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Fahrenheit 451

Herstellungsland:Großbritannien (1966)
Genre:Drama, Science-Fiction, Thriller
Bewertung unserer Besucher:
Note: 9,14 (7 Stimmen) Details

Inhaltsangabe:

In der Zukunft regiert eine Politik, die vorgibt, wie die Menschen richtig leben sollen.Ein Feuerwehrmann namens Montag lebt mit seiner Frau zusammen und nimmt die Gesellschaft, wie sie vorgegeben wird. Die Feuerwehr hat nur die Aufgabe Bücher zu verbrennen. Denn Bücher würden unsinnig sein und Gefühle auslösen. Gefühle würden Menschen aber nur verwirren und sie rechthaberisch werden lassen.Somit würden sie das politische System zerstören. Als seine eigentlich konforme Frau versucht sich umzubringen, beginnt Montag das System in Frage zu stellen.
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Diese Kritik enthält Informationen über den späteren Handlungsverlauf der Geschichte.
eine kritik von aquifel:

Dystopien sind ja gerade aktuell wieder ein filmisch sehr heißes Thema. Egal, ob es sich um "Die Tribute von Panem", "The Giver - Hüter der Erinnerungen", "Maze Runner" oder sonstwas handelt, sie alle spielen in einer nicht gerade idealen Zukunft, in der sich die (heutzutage jugendlichen) Hauptcharaktere zumeist mit eher obskuren Regierungen und deren brillianten Einfällen rumschlagen müssen. Der Grundtenor an sich ist aber nicht erst seit "Equlibrium - Killer of Emotions" ein eher alter Hut. Von H.G. Wells' "Wenn der Schläfer erwacht" über den Stummfilmklassiker "Metropolis" und die weltbekannten "Schöne neue Welt" (Aldous Huxley) und "1984" (George Orwell) bis hin zu eben "Fahrenheit 451" von Ray Bradbury - in Sachen Dystopie wurde schon so einiges gesagt. Und nicht wenige Elemente der Klassiker erkennt man heutzutage in unserer Gesellschaft, wodurch sie teilweise stets aktueller und brisanter werden.

Das gilt insbesondere für "Fahrenheit 451". Die Geschichte um den Feuerwehrmann Montag (Oskar Werner) ist dabei an sich recht simpel, aber effektiv gehalten. Seine Aufgabe als Feuerwehrmann ist es nämlich nicht Brände zu löschen, sondern Bücher aufzustöbern und zu verbrennen. Denn Bücher könnten echte Emotionen zu "echten" Menschen (im Sinne von menschlichen Charakteren) hervorrufen. Das ist in einer Gesellschaft, die für alles, von Niedergeschlagenheit bis hin zu Schlaflosigkeit, Pillen hat, sich ihre Großartigkeit bei grenzdebilen "interaktiven" TV-Shows bestätigen lässt und Individualität und echte Verbindung zwischen Menschen für Hexenwerk hält, selbstredend unerwünscht. Durch eine Übderdosis Pillen stirbt Montags entfremdete Frau (wobei für eine Entfremdung eigentlich eine richtige Annäherung bzw. Beziehung Vorraussetzung wäre) fast und durch die nagenden Fragen der Lehrerin Clarisse (beide von Julie Christie gespielt) fängt Montag so langsam aber sicher an, an dieser Gesellschaft zu zweifeln.

Vom perfekt passenden Score, den tristen und geradezu bedrückenden Sets, quasi einer Wüste aus Beton, Satelitenschüsseln und Einsamkeit (egal wieviele Menschen gerade durchs Bild huschen) oder auch dem befremdlich anmutenden Opening - alles unterstützt die Atmosphäre, die Bradbury in seinem Buch kreieren wollte. Dennoch muss man zugeben, dass Truffauts Film etwas altmodisch wirkt. Für mich als "echten Filmfreund" (ein "guter" Film bleibt ein "guter" Film, egal ob er 1914 oder 2014 entstanden ist) kein Problem, für manch einen Zuschauer schon.

