüht, durchzieht jeden Aspekt des täglichen Lebens in dieser verschworenen Gemeinde mitten in der Wüste. Während die Ehemänner ihren Alltag in der Victory-Projektzentrale verbringen und an der „Entwicklung progressiver Materialien“ arbeiten, vertreiben sich ihre Frauen – darunter auch Franks elegante Partnerin Shelley – die Zeit damit, sich der Schönheit, dem Luxus und den Ausschweifungen hinzugeben, die der Ort zu bieten hat. Das Leben ist perfekt, denn die Firma liest den Bewohnern jeden Wunsch von den Augen ab. Alles, was im Gegenzug verlangt wird, ist Diskretion – und bedingungslose Hingabe an die Ziele des Unternehmens. Doch dann legen sich erste Schatten über das idyllische Leben, und es wird deutlich, dass hinter der verführerischen Fassade etwas Unheimliches lauert. Alice beginnt sich zu fragen, was genau in Victory vor sich geht – und warum. Doch wie viel ist sie bereit zu verlieren, um zu enthüllen, was in dem vermeintlichen Paradies tatsächlich geschieht? (Warner Bros.)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von lamb:

"Er versucht eine Welt zu erschaffen." - Alice (Pugh) über Frank (Pine)

Was kann man unter Umständen von einem Menschen erwarten. Überschüttet man ihn mit allen möglichen Gütern, versenkt ihn ins Glück bis über die Ohren, bis über das Haupt, sodass an die schimmernde Oberfläche des Glückes zum Wasserspiegel nur Bläschen aufsteigen. Gibt man ihm ein großzügiges Auskommen, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als zu schlafen, Lebkuchen zu vertilgen und für den Fortbestand der Menschheit zu sorgen. Und so wird er doch, dieser selbe Mensch, einen auf der Stelle, aus purer Undankbarkeit, einzig aus Schmähsucht, einen Streich spielen. Er wird sogar die Lebkuchen auf's Spiel setzen und sich vielleicht den verderblichsten Unsinn wünschen, einen Blödsinn, einzig um in diese ganze positive Vernünftigkeit ein Unheil bringendes, abstraktes Element beizumischen. Gerade die fantastischen Einfälle und seine banale Dummheit wird er behalten wollen.

Diese Gedanken, die ich Fjodor Michailowitsch Dostojewski und Paul Watzlawick entliehen habe, fielen mir sofort ein, als Don't worry Darling in sein letztes Filmdrittel kippte. Der Film von Olivia Wilde, die sowohl vor als hinter der Kamera agierte, ist eindrucksvoll, gefüllt mit Irrlichtern und voller Schattierungen. Don't worry Darling ist angenehm rätselhaft und einnehmend, von starker Faszination geprägt und ein überbordendes Pfund, wenn es um die schraubende Dramaturgie geht, was einer Erklärung bedarf. Nach dieser Einleitung kann ich es kaum erwarten, was am Ende herauskommt, allerdings sollte nicht weiter gelesen werden, hat man den Film noch nicht gesehen, denn das verdirbt einem die Überraschungen des Filmes dann doch.

