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Nymphomaniac Vol. I

(Originaltitel: Nymphomaniac: Volume I)
Herstellungsland:Dänemark, Deutschland, Belgien, Frankreich (2013)
Standard-Freigabe:FSK 16
Genre:Drama, Erotik/Sex, Liebe/Romantik,
Mystery
Alternativtitel:A nimfomániás 1. rész
Nymph()maniac 1
Nymphomaniac 1
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,22 (18 Stimmen) Details
inhalt:
An einem kalten Winterabend findet der alte sympathische Junggeselle Seligman (Stellan Skarsgard) eine halb-bewusstlose, zusammengeschlagene Frau namens Joe (Charlotte Gainsbourg) in einer dreckigen Seitenstraße. Er nimmt sich ihrer an, bringt sie zu sich nach Hause und pflegt die schwer Verletzte. Als sie dort irgendwann wieder zu sich kommt und Joe ihre Wunden behandelt, fragt er sie, wie es zu solch einer Situation kommen konnte. Joe fängt an, Seligman ihre Lebensgeschichte zu erzählen ohne jegliche Scheu vor dem fremden Mann zu haben. Eingeteilt in acht Kapitel erzählt sie ihren Werdegang von der Geburt bis zu ihrem fünfzigsten Lebensjahr. Die eigene Lebensdiagnose ist geprägt von mannigfaltigen Facetten und erotischen Erlebnissen.
Sie schmückt die Geschichte mit Erlebnissen und Erfahrungen, die von ihren tief verborgenen erotischen und emotionalen Wünschen zeugen.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von laughing vampire:

Nymphomaniac, erster Teil. Ich bin mir bei solchen Angelegenheiten nie sicher, ob man solche Filme (ein weiteres bekanntes Beispiel wäre z.B. Kill Bill) nicht lieber als Ganzes beurteilen sollte, da sie offenbar so konzipiert und gedreht wurden und diese "Teilungen" im Prinzip nur eine Marketingstrategie sind, aber gut, belassen wir's dabei. Gerade bei Lars von Triers neuem Werk ist der erste Teil meiner Meinung nach nämlich der weitaus bessere Film, und als Ganzes hätte ich wohl weniger als 9 Punkte (ach, elende Punkte!) vergeben. Dazu aber später bei Gelegenheit mehr. Und nein, schlecht ist auch die zweite Hälfte nicht. Aber Teil eins ist schlichtweg brillant und war für mich bislang die Kino-Sensation des Jahres, wobei ich aber derzeit nur sehr selten ins Kino gehe.

Die Geschichte: Joe (Charlotte Gainsbourg) wird von Seligman (Stellan Skarsgård) verletzt von der Straße aufgegabelt und darf sich bei ihm zuhause ausruhen und ihre Lebensgeschichte erzählen. Den literaturvernarrten Junggesellen interessiert dies brennend, und er schmückt ihre Erzählungen, die, in Episodenform, das Kernstück des Films bilden, mit allerlei Anekdoten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft. Es geht dabei hauptsächlich, wer hätte es bei dem Rummel um den Film gedacht, um Joes Sexualleben: Sie hat schon als kleines Kind ihre Triebe entdeckt und in der Pubertät schließlich voll ausgelebt. Mit ihrer besten Freundin veranstaltet sie dann auch regelrechte Wettkämpfe, wer mit den meisten Männern Sex hat, und Liebe lehnt sie kategorisch ab -- vorerst zumindest. Im Verlauf der Erzählung begegnet sie ihrem ersten Liebhaber Jerome nämlich immer wieder und entwickelt nach und nach Gefühle zu ihm. Währenddessen erkrankt ihr über alles geliebter Vater schwer.

Und wieder Gainsbourg. Wieder in einer Rolle, die den vorangegangenen nicht unähnlich ist. Ja, auch ich habe erst einmal gestöhnt (wohlgemerkt nicht vor Lust oder Erregung), als ich das gelesen habe: Antichrist und Melancholia sind tolle Filme, und Charlotte mag ich ebenfalls gerne, nicht zuletzt auch, weil sie die Tochter des größten französischen Musikers aller Zeiten ist -- aber es ist doch irgendwann auch mal gut. Und dann das ganze inszenierte Drama von wegen Pornographie und was weiß ich alles. Ächz. Tausendmal gesehen. Natürlich wußte man bei der Inhaltsangabe auch überhaupt nicht, was einen tatsächlich erwarten würde. So ging ich dann, relativ ohne Erwartungen, in die O-Ton-Vorstellung, und ich war am Ende wirklich positiv überrascht: Was für ein unglaublich durchdachter, verspielter, ungezwungener Film!

