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Guinea Pig 2 - Flowers of Flesh & Blood

(Originaltitel: Ginīpiggu 2: Chiniku no hana)
Herstellungsland:Japan (1985)
Genre:Horror, Splatter
Alternativtitel:Guinea Pig 2
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Ginīpiggu 2: Ketsuniku no hana
Bewertung unserer Besucher:
Note: 7,18 (21 Stimmen) Details
inhalt:
In einer düsteren Nacht wird eine junge Frau von einem dunklen Unbekannten verfolgt und schließlich gekidnapt. Als die Frau wieder zu sich kommt, nachdem der Unbekannte sie während der Entführung betäubt hatte, findet sie sich auf einem Bett gefesselt, in einem Keller wieder. Der als Samurai verkleidete Mann, spritzt der wehrlosen Frau mit einer Spritze ein Betäubungsmittel in ihre Vene, bis diese nichts mehr merkt. Als diese ihr Bewusstsein verloren hatte, fängt der geisteskranke Psychopath an, ihr mit verschiedenen Amputationswerkzeugen Gliedmaßen vom Körper zu schneiden. Dabei kommentiert er immer wieder die Schönheit der amputierten Körperglieder, und weist auf die Ähnlichkeit der Schnittstellen zu roten Blüten hin. Nachdem der Irre mit genüsslicher Hingabe sein Opfer komplett zerstückelt hatte, fügt er die einzelnen Gliedmaßen und Innereien einem für ihn kunstvollem bizarren Gebilde hinzu – den „Flowers of Flesh & Blood"...
eine kritik von laughing vampire:

Als ich noch etwas jünger war und mich häufig in Internetforen rumtrieb, war immer wieder mal von einer Reihe japanischer Schockfilmchen namens The Guinea Pig die Rede, die mitunter die brutalsten Filme aller Zeiten sein sollten. So wurde es mir damals gesagt. Ich weiß noch genau, wie ich mich anschließend etwas genauer darüber informierte und mir anhand der Bilder und Beschreibungen schwor, mir diese Filme niemals anzusehen. Lange hielt dieser Schwur jedoch nicht, denn neugierig wie ich war und immer noch bin, fand ich eine hübsche, überteuerte österreichische Ausgabe in einer Steelbox bei meinem damaligen Händler. Ich kaufte sie ohne zu zögern. Glücklicherweise war ein guter Freund zu Besuch, und somit wagten wir uns noch in der selben Nacht an diese Reihe -- was damit endete, daß wir uns alle sechs Filme am Stück anschauten. Sommerferien unter Filmfreaks. Ganz so schlimm wie befürchtet war's dann aber doch nicht. Aber sehr interessant.

Teil 2, Chiniku no hana, dürfte wohl der berüchtigste Teil sein. Es geht um einen von der Schönheit menschlicher Organe besessenen Psychopathen im Samuraikostüm, der eine Frau entführt, unter Drogen setzt und sie mit allerlei Gegenständen zerstückelt und auseinandernimmt, nur um sie schlußendlich Teil seiner bizarren "Sammlung" werden zu lassen (so wie ich diesen Film zu einem Teil meiner eigenen bizarren Sammlung machte).

Produzent der Reihe und Regisseur dieses Machwerks ist Hideshi Hino, der mir Jahre später vor allem als wirklich kreativer Comiczeichner ein Begriff ist. Auf ihn möchte ich etwas zu sprechen kommen, da mir für das Verständnis dieses sehr roh daherkommenden, knapp dreiviertelstündigen Filmchens ein gewisser Hintergrund notwendig scheint. Hino wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in der Mandschurei als Sohn japanischer Auswanderer in dieser ehemaligen Kriegskolonie geboren. Sie mußten kurz darauf in die Heimat fliehen, und der kleine Hino erlebte zu dieser Zeit viel Unschönes, was er später in seinen oft stark autobiographischen, aber surrealistisch verzerrten Werken verarbeitete: Gewalt, Elend, Ausgrenzung, Hoffnungslosigkeit. Auch in Tokyo wurde es nicht viel besser, denn der Schrecken des Kriegs war noch überall spürbar, besonders in der industriellen Umgebung, in der die Familie wohnte und arbeitete. Zudem heißt es, sein Großvater soll ein Mitglied der Yakuza gewesen sein, auch das ist häufig ein Teil seiner Erzählungen. Fasziniert vom Kino der damaligen Zeit entschloß sich Hino, ebenfalls Filme zu drehen, aber es kam anders, als seine sehr ungewöhnlichen Comics in alternativen Zeitschriften abgedruckt wurden und er es damit schließlich zu einiger Bekanntheit brachte.

