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Harakiri

Herstellungsland:Japan (1962)
Genre:Drama, Eastern
Bewertung unserer Besucher:
Note: 10,00 (7 Stimmen) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von laughing vampire:

Nach Guinea Pig: Chiniku no hana nun also gleich einer der ganz großen Klassiker des japanischen Historienfilms. Ein gewagter Übergang? Nicht ganz: Tatsächlich ist Seppuku, wie dieses Werk im Original heißt (Der uns geläufigere Begriff und internationale Filmtitel Harakiri hat dieselbe Bedeutung, ist jedoch ein umgangssprachlicherer Ausdruck bzw. die rein japanische Lesart derselben Schriftzeichen), einer der Lieblingsfilme des Comiczeichners Hideshi Hino, auf den ich im letzten Review ausführlich zu sprechen kam. Seppuku war der Grund, warum er damals selber Filme drehen wollte, was dann leider doch nur in seinen kontroversen Kurzfilmen Ausdruck fand. Dies als kleine Anekdote. Auf die Gefahr hin, daß auf dieser Seite wahrscheinlich die wenigsten User einen Artikel zu einem Samuraifilm von 1962 lesen möchten, wage ich mich nun dennoch an Seppuku, den ich neulich auch für mich entdecken konnte.

Die auf den ersten Blick etwas verworren erscheinende, im Film selbst aber sehr schlüßige Geschichte geht folgendermaßen: Ein herrenloser Samurai (rōnin) namens Tsugumo steht vor den Pforten des prachtvollen Anwesens des Fürsten Ii. Er hat nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt, und bittet darum, auf ehrenwerte Weise den rituellen Selbstmord (seppuku) begehen zu dürfen. Daraufhin erzählt ihm einer der Angestellten des Hauses die Geschichte eines anderen, jüngeren rōnin mit Namen Chijiwa, der dieselbe Bitte herantrug, die sich aber nur als Vorwand herausstellte, um von dem Fürsten Geld zu erhalten. Dies war zu der Zeit eine gängige Methode, wie uns der Film berichtet. Nur war er bei Ii an der falschen Adresse: Jener zwang ihn dann, nachdem er ihm zu Beginn noch Hoffnungen machte, um ihn als Betrüger zu entlarven, tatsächlich, den rituellen Selbstmord durchzuführen, und alles Betteln um Gnade brachte nichts: Chijiwa mußte sich vor den Augen aller den Bauch aufschneiden, und zwar mit seinem eigenen Bambusschwert, da er sein richtiges längst verkauft hatte. Nicht einmal die sofortige Enthauptung nach der Tat, wie sie eigentlich üblich war, wurde ihm gestattet: Da er es offensichtlich nicht schaffte, sich den Bauch X-förmig(!) aufzuschneiden, ließ man ihn jämmerlich und unter größter Qual und Schande verbluten. Der Angestellte fragt nach dieser abschreckenden Geschichte Tsugumo, ob er immer noch seppuku begehen wolle, doch jener scheint sich nicht davon abbringen zu lassen. Am Ort seiner Hinrichtung stellt dann sich heraus, daß alle drei von ihm gewünschten Ehrenmänner, die ihn enthaupten sollen, nicht verfügbar sind. Währenddessen beginnt er, seine eigene Geschichte zu erzählen, und es stellt sich heraus, daß er den jungen Samurai Chijiwa, der so jämmerlich starb, durchaus kannte und für dessen verzweifelte Tat nicht unverantwortlich war.

Regisseur dieses Films ist Masaki Kobayashi, der unter anderem auch den fantastischen Kwaidan gedreht hat, ein historischer Horrorfilm, basierend auf einer Sammlung japanischer Volksmärchen, die damals von einem griechisch-irischen Japanforscher namens Lafcadio Hearn zusammengetragen wurde. Kobayashis Monumentalwerk Ningen no jōken (Barfuß durch die Hölle) habe ich leider noch nicht gesehen, auch wenn ich es definitiv noch vorhabe. Jener Film dauert übrigens über neun Stunden, obgleich er in mehreren Teilen erschien, und ist garantiert nichts, was man sich mal eben zwischendurch anschauen möchte.

Kobayashi war ein absoluter Perfektionist, bei dessen Filmen stets jede Einstellung sitzt und jede menschliche Interaktion perfekt choreographiert und in Szene gesetzt wurde. Er überließ scheinbar nichts dem Zufall, was man auch Seppuku deutlich anmerkt. Seine bevorzugten Themengebiete waren jedoch eher düsterer Natur, was wohl der Grund war, weswegen er es niemals zu der Bekanntheit eines Kurosawa gebracht hatte, was ich für sehr bedauerlich halte, obwohl ich bislang nur diese beiden Filme von ihm gesehen habe. Diese haben jedoch einen deutlichen Eindruck bei mir hinterlassen.

