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Tyrannosaur – Eine Liebesgeschichte

Originaltitel: Tyrannosaur

Herstellungsland:Großbritannien (2011)
Genre:Drama
Bewertung unserer Besucher:
Note: 8,00 (6 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

Joseph ist kein guter Mensch. Jähzornig pöbelt sich der einsame Trinker in Feinripp und Jogginghose durch ein verpfuschtes Leben, verzweifelt schier an einer Umwelt, deren pragmatische Ignoranz aus den kalten Schatten der verfallenden Sozialbauten erwächst. Hier im Viertel ist die Gewalt ein ständiger Begleiter, selbst wenn sie sich gegen das einzige Wesen richtet, das bedingungslos zu einem hält. In einem kurzen Moment tiefster Verletzlichkeit findet der Witwer Zuflucht im Second-Hand-Laden von Hannah. Vorbehaltlos begegnet die verheiratete Frau aus besseren Verhältnissen dem grobschlächtigen Arbeiter und bringt sein zynisches Weltbild ins Wanken. Und auch wenn Joseph sich anfangs dagegen wehrt, wird aus einer leisen Freundschaft tiefe Zuneigung. Doch als sich offenbart, welches schreckliche Geheimnis die zarte Frau in den dunkelsten Winkeln ihres Herzens verbirgt, muss Joseph erkennen, dass der Weg in eine bessere Zukunft durch düstere Untiefen führt... (www.kinokontrovers.de)

eine kritik von cecil b:

Die fortlaufende DVD-Kollektion Kinokontroverse bietet mit Filmen wie Irreversible, Michael, Santa Sangre, Ex-Drummer und Die 120 Tage von Sodom anspruchsvolle Dramen, die dahin schauen, wo andere Filme meist nur plakativ einen Blick wagen. Jeder Film dieser Reihe hat eine Nachwirkung, die einem manchmal die Kehle zuschnürt, aber auch die Gedanken so sehr anregt, dass man das Gefühl hat einem unangenehmen Thema mit einem angemessenen Anspruch begegnet zu sein. So auch Tyrannosaur, bei dem der Schauspielers Paddy Considine (Das Bourne Ultimatum, Hot Fuzz) die Regie führte. Sein Spielfilm-Debut gewann im Jahre 2011 unter anderem den British independent Award, den münchener CineVision Award, und den Regiepreis auf dem Sundance Film Festival, auf dem die Darsteller Olivia Colman und Peter Mullan auch den Spezialpreis der Jury bekamen. 

 

Der arbeitslose, verbitterte Joseph ist ein Pulverfass, dass bei jeder Gelegenheit -von denen es viele gibt- explodiert. Er hat keine Freunde, und bei seiner Familie ist er nicht gern gesehen. Er trinkt und wandert ziellos durch die Gassen eines ärmlichen Arbeiterviertel Englands und kämpft gegen Windmühlen. Er macht sich viele Feinde, er teilt aus, er steckt ein. 

Das extrem trostlose Leben in den Hinterhöfen wird von der Inszenierung sehr treffend verdeutlicht. Die Nacht verschluckt mit ihrer Schwärze alles und jeden, und selbst die Neonlampen geben nur ein schemenhaftes Licht ab. Tagsüber sieht dass sogar fast ähnlich aus, da alle Farben matt sind, und ein Graustich über allem schwebt. Die Hinterhöfe selbst haben kaum Farbe, sie sind grau, braun, und kalt. Die Kamera hält die Gesichter der Hauptfiguren Hanna und vor allem Joseph gestochen scharf fest, so dass man in Josephs Gesicht die Furchen eines sehr bewegtem Leben bis auf die Pore erkennen kann. Mit pointierter Kameraführung wird das Geschehen teilweise beobachtend, manchmal ganz nah an den Figuren, greifbar gemacht. Gewitzte Schnitte machen tatsächlich einige der effektivsten Szenen aus. Aber auch die Beleuchtung ist sehr wirksam, da die Gesichter teilweise nur schemenhaft gezeigt werden, wenn die Figuren für Joseph keine große Bedeutung haben, oder sie verdunkelt oder gestochen scharf und realitätsnah in Szene gesetzt sind, und damit die Emotionen der Figuren im Bezug auf Joseph deutlich werden. Die Inszenierung ist einfach spitze, zurecht mit Preisen überhäuft.