Seine Werke sind geprägt von einem sehr eigenen, abstrakten Zeichenstil: Niedliche Figuren mit verzerrten Proportionen und übergroßen blutunterlaufenen Augen, starke Schwarz-Weiß-Kontraste, Licht und Schatten, Mond und Sterne, und fast immer sehr viel Blut. Die Geschichten drehen sich meist um menschliches Elend, Entfremdung, Krieg, Krankheit, Tod und Mythologie. Jedoch sind sie stets von kindlicher Sehnsucht nach Glück und Geborgenheit gekennzeichnet, und die sehr starken Kontraste sowohl in den Geschichten als auch in den Zeichnungen, die Niedliches und Groteskes aufeinander treffen lassen, hinterlassen nicht selten einen sehr melancholischen Eindruck. Nie steht tatsächlich die Gewalt an sich im Mittelpunkt, auch wenn die blutigen Szenen stets ausufern und stark stilisiert daherkommen: Es sind die Auswirkungen, der Umgang mit ihr und der Wunsch nach einem Ende des Grauens. Eines meiner Lieblingswerke ist beispielsweise Jigoku shōjo (Hell Baby auf Englisch) um ein gestorbenes Mädchen, dessen Leiche durch ein Wunder auf einer Müllhalde wiederbelebt wird und das als Zombie zu seiner Familie zurückkehren möchte, dort jedoch nur Ablehnung erfährt. Voller Haß beginnt es, wahllos Leben auszulöschen, bis es schließlich die Sinnlosigkeit des Ganzen erkennt und in einer wunderschön traurigen Schlußszene mit Tränen in den Augen wieder ins Reich der Toten zurückkehrt. Gefühllos ist jemand, der so etwas erdenken und zeichnen kann, auf keinen Fall. Als kleine Randbemerkung sei erwähnt, daß Hinos Comics in Japan vor allem von Mädchen heiß geliebt werden, was in Europa eher bizarr erscheinen mag, weil man einen ganz anderen Umgang mit Gewaltdarstellung in der Kunst hat -- in Asien ist dies jedoch tief in der Kultur verwurzelt.

Mit dieser Filmreihe, die ursprünglich nur aus zwei zeitgleich auf Videokassette erschienenen Titeln bestand, wollte Hino laut eigener Aussage kompromißlosen Horror zeigen: Horror ohne Handlung, ohne Spannungsbogen, ohne ein Gefühl der Hoffnung. Im ersten Film Akuma no jikken, gedreht von seinem Kollegen Satoru Ogawa, wird dies eher durch psychische denn rein physische Gewalt an einer Frau durch eine Gruppe von Männern ausgedrückt. Sie wird wiederholt geschlagen, getreten, mit Tiereingeweiden und Würmern überschüttet und lauten Geräuschen über einen fixierten Kopfhörer gefoltert; am Ende wird ihr Auge von einer Nadel durchstochen. Mehr nicht. Ein absolut sinnloses, menschenfeindliches Verbrechen, primitiv gefilmt und abstoßend. Hino selbst geht etwas mehr ins Extreme: "Seine" Frau wird gleich komplett zerstückelt, langsam, in Nahaufnahme und äußerst realistisch, wenngleich die lauten Soundeffekte zugegebenermaßen auch aus einem Hong-Kong-Actionfilm der damaligen Zeit stammen könnten. Das Ganze ist sehr rituell gehalten, und der weiß geschminkte (wir erinnern uns: die ostasiatische Farbe des Todes und der Toten) Samurai kündigt jede neue Tat auf theatralische Art und Weise an, ehe er am Ende das "Lied der Hölle" (übrigens auch genau so in einigen seiner Comics wiederzufinden, beispielsweise in Akai hebi/Red Snake) zum Besten gibt.

