SCHNITTBERICHTE | # | A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z
Titel suchen:
A Plague Tale: Requiem · Erlebe ein tolles neues Abenteuer für Hoffnung · ab 57,99 € bei gameware Dying Light 2 [uncut] · Stay Human · ab 64,99 € bei gameware

Human Centipede - Der menschliche Tausendfüßler

Originaltitel: The Human Centipede (First Sequence)

Herstellungsland:Großbritannien, Niederlande (2009)
Standard-Freigabe:FSK keine Jugendfreigabe
Genre:Horror
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,08 (93 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Auf einem Road-Trip durch Deutschland haben die beiden Amerikanerinnen Lindsay und Jenny eine Reifenpanne.Hilfsuchend kommen sie zu dem abgelegenen Haus des deutschen Chirugen Dr. Heiter.Der sehr hilfsbereit und freundlich wirkende Mann entpuppt sich allerdings später als kranker Psychopath der die beiden Mädchen in seinem Keller einsperrt und mit ihnen und einem weiteren Gefangenen eine kranke, perverse und wahnsinnige Operation durchführen will. ()

eine kritik von cecil b:

Nur wenige Filme unserer Zeit haben eine so polarisierende Wirkung wie The Human Centipede. Vielleicht ist es seine größte Stärke, dass er wohl von keinem Filmfan oder Kritiker argumentativ klar in den Himmel gelobt oder in den Keller geschmissen werden kann. Die Reaktionen sind: Zuschauer verlassen angeekelt das Kino, heiteres Gelächter, harsche Kritik, ein Ansturm von Interpretationen. Die größten Feinde der Kunst werden also vermieden: Langeweile und  Belanglosigkeit. Ein sehr interessanter Film!


Die erste gute Idee ist die Gegenüberstellung von Dr. Heiter und seinen baldigen Opfern, indem diese Figuren im Wechsel vorgestellt werden. Dr. Heiter versprüht einen kalkulierten Wahnsinn und eine bedrohliche Entschiedenheit, während seine Opfer dümmliche unbedachte Gören sind. Und was zuerst äußerst platt und albern wirkt, stellt sich im Nachhinein als geschickte Finte heraus. Die Gören wirken brachial Klischee-mäßig und lächerlich, und neben Herrn Dr. Heiter sind auch Randfiguren vollkommen überzogen. Aber der vermeintliche  Teeniehorror verwandelt sich stilistisch wie inhaltlich zu einer erschreckenden, ungewöhnlichen Mischung aus Farce und Horrorthriller. Laut Regisseur Tom Six ist diese Finte bewusst gelegt, was man ihm nach dem anfänglichen Ärgerniss nur gut zusprechen kann. Der Kontrast sitzt, auch wenn der Humor immer wieder ('Gott' sei Dank!) durchblitzt. Die Inszenierung untermalt den stilistischen Kontrast sehr gekonnt!

Nachdem die überschminkten Gören stolpernd um ihre Wimperntusche fürchten, ist die Figur des Dr. Heiter ein reines Meisterwerk, was sowohl der Inszenierung als auch dem Darsteller Dieter Laser zu verdanken ist, der diese Figur sehr gekonnt mitgestaltet hat. Die Besetzung ist allein schon äußerlich perfekt, da Lasers stark ausgeprägten Adern und Sehnen durch ein gekonntes Make-Up vortreten, und somit dessen körperliche Präsenz betonen. Das kantige Gesicht und der stechende Blick vereinen sich mit einem sehr stark betonten Deutsch, bei dem jeder Laut rollt und sticht. Dr. Heiters Erscheinung fügt sich auch wunderbar in dessen sterile und ordentliche Wohnung ein. Sein Labor ist in ein bedrohlich kühlen blau gehalten, welches durch die unfassbar präzise Schärfe der Kamera kalt und scharf wie eine Messer erscheint. Lediglich vereinzelnte bedrohliche Geräusche betonen diese Kühle und 'Härte' sehr effektiv. Dr. Heiter wird durch die Kamera-Perspektiven teilweise wie ein Gemälde in Szene gesetzt, so dass er so majestätisch wirkt, wie er sich sieht. In jeder Ecke gibt es einen Insider zu entdecken, ob durch Bücher, Zeitschriften oder Bilder. Die Inszenierung ist ein kleines Meisterwerk!

