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Wenn die Nebel fallen

Originaltitel: Damen i svart

Herstellungsland:Schweden (1958)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Thriller, Mystery
Alternativtitel:Lady in Black, The
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (1 Stimme) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von insanity667:

Innerhalb der internationalen Filmkultur trat die schwedische Filmindustrie gerade zu Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst nur am Rande in Erscheinung. Frühe Filmschaffende wie Charles Magnusson mit seiner Produktionsgesellschaft Svensk Filmindustri, zusammen mit jungen, ambitionierten Regisseuren wie Victor Sjöström und Mauritz Stiller, verhalfen dem schwedischen Stummfilm jedoch schnell zu weltweiter Bekanntheit. Die Werke „Herrn Arnes Schatz“ und „Der Fuhrmann des Todes“ wurden aufgrund der beeindruckenden Naturkulissen, in Kombination mit schwedischer Tradition und Folklore, begeistert aufgenommen und sicherten vielen Beteiligten dieser Ära, darunter z.B. auch der von Stiller entdeckten Schauspielerin Greta Garbo, einen Platz im aufstrebenden Hollywood der 20er Jahre. Nach zwei turbulenten Dekaden der Unsicherheit und im Schatten des 2. Weltkrieges prägten in den späten 40er und frühen 50er Jahren preisgekrönte Dokumentarfilme, Dramen und heitere Komödien die nordische Filmlandschaft. Aus dieser taten sich Ausnahmeregisseure wie Ingmar Bergman oder Arne Sucksdorff hervor. Neben diesen beiden Giganten gab es da auch noch Arne Mattsson der mit seinem „Sie tanzte nur einen Sommer“ aus dem Jahre 1951 für große Aufregung auf der Berlinale 1952 sorgte und, trotz der hitzigen Diskussion um eine Nacktszene, einen Goldenen Bären mit nach Hause nehmen durfte. Und genau dieser Herr Arne Mattsson zeichnete neben „Das Brot der Liebe“ und „Es geschah in einer Frühlingsnacht“ 1958 dann für den Thriller „Damen i svart“, hierzulande „Wenn die Nebel fallen“, verantwortlich. Dieser Film bildet den Auftakt zu einer fünfteiligen Thrillerreihe um das Detektivehepaar Hillman, nach den beliebten Murder-Mystery-Novellen von Folke Mellvig.

 

Eigentlich sollte es ein Erholungsurlaub auf dem Lande für die renommierten Hillmans werden doch kurz nach ihrer Ankunft einem verschlafenen Dörfchen verschwindet eine junge Frau spurlos. Am Ort des Geschehens wird die geisterhafte Gestalt der „Dame in Schwarz“ gesehen, für viele Einwohner kein gutes Zeichen. Die Hillmans nehmen Widerwillen ihre Detektivtätigkeit auf und tun das, was sie am besten können: Herausfinden, ob es sich wirklich um eine paranormale Spukerscheinung handelt, oder ob dahinter nur ein völlig irdisches Komplott steckt…

 

Inhaltlich bietet „Wenn die Nebel fallen“ ein eher klassisches Murder-Mystery, das es aufzuklären gilt. Die Einflüsse von Agatha Christie und Edgar Wallace auf Autor Folke Mellvig und Lars Widding („The Yellow Squadron“, „Mannequin in Rot“), welcher die Novelle für die große Leinwand adaptierte, sind relativ deutlich, was aber auch eine gewisse Vorhersehbarkeit mit sich bringt. Beide Herren haben ihre Hausaufgaben offensichtlich gemacht und sich reichlich von Werken wie „Der schwarze Abt“ oder „Rächende Geister“ inspirieren lassen. Die zentrale Frage, ob hier nun wirklich ein Gespenst sein Unwesen treibt oder hinter alldem eine rationale Erklärung zu finden ist, beantwortet sich mit ein bisschen Grips relativ schnell von selbst. Trotzdem wird natürlich um all das bis zum Ende ein großes Geheimnis gemacht, ganz wie bei einer gewissen Comicserie der 80er, um einen schlaksigen Typen und seinen ängstlichen Hund mit ihrem unerschrockenen Team. Schlecht ist das nicht unbedingt, im Gegenteil, „Wenn die Nebel fallen“ ist ein insgesamt schlüssiges, interessantes, verschachteltes und gut gemachtes Stück Spannungskino, dem lediglich an ein paar Stellen, in Anbetracht der knackigen Laufzeit von fast 2 Stunden, ein bisschen mehr Pfiff gutgetan hätte. Wenn man einer gut erzählten Krimigeschichte im Gothic-Gewand mit tollen Charakteren und dem leichten Hauch eines Film Noir offen gegenüber steht, ist das aber Jammern auf hohem Niveau.