Die Spannung -besser gesagt Anspannung- entsteht allein schon daher, dass der Zuschauer ohne Anlaufszeit mit dem  trostlosen Leben des cholerischen Misantrophen Joseph konfrontiert wird. Man läuft mit diesem verzweifelten Menschen durch die Hinterhöfe, und wird ohne Erklärung Zeuge seines schrecklichen Lebens. Nur bruchstückhaft erklärt der Film teilsweise, wie es zu Josephs verbittertem Zustand gekommen ist. Dadurch hat man erst nur die Eindrücke eines Außenstehenden, der Zeuge davon wird wie Joseph asozial und nihilistisch seine Existenz absolviert. Um so besser, weil dies ein wichtiger Punkt des Films ist. Es geht unter anderem darüber, wer das schlichte Recht dazu hat einen Menschen zu verurteilen, ohne diesen zu kennen, aber vielleicht auch die offene Frage ob man dies denn nicht aus Selbstschutz machen muss. Erst wird der Zuschauer wohl meist zum Richter, aber mit der Zeit bekommt er ein ungefähres Verständnis dafür, warum Joseph so aggressiv ist, und dass er nicht einfach ein herzloser böser Mensch ist.

Dies wird dann immer bewusster, wenn es zu einer Gegenüberstellung von Joseph und Hanna kommt. Bei dieser Gegenüberstellung stellt sich heraus dass auch Joseph seine Vorurteile hat, die ihm zum Richter und Henker machen, aber dass die Schicksalsschläge überall ihren Platz haben, nicht nur auf Hinterhöfen. Joseph gibt sich kantig, zu feige dafür um Hilfe zu bitten, wird aber von der gläubigen Hanna nicht ein Täter genannt, sondern ein Opfer. Aber das Blatt wendet sich, und es stellt sich die Frage ob Opfer und Täter nicht meist auf dem selben Pfad wandern. Obwohl der Kampf des Richters und Henkers in diesem Fall ein Selbstschutz ist, ein Lebensszeichen, ist er ein Teufelskreis der längerfristig ins Nichts führt. Wut, Aggrression und Verzweiflung bekommen ein fast symbiotisches Verhältniss zu einander , und der Glaube ist in diesem Fall eher ein Luftschloss.

Der Glaube spielt für Hanna eine wichtige Rolle, aber diese muss sie in Frage stellen. Allein schon die biblischen Namen von Joseph (Vater von Jesu Christi) und Hanna (laut neuem Testament auch Mutter von Maria, der Mutter Christi, oder die unfruchtbare Mutter des Propheten Samuell) ist in Tyrannosaur vielleicht eine tiefere Bedeutung nachzusagen, aber man kann auch einfach vermuten dass durch die Namen schon fast sarkastisch verdeutlicht wird, wie 'weltfremd' die christlichen Hintergedanken für die Protagonisten sind. Joseph drückt dies so aus: "Gott ist nicht mein verschissener Daddy", eine andere Figur drückt es so aus: "Ich spreche zu Gott, aber er hört mich nicht". oder " Scheiß auf die Queen, scheiß auf dieses Hundeleben, scheiss auf diesen Zustand!" Und es stellt sich die Frage ob sich nicht jeder selbst am nächsten steht. Gemeinsamkeit und Freundlichkeit gibt es dazu passend nur auf einer Trauerfeier!

Tyrannosaur ist nicht nur ein heftiger Einblick in das bittere Leben der englischen Arbeiterviertel, er analysiert geradezu wie aus Verweiflung und Aggression eine Symbiose ensteht, die ein Teufelskreis ist. Man ist ganz nah am Geschehen, und ist für den ein oder anderen Songwriter froh, der von einem Funken Schönheit im Leben singt. Aber egal wie effektiv Tyrannosaur ist, er strengt sich seine volle Laufzeit an, eine Tragödie an die andere zu reihen, und das ständige Betroffenheitsgefühl steht den Protagonisten irgendwann etwas zu überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Aber die Kritik ist auf einem hohen Niveau, denn dieser Film hat mindestens stolze 8 Punkte verdient!

P.S: Ich danke Deathking, der mit diesen tollen Film aus seiner großartigen Sammlung ausgeliehen hat!

 

 

8/10
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Kommentare

06.04.2017 10:53 Uhr - NoCutsPlease
1x
DB-Helfer
User-Level von NoCutsPlease 23
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Tolle Kritik in deinem gewohnt tiefgreifenden Stil, der viel Wert auf die Kernaussage und die künstlerischen Aspekte legt.
Der Film ist für mich absolutes Pflichtprogramm und kommt in die zeitnahe Auswahl!

06.04.2017 11:04 Uhr - cecil b
1x
Moderator
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Erfahrungspunkte von cecil b 7.516
Danke dir! Ja, der Film lohnt sich!

06.04.2017 11:07 Uhr - NoCutsPlease
1x
DB-Helfer
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Rückmeldung nach Sichtung erfolgt dann an DIESER Stelle. :)

06.04.2017 12:18 Uhr - cecil b
1x
Moderator
User-Level von cecil b 19
Erfahrungspunkte von cecil b 7.516
Cool!

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