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Der Pfarrer von St. Pauli

Herstellungsland:Deutschland (1970)
Genre:Drama, Krimi
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,00 (1 Stimme) Details

Inhaltsangabe:

Zweiter Weltkrieg: U-Boot Kapitän Konrad Johannsen (Curd Jürgens) gerät mit seinem Schiff nach einem feindlichen Angriff in schwere Seenot. In seiner Verzweiflung betet er zu Gott. Er verspricht: Wenn er diesen Schlamassel überleben sollte, wird er sein Leben nur noch Gott weihen und Priester werden. Über zwei Jahrzehnte später hat Pfarrer Johannsen seine Wandlung zum Geistlichen abgeschlossen und wird schnell zu einer festen Größe auf dem Kiez, der die Herzen der dort im Leben Gestrandeten schnell zufliegen. Als er jedoch durch die Beichte eines Kleinkriminellen in einen Mordkomplott hineingezogen wird, fingieren die Kiez-Gangster kompromittierende Aufnahmen des Geistlichen, der daraufhin auf eine abgelegene Nordseeinsel strafversetzt wird. Doch die Unterwelt, wie auch die Kirchenoberen haben nicht mit der unerschrockenen Entschlossenheit des ehemaligen U-Boot-Kapitäns gerechnet... (U8 Films Berlin)

eine kritik von punisher77:

                                                            DER PFARRER VON ST. PAULI

 

Rolf Olsen (1919-1998) war ein österreichischer Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler, der unterschiedliche Genres bediente und mit zahlreichen deutschsprachigen Filmstars arbeitete. Dabei lag ihm St. Pauli besonders am Herzen, ein Stadtteil von Hamburg-Mitte, in dem das Amüsierviertel entlang der Reeperbahn verläuft, das über die Grenzen der Stadt, bzw. des Landes hinaus berühmt und berüchtigt ist. Gleich fünf St.Pauli-Filme drehte Olsen mit der deutsch-österreichischen Schauspiellegende Curd Jürgens (Des Teufels General, 1955), die inhaltlich nichts miteinander zu tun haben und deshalb separat gesehen werden können. In Der Pfarrer Von St. Pauli, der vierten Olsen/Jürgens-Zusammenarbeit, standen neben dem „normannischen Kleiderschrank“, wie Jürgens oft genannt wurde, u.a. noch Heinz Reincke (Heintje – Mein Bester Freund, 1970), Corny Collins (Das Indische Tuch, 1963), Günther Stoll (Das Messer, 1971), Horst Naumann (Das Traumschiff, 1983-2010), Werner Bruhns (Magdalena – Vom Teufel Besessen, 1974) und Klaus-Hagen Latwesen (Todesschüsse Am Broadway, 1969) vor Franz Xaver Lederles (Das Rätsel Der Roten Orchidee, 1961) Kamera. Außerdem sind Helga Feddersen (Ein Herz Und Eine Seele, 1976) und Dieter Borsche (Der Henker Von London, 1963) in kleinen Rollen des in Hamburg, Kiel und Berlin gedrehten Films zu sehen, der auf Rolf Olsens eigenem Drehbuch basiert.

Mai 1945: Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs sind U-Boot-Kapitän Konrad Johannsen (Curd Jürgens) und seine Mannschaft in Seenot geraten. Im Angesicht des Todes schwört Johannsen, dass er sein gesamtes restliches Leben Gott widmen werde, falls dieser nochmal ein Auge zudrücken und ihn und seine Mannschaft retten würde. Kaum ist das Gelübde ausgesprochen, erhält das U-Boot einen rettenden Funkspruch. Johannsen hält sein Versprechen und ist 25 Jahre später Pfarrer in St. Pauli, dem wohl sündigsten Pflaster Deutschlands. Hier versucht er nicht nur, seine schwarzen Schäfchen mit Predigten voller maritimer Metaphern auf den rechten Weg zu lotsen, sondern lässt auch mal die Fäuste fliegen, wenn Unrecht geschieht, weshalb ihn manche Polizisten scherzhaft als „Wachtmeister vom lieben Gott“ bezeichnen. Als der U-Bootkapitän a.D. in einen Mord verwickelt wird und den Hintermännern zu nahe kommt, wird der Pfarrer von St. Pauli auf eine abgelegene Nordseeinsel strafversetzt …

