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Hanyo - Das Hausmädchen

(Originaltitel: Hanyeo)
Herstellungsland:Südkorea (1960)
Genre:Horror, Drama, Thriller
Alternativtitel:Hanyo
The Housemaid
Bewertung unserer Besucher:
Note: 10,00 (1 Stimme) Details
Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von laughing vampire:

Koreanische Filmklassiker gibt es wenige, und noch weniger von ihnen sind im Westen überhaupt verfügbar. Das hat diverse Ursachen: Einerseits herrschte lange eine strikte Zensur im Süden, bedingt durch die turbulente politische Situation, die nur hin und wieder von liberaleren Phasen durchbrochen werden konnte; andererseits wurden sehr viele Filme einfach nicht sorgfältig aufbewahrt und verschwanden nach und nach für immer.

Der Regisseur Kim Ki-young -- ja, sie heißen wirklich alle Kim -- war jemand, der es trotzdem wagte, seine ganz eigenen Filme zu drehen und der besonders unter den aktuellen koreanischen Filmregisseuren ein sehr hohes Ansehen genießt. Sein bekanntestes Werk ist der nun auch in Europa wohl nicht zuletzt durch ein Remake von 2010 (worauf ich noch etwas eingehen werde) ins cinephile Kollektivbewußtsein gelangte Titel Ha-nyeo bzw. Das Hausmädchen, der dieses Jahr erst in dieser aufwendig restaurierten Fassung auf Arte ausgestrahlt wurde und in Frankreich bereits 2012 auf Bluray erschienen ist, während man sich in Deutschland wohl noch etwas gedulden muß.

Der Film behandelt die Geschichte eines attraktiven Klavierlehrers, der Fabrikarbeiterinnen Musikunterricht gibt. Da er sich ein neues Haus gekauft hat und seine überforderte, schwangere Frau mit den Arbeiten nicht nachkommt, sucht er für sie und seine zwei Kinder nach einer Aushilfe. Eine seiner Schülerinnen, die nebenbei unsterblich in den Lehrer verliebt ist, vermittelt ihm anschließend tatsächlich ein Hausmädchen, und zwar eines, das es faustdick hinter den Ohren hat: Schon bald bricht ein regelrechter Psychoterror ins idyllische Familienleben ein. Das bereits zu Beginn thematisierte Rattengift sollte hierbei noch eine zentrale Rolle spielen.

1960 war das Jahr von Hitchcocks Psycho. Der angesehene Großmeister des Suspense, dessen Fan ich im Übrigen nicht bin (ich konnte nie etwas mit Hitchcock anfangen, so interessant seine Konzepte und Geschichten auch sein mögen), brachte ordentlich frischen Wind in die Kinos, die die einfallslosen 50er-Jahre noch nicht ganz verdaut hatten, und menschliche Abgründe sowie Sexualität wurden erstmals auch im Mainstream vermehrt in den Vordergrund gestellt. Südkoreas Reaktion erfolgte rasch, denn auch das Hausmädchen zeigt Dinge, die zuvor wohl kaum denkbar waren. Und leider auch danach für eine lange Zeit nicht wieder.

Was mir besonders gefallen hat, ist, daß obwohl sich der Film generell klarer Rollenbilder bedient, dennoch stets eine gewisse Ambivalenz herrscht und man auch etwas Mitgefühl für das durch und durch durchtriebene, manische Hausmädchen entwickelt. Die mysteriöse Lee Eun-shim, ein Gesicht übrigens, wie man es heute kaum noch in koreanischen Filmen wiederfindet, spielt ihre Rolle mit einer unglaublichen Intensität, und hinter ihrer Boshaftigkeit scheint eine tiefe Trauer und Verzweiflung zu liegen. Mit der typischen Schwarzweißmalerei jener Zeit wird bewußt und spielerisch gebrochen.

Besonders überrascht hat mich die Vielschichtigkeit und der ab der Hälfte völlig überbordernde Psychoterror. Der Protagonist, dargestellt von Kim Jin-kyu, bekommt es an allen Fronten zu tun: Nicht nur das Hausmädchen, auch seine Klavierschülerin und seine Frau üben Druck auf ihn aus, und als dann auch noch [Spoiler!] eines seiner Kinder ermordet wird, spürt man auch als Zuschauer, wie ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird -- so eine Sogkraft bin ich persönlich eher von modernen Thrillern beispielsweise aus Frankreich gewöhnt, und da ich bereits das Remake kannte, das in eine völlig andere Kerbe schlägt, war ich umso erstaunter. Am Ende mußte ich erst einmal tief Luft holen. Meinen tiefsten Respekt vor Kim Ki-young, denn was vermutlich alle bereits bei Hitchcock verspürten, durfte ich durch ihn nachholen. Der einzige 60er-Jahre-Film, der mich ähnlich aufgewühlt zurückließ, war Suna no onna / Die Frau in den Dünen aus Japan. Ein bestimmtes Lachen ganz am Ende will mir nicht mehr aus dem Kopf gehen...

2010 folgte ein Quasi-Remake mit gleichem Titel, gedreht von Im Sang-soo, wobei es sich hierbei eher um eine Hommage handelt, da die Ausgangslage doch eine ganz andere ist und das Hausmädchen in seinem Film die eigentliche Protagonistin darstellt. Ein ebenfalls sehr empfehlenswerter Film, auf den ich vielleicht noch gesondert zu sprechen kommen werde, aber vielmehr ein Drama und kein reinrassiger Psychothriller wie dieses Werk. Für echte Remakes sorgte Kim Ki-young gleich selbst, denn er drehte noch weitere Filme, die dieselbe Geschichte mit leichten Variationen erzählen, und übernahm dafür sogar Szenen beinahe eins zu eins aus dem ersten Film. Warum er das tat, bleibt mir ein Rätsel, aber sobald auch diese Filme in angemessener Form veröffentlicht werden, werde ich definitiv einen Blick riskieren.

Meine französische Bluray von Carlotta (ein erstklassiges Label, von dem ich auch Seppuku habe) ist in jeder Hinsicht zu empfehlen, vorausgesetzt, man versteht genug Französisch, denn es sind leider nur solche Untertitel vorhanden. Daher hoffe ich wirklich auch auf ein deutsches Release, damit dieser Film und somit ein wichtiger Teil koreanischer Filmgeschichte einem noch größeren Publikum zugänglich gemacht werden kann -- und zudem hoffe ich auf weitere Veröffentlichungen dieses außergewöhnlichen Regisseurs. Viele seiner Filme wurden bereits ebenso aufwendig restauriert (beim Hausmädchen etwa waren einzelne Filmrollen nur noch aus zweiter Hand und mit fest eingebrannten englischen Untertiteln verfügbar, weswegen man diese entfernen mußte) und warten somit nur darauf.

10/10
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Kommentare

01.10.2014 01:55 Uhr - KarateHenker
1x
DB-Helfer
User-Level von KarateHenker 9
Erfahrungspunkte von KarateHenker 1.066
Deine stets sehr informativen und prägnant geschriebenen Texte stechen (nicht nur was die Auswahl der Filme angeht) enorm aus der Masse der hier veröffentlichten Rezensionen heraus. Vielen Dank dafür! ;-)

01.10.2014 02:04 Uhr - Laughing Vampire
DB-Helfer
User-Level von Laughing Vampire 5
Erfahrungspunkte von Laughing Vampire 339
Gerngeschehen! :) Solche Rückmeldung freut und motiviert mich natürlich enorm.

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