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Sterben auf dem Land

(Originaltitel: Den'en ni shisu)
Herstellungsland:Japan (1974)
Genre:Drama, Mystery
Alternativtitel:Pastoral Hide and Seek
Bewertung unserer Besucher:
Note: 10,00 (1 Stimme) Details
eine kritik von laughing vampire:

Den'en ni shisu ist ein Film, den in Europa niemand kennt. Dies ist nicht verwunderlich, gibt es doch bis zum heutigen Tag keine einzige offizielle Veröffentlichung außerhalb Japans. Diesen Mißstand betrifft immer noch fast das gesamte filmische Werk des japanischen Avantgardisten Shûji TERAYAMA, der meiner bescheidenen Meinung nach einer der größten Künstler war, die jemals gelebt haben. Einzig der hauptsächlich wegen seiner pornographischen Szenen bekannte Film Les fruits de la passion/Früchte der Leidenschaft mit Klaus Kinski fand eine größere Verbreitung und ist heute zumindest über Großbritannien sowie Italien (mittlerweile out of print und nur noch zu Mondpreisen erhältlich) legal zu erwerben. Zudem stammt der Mittelteil des Episodenfilms Collections privées/Private Collections, der in Deutschland ungekürzt von Donau Film veröffentlicht wurde, ebenfalls aus seiner Hand, jedoch in einer beinahe ungenießbaren Version mit französischem Voice-Over. Kusa meikyû, wie sich der Beitrag nennt, gibt es in Japan ebenfalls in einer längeren Fassung.
Wieso das, obwohl Terayama nachweislich seinerzeit auch in Deutschland nicht ganz unbekannt war, als er in den 60ern und 70ern mit seiner radikalen Theatergruppe für ordentlich Skandale sorgte, die BILD-Zeitung ebenso entsetzte wie etablierte Kritiker und immerhin zwei seiner Bücher übersetzen ließ? Wie ich herausgefunden habe, ist vor allem seine Mutter dafür verantwortlich: Terayama starb sehr früh, und sein Nachlaß wurde von seiner Familie verwaltet, die scheinbar eine paranoide Angst davor hatte, seine Werke einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Da nun jedoch sowohl seine Mutter wie auch seine Witwe verstorben sind (letztere erst kürzlich im April), ist es hoffentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis sich ein etabliertes Label seiner Filme annimmt. Eureka (England)? Rapid Eye Movies? Bildstörung? Es wäre wirklich zu wünschen.
In Japan, wo ich übrigens viele Leute kennengelernt habe, die ebenfalls begeisterte Terayama-Fans sind, ist vor allem dieses Werk sehr bekannt und beliebt. Terayama ist dort in erster Linie als Schriftsteller ein Name, dessen Werke sogar in der Schule behandelt werden, aber auch seine Filme haben, ebenso wie sein Theater (seine Stücke werden immer wieder einmal aufgeführt, nicht zuletzt auch von seinen alten Freunden und Mitarbeitern), viele Anhänger. Den'en ni shisu, der laut OFDB unter dem Titel Sterben auf dem Land (direkte Übersetzung) 2003 in Berlin aufgeführt wurde, ist ein stark autobiographisches Werk: Ein Regisseur möchte seine Kindheit verfilmen, gerät dabei jedoch an seine Grenzen und beginnt, sein Leben zu hinterfragen. Er fragt sich, ob er noch existieren würde, wenn er die Vergangenheit verändert, und beschließt, in seine Kindheit und sein Heimatdorf zurückzureisen und seine Mutter zu töten. Doch es kommt anders.
Man erfährt erst nach der Hälfte des Films, daß man bis dahin lediglich einen "Film im Film" gesehen hat, aber dies ist bezeichnend für Terayamas Kunst: Man wird ständig überrascht, verwirrt, hinters Licht geführt. Die Vierte Wand wird regelmäßig gebrochen, es werden surreale Szenen eingespielt, die man nicht sofort zuordnen kann, geschweige denn, versteht. Letzteres sollte ohnehin nicht das Ziel sein. Wer meine kurze Inhaltsangabe gelesen hat, wird ohnehin bereits eine Augenbraue hochgezogen haben: Ja, er reist tatsächlich in seine eigene Vergangenheit zurück, und wie er das genau anstellt, wird dabei nicht behandelt. Es tut nichts zur Sache. Logik gibt es hier nicht, dafür wird man an allen Ecken und Kanten mit Philosophie, Existenzialismus, Kitsch und Unsinn konfrontiert, daß einem danach der Kopf dröhnt. Und ja, das Ganze macht einfach auch gewaltig Spaß.
