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Marebito

Herstellungsland:Japan (2004)
Genre:Horror, Thriller
Alternativtitel:Stranger from Afar
Bewertung unserer Besucher:
Note: 6,88 (8 Stimmen) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von laughing vampire:

Marebito ist ein schwieriger Fall. Schon als ich ihn vor Jahren zum ersten Mal sah, konnte er mich eigentlich kaum überzeugen, aber irgendetwas blieb dennoch hängen. Ich ging zwar mit völlig falschen Erwartungen an diesen Film, da ich eigentlich einen zugänglichen Horrorfilm für zwischendurch erwartet hatte, aber daß ich mich auch vor wesentlich komplexeren, experimentierfreudigen Filmen nicht scheue, ist dem regelmäßigen Besucher dieser Seite vielleicht durch meine bisherigen Reviews oder Kommentare bekannt. Nachdem nun etwas Zeit verstrichen war, wollte ich dem Film kürzlich eine zweite Chance geben, zumal ich ja dieses Mal auch wußte, was mich erwarten würde -- aber so oder so ließ mich der Film erneut reichlich kalt, und erneut blieb lediglich der Eindruck, daß hier eigentlich sehr viel Potential verschenkt worden war.

Es ist, in zweifacher Hinsicht, ein Film über Abgründe: Menschliche sowie tatsächlich existierende. Erzählt wird die Geschichte eines arbeitslosen Reporters (dargestellt von Shin'ya Tsukamoto, dem Regisseur der Tetsuo-Filme), der von der Vorstellung der absoluten Angst besessen ist und sich daher in seiner düsteren Apartment-Wohnung intensiv mit Aufnahmen menschlichen Leids und Elends befaßt. Die Wohnung verläßt er zudem nur mit seiner Videokamera, um damit alles Mögliche filmen zu können. Als er schließlich die Aufnahme eines Mannes sieht, der sich in einer U-Bahn-Station mit einem Messer das Auge aussticht und Suizid begeht, ist er so fasziniert davon, daß er den Ort aufsucht und anschließend den Eingang zu einem uralten unterirdischen Tunnelsystem aus Kaiser Wilhelms Zeit entdeckt, das in ein gewaltiges Höhlensystem übergeht. Der Geist des Selbstmörders (ihr seht schon...) erscheint ihm anschließend und warnt ihn vor den Deros, blutsaugenden Wesen, die sich in dieser Unterwelt aufhalten sollen. Tatsächlich hatte er bereits Visionen von Nosferatu-ähnlichen Wesen. Dann begegnet er jedoch einem blutjungen, schönen Mädchen, das durch eine Fußfessel in einer Höhle gefangen gehalten wird. Irgendwie schafft er es tatsächlich, das arme Ding zu befreien und in sein neues Gefängnis, also seine Wohnung, zu transportieren, doch F., wie er sie nennt, ist scheinbar des Sprechens nicht mächtig, ständig nur am schlafen und ernährt sich auch nur von einer ganz bestimmten, roten Körperflüssigkeit. Zudem taucht zu allem Übel auch noch eine ältere Frau auf, die unseren Protagonisten zu verfolgen scheint. Und nur von seinem Reporterblut kann sich das Mädchen ja auch nicht ernähren.

So in etwa die doch sehr konfuse Handlung dieses Films, der tatsächlich von Takashi Shimizu gedreht wurde, dem Regisseur der mittlerweile etliche Filme umspannenden Ju-On-Serie (inklusive der amerikanisch produzierten Fortsetzungen The Grudge 1 und 2). Daß ich also zu Beginn andere Erwartungen hatte, dürfte niemanden überraschen: Was hatte mich Ju On damals doch gegruselt, als ich mit 12 oder 13 Jahren mein Faible für japanischen Horror zu entwickeln begann! In der Tat hatte Shimizu bei diesen Filmen stets ein gutes Gespür für die Erwartungen des Zuschauers, obwohl sie mich heute, im Gegensatz zur brillanten Ring-Reihe von Hideo Nakata, relativ kalt lassen. Man wird eben älter. Aber das ist natürlich geschenkt und soll nicht Gegenstand dieser Rezension sein.