Vor der Kamera tummeln sich in „Wenn die Nebel fallen“ Annalisa Ericson („Einen Sommer lang“, „Die Gräfin mit der Peitsche“) als Kasja Hillman und Karl-Arne Holmsten („Finacée for Hire“, „Dangerous Spring“) als John Hillman, die eine wahnsinnig sympathische und frische Darbietung als zentrales Schnüffler Pärchen abliefern dürfen. Die Chemie zwischen den beiden ist der Motor für die Geschichte und trägt sowohl zur Spannung als auch zur Erheiterung bei. Auch Sidekick Freddy, dargestellt von Nils Hallberg („Das Brot der Liebe“), sorgt für ein wenig Auflockerung. Allerdings muss man erwähnen, dass der Humor im nördlichen Europa schon damals ein bisschen trockener, schwärzer und zynischer war, und man diese Form der Unterhaltung eben auch mögen muss - oder ihr gegenüber zumindest aufgeschlossen sein sollte. Des Weiteren sind Anita Björk („Frau ohne Gesicht“, „Fräulein Julie“) in der Rolle der etwas traumwandlerischen Inger von Schilden und Sven Lindberg („Mord im Studio 9“, „The Girl from the Third Row“) als ihr charismatischer aber auch zwielichtiger Ehemann Christian von Schilden zu sehen. Einige der Nebenrollen fallen zwar selten, aber dennoch merklich, dem Overacting anheim, was dem eher gediegenen und behutsamen Aufbau der Atmosphäre nicht besonders zuträglich ist.

Hinter der Kamera durfte der spätere Oscarpreisträger Sven Nykvist („Unter dem Kreuz des Südens“, „Die Jungfrauenquelle“, „Passion“, „Schreie und Flüstern“) Platz nehmen, stilsicher im Schwarz-Weiß-Format und damals schon durch sein großes Talent bekannt, sowie Anfang der 60er Jahre als Stammkameramann von Ingmar Bergman zu weltweiter Anerkennung gelangt, bereichert er mit seiner Liebe zum Detail und zu Licht – und Schatteneffekten die Bildkompositionen von „Wenn die Nebel fallen“ um ein beinahe märchenhaftes Spektrum, nahe am klassischen Gothic-Horror in der traumhaften schwedischen Provinz und an den wundervoll ausgestatteten Sets von Produktionsdesignerin Bibi Lindström („Passion“). Unterstrichen wird das Ganze durch die Klänge von Torbjörn Lundquist („Dort, wo der Berghof steht“, „Bekanntschaften“), die sich schaurig und unheimlich über das Geschehen legen, wie ein Nebel eben.

„Wenn die Nebel fallen“ kam Anfang 1958 in die schwedischen Kinos, später in diesem Jahr dann im weiteren skandinavischen Raum. 1959 konnte man den Film dann in den deutschen Lichtspielhäusern sehen, ein breiteres Publikum in Großbritannien oder den USA erreichte er abseits einiger TV-Ausstrahlungen über die Jahrzehnte jedoch nicht. 2019 nahm sich das Schwedische Filminstitut der „Damen i svart“ an und restaurierte die 35mm Originalfassung, welche man seitdem auf Netflix in beinahe perfekter Qualität anschauen kann, OT mit deutschen Untertiteln versteht sich.

 

Fazit: 

Interessant, noch vor der großen Edgar Wallace-Filmwelle und so mancher Agatha Christie-Verfilmung so ein gut geratenes Stück Spannungskino aus dem hohen Norden anzusehen. Ein solider, wunderschön fotografierter und spannender Thriller mit ein wenig Humor und einer tollen Dynamik zwischen den Hauptdarstellern. Dem grätscht lediglich die lange Laufzeit und der gelegentlich etwas zu dick aufgetragene Schmalz einiger Akteure dazwischen, was „Wenn die Nebel fallen“ aber keineswegs weniger empfehlenswert macht.

8,5/10 Punkte

8/10
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Kommentare

24.01.2023 13:58 Uhr - Intofilms
1x
„Damen i svart“ - die ‚Frau in Schwarz‘ - das gefällt mir wie überhaupt alles, was ich hier lese. Sehr schöne Filmauswahl, ansprechend und kompetent vorgestellt. So macht das richtig Spaß, Insi! 😁

24.01.2023 14:12 Uhr - Insanity667
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Oh lieber Intofilms, wenn Dich das schon reizt, dann freue Dich auf das, was da noch kommen mag! 😁 Vielen Dank für das Lob! 🙂

24.01.2023 17:45 Uhr - Dissection78
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Jawoll! Eine hochinteressante Vorstellung. Schön, mal wieder etwas von Dir zu lesen, Insanity. Die Hillman-Reihe ist bzw. war ja eine gute Zeitlang quasi unmöglich auf Scheiblette zu bekommen. Ich weiß auch überhaupt nicht, wie es heuer darum steht, besonders im Hinblick auf die letzten beiden Filme "Lady in White" und "The Yellow Car". Schön, dass Netflix anscheinend zumindest bei "Wenn die Nebel fallen" und "Mannequin in Rot" Abhilfe schuf, von letzterem gab es mal eine schwedische DVD im O-Ton von anno dunnemals (bei "Die Gräfin mit der Peitsche" weiß ich's gerade nicht).