Der Pfarrer Von St. Pauli ist keine ernstzunehmende Milieustudie, aber auch kein Exploitationreißer, weshalb Sleaze und nackte Tatsachen – abgesehen von einem im ersten Filmdrittel stattfindenden „Ausflug“ in eine Hippie-Kommune, der auch noch prominent im DVD/Blu Ray-Menü platziert wurde – weitestgehend außen vor bleiben, so dass Filmfans, deren Hauptaugenmerk auf diesen Zutaten liegt, besser die Finger vom Pfarrer Von St. Pauli lassen sollten. Stattdessen könnte man Der Pfarrer Von St. Pauli eher als Mischung aus Krimi und Auseinandersetzung mit kirchlichen und gesellschaftlichen Fragen und Positionen Anfang der Siebzigerjahre bezeichnen.

Rolf Olsens 1970er-St. Pauli-Streifen ist ganz und gar auf seinen Hauptdarsteller Curd Jürgens zugeschnitten, was keineswegs negativ gemeint ist. Die schauspielerische Leistung des 1977er-Bondschurken ist so souverän, dass sie über so manche inhaltliche Schwäche, wie z.B. den etwas zu hastigen und irgendwie „nachgereicht“ wirkenden Schlusspunkt des Streifens, hinwegsehen lässt. Curd Jürgens war aufgrund seiner Statur und seiner markanten blauen Augen für mich seit jeher die Idealbesetzung für Autoritätspersonen jeder Art und das gilt – in Verbund mit dem bereits ergrauten Haar des damals 55jährigen Schauspielers – auch, bzw. erst recht für den St. Pauli-Pfarrer. Jürgens wirkt in der Rolle, die ihn Regisseur und Drehbuchautor Olsen auf den Leib geschrieben hat, absolut authentisch und ich bin mir sicher, dass die katholische Kirche nicht in der Krise stecken würde, in der sie jetzt steckt, wenn sie über mehr Geistliche vom Schlag eines Konrad Johannsen verfügte. Curd Jürgens spielt bravourös einen Mann, der nicht von Anfang an für den Dienst in der Kirche bestellt war, sondern auch das „weltliche“ Leben kennt, was sein Verständnis für manche Auswüchse der Gesellschaft erklären dürfte. Außerdem ist er sich nicht zu schade, auch dahin zu gehen, wohin heutzutage kein Geistlicher auch nur einen Fuß setzen würde, wie der bereits erwähnte Besuch in einer dreckigen Hippi-Kommune belegt. Dass sich Jürgens als Pfarrer Johannsen für Verhütung ausspricht, selbst für das schwärzeste Schaf in seiner Herde noch ein Herz hat und mit schon anno 1970 veraltet erscheinenden Dogmen wie dem Beichtgeheimnis hadert, lässt Jürgens´ Figur wie eine Art kirchlicher Plattfuß (= ein von Bud Spencer verkörperter Kommissar, der in vier Filmen bei kleinen Fischen auch mal ein Auge zudrückte, solange er die Hintermänner bekam, und der von Freund und Feind gleichermaßen respektiert wurde) erscheinen, wohingegen seine Vorgesetzten umso verknöcherter wirken. Dass Johannsen auch mal in ein paar sparsam eingesetzten Schlägereien die Fäuste sprechen lässt, nicht nur ein Mann des (biblischen) Wortes, sondern auch der Tat ist, und gern mal einen Whisky trinkt („Aber nicht von dem Billigen!“), rundet das positive Bild des Mann Gottes, hinter dessen rauer, lebenserfahrener Schale ein Herz aus Gold schlägt, ab.

