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Töte Amigo

Originaltitel: ¿Quien sabe?

Herstellungsland:Italien (1967)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Western
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,86 (14 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Das blutige Finale der Revolution lodert über Mexiko. "Im Namen des Vaters!" schreit El Santo, der Heilige, und wirft eine entsicherte Handgranate in den Kasernenhof der Regierungstruppen, die gerade ihren Morgenappell abhalten. El Santo gehört zur Bande von El Chuncho und dem geheimnisvollen Amerikaner Bill, genannt El Gringo. Gemeinsam stürmen sie das Fort, um Munition und Waffen zu erbeuten und diese an den Revolutionsgeneral Elias zu verkaufen. (Koch Media)

Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von punisher77:

                                                       TÖTE AMIGO

Die mexikanische Revolution, bzw. der mexikanische Bürgerkrieg begann im Jahr 1910, als oppositionelle Gruppen – angeführt von Francisco Madero (1873-1913) – sich gegen den Langzeitpräsidenten Porfirio Diaz (1830-1915) erhoben, der das Land wie ein Diktator regierte. Es folgten blutige Kämpfe und Unruhen, die weit bis in die 1920er Jahre reichten und große Teile Mexikos betrafen, und in die auch die USA eingriffen. Dieser historische Abschnitt erregte das Interesse zahlreicher Filmemacher wie Elia Kazan (Viva Zapata, 1952), Howard Hawks (Schrei Der Gehetzten, 1954) und Richard Fleischer (Bandido, 1956). Aber auch in Europa fand die mexikanische Revolution bald im Kino statt. Der für seine gesellschaftskritischen Mafia – und Politthriller berühmte Regisseur und Drehbuchautor Damiano Damiani (Der Clan, Der Seine Feinde Lebendig Einmauerte, 1971) schuf mit seinem ersten und einzigen Italowestern Töte Amigo (1966) nicht nur einen Klassiker, sondern begründete damit auch gleich ein neues Subgenre: Den Revolutionswestern. Damianis „Geburtshelfer“ waren die Drehbuchautoren Salvatore Laurani (Fluch Der Schönheit, 1953) und Franco Solinas (Tepepa, 1968), die Filmmusikkomponisten Ennio Morricone (Spiel Mir Das Lied Vom Tod, 1968) und Luis Bacalov (Django, 1966), Kameramann Antonio Secchi (Django – Unbarmherzig wie Die Sonne, 1968) sowie die Darsteller Gian Maria Volonte (Für Ein Paar Dollar Mehr, 1965), Lou Castel (Mögen Sie In Frieden Ruh´n, 1966), Martine Beswick (James Bond 007 – Feuerball, 1965) und Klaus Kinski (Leichen Pflastern Seinen Weg, 1968).

El Chuncho (Gian Maria Volonte) führt eine Räuberbande an, die sich auf Waffendiebstahl spezialisiert hat. Die Beute überlässt er den Revolutionstruppen, wofür er sich gut bezahlen lässt. El Chunchos Traum ist es, ein Maschinengewehr zu erbeuten, denn erst mit dieser wertvollen Waffe lässt sich richtig Kohle machen. Eines Tages schließt sich ihm der undurchsichtige US-Amerikaner Nino (Lou Castel) an, der schnell das Vertrauen des Bandenchefs erlangt …

Töte Amigo gehört zu den Klassikern des Italowesterns und taucht im Grunde in jeder Genre-Top Ten/Twenty (z.B. in der Liste der 25 beliebtesten Italowestern in Ulrich E Bruckners Standardwerk Für Ein Paar Leichen Mehr, die auf einer Online-Umfrage basiert) auf. Dabei kam der Film zunächst in einer um 17 (!) Minuten gekürzten Fassung nach Deutschland, die viele wichtige inhaltliche Aspekte unter den Tisch fallen ließ und stattdessen die bleihaltigen Schauwerte in den Vordergrund stellte, was auch prompt zur Indizierung des Films führte. Außerdem ist der Originaltitel Quien Sabe? (=Wer weiß?) deutlich passender als der „markige“ deutsche Verleihtitel. Die wahre Klasse des Films zeigt sich also nur in der ungeschnittenen Originalversion, zumal Damiano Damiani mit Töte Amigo keinen 08/15-Italowestern inszeniert hat, wie der deutsche Titel suggeriert.