Ironischerweise ist der Film heute aktueller denn je und fällt gewissermaßen dem zum Opfer, was er anprangert. Schauen wir uns doch mal in unserer heutigen Gesellschaft um. Zum Beispiel in der Straßenbahn. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt (wenn er nicht gerade mit ein paar Leuten zusammen irgendwo hin fährt), schaut verstohlen durch die Gegend oder aus dem Fenster. Mal abgesehen von den fehlenden Smartphones zwecks mp3-Player oder Minigames zeigt "Fahrenheit 451" genau diese Bilder. Montag und seine Frau sitzen vor der Glotze und schauen "Die Familie". Zwei Typen plappern da wild über absolute Nichtigkeiten und konstruierte Probleme bar jeglicher echter Relevanz. Auch wenn so manch eine Soap dann doch mehr "klassische" Handlung hat, ist der Inhalt genauso grenzdebile und gehaltsleere Berieselung wie dieser Serienrenner (übrigens wohl ein perfektes Beispiel für einen WTF-Moment). Natürlich fehlt bei den Soaps die Zuschauerbeteiligung, aber die gibt es ja bei DSDS, The Voice of Germany, den nächsten "Topmodels". Die Versprechungen und Hoffnungen, welche diese machen und im Durchschnittsbürger wecken, werden in "Fight Club" wesentlich prägnanter angeprangert, in "Fahrenheit" überwiegt hier eher der Berieslungsaspekt und auch die vorgespielte Bedeutung und Wichtigkeit des Menschen. Denn von außen betrachtet geht die in "Der Familie" gegen Null (schließlich liegt Linda mit ihrem unsicheren Gestammel, das nicht im Entferntesten eine Antwort auf die erste Frage ist, sogar richtig). Und es geht weiter: Nicht nur, dass in der Strassenbahn kein echter, zwischenmenschlicher Kontakt mehr besteht, auch sonst sieht es duster aus. Montag wird von seinem Vorgesetzten (fast) nie direkt angesprochen. Spricht er mit ihm heisst es immer (sinngemäß) "Montag hat gute Arbeit geleistet". Das hat eher etwas von Babysprache oder einem Deppen, der seinen Hund auf derartige Weise loben will. Clarisse stellt nicht umsonst fest, dass Montag anders ist, da er sie während einer Unterhaltung ansieht (bzw. direkt anspricht). Zwischen ihm und seiner Frau läuft es kaum anders. Echte Kommunikation gibt es nicht, nur ein Nebenher, keine Verbindung, keine "richtige" Liebe. Aber wer braucht sowas, wenn er als Denunziant ein "Fein gemacht" bekommt, als brav angepasstes, entindividualisiertes und wohlgeöltes Rädchen im Getriebe so darauf dressiert ist, aufrichtige Gefühle zu fürchten?

Bradburys respektive Truffauts beklemmende Zukunftsvision bekommt darüberhinaus auch noch einen weiteren brisanten Faktor in der heutigen Zeit. Zwar rennen Feuerwehrmänner nicht als (übertrieben geschrieben) uniformierte Anti-Kultur-SA durch die Gegend, aber der heutige Standpunkt des Buches ist immer mehr gefährdet. Denn neben all jenen, die immer noch gerne ein Buch zur Hand nehmen (es muss ja nicht einmal gut sein), gibt es auch diejenigen, die höchstens die Inhaltsangabe eines Filmes oder eine What's-App-Nachricht - oder noch schlimmer die Bild-Zeitung - lesen. Selbst denken, die eigene Vorstellungskraft nutzen... bei heutigen kinoblockbustern ist das oft nicht nötig (weshalb man selbst für jeden Film mit etwas Anspruch, aber genug Action und Schauwerten, um den "Hobbyseher" nicht zu verschrecken dankbar sein muss). Und wer das geschriebene Wort zu schätzen weiß bekommt heute eine Möglichkeit an einer Art metaphorischer Bücherverbrennung teilzuhaben: Der Digitalisierung des Buches. Klar ist das jetzt sehr polemisch ausgedrückt und es bietet ja auch durchaus Vorteile, aber ich finde das passt schon gut ;)

Sicherlich ist damit nicht alles gesagt, was man zu "Fahrenheit 451" hätte sagen können, aber der für mich wichtigste Punkt, die auch heute noch hochaktuelle Gesellschaftskritik, sollte damit in Groben Zügen klargestellt sein. Man will ja auch nicht alles vorweg nehmen.

PS: Berieselung kann sehr unterhaltsam sein und ist in unserer heutigen, auf Wirtschaftlichkeit und Funktionalität ausgerichteten Gesellschaft durchaus auch ein besseres Betäubungs-/Ablenkungsmittel als manch andere Alternative. Aber schaut man sich um, dann merkt man halt, dass manch einer das Denken wirklich einstellt. Von daher fällt meine Rezension auch etwas einseitiger gegen die Entwicklung unserer Gesellschaft aus, als ich es tatsächlich sehe.

9/10
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Kommentare

13.10.2014 22:09 Uhr - Tom Cody
2x
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Erfahrungspunkte von Tom Cody 9.214
Sehr gutes Review zu einem wichtigen und immer noch aktuellen Klassiker des anspruchsvollen Sci-Fi-Kinos.

14.10.2014 20:50 Uhr - Punisher77
1x
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User-Level von Punisher77 15
Erfahrungspunkte von Punisher77 3.780
Dem Urteil bezüglich des Reviews schließe ich mich an.

Habe den Roman, dem dieser Film zugrunde lag, bis vor ein paar Jahren noch im Unterricht behandelt, aber mittlerweile ist er vom Lehrplan gestrichen und durch einen anderen Roman gestrichen worden. Jammerschade!

24.10.2014 08:17 Uhr - Foxs
1x
Das einzige wofür ich einen Punkt abziehen würde, sind die lächerlichen fliegenden Einheiten. :) Ansonsten ist es für mich ein perfekter Film,

@Punisher77

Wie Schade das so ein grandioses Buch, so in Vergessenheit gerät. Würde gespannt sein was sie stattdessen in den Lehrplan genommen haben.

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