Der Pfarrer Von St. Pauli zeigt zwei gegensätzliche Milieus; beide werden von Regisseur Rolf Olsen und Kameramann Franz Xaver Lederle optisch adäquat, aber nicht kritiklos in Szene gesetzt. So fängt Lederles Kameraobjektiv das Lokalkolorit von St. Pauli anhand einiger Straßenviertel und gut gefüllter, aber letztlich zweifelhafter Nachtclubs und Discos treffend ein – Regisseur/Drehbuchautor Olsen lässt aber keinen Zweifel daran, dass hinter den Kulissen der Amüsierbetriebe Frauen ausgebeutet und dunkle Geschäfte bis hin zum Mord besiegelt werden. Zwar durchbrechen diese Kritikpunkte niemals den Rahmen eines Unterhaltungsfilms – schließlich ist Der Pfarrer Von St. Pauli kein Vorläufer von Filmen wie Christiane F. - Wir Kinder Vom Bahnhof Zoo (1981) – aber interessant ist die Herangehensweise des Films dennoch. Ebenso interessant ist die Darstellung der Spießbürgermoral auf der Insel Norderkrug, in der Pfarrer Johannsen bereits vor seiner Ankunft als Persona Non Grata gilt, obwohl ihn noch niemand persönlich kennt. Aber davon lässt sich ein alter Seebär nicht erschüttern, wie eine Messe in der Dorfkneipe zeigt. Aber auch die Norderkrug wird optisch ansprechend in Szene gesetzt.

Oft wird behauptet, dass es die anderen Darsteller schwer haben, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, wenn Curd Jürgens in einem auf ihn zugeschnittenen Streifen auftritt. In Der Pfarrer Von St. Pauli gibt es trotzdem ein paar Mitglieder des Ensembles, ohne deren Anwesenheit der Streifen um ein paar erinnerungswürdige Momente ärmer wäre. So punktet z.B. Heinz Reincke als Johannsens ehemaliger Kriegskamerad und Küster, der in der U-Boot-Szene seine ernste Seite zeigt und damit in jedem „ernsthaften“ Kriegsfilm eine gute Figur gemacht hätte, während er im Rest des Films als Johannsens Küster für etwas Humor sorgen darf, was ihm ebenso gut gelingt. Corny Collins punktet als Hure mit dem goldenen Herzen ebenso wie es Barbara Lass (Effi Briest, 1974) als Kellnerin auf der Nordseeinsel und Klaus-Hagen Latwesen als Johannsens einziger Freund auf der Insel tun. Auf der Gegenseite punkten Günther Stoll und Horst Naumann. Und auch wenn die Rollen von Helga Feddersen und Dieter Borsche nicht besonders groß sind – Feddersen überzeugt als giftige Kneipenbesitzerin und Dieter Borsche taucht in einer erinnerungswürdigen Dialogszene als evangelischer Pfarrer auf, die den Gegensatz zwischen den beiden Glaubensrichtung in interessanter Weise auf den Punkt bringt.

Der Pfarrer Von St. Pauli ist – wenn man keinen reißerischen Exploitation-Streifen voller Sex und Gewalt erwartet - ein ordentlicher, unterhaltsamer Krimi mit gesellschafts – und kirchenkritischen Akzenten, die zwar niemals die Konventionen des Unterhaltungsfilms ablegen, aber dennoch im Gedächtnis bleiben und der Curd Jürgens in einer hervorragenden Rolle zeigt. Außerdem endet der Film mit einem wunderbaren Schlusswort.

7/10
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Kommentare

06.12.2022 16:22 Uhr - cecil b
1x
Moderator
User-Level von cecil b 19
Erfahrungspunkte von cecil b 7.882
Eine beeindruckende Review.

Mit Curd Jürgens habe ich eigentlich keine guten Erfahrungen gemacht, mit Helga Feddersen auch nicht unbedingt.

Aber, wolln mal kein Schwarz-Weiß-Denken haben.

In diesem Film schien Curd die nötige Präsenz zu haben.

Ich sah mal ne Doku über Helga, die mich beeindruckt hat.

Schön, dass du deine Reviews bei uns veröffentlichst. :)

08.12.2022 09:06 Uhr - Punisher77
1x
DB-Helfer
User-Level von Punisher77 15
Erfahrungspunkte von Punisher77 3.922
Danke für deinen Kommentar und die netten Worte.
Kann gut verstehen,dass es nicht leicht fällt,sich auf bestimmte Filme einzulassen,wenn man die Schauspieler nicht mag.

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