Ähnlich wie in seinen späteren Thrillern wollte Damiani, der sich weigerte, Töte Amigo als „Western“ zu bezeichnen und stattdessen von „einem politischen Film“ sprach, nicht nur unterhalten, sondern auch Kritik üben. Dabei ergreift Damiani für keine der an den Kämpfen der Revolution beteiligten Gruppen eindeutig Partei. So zeigt er z.B., dass sich die Freiheitskämpfer und die Soldaten der Regierung in puncto Grausamkeit in nichts nachstehen. So zeigt er zwischendurch immer wieder Bilder von getöteten Unbeteiligten, die im Kreuzfeuer der Revolution umkamen und wie stumme Ankläger wirken. Weitere Seitenhiebe in Richtung mexikanische Regierung verteilt Damiani, indem er die Befehlshaber während des Zugüberfalls zum Auftakt als unentschlossene Zauderer darstellt und auch mit die zur Verfügung stehenden Soldaten können in ihrem Kerngeschäft nicht gerade glänzen. Aber nicht nur das mexikanische Militär kommt nicht gut weg. Töte Amigo kritisiert auch diejenigen, die sich an Kriegen bereichern. So wird der von Gian Maria Volonte hervorragend und authentisch gespielte El Chuncho zu Beginn des Films als souveräner, mysteriöser Bandenführer in Szene gesetzt, dem man abnimmt, das sein Herz für die Unterdrückten schlägt. Dass dem nicht so ist, wird schnell klar, aber Töte Amigo ist kein Film, dessen Plot sich allzu früh in die Karten schauen lässt, weshalb sich El Chuncho immer wieder neu positionieren muss. Insbesondere im Schlussdrittel hält der Revolutionswestern noch so manche Überraschung parat. Somit hebt sich Töte Amigo inhaltlich deutlich vom Gros der meisten Genrefilme ab, die Mitte der Sechzigerjahre, als Italowestern quasi im Wochentakt veröffentlicht wurden (Und ihr beschwert Euch über die Schlagzahl, die die Marvel Studios an den Tag legen…), in die Kinos kamen. Sogar weltpolitische Parallelen konnte man in Töte Amigo, der zur Zeit des Vietnamkriegs entstand, erkennen, die vor allem an der Figur des von Lou Castel festgemacht wurden. Aber nicht nur dieser Krieg, bzw. die Rolle der Vereinigten Staaten in diesem Konflikt, fanden Nachhall in Töte Amigo. Friedemann Hahn verglich die Handlung von Töte Amigo 1971 in seinem Buch Der Italowestern: Eine Szenische Dokumentation mit damaligen revolutionären Situationen in Lateinamerika. Und auch in späteren Jahrzehnten sollten die USA eine ähnliche Rolle in der Weltpolitik spielen wie sie in Damiano Damianis Westernklassiker.

Lou Castel ist für Töte Amigo mindestens ebenso wichtig wie Volonte. Castel überzeugt schauspielerisch genauso wie sein Companero: Mit seiner undurchsichtigen, nahezu bewegungslosen Mimik und in dem feinen Nadelstreifenanzug, den er den gesamten Film über nicht ablegt, strahlt er eine kaum zu übertreffende Arroganz auf und sein Verhalten wirft die gesamte Spieldauer über die Frage auf, welche Ziele der Amerikaner überhaupt verfolgt.

Unterstützt werden die beiden Hauptdarsteller von einer Riege hervorragender Nebendarsteller wie z.B. Klaus Kinski in der Rolle von El Chunchos Bruder El Santo, einem – typisch Kinski – ziemlich tollwütig veranlagten Streiter für die Revolution in Mönchskutte. Bedauerlich ist nur, dass sein Part ziemlich klein ausgefallen ist. Von Kinskis El Santo hätte man gern mehr gesehen. Ebenso bemerkenswert ist Martine Beswick in der Rolle Adelita, die El Chuchos einziges weibliches Bandenmitglied darstellt. Frauen sind im Italowestern oft nur schmückendes Beiwerk, aber hier hat Damiani eine Frau installiert, die ihren eigenen Kopf hat und sich nicht unterbuttern lässt. Ähnliches gilt für Carla Gravina (Der Weg Zurück, 1960), die in einer bemerkenswerten (und damals herausgeschnittenen) Szene mit El Chucho und seinen Männern verhandelt, da ihr eigener Göttergatte zu feige dazu ist.

Aber Töte Amigo ist natürlich – trotz seiner gesellschaftskritischen, politischen Einflüsse und auch, wenn Damiano Damiani es anders sah – ein Italowestern, der über alle Markenzeichen und Schauwerte eines solchen Genrefilms verfügt und diese in hervorragender Qualität präsentiert. So bietet die Geburtsstunde des italienischen Revolutionswesterns gleich zu Beginn einen spektakulären Zugüberfall, in dessen Verlauf reichlich Blei durch die Luft fliegt und Leichen den Weg von El Chuncho und seinen Spießgesellen pflastern. Auch im Anschluss kommt es regelmäßig zu teilweise mit Explosionen garnierten Feuergefechten und wenn El Santo in die Schlacht eingreift, sollte man als dessen Gegner besser vorher noch mal ein Vaterunser gesprochen haben. Die Leichenberge türmen sich in schwindelnde Höhen und auch wenn mancher Filmfan sicherlich bemängeln dürfte, dass die 18er-Freigabe des Streifens heute nicht mehr zeitgemäß sei, ist Töte Amigo nicht unbedingt harmlos, wenn man sieht, mit welcher Selbstverständlichkeit und Kaltschnäuzigkeit hier teilweise die Lebenslichter ausgepustet werden.