Wer, ganz unabhängig vom Zeitpunkt, in die Büchercharts schaut, wird schnell fündig. Dunstige Cafés an außergewöhnlich magischen Orten, weise Sätze und tiefgründige Sprüche, die das wirklich wahre Leben angeblich einfacher und noch mehr besser machen sollen, Lebens- und Glücksratgeber überall, Wertschätzung und Harmonie, Orangen in Blaubeerfeldern, sichtbare Resilienz, geschliffene Rhetorik und natürlich wirkendes Durchsetzungsvermögen. Diese sogenannte How-to-Literatur, die sich mit der weitläufigen Kunst des Alltags beschäftig, ist in finanzieller Hinsicht ein Dauerbrenner. Das schaurige Geschäft damit wird niemals, solange der soziale Mensch ist, versiegen, denn die Tradition ist lang, und wie lang! Und doch, doch hat nie jemand die eine wahre Dauerglücksformel für aller Tage Abend gefunden, nicht einmal eine, die für konstante Zufriedenheit sorgt, so zumindest meine These. Einige dieser Bücher, die seit Jahren in aller Munde und Verkaufslisten sind, habe ich gelesen. Und meist ist es leider so, dass diese Werke einen atemberaubend verkehrt wirkenden, ernstgemeinten Eindruck hinterlassen, das eigene Leben und das Leben fast aller Mitmenschen sei, nun ja, ganz schlecht. Doch meist ist die Lage eher hoffnungslos, nicht ernst. Praktische und theoretische Abgleiche, die unterschiedlich lange andauern, fordern in den meisten Fällen ein Aufgeben nach der ultimativen Glücks- und Heilsuche. Von vielleicht einem Dutzend halbwegs lesbar geschriebener Berater unter hunderten, taugen höchstens ein zwei Bücher, und dann auch nur die, die den Schmu aus einer konträren, negativen Sicht aufrollen und ein bisschen resigniert polemisch richten. Egal was man zu kitten versucht, am Ende spielt man sich doch selbst wieder Streiche.

Don't worry Darling spielt vermeintlich in einer unvergleichlichen und starken Blütezeit der Vergangenheit, weit ab vom Chaos dieser Tage, und zwar vor etwa siebzig Jahren in Amerika. Olivia Wilde inszeniert diese buchstäblich überstrahlende Epoche des rasant aufkeimenden Wohlstandes und eines wahnwitzig überzeichneten Glückes mit großer Finesse. Ich kenne ihr Regiedebut Booksmart nicht, doch das hier ist von bleibender, ausstreichender und detailverliebter Güte. Gewiss, sie hat den Film sichtlich nicht allein entworfen und aufgebaut, doch das Talent der Spielleiterin hat sie inne. Außerdem hat sie in allen Bereichen begabte Menschen um sich geschart. Kamera, Stil, Schnitt und Sicht stimmen, Soundtrack samt Score blenden wunderbar ein, auf und ab. Zunächst simples an und aus, Wellen dazwischen, am Ende große Wucht. Wilde schmückt den Regiestuhl mit Können. Überraschend schräg und grottig fallen die vorherigen Arbeiten der Autoren aus. Titanic 2 - Die Rückkehr und Mega Python vs. Gatoroid, um zwei halbwegs komische Beispiele zu nennen. Doch die drei Autoren haben hiermit sinnige Klasse bewiesen, denn ich kann berichten, dass ich den Film tags darauf noch einmal, mit großem Vollendungsdrang eingelegt habe und das Puzzle so fertig wurde. Gelahrte Profis, Kenner von Dystopien und Utopien wie beschlagene Filmfans werden mir womöglich nicht zustimmen, doch ich ließ mich beim ersten Kontakt soweit in diese fein durchdachte und arg romantisierte, diese streichelnde und geschminkt aufgerüschte Welt fallen, so merkwürdig sie von Anfang an schien, sodass sie mir wiederholt große Sehfreude bereitete. Die dramaturgischen Pfade, auf denen Olivia Wilde und ihre Autoren diesen Stoff dahertragen, sind viel und leidlich belaufen worden, ganz ohne Frage. Die Referenzen sind klar aufgestellt. Matrix, Twilight Zone und Black Mirror. Im Netz der Versuchung vielleicht noch, auch wenn dieses streitbare Zeugnis wenige gesehen haben und noch weniger Leute mochten. Doch die gesellschaftlichen Gedanken und jene zu überdenkenden Anstöße, die hier variiert vorgetragen werden, haben ihren ganz eigenen Ton. Es gibt nichts neues unter der Sonne, außer das Vergessene, was diesen Film grandios und in sich schlüssig rundet.