Es war in der Tat eine wahre Freude, der teils recht bizarren (ersten Hälfte der) Lebensgeschichte Joes zuzuhören bzw. -sehen, die von einem brillant aufgelegten Skarsgård mit viel Witz und Liebe zum Detail kommentiert wird. Nymphomaniac hatte auf mich auf eine seltsame Art und Weise den gleichen Effekt wie ein gutes, zielloses und ungezwungenes Gespräch unter Freunden, zum Beispiel mit einem Glas Wein auf einem Balkon oder vor dem Kamin: Am Ende hat man wenig davon, aber fühlt sich doch irgendwie bereichert und zufrieden. Es gibt hier keine wirkliche Spannungskurve, keinen Klimax (was dann leider später doch noch versucht wurde), aber es macht einfach Spaß, sich darauf einzulassen, zuzuhören und sich vor allem an den vielen Anekdoten und Vergleichen zu erfreuen.

Lars von Trier konnte sich hier kreativ austoben und hat alle möglichen Belanglosigkeiten und ziellosen Gedankengänge zu einem wirklich genießbaren Film zusammengesetzt. Er läßt es sich auch nicht nehmen, etwas mit der Schnittechnik oder mit den Kameras zu experimentieren: Die verschiedenen Episoden scheinen alle mit verschiedenen Kamera gedreht worden zu sein (vielleicht auch bloß Nachbearbeitung, aber wen interessiert das), die durch Farbgebung, Körnigkeit, Kontrastwert oder sogar Bildformat stets die vorherrschende Stimmung unterstreichen. Sehr geschickt gemacht, äußerst subtil eingesetzt. Auch verwendet er viel stock footage, gerade bei Skarsgårds Ausführungen, was meist passend eingebaut wurde und für bei mir häufig für ein breites Grinsen gesorgt hat. Die Musik ist stets gut gewählt, und der Rammstein-Song hat für mich bestens funktioniert, auch wenn er doch etwas mit der eher heiteren Stimmung des ersten Teils kontrastiert und erst im zweiten einen Sinn erhält. Dies war zumindest im Kino ein toller Überraschungseffekt, da ich nicht damit gerechnet hatte und es immer gerne mag, wenn bereits vorhandene Lieder durch Filme eine neue Wirkung entfalten, im Gegensatz zu einem eigens komponierten Soundtrack. Das Lied ist übrigens ein Bonustrack des Albums von 2009.

Nur etwas hat für mich leider überhaupt nicht funktioniert: Ich konnte es zu keinem Zeitpunkt abkaufen, daß Stacy Martin (hervorragend!) und Charlotte Gainsbourg ein und dieselbe Person sein sollen. Schon optisch nicht, aber auch charakterlich wirklich überhaupt nicht. Eine bewußte künstlerische Entscheidung meinetwegen, aber bei mir ging die Rechnung nicht auf: Gainsbourg ist einfach zu eigen, und ihr melancholisches Wesen kontrastiert zu stark mit der heiteren Darstellung von Martin. Ihr ist aber absolut nichts vorzuwerfen: Ein hervorragendes Debut, und ich hoffe, noch einiges von ihr sehen zu können.

Auch weiß ich nicht, was ich davon halten soll, daß die ganzen (übrigens eher rar gesäten) Sexszenen von "body doubles" gespielt wurden: Natürlich kann man so etwas von "professionellen Schauspielern" nicht erwarten, und es wurde auch alles sehr unauffällig bewerkstelligt: Aber wäre es nicht konsequenter, dann auch wirklich mit Schauspielern zu arbeiten, die zu so etwas bereit wären? Ich fand dies immer schon ein sehr interessantes Konzept, und umgesetzt wurde es auch schon häufiger. Es gibt schließlich auch unter jenen Personen durchaus talentierte, noch unentdeckte Darsteller. Aber gut, das ist von Triers Angelegenheit, und wie gesagt fällt dies wirklich kaum auf. Als Porno funktioniert das Ganze hier ohnehin nicht.

Zuletzt sei noch gesagt, daß ich nur die bereits auf Bluray erhältliche Kinofassung gesehen habe (ich besitze übrigens die französische Bluray, die beide Teile auf einer Scheibe hat, während die deutsche Veröffentlichung noch etwas auf sich warten läßt) und durchaus auf die längere Fassung gespannt bin. Marketingstrategie hin oder her, aber gerade der zweite Teil könnte wirklich davon profitieren. Dennoch: Nur nicht davon beirren lassen. Man hat auch so bereits einen zweimal zweistündigen Film, der sich definitiv lohnt.

9/10
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