Und ja, Du hast dieses Stück Film gut getroffen. Nimmt einiges aus der deutschen Edgar-Wallace-Reihe vorweg, ist dabei - so hat es jedenfalls für mich den Anschein - von der "Thin Man"-Reihe inspiriert, mit einem Vorlaufer von Eddi Arent aus den Wallace-Filmen in Gestalt von Nils Hallberg. Beim Nachfolger "Mannequin in Rot", ebenfalls aus dem Jahr 1958, wird es dann besonders interessant, weil ich den Verdacht hege, Mario Bava hat sich hierbei durchaus für seinen Giallo-Klassiker "Blutige Seide" bedient (kann allerdings tatsächlich auch nur ein wilder Zufall sein). "Mannequin in Red" sieht ein wenig aus wie die Blaupause dafür und ist im Gegensatz zu "Wenn die Nebel " 'in Farbe und bunt'. Quasi ein Proto-Giallo. Schönes Werk.

Regisseur Arne Mattsson drehte rund dreißig Jahre später übrigens den in Deutschland lächerlicherweise eingezogenen Thriller "Mask of Murder" (aka "Investigator") mit Rod Taylor und Christopher Lee ;)

24.01.2023 18:39 Uhr - cecil b
1x
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Was du da mal wieder auf Lager hast!

Wunderbar, dass du so oft Filme besprichst, die definitiv nicht jedem bekannt sind, und die dazu aus vielen Gründen sehenswert sind!

Und die Review ist natürlich wieder sehr gut gelungen, wie schon seit so vielen Jahren. :)

Gothic-Gewand...fein.

24.01.2023 19:23 Uhr - Insanity667
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Vielen Dank für Euer Feedback!

@cecil
Ich versuche zumindest, immer ein paar feine Sachen auszusuchen, fernab der üblichen Verdächtigen. :)

@Dissi
Ja, Du hast recht, "The Thin Man" hat mit seiner Charakterdynamik, weniger durch seine Story, die Macher hier wohl auch ein gutes Stück beeinflusst. :) "Mannekäng i rött" (ich liebe diesen Titel) werde ich demnächst auch besprechen, wenn es die Zeit zulässt. Die Parallelen zu "Blutige Seide" sind keineswegs zufällig, auch die Tatsache, dass die Hillman-Filme alle eine Farbe im Titel tragen ist kein Zufall... Mannequin in Rot, Dame in Schwarz, Ritter in Blau... etc. und welche südeuropäische Thrillergattung hat denn in den 70ern mit Schwarzen Taranteln, grauen Samt, grünen Stecknadeln oder gelben Gräbern im Titel geworben? Na, kommt jemand drauf? :) ;)

Edit: Ich besitze eine alte DVD-Box mit allen 5 Filmen, mit denen kann ich allerdings aufgrund fehlender Sprachkenntnisse und Untertitel nicht viel anfangen... Den Filmen könnte sich ruhig mal ein gnädiges Label annehmen. :(

25.01.2023 11:06 Uhr - TheRealAsh
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Wow, danke für diese Vorstellung, du weißt ja, dass ich der svensk filmindustri einiges abgewinnen kann, aber der war mir hier nicht bekannt, hört sich wirklich sehr gut an und werde ich mir auf die Liste setzen:-)

25.01.2023 15:41 Uhr - TheMovieStar
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Habe ich noch nicht gesehen, dürfte aber nicht uninteressant sein, vor allem für mich als alten Krimi Liebhaber. Auch wenn ich Filme jener Jahrgänge eher selten gucke, hast Du mein Interesse geweckt.

Danke Dir für die tolle Vorstellung.

26.01.2023 12:40 Uhr - NoCutsPlease
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Ein Mysterythriller aus dem Schweden der späten 50er Jahre, an dem Kameralegende Sven Nykvist mitgewirkt hat?
Muss ich sehen!
Gut, dass Netflix auch solche Schätze im Programm hat.

Schöne Besprechung in deinem bewährten Stil, der stets einen sehr plastischen Eindruck vom Film vermittelt.

27.01.2023 15:52 Uhr - Insanity667
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Vielen Dank auch Euch anderen Schwedenliebhabern! 🙂

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