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Gyo - Der Tod aus dem Meer

(Originaltitel: Gyo)
Herstellungsland:Japan (2012)
Genre:Anime, Horror
Alternativtitel:Gyo: Tokyo Fish Attack
Bewertung unserer Besucher:
Note: 4,50 (2 Stimmen) Details
inhalt:
Japan sieht sich einer bizarren Invasion des Grauens gegenüber. Fische, Haie und andere Meeresbewohner erheben sich auf mechanischen Beinen aus dem Ozean Richtung Festland, um die Menschheit auszurotten. Eine Stadt nach der anderen fällt den todbringenden Meeresbewohnern zum Opfer. Chaos herrscht und der Tod lauert überall. Inmitten dieses unfassbaren Alptraums macht sich Kaori auf die Suche nach ihrem in Tokyo lebenden Freund, zu welchem sie den Kontkat verloren hat.
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von laughing vampire:

Ich bin schon lange ein großer Fan von Junji Itō. Der gelernte Zahnarzt aus der Gifu-Präfektur ist längst nicht nur Manga-Liebhabern ein Begriff, war er es doch, der unter anderem die Vorlage zum äußerst populären Horrorfilm Uzumaki (Higuchinsky) geschaffen hat. Jedoch wissen Kenner seiner Originalwerke, daß für viele Verfilmungen enorme Abstriche gemacht werden mußten: So erreicht Uzumaki, obgleich von vielen Kritikern für seine ausgefallene Inszenierung und seinen Reichtum an Ideen gelobt, niemals auch nur annähernd die Tiefe und Vielschichtigkeit seiner Vorlage, sondern schwimmt größtenteils an der Oberfläche. Es dürfte beinahe ein Ding der Unmöglichkeit sein, Itōs Werken wirklich gerecht zu werden, aber das verlangt zum Glück auch niemand. Wenn doch nur die vielen grausamen Tomie-Verfilmungen nicht gewesen wären.

Gyo ist nun die erste Zeichentrick-Adaption eines seiner Comics (wieso eigentlich?), und ich war sehr gespannt auf das Resultat. Abgeschreckt hatte mich jedoch die sehr kurze Laufzeit von knapp über einer Stunde: Wie sollte das denn möglich sein? Itōs stets mit äußerster Präzision gezeichnete Geschichten entfalten beim Leser eine enorme Sogwirkung und sind dafür bekannt, daß sich aus einer oft banalen, wenngleich bizarren Ausgangssituation ein regelrecht apokalyptisches Szenario entwickelt. Gyo, der von Fischen und sonstigen Meeresbewohnern handelt, die auf seltsamen roboterartigen Apparaturen aus dem Meer spazieren und mit ihrem nach Verwesung riechendem Gas auch alle anderen Lebewesen inklusive Menschen infizieren, gehört dazu, und inmitten dessen spielt sich eine eigentlich sehr berührende, traurige Liebesgeschichte ab. Die Hintergründe der Geschehnisse werden zwar behandelt und oft mit pseudowissenschaftlichen (hier: biochemische Experimente im Zweiten Weltkrieg) und/oder mythologischen (das Gas hat dennoch einen eigenen Willen) Erklärungen angereichert, aber letztendlich bleibt es doch immer ein unerklärliches Grauen und nimmt nach und nach groteskere Züge an. Inmitten dessen tritt die Einsamkeit und Isolation seiner Protagonisten, die oft mit psychischen Problemen und neurotischen Zügen zu kämpfen haben, überdeutlich hervor.

Die Unterschiede zur Vorlage werden bei dieser Adaption gleich zu Beginn deutlich: Im Zentrum steht nicht mehr der männliche Protagonist Tadashi, sondern seine Verlobte Kaori, die mit zwei Freundinnen, die eine eine Nymphomanin, die andere ein pummeliges Mauerblümchen, ihre Ferien auf Okinawa verbringt. In der Ferienwohnung werden sie anschließend von einem abartigen Gestank belästigt, und schnell findet sich die Quelle des Übels: Ein kleiner Fisch auf mechanischen Beinen, der schnell beseitigt werden kann. Dabei sollte es jedoch nicht bleiben: Während die Nymphomanin zwei Surferboys für einen flotten Dreier auf ihr Zimmer geholt hat, platzt urplötzlich auch noch ein riesiger Hai ins Haus, und ein Kampf ums Überleben beginnt. Sogleich überrennen ganze Armeen dieser seltsamen Kreaturen die Straßen, und als Kaori mit ihrem Freund, der sich in Tokyo befindet, telefoniert, wird ihr klar, daß nicht nur ihre Ferieninsel von der Plage betroffen ist. Voller Sorge reist sie ab, hinterläßt ihre beiden verfeindeten Freundinnen und trifft im Flieger auf einen etwas exzentrischen Reporter, der ihr fortan nicht mehr von der Seite weicht.