Samuraifilme und dergleichen sind für einen Westler nur schwer zugänglich. Auch ich habe damit oft Mühe, obwohl ich bereits einiges an Wissen über Land und Kultur mitbringe: Der Grund dafür ist vermutlich, daß die Gesellschaft einen enormen Wandel durchgemacht hat und heute die klassischen Normen zwar in Ansätzen noch vorhanden, aber stark mit westlichen Ideen und Konzepten vermischt sind. Diese Synthese ist unglaublich faszinierend und in dieser Ausprägung weltweit einzigartig, aber es ist gerade bei einer Auseinandersetzung mit dem Japan anno dazumals sehr schwierig, eine Ahnung davon zu bekommen, wie die Menschen insbesondere während der Jahre ihrer internationalen Abschottung in der Edo-Zeit dachten. Diese typischen Verhaltensmuster (stoisches Auftreten, absoluter Perfektionismus, Unterwerfung in einer streng hierarchischen Gesellschaftsordnung) sind zwar für viele eine Quelle der Faszination, aber es gelingt uns Europäern trotzdem in den seltensten Fällen, uns beispielsweise in einen Samurai hineinzuversetzen und herauszufinden, was in seinem Kopf vorgeht. Und gerade beim Film ist diese abstrakte Form der Identifikation doch meist sehr wichtig.

Klar ist auch eine solche Betrachtung sehr interessant, aber es ist erst einmal abschreckend und es kostet einige Überwindung, wenn man sich an einen über zweistündigen Schwarzweißfilm heranwagen möchte. So ergeht es auch mir oftmals, was nicht zuletzt einer der Gründe ist, warum ich noch relativ wenige Historienfilme in meinem Regal stehen habe, was ich definitiv ändern möchte. Dennoch: Gerade Seppuku hat mich persönlich sehr angesprochen. Dieser Film erzählt eine relativ leicht zu erfassende Geschichte, geht deutlich auf die Psyche der Menschen zu jener Zeit ein (da ein Selbstmord trotz aller kultureller Unterschiede ein Selbstmord ist und niemand einfach so sterben möchte) und porträtiert äußerst interessante, vielschichtige Menschen, die an sich selbst und an den Normen, die ihnen auferlegt wurden, zweifeln. Gerade der Hauptdarsteller Tatsuya Nakadai, der seine Figur zu Beginn noch komplett undurchsichtig porträtiert, verleiht ihm im Verlauf der Geschichte eine beachtliche psychologische Tiefe, die sein Handeln nachvollziehbar erscheinen läßt -- auch für einen Japan-Laien.

Dazu kommt die perfekte Inszenierung, die ich bereits angesprochen habe. Gerade auf Bluray ist Seppuku eine wahre Freude: Vornehmlich gibt es, wie zu jener Zeit für jenes Genre üblich, lange und bewußt gewählte Einstellungen, hin und wieder Zooms und langsame Kamerafahrten, meist ohne Hintergrundmusik und mit geschliffenen, langen Monologen. Kobayashi beherrschte dieses Handwerk ausgezeichnet, und obwohl der Film dadurch eine hohe Konzentration vom Zuschauer erfordert, ist er wunderschön anzusehen und läßt einen ins feudale Japan eintauchen, wenn man sich denn darauf einläßt. Daß es dafür nur die volle Punktzahl geben kann, versteht sich von selbst.

Ich besitze übrigens die französische Bluray des Labels Carlotta und bin begeistert davon: Bild und Ton sind hervorragend, auch die Aufmachung gefällt. Es gibt jedoch nur französische Untertitel, die gute Sprachkenntnisse voraussetzen, weswegen diese Ausgabe wohl für die wenigsten attraktiv sein dürfte. Vorhanden ist der Film allerdings auch auf einer deutschen Bluray-Ausgabe des Takashi-Miike-Remakes (welches ich nicht gesehen habe) von Ascot Elite, aber wie es da mit der Qualität aussieht, kann ich nicht sagen. Wer mehr darüber weiß, darf es mir ruhig in die Kommentare schreiben.

10/10
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Kommentare

07.08.2014 19:43 Uhr - Mynan
1x
User-Level von Mynan 7
Erfahrungspunkte von Mynan 618
Da sich bislang sonst noch niemand aufgerafft hat, für diese Review Respekt zu zollen, mache ich mal den Anfang: toll und interessant geschrieben. Auch wenn ich den Film nicht kenne, hat es Spaß gemacht, die Review zu lesen.


07.08.2014 22:00 Uhr - Laughing Vampire
2x
DB-Helfer
User-Level von Laughing Vampire 5
Erfahrungspunkte von Laughing Vampire 339
Vielen Dank! Ich werde mich auch in Zukunft bemühen, hier etwas weniger bekannte (hauptsächlich asiatische) Filme vorzustellen. ;)

25.09.2019 22:24 Uhr - D-P-O / 77
Sehr gute Kritik zu einem einzigartigen Filmkunstwerk :)
Empfehlung: Die VÖ (Masters of Cinema) von Eureka!


27.09.2019 19:32 Uhr - D-P-O / 77
Meine Empfehlung wäre noch "Legend of the Mountain" von 1979 ...
... OT "Shan Zhong Chuan Qi": ... Diesen Titel kann ich hier leider nicht finden :(

Hierbei handelt es sich um ein Fantasy-Horror-Drama zum Niederknien!

Die VÖ von Eureka (Blu-ray + DVD) ist eine Offenbarung für Cineasten:
- Herausragende 4K Restauration
- Komplette Filmfassung (Über 190 Minuten!)

In diesem Sinne: Ein Hoch auf das Wuxia Genre :)




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