Die Story spielt ständig mit dem Zuschauer, da der Stil und die Szenenabläufe in einem Moment erschrecken, um einem im nächsten Moment wieder durch makaberen Humor die Stirn runzeln oder sogar lachen zu lassen. Man kann dem Film vorwerfen zu unentschieden zu sein, aber das künstlerische Experiment geht voll auf, und sorgt für viel Spannung, wenn man sich darauf einlässt. Human Centipede ist nicht so platt wie man vermutet. Die teilweise sexuell anmutende Motivation des Dr.Heiter ist natürlich grobschlächtig, aber die mutige Idee die Figur eines sexuell frustrierten narzisstischen Egomanen zu kreieren, der durch seine Cholerik zum Kind wird, aber sich durch seine Fachkenntnisse und sein Wissen für unangreifbar hält, ist eine Karikatur und gar nicht unschlüssig. Die Erinnerung an die Experimente der Nazi-Ärzte ist obligatorisch. Was das Experiment des Dr. Heiter angeht, wird in jedem Fall die Angst davor absolut ausgeliefert zu sein angesprochen, da die Opfer nicht alleine am Leben bleiben können. In einer ähnlichen Form wurde das Ausgeliefert sein wohl noch nie in das Extrem gebracht. Die Logik sollte aber 'viel Freiraum bekommen', denn manche Darsteller (Die Polizisten) verhalten sich äußerst unglaubwürdig.

 Es gibt viele Interpretationsmöglichkeiten, womit Human Centipede auch die selbstständige Kreativität fordert. Warum ist das 'erste Glied des Tausendfüsslers' ein andauernd auf japanisch quasselnder Japaner, der von seinem 'Schöpfer' ein "Führer" genannt wird? Sieht man in dem Tausendfüssler eine symbolische Armee, von der das einzelnde Glied- 'das Individium'- nicht selbstständig handeln kann, so ist es doch schlüssig, dass niemand ernsthaft mit den 'wahren Führer' kommunizieren kann. Man kann sich an H. R. Gigers Bild der Soldaten erinnern, die wie Teile einer Kette hintereinander stehen, und jeder seinem Vorgänger den Lauf des Gewehrs an den Rücken hält. Oder an Clive Barkers Kurzgeschichte Im Bergland: Agonie der Städte, in der sich die Bewohner zweier Dörfer zu jeweiligen Giganten verbinden, um im Endeffekt beim Wettstreit um die Macht der Masse zu einem Meer aus Blut und Fleisch zu verenden.

Ein genial inszenierter und spannender Film, der durch seinen Wechsel aus Ironie und Drama auf Trapp hält, überrascht, und in den Magen schlägt. Human Centipede überrascht auch daher, weil er nicht so detailliert und platt voyeuristisch mit der grauenvollen 'Metamorphose' umgeht, wie man vermutet. Vielleicht ein Film der sich nur durch das Auge des Zuschauers richtig entfalten kann, und damit zu einem Kunstwerk wird wie die Klassiker eines Dario Argentos. Man sollte The Human Centipede unbedingt auf Englisch sehen, da Dr. Heiter so oder so auf Deutsch spricht, und der Kontrast zu dem (ohnehin sehr simplen) Englisch noch intensiver macht. 

 

INFO: Dieter Laser, der Dr. Heiter gespielt hat, ist in einer fundamentalistisch christlichen Sekte aufgewachsen, für die Schauspielerei eine Sünde ist! Diese Sekte hat er sichtbar hinter sich gelassen.

P.S.: Ich danke Deathking, der mir diesen Film ausgeliehen und empfohlen hat!  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

8/10
Weiter:
mehr reviews vom gleichen autor
Nur
cecil b
5/10
Batman,
cecil b
9/10
Messer
cecil b
8/10
zehnte
cecil b
9/10
die neuesten reviews
Nope
Phyliinx
9/10
Im
Insanity667
10/10
Ice
Punisher77
7/10
Predator
Film_Nerd.190
10/10
Nur
cecil b
5/10
Cold
Insanity667
4/10
Bad
McGuinness
6/10
kommentar schreiben

Um Kommentare auf Schnittberichte.com veröffentlichen zu können, müssen Sie sich bei uns registrieren.

Registrieren (wenn Sie noch keinen Account hier haben)
Login (wenn Sie bereits einen Account haben)