Erstaunlich ist, dass der Showdown die Erwartung des Publikums (sicherlich) unterläuft und damit einmal mehr eigene Akzente setzt. Nach allem, was Töte Amigo zuvor an Action geboten hat, dürften sicher nicht wenige Zuschauer zum Abschluss im Lager des General Elias (Jaime Fernandez – The River And Death, 1954) ein epochales Blutbad erwartet haben, wie es zwei Jahre später Sam Peckinpah in The Wild Bunch – Sie Kannten Kein Gesetz (1969) zelebrierte. Doch hier geht Damiani einen anderen Weg und das Ende des Films ist der brillante und noch lange nachwirkende Schlussakkord eines Meisterwerks.

Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass Töte Amigo aber auch einige, wenn auch nur ganz kleine Schwächen hat. Klaus Kinskis zu kleine Rolle wurde bereits erwähnt. Hinzu kommt, dass sich der Beginn des Films etwas zieht und man sicher auch etwas flotter zur eigentlichen Handlung hätte kommen können. Zudem stößt es – zumindest mir – etwas sauer auf, dass für den Töte Amigo-Soundtrack, an dem es sonst nicht das Geringste auszusetzen gibt, ein Lied aus Django (1966) recycelt wurde, das auch noch ziemlich oft eingespielt wird. Vielleicht sehe ich das etwas zu eng, aber Töte Amigo ist – im Gegensatz zu vielen, vielleicht sogar den meisten Italowestern – keine Low Budget-Produktion, die es nötig gehabt hätte, ein Lied aus einem anderen Film zu verwenden.

Aber das sind – wie gesagt – nur Kleinigkeiten. Töte Amigo ist ein hervorragender, von Damiano Damiati kompetent inszenierter Italowestern, der durch eine spannende Geschichte, begeistert, überzeugend agierende Darsteller vor einer gekonnt geführten Kamera versammelt, und gesellschaftskritische Akzente setzt, ohne dabei die typischen Qualitäten eines klassischen Italowesterns zu vernachlässigen. Somit erfüllt der Film die Erwartungen von Zuschauern, die sich von Töte Amigo etwas mehr versprechen als eine 08/15-Rachegeschichte, während Fans der reinen Italowestern-Lehre keinen moralisierenden „Laberfilm“ befürchten müssen, sondern ebenso auf ihre Kosten kommen.


 

9/10
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Kommentare

24.03.2023 07:26 Uhr - dicker Hund
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Seit Ashs Review ist der Titel auf meinem Radar, aber noch nicht nachgeholt. Auch hier ansprechend und informativ beschrieben, kamen mir wieder die Assoziationen zu "Red Dead Redemption" hoch. Klaus Kinski sehe ich inzwischen häufiger in Kurzvideos mit seinen Ausrastern als in den eigentlichen Filmen mit seiner Beteiligung.

24.03.2023 08:25 Uhr - Punisher77
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Vielen Dank, dicker Hund.
Kinskis Ausraster sind legendär, und obwohl mir die Person an sich nicht gerade sympathisch war/ist, hat er doch ein paar gute Filme gemacht. "Leichen Pflastern Seinen Weg" und "Satan Der Rache" sind auch exzellente Italowestern mit ihm.

24.03.2023 14:25 Uhr - TheMovieStar
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Schönes Comeback Review nach deiner etwas längeren Pause Puni. Wie gewohnt erstklassiger Lesestoff informativ und unterhaltsam zu gleich, saubere Arbeit! Obwohl ich jetzt kein Western Fan bin habe ich deine Zeilen sehr gerne gelesen.

Der Film sagt mir vom Namen her was und wahrscheinlich werde ich Ihn auch schon mal gesehen haben. Müsste ihn aktuell nochmal gucken um selbst eine Wertung für den Film abgeben zu können.

Das Review ist auf jeden Fall top!

24.03.2023 18:26 Uhr - Punisher77
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Vielen Dank für die lobenden Worte.
Eigentlich bin ich auch kein "richtiger" Western -Fan,aber Italowestern wie diesen hier mag ich sehr.

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