"Ich will nicht mehr hier sein, wir müssen hier weg. Wir können überall hin und unsere eigene Welt erschaffen, nur du und ich und alles wird gut." - Alice zu ihrem Mann Jack (Styles)

Don't worry Darling ist Kino im berauschten und dezent überhöhten Wunderland, welches auf vorher gut eingeflochtene Handlungsdreher zusteuert. Für Anfänger fällt hier ein Individuum auseinander, doch es sind die Umstände, die sich zu verändern wissen. Wer nicht den ersten Tag im verschachtelten Film unterwegs ist, der spürt das schnell. Wirklichkeiten werden laut der beweglich angewendeten Psychoanalyse nicht gefunden, sondern erfunden, wobei hier ein Federstrich am Werke zu sein scheint, der die Dinge umzukehren versucht. Die Welt wie sie ist und wie sie sein sollte. Das ist spannend, im Hauch der großartigen Besetzung unheilvoll anzusehen, auch wenn das Endergebnis einen weniger watscht, denn eher unheilvoll unterwandert, regelrecht in einen hineinkriecht. Don't worry Darling fällt zunächst einer heiteren, kaum aufrechtzuerhaltenden und sorglosen Welt zu Herzen. Eine Welt, in der sich aller Sehnsucht Verkörperung zur Schau stellt, die sich am Ende eben doch nur als ein beliebig anderer Körper herausstellt. Lebkuchen und Streiche, die Bläschen des gesehnten Glückes an der Wasseroberfläche. Von der wirklichen Wirklichkeit kann man immer nur das wissen, was sie nicht ist, womit Wilde und die Autoren kongenial spielen. Nur im Zusammenbruch dieser Konstruktionen sieht man, wie es ist. Zumeist ist das etwas, was man sich nur schwer einzugestehen vermag.

Don't worry Darling ist superb besetzt. Olivia Wilde ist, wie alle Akteure zweiter Reihe, passend, glatt und ohne auffallende Reibefläche besetzt. Das ist ein Kompliment, welches bei einem anderen Stoff nix nützen würde, doch hier passt die kosmetische Faust auf das in Watte gelegte Auge. Die Spitze dessen ist der grandios diabolische Auftritt von Chris Pine. Pine und die immer sehenswerte Florence Pugh, die Hauptattraktion des Films, sind großartig. Florence Pugh reißt alles an sich. Jede Sequenz sitzt, alles zieht mit und lässt einen mit Bewunderung zurück.

Der trübe, durchdrungene und fahle Twist zeigt dann, wie sehr alles leidet und tatsächlich bekleidet ist, betrachtet man es von einer einzigen Seite. Alice ist in Don't worry Darling nichts ohne Jack, solide von Harry Styles gespielt, der ansonsten in einer geistlosen Boygroup ein wohl dotiertes Dasein fristet. Doch hier passt es und passt es eben nach und nach nicht mehr. Audiovisuell ist der Film tadellos, größtenteils kreativ und mitunter makellos. Wilde präsentiert nachdenkliches und tiefes Kino. Es gibt Action, ja, allerdings nicht viel. Das sieht alles gut gemacht aus und ist so eingebettet, dass es nicht weiter stört. Ein bisschen Sex, plörre Gewaltspitzen, alles gerückter Selbstzweck unter dem übergeordneten Ziel der Heil- und Glückssuche. Don't worry Darling zeigt demjenigen, der das Auseinanderfallen seines Ichs erlebt hat, dass er die Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung neu zusammenstellen kann, womit sich eine Vielfalt des Lebensspiels erzielen kann. Es ist möglich über das Schachbrett streichen und alle Figuren umwerfen. Mit denselben Figuren lässt sich ein ganz neues Spiel aufbauen, mit anderen Gruppierungen, Beziehungen und Verflechtungen. Dieses neue Spiel ist dem ersten Spiel verwandt. Dieselbe Welt, dasselbe Material. Aber in der Tonart verändert, im Tempo gewechselt, die Motive anders betont, die Situationen anders ausgestellt. Ein Spiel ums andere, eine Sicht um die andere. Von der Ferne her ähnlich, alle erkennbar derselben Welt angehörig, derselben Herkunft verpflichtet. Es ist kein Wunder, dass die Fünfziger des letzten Jahrhunderts ein märchenhaftes Relikt sind, denn es war dann doch zu schön und auch etwas unheimlich um wahr zu sein. Die Identifikation mit Alice fällt leicht, denn wer wäre man, würde man sich nicht wundern, liefe alles derart nach einem glitzernden Traum ab.