Nun gut. Die Rollen wurden also vertauscht, das Erzähltempo enorm angekurbelt und die ganze Angelegenheit mit etwas mehr Sex gewürzt. Zum Vergleich: In der Vorlage ist das Pärchen allein im Urlaub, und es dauert wesentlich länger, bis die Lage eskaliert. Zudem wird Kaori sehr schnell selbst infiziert, was hier (Achtung, Spoiler!) wiederum ihrem Freund widerfährt, der dennoch die meiste Zeit ohnehin abwesend ist. Stattdessen wurde ein Reporter dazuerfunden, und die Beziehung zwischen ihm und der Protagonistin bleibt bis zum Ende platonisch. Und das, wo doch gerade die tragische Liebesgeschichte im Comic so gut funktioniert hat und am Ende garantiert kein Auge trocken bleibt, wenn man sich überhaupt darauf einlassen kann. Natürlich, ich bin ein Mann und kann mich wesentlich besser in männliche Hauptfiguren hineinversetzen -- aber das ist nicht einmal der Punkt. Das ganze Drama findet lediglich am Rande statt, während der Fokus viel mehr auf das bizarre Geschehen selbst gelegt wurde.

Aber das funktioniert erstaunlich gut, und mich hat Gyo wirklich gut unterhalten. Im Vergleich zur atmosphärischen, sich nach und nach entfaltenden Vorlage wird hier gleich zu Beginn Vollgas gegeben, und gerade, wer mit der Geschichte noch nicht vertraut ist, dürfte ordentlich staunen, was hier alles an japanischem Wahnsinn geboten wird. Die wichtigsten Etappen des Comics (minus der Großteil der Liebesgeschichte) kommen alle vor, wenngleich oft etwas sehr knapp, aber für 65 Minuten kann man sich nicht beklagen. Kein Meisterwerk, aber ein leckerer Happen für zwischendurch.

Der Film ist zum Großteil am Computer entstanden, vereint CGI und Gezeichnetes jedoch äußerst gekonnt, wie man es von jüngeren Produktionen gewohnt ist. Die Hintergründe sind stets sehr detailliert gestaltet, die Animationen flüssig und der Soundtrack passend. Natürlich kommt dies nie an die unglaublich detailverliebten Panels aus Itōs Feder heran, aber das ist auch gar nicht nötig. Gyo funktioniert gut als eigenständiger Film, macht einen Heidenspaß und weiß auch jederzeit zu überraschen. Demnächst bitte Remina, mein Lieblingscomic von Itō, von dem ich mir aber auch gerne eine Realverfilmung wünschen würde. Ja, hätte ich die Mittel und das Geld dafür, würde ich es sogar selbst in die Hand nehmen!

Die Inspiration für Gyo war übrigens Spielbergs Jaws (Der weiße Hai). Itō fand es stets schade, daß der tierische Antagonist nur im Wasser existieren konnte, und löste dieses Problem auf seine Weise.

Zur deutschen Veröffentlichung: Die ist soweit in Ordnung. Das Bild meiner Bluray von Animaze ist hervorragend, aber deutliche Abstriche gibt es für die furchtbaren Dubtitles. Wer den Film wie ich im Original genießen möchte und der japanischen Sprache noch nicht ganz mächtig ist, dürfte sich die Haare raufen ob dem, was hier verbrochen wurde. Untertitel erscheinen, wenn gar nichts gesprochen wird (und umgekehrt); die Dialoge wirken wesentlich vulgärer als sie es tatsächlich sind, und zusätzlich gibt es auch noch ein paar lahme Witze auf Kosten einer korrekten Übersetzung. Nicht gut und sehr irritierend, aber fürs reine Verständnis immerhin ausreichend. Auch, daß hinten auf dem Cover etwas von Tomi (Tomie) und Ggyoh [sic!] steht, dürfte den Fan ärgern -- aber immerhin haben wir den Film, und dafür sollte man doch dankbar sein. Was die 3D-Fassung, die irgendwie ebenfalls auf meiner Scheibe sein soll, betrifft: Keine Ahnung. Es könnte mich aber auch nicht weniger interessieren.

7/10
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Kommentare

28.08.2014 16:39 Uhr - Gorno
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Der Trailer sieht sehr gut aus, wird gesichtet. Danke fürs Review ;)

30.08.2014 18:37 Uhr - nivraM
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Ich finde die Arbeiten von Junji Itō auch Klasse und habe sehr viele gelesen, darunter auch "Uzumaki", "Gyo" und das erste Volume von "Museum of Terror", wo die ganzen "Tomie"-Geschichten vereinigt sind.
Diesen Film habe ich aber noch nicht gesehen, was ich aber noch tun werde. Das Review empfinde ich als gut geschrieben und mit ein paar netten Bonusinformationen bestückt. Gute Arbeit.

31.08.2014 00:36 Uhr - Laughing Vampire
1x
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Danke! :) Wie schon erwähnt, lohnt sich als Comic definitiv auch Remina von 2005, der mich ziemlich umgehauen hat. Falls du dazu kommen solltest, gib ihm unbedingt eine Chance.

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