Ein echter, kompromißloser Horrorfilm also. Das kennen wir auch von unserem geliebten Moralfetischisten Michael Haneke, dessen Funny Games leider viel zu unterhaltsam ist, um wirklich als solcher durchzugehen. Mit seiner Mischung aus bewußt billiger Machart und äußerst realistischen Effekten hinterläßt Chiniku no hana jedoch tatsächlich den gewünschten Eindruck: Dieser Film macht garantiert keinen Spaß. Er zeigt die grausame, blutige Hinrichtung einer Frau, nicht mehr und nicht weniger. Am Anfang wird sogar noch suggeriert, daß es sich dabei um die "Nachstellung eines zugespielten Videos" handele, was natürlich Quatsch ist, aber scheinbar von nicht wenigen Zuschauern geglaubt wurde. Die Geschichte ist in bestimmten Kreisen allgemein bekannt: Sogar mit dem FBI bekam man es zu tun, und das Team wurde von den japanischen Behörden schließlich dazu gezwungen, ein Making-Of nachzureichen. Wenn das mal nicht erstklassige Werbung ist, dann weiß ich auch nicht. Seither hat sich die Reihe auch außerhalb Japans wie ein Lauffeuer verbreitet und seinen Ruf erhalten.

Wenn man dies allerdings bewerten soll, wird es schwierig, denn es handelt sich hierbei, wie erwähnt, um einen reinen Experimentalfilm, der vor allem dem Zweck dienen soll, sein Publikum zu schockieren und zu verstören. Das ist den Machern natürlich gelungen. Dennoch lassen sich bei Hino im Gegensatz zu Ogawa durchaus künstlerische Ambitionen ausmachen: Das symbolträchtige Auftreten des Mörders, die Hinrichtung eines Hahns (ob es sich dabei um Tiersnuff handelt oder nicht, kann ich nicht genau sagen, Zartbesaitete sollten also vorsichtig sein), der Einsatz verschiedener Farben, Kameraperspektiven, Zeitlupe und Soundeffekten sowie das Höllenlied am Ende des Films heben sich ab. Auch die Art und Weise der Zerstückelung, die so in der Realität übrigens garantiert nicht möglich wäre, ohne daß das Opfer noch vor dem finalen Akt verblutet, sowie die bizarren Monologe laden zur Interpretation und Analyse ein. Worauf will Hino wirklich hinaus? Daß er ein Künstler ist und etwas zu sagen hat, ist für mich als Kenner seiner anderen, wesentlich bedeutenderen Werke unbestritten. Aber zu ungelenk, zu primitiv ist im Endeffekt dieser Film, um ihn wirklich tiefgründiger zu betrachten.

Mit Manhole no naka no ningyo (Mermaid in a Manhole) lieferte er später noch einen zweiten Beitrag zur Serie ab, der dann auch wirklich eine sehr bizarre und symbolträchtige Geschichte erzählt, die zu seinem Hauptwerk, den Comics, viel eher paßt als dieses (teuflische) Experiment. Auch jener sehr surrealistische Film, auf den ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte, kommt im selben Amateurlook daher, schafft es aber, den Zuschauer weitaus stärker in seinen Bann zu ziehen und zum Nachdenken zu bewegen. Zumindest, wenn man sich darauf einläßt.

Zu beiden Filmen soll es übrigens auch eine Comicvorlage geben, die ich jedoch noch nicht gefunden habe. Leider sind Hinos Comics nur schwer zu finden, sowohl in Japan, wo ich sie nur in einigen sehr speziellen Geschäften gebraucht und nicht ganz billig fand, als auch im Ausland. Englische Übersetzungen, die größtenteils out of print sind, existieren immerhin einige (wer sucht, der findet), und auch in Frankreich scheint er mittlerweile etwas im Kommen zu sein. Von den wenigen deutschen Ausgaben, die vor ein paar Jahren erschienen sind, ist übrigens abzuraten: Es sind grauenhafte Zweitübersetzungen aus dem Englischen, und dazu noch völlig überteuert. Gerade Hinos Comics erschienen in Japan stets mit sogenannten Furigana, die ein Lesen und Übersetzen auch ohne Kenntnisse der chinesischen Schriftzeichen möglich machen und die überdies auch deutlich machen, daß vor allem Kinder und Jugendliche seine eigentliche Zielgruppe sind. Für diese Faulheit gibt es keine Entschuldigung: Selbst ich hätte das mit meinen noch ausbaufähigen Sprachkenntnissen problemlos hingekriegt.

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