"Du hast rund um die Uhr gearbeitet!"
"Ich wollte arbeiten, ich habe gerne gearbeitet!"
"Du warst völlig am Ende, du wars todunglücklich, du hast dein Leben gehasst."
"Es war mein Leben! Wie kommst du dazu es mir wegzunehmen?"
"Ich hab es dir gegeben! Ich hab dir all das hier gegeben, Alice! Wir haben Glück, dass wir hier sein können, wie wir es verdienen! Ich muss jeden Tag daraus, nur damit wir hier sein können, und glaub mir, ich hasse jede verdammte Minute. Du kannst hier bleiben, du kannst froh sein. Glücklich und froh."

Mit dem Abspann liegt nahes vor aller Augen, auch wenn ich für meinen Teil überrascht war. Don't worry Darling ist guter Genrefilm, guter Film im Allgemeinen, guter Film im Speziellen. Wilde und ihre Autoren machen einen aufmerksam, konfrontieren einen mit einem überglücklichen Dasein. Egal wie schön es auch sein könnte, nichts ist schließlich unangenehmer als eine Reihe von angenehmen Tagen. Aber egal was kommen mag, wie viele selbstbesoffene Glücks- und Beziehungsratgeber es noch geben wird, die alles zu wissen glauben, gerade die fantastischen Einfälle und die banale Dummheit wird man letztlich, wenn auch insgeheim, beibehalten wollen und eben sein eigenes Leben führen. Alle Klarheiten sind damit beseitigt, Undankbarkeit und Lebkuchen. 

8/10
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Kommentare

30.11.2022 10:32 Uhr - cecil b
1x
Moderator
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Erfahrungspunkte von cecil b 7.882
Nach deiner schönen Einleitung samt Zitaten bin ich neugierig, sehr geschickt! Wenn ich den Film gesehen habe, äußere ich mich schriftlich, dann auch ein weiteres Mal unter dieser Review. :)

30.11.2022 16:55 Uhr - lamb
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Erfahrungspunkte von lamb 154
Gern geschehen. Viel Spaß beim Film, sollte er dir einmal über den Weg laufen.

02.12.2022 02:34 Uhr - Lukas
1x
Sehr schöne Kritik zu einem tollen Film, dem ich sogar eine 9/10 geben würde.
Bei einem Aspekt des Endes würde mich deine Interpretation interessieren:

Achtung SPOILER!!!

Bei Franks Frau war ich mir nicht sicher, ob sie nicht auch die ganze Zeit wusste, was vor sich geht, oder ob sie auch wie die anderen Frauen erst zum Schluss die Illusion erkannt hat.
Wie siehst du das?

02.12.2022 21:45 Uhr - lamb
User-Level von lamb 3
Erfahrungspunkte von lamb 154
Danke dir. Die 9 schien mir ein ganz klein wenig zu hoch, dafür hat dann doch noch etwas gefehlt, was wirklich total hätte ausschlagen müssen. Im Gesamten aber sein sehr sehenswerter Film.

Spoiler...

Die Sache mit Frank und seiner Frau gab mir auch ein Rätsel auf, das beim zweiten Lauf mehr Beachtung fand. Frank ist, zuwenigst von Anfang bis weit in die Mitte des Films, ein Ankerpunkt, etwas fixes. Franks herbes Ableben lässt keine deutlich ausgesprochenen Schlüsse zu, dennoch würde ich meinen, sie wusste es nicht. Warum sonst sollte sie wohl so auf alles reagieren, nur weil ein Schritt einer langen Wanderung gescheitert ist? Einerseits hat mich das auch gewundert, allerdings nur Richtung Rand, andererseits ist es auch nicht die Hauptsache, eben Randereignis. Wie man es dreht und deutet, das Hauptaugenmerkt lag auf Alice und Jack.

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