Audiovisuell ist der Film, wie alles aus Terayamas Feder, nämlich eine wahre Freude: Quietschbunte Farben (auch sein Markenzeichen, der Regenbogen-Filter, kommt natürlich zum Einsatz, und man sieht auch mal einen Himmel, der nur aus einer roten Fläche besteht, ehe man plötzlich in eine Schwarzweiß-Szene wechselt -- und ja, es passt trotzdem alles wunderbar zusammen und ist stets mit Bedacht gewählt, um die Stimmung zu unterstreichen), ungewöhnliche Kameraeinstellungen, absolut hervorragende Musik von J.A. Seazer, der einfach alle Stilrichtungen beherrscht, und wahnsinnig detaillierte und liebevoll gestaltete Kulissen. Man entdeckt jedes Mal etwas Neues: Neue Details, neue Zusammenhänge, neue Gefühle. Dies hat bei mir noch kein Film so hervorragend geschafft wie dieser hier.
Auch die unzähligen skurillen Charaktere sind mehr als unterhaltsam und üben zudem eine starke symbolische Kraft aus: Die Mutter, die von der abergläubischen Dorfgemeinde dazu gebracht wird, ihr Kind zu ermorden und Jahre später ebenfalls zurückkehrt; der Anarchist, die Zirkusleute, das Militär... Es wird im kleinen Rahmen eine große Geschichte erzählt, die Geschichte Japans, und Terayamas Schauspieler, die zumeist aus seinem engeren Theaterkreis sind, harmonieren prächtig miteinander. Und wer sich beispielsweise wundert, warum alle Dorfbewohner weiß geschminkte Gesichter haben, der braucht nur das Wort "totenbleich" näher zu untersuchen und in den richtigen Zusammenhang zu setzen. Auch wenn es so wirkt: Nichts wurde hier dem Zufall überlassen.
Natürlich muß man sich auf so etwas einlassen, wenn man noch nicht damit vertraut ist. Weniger Mainstream als Terayama geht nicht, nicht einmal in Japan. Dennoch würde ich sagen, daß gerade dieser Film prinzipiell sehr zugänglich ist, gerade auch deswegen, weil man ihn auch einfach als audiovisuelles Feuerwerk genießen kann, ohne sich näher damit befassen zu müssen. Das ist Film, hier wird die Macht des Mediums bis an die Grenzen und darüber hinaus ausgeschöpft. Und dies ist einer der besten Filme, die jemals gedreht wurden.
Wenn ihr die Möglichkeit habt, Den'en ni shisu zu sehen, dann tut dies. Wie gesagt: Lange kann es eigentlich nicht mehr dauern, bis dieser Film auch im Westen entdeckt wird. Weit weniger großartige Künstler als Terayama wurden bereits neu entdeckt und ihr Werk in würdigen Veröffentlichungen auf den Markt gebracht. Ich besitze übrigens tatsächlich eine japanische VHS-Kassette(!) dieses Films, aber: Schaut ihn euch an. Egal wie. Und wenn ihr ihn auch nur annähernd für so ein Meisterwerk hält wie ich, dann tut es mir gleich und informiert die Labels über diesen gewaltigen Mißstand.
10/10 Punkten sind nicht nur untertrieben, sie sind Ketzerei. Aber ich finde das doofe Unendlich-Zeichen nicht auf meiner Tastatur.

10/10
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Kommentare

20.07.2014 16:57 Uhr - cecil b
DB-Co-Admin
User-Level von cecil b 18
Erfahrungspunkte von cecil b 6.136
Hört sich nach einem echten Geheimtipp für Fans von Kunstfilmen an, danke dafür ! Auch für das schön geschriebene Review !

20.07.2014 17:19 Uhr - Laughing Vampire
DB-Helfer
User-Level von Laughing Vampire 5
Erfahrungspunkte von Laughing Vampire 339
Danke sehr! ;)

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