Shimizu ist, das sage ich jetzt einfach, kein großer Künstler. Er hatte mit Ju On sein Händchen für Horror bewiesen, aber daneben und gerade in letzter Zeit auch unsäglichen Müll wie beispielsweise Shock Labyrinth 3D gedreht. Und seien wir ehrlich, auch Ju On gibt künstlerisch nicht besonders viel her: Ohne seine wunderbar variable Ausgangssituation würde sich wohl niemand an die tolle mise en scène oder die große Schauspielkunst erinnern. Diese Filme erfüllen letztlich ihren Zweck, nicht mehr als das. Was passiert also, wenn sich ein solcher Regisseur an ein derart abgefahrenes Projekt wie Marebito, das übrigens stark von der Mythologie des US-amerikanischen Groschenroman-Autors Richard Sharpe Shaver beeinflußt ist (was im Film auch offen dargelegt wird; die Idee der Deros und ihrer Untergrundzivilisation stammt von ihm), wagt? Es entsteht in vielen Fällen ein Film, der weder Fisch noch Vogel ist. So leider auch hier.

Mir hat das Konzept der seltsamen Unterwelt, die durch das Verkehrsnetz zugänglich ist, wirklich zugesagt. Es paßt hervorragend zu einem japanischen Horrorfilm, da die Großstädte tatsächlich beinahe komplett ausgehöhlt sind, sei es durch Einkaufspassagen, U-Bahn-Linien oder Parkhäuser -- daß da noch mehr sein könnte, kann man sich zumindest sehr gut vorstellen. Und auch aus Shavers sonstigen Einfällen wie den Deros ließe sich mühelos etwas Tolles machen. Aber das Problem beginnt für mich bereits beim Protagonisten: Er ist von der ersten Sekunde an bereits offensichtlich psychisch gestört. Ist es denn bei einem Horrorfilm (ich gehe davon aus, daß Marebito in erster Linie einer sein möchte) nicht viel ratsamer, zu Beginn eine Art Identifikationsfigur zu schaffen, einen Avatar für den Zuschauer, damit der sich auch fürchten kann? Wenn man jedoch mit einer Figur wie Masuoka, so der Name des Reporters, kommt, überrascht einen als Zuschauer nichts, da man sowieso nicht mitfühlen bzw. -leiden kann und schon von Anfang an alles möglich ist, und alle noch so seltsamen, potentiell unheimlichen Einfälle sind vergebens. Man beginnt sich allenfalls zu langweilen, und das war bei mir stark der Fall.

Dann nimmt der Film zu allem Übel auch noch einige wirklich vorhersehbare Wendungen und versucht nicht einmal im Ansatz, diesen Umstand zu verschleiern: Als bereits nach zwei Dritteln des Films endgültig klar wird, wer F. tatsächlich ist, ist die Luft komplett raus. Und die gutaussehende, oft nackt zu sehende F. selbst, dargestellt von Tomomi Miyashita in ihrer (leider) einzigen mir bekannten Filmrolle, hat bei mir anstelle des Unbehagens eigentlich auch ein ganz anderes, sehr männliches Gefühl hervorgerufen.

Na gut. Aber möchte Marebito denn überhaupt ein Horrorfilm sein? Ging es Shimizu nicht vielleicht um mehr als nur um den Grusel für zwischendurch, wie dies bei seinen anderen Filmen eindeutig der Fall ist? Ich muß gestehen: Ich kann diese Frage nicht beantworten. Der Film hat definitiv einen leicht avantgardistischen Hauch und hebt sich von Shimizus mir bisher bekanntem Gesamtwerk deutlich ab -- nicht nur inhaltlich, sondern auch inszenatorisch. So sieht man vieles nur aus der Perspektive der Videokamera des Protagonisten, und seine psychische Instabilität wird durch bestimmte Effekte hervorgehoben. Dies ist jedoch nicht immer gelungen, teilweise sogar furchtbar mißraten, wie beispielsweise bei einer Stelle, wo die Passanten nur mit geblurrten, scheinbar elektrisch geladenen (?) Köpfen an Tsukamoto vorbeigehen. Andere Stellen, wie beispielsweise der Mord an einer Schülerin, sind wiederum sehr gelungen. Aber es sind im Großen und Ganzen zu wenige, um wirklich zu begeistern. Auch von der akustischen Seite sieht es nicht viel besser aus: Es gibt praktisch nur die typischen Horrorfilm-Geräusche im Hintergrund, die relativ sorglos eingesetzt wurden. Das ständige Quietschen nervt irgendwann etwas. Und ob Shimizu bewußt mit filmischen Erzähltechniken brechen wollte (geschenkt!) oder es einfach überhaupt nicht schaffte, eine Spannungskurve zustande zu bringen -- auch das bleibt mir schleierhaft.

Marebito ist deswegen kein wirklich schlechter Film und bestimmt einen Blick wert, sofern man sich vom Szenario angesprochen fühlt (zudem gibt es ja auch viele begeisterte Rezensionen dazu), aber er hätte viel mehr sein können. Zu ziel- und kraftlos für einen Horrorfilm, zu wenig gewagt oder gekonnt für mehr. Viele tolle Ideen im Ansatz, aber letzten Endes doch häufig vergebens. Was mitunter jedoch am schlimmsten ist, ist die gähnende Langeweile, die dabei unweigerlich aufkommt. Man fragt sich, warum Tsukamoto, der hier den Protagonisten mimt, dem armen Shimizu nicht etwas unter die Arme greifen konnte -- ist er doch nicht zuletzt selbst ein hervorragender Regisseur sehr abgefahrener Filmkunst. Vielleicht hätte es mit ihm auf dem Regiestuhl ja mehr werden können? Man weiß es nicht. Leider ist jedoch auch er nicht sicher vor Reinfällen, wie es etwa der grauenhafte Tetsuo: Bullet Man bewiesen hat.

Takashi Shimizu mag übrigens selbst keine Horrorfilme. Vielleicht liegt's ja ganz einfach daran. Sein neuestes Werk ist eine Realverfilmung des Kinderbuchs Majo no Takkyūbin, als Ghibli-Version in Deutschland bekannt als Kikis kleiner Lieferservice. Ich bin gespannt.

6/10
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Kommentare

22.08.2014 14:54 Uhr - Gorno
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Den werd ich mir glaube ich auch antun, hast mich überzeugt ^^

Auf Kikis kleiner Lieferservice als Realverfilmung freue ich mich natürlich sehr!

22.08.2014 14:56 Uhr - Dragon50
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Takashi Shimizu mag übrigens selbst keine Horrorfilme.

Und das von Regisseur der die Grudge-reihe gedreht hat. (O_O)

Seit wann ist Marebito ein "Erotik/Sex" Film?. (ó_O)

23.08.2014 14:31 Uhr - Laughing Vampire
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22.08.2014 14:56 Uhr schrieb Dragon50
Seit wann ist Marebito ein "Erotik/Sex" Film?. (ó_O)

Das weiß ich auch nicht. Selbstverständlich trifft dies überhaupt nicht zu.

Ansonsten, ja, so ähnlich drückte er sich in einem Interview zumindest an, das ich von ihm sah (vermutlich war es sogar jenes von der Marebito-DVD). Scheint aber gar nicht mal so selten zu sein, daß Regisseure hauptsächlich Beiträge zu Genres machen, die sie eigentlich nicht mögen. Der von mir sehr geschätzte und leider bereits verstorbene Toshiharu Ikeda war beispielsweise ebenfalls so.

@Static&Gorno: Wie gesagt, ein Blick schadet nicht. Und vielleicht gehörst du dann ja zur Mehrheit, die diesen Film mehr schätzt als ich. ;)

24.08.2014 10:47 Uhr - Gorno
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Hab ihn jetzt gesehen und als sehr schlecht empfunden. Nicht mal Bock ein Review zu verfassen ^^ 3/10

24.08.2014 20:23 Uhr - Laughing Vampire
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So kann's natürlich